Blütenwunder im Winter

Pflanze des Monats Dezember 2015

Die Saluen-Kamelie

 

Der Pflanzensammler George Forrest bereiste zwischen 1904 und 1932 auf insgesamt sieben jeweils mehrjährigen Expeditionen den Südwesten Chinas, insbesondere die Provinz Yunnan. Hier wälzen sich drei der größten Ströme Asiens, aus dem Hochland von Tibet kommend, um die östlichen Ausläufer des Himalaya. 
Die Täler von Jangtse, Mekong und Saluen verlaufen in dieser Region über eine lange Strecke fast parallel nach Süden, durch steile, über 4.000 m hohe Bergrücken getrennt. Das sehr stark gegliederte Relief bewirkt eine Höhengliederung der Vegetation und eine Trennung in weitgehend isolierte Teilgebiete, zwei wesentliche Voraussetzungen für den enormen Artenreichtum des Gesamtgebiets – das Bergland Südwest-Chinas ist mit rund 12.000 Arten höherer Pflanzen die pflanzenartenreichste Region der gemäßigten Breiten weltweit.

Zu Forrests Zeiten wurde dieser Reichtum gerade erst entdeckt; Forrest selber war wesentlich daran beteiligt. Er führte mehrere 100 Arten in Wissenschaft und Gartenkultur ein, wobei er vor Ort insbesondere in seiner Anfangszeit mit höchst gefährlichen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zurechtkommen musste.

Forrest, ein Schotte von unerschütterlichem Optimismus und großer Zähigkeit, kam mehrmals nur knapp mit dem Leben davon.
Auf seiner sechsten Reise fand er neben vielen anderen Arten im Einzugsbereich des Jangtse eine zuvor unbekannte Kamelie. Erst knapp zehn Jahre später erhielt sie mit Camellia saluenensis ihren wissenschaftlichen Namen nach dem westlichsten der drei großen Flüsse. Der Saluen (Salween) mündet südlich des Golfs von Bengalen in den Indischen Ozean, der Jangtse dagegen weit im Osten ins Chinesische Meer und der mittlere, der Mekong, ganz im Süden Indochinas ebenfalls ins Chinesische Meer.

Die Saluen-Kamelie gedeiht im Bergland Südwest-Chinas gelegentlich noch in Höhen von 3.200 m, in der Regel wächst sie aber in tieferen Lagen und wurde inzwischen auch in weiter östlich gelegenen Provinzen entdeckt. Als Gartenpflanze ist sie im westlichen Schottland winterhart, bei uns jedoch frostfrei zu überwintern. 
Dann kann sie im Winterhalbjahr über einen langen Zeitraum zahlreiche weiß- bis rosafarbene Blüten tragen, jede mit einem großen Büschel gelber Staubbeutel im Zentrum. Sie blüht deutlich eher und länger als die viel häufiger kultivierte Camellia japonica (Pflanze des Monats vom Februar 2014), mit der man sie gleich nach ihrer Einführung nach England gekreuzt hat; dem Produkt, den Williamsii-Kamelien, hat sie ihre lange Blütezeit vererbt.

George Forrest starb unmittelbar nach Abschluss seiner letzten und erfolgreichsten, der siebten Reise mit 59 Jahren, noch in China, auf einem Jagdausflug am Herzschlag.

Er wurde in Tengyue (heute Tengchong) im Westen Yunnans beerdigt.