Clara Lehmann
Foto: Navina Neuschl
Können Sie kurz beschreiben, wie Sie die Tafeln mit Ihrer Arbeit unterstützen?
Ich bin die Projektleitung des Projekts „Engagement-Neudenken!“ und ich verantworte das Themengebiet Freiwilligengewinnung in der Tafel-Akademie. Wir unterstützen Tafel-Leitungen bzw. Ehrenamtskoordinator:innen der lokalen Tafeln dabei, neue Freiwillige zu gewinnen. Dabei stellen wir Tafeln durch persönliche Beratungen, Seminare und ein Handbuch Freiwilligenmanagement das Wissen gebündelt zur Verfügung und begleiten sie auf ihrem Weg zu neuen Engagierten.
Durch das Förderprogramm Freiwilligengewinnung ermöglichen wir es den Tafeln finanziell lokale Maßnahmen zur Freiwilligengewinnung umzusetzen und stellen darüber hinaus eine umfangreiche Sammlung von Materialien und Vorlagen zur Freiwilligengewinnung kostenlos zur Verfügung.
Was haben Sie studiert, wie war Ihr Bildungsweg?
Ich habe Rechtswissenschaften studiert und mich nach dem 1. Staatsexamen gegen die klassische juristische Karriere entschieden. Bevor ich zur Tafel-Akademie gewechselt bin, habe ich bereits rund 5 Jahre als Projektmanagerin im Bildungsbereich gearbeitet und berufsbegleitend eine dreijährige Ausbildung zur systemischen Beraterin und Therapeutin für Kinder-, Jugendliche und Familien gemacht.
Was war zu Studienbeginn Ihre persönliche Motivation für die Studienwahl?
Ich wusste schon früh, dass ich beruflich gerne Verantwortung übernehmen möchte. Ich wusste, dass mir die Rechtswissenschaften dafür in jedem Fall eine gute Grundlage bieten werden, da man als Juristin in vielen unterschiedlichen Bereichen arbeiten kann. Außerdem lernt man das analytische Denken, Selbstorganisation und Ausdauer.
Wie sind Sie zu Ihrer aktuellen Stelle gekommen?
Ehrlich gesagt wie die Jungfrau zum Kind. Ich hatte mich bei der Tafel auf eine andere Stelle beworben, die zu diesem Zeitpunkt aber schon besetzt worden war. Da mein Profil passend erschien, wurde mir die Stelle der Projektleitung angeboten. Nachdem ich mich näher mit dem Aufgabenfeld auseinandergesetzt hatte, war der erste Funke entfacht und ich habe zugesagt.
"... Orgaaufgaben teile ich mir mit einem kleinen Team,
sodass ich nach wie vor die Kapazitäten habe, inhaltlich-konzeptionell zu arbeiten,..."
Hat Sie Ihr Studium gut auf Ihre berufliche Zukunft vorbereitet? Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, das Sie von dort für Ihre jetzige Tätigkeit mitgenommen haben?
Da ich nicht juristisch arbeite, profitiere ich vor allem von den Softskills, die ich im Studium erworben bzw. vertieft habe: analytisches Denken, systematische und strukturierte Vorgehensweise und Ausdauer. Und wenn mir doch einmal ein juristisches Problem begegnet, weiß ich, wie ich mir helfen kann.
Verwaltungs- und Orgaaufgaben oder inhaltlich-konzeptionelles Arbeiten – Was überwiegt in Ihrer Stelle?
Als ich bei der Tafel-Akademie begonnen habe, steckte das Thema Freiwilligengewinnung noch in den Kinderschuhen. Aus diesem Grund hatte ich die Freiheit, viel konzeptionell zu arbeiten und das Feld zu entwickeln. Je umfangreicher unser Angebot für die Tafeln wird, desto mehr Verwaltungsaufgaben kommen natürlich dazu. Diese Orgaaufgaben teile ich mir mit einem kleinen Team, sodass ich nach wie vor die Kapazitäten habe, inhaltlich-konzeptionell zu arbeiten, was mir die größte Freude bereitet.
Nennen Sie 3 ganz konkrete Aufgaben, die Sie für Ihre Arbeit zuletzt erledigt haben:
• Konzepterstellung für die Beantragung neuer Fördermittel
• Vorbereitung eines Expert:innenrats zum Thema „Junges Engagement in Tafeln“
• Auswertung einer Befragung Tafel-Aktiver zu ihrem Engagement
Was ist das wichtigste Werkzeug oder die beste Superpower, die man für Ihre Arbeit braucht?
Der Dachverband Tafel Deutschland und Tafel-Akademie verstehen sich als Serviceverband für unsere Mitglieder. Das Wichtigste an unserer Arbeit ist daher, dass wir nah an den Bedarfen der Tafeln sind, für die wir arbeiten. Es ist essenziell, dass wir mit den Tafeln in engem Kontakt sind, die Beziehung pflegen und selbst in regelmäßigen Abständen vor Ort in den Tafeln tätig sind.
"... ich weiß, dass meine Bemühungen einen unmittelbaren
positiven Effekt auf viele Menschen haben. Das gibt mir Sinn..."
Was ist für Sie persönlich die wichtigste Mission, die Sie mit Ihrer Arbeit verfolgen?
Meine wichtigste Mission ist es, die über 975 Tafeln in Deutschland dabei zu unterstützen neue Engagierte zu gewinnen und dadurch ihre wahnsinnig wichtige ehrenamtliche Arbeit aufrecht erhalten zu können.
Wenn ich sehe, was die Freiwilligen in den Tafeln leisten, und das alles unbezahlt und in ihrer Freizeit, bin ich immer wieder begeistert.
Neben der klassischen Freiwilligengewinnung möchte ich hier auch neue Wege gehen, um das Engagement in den Tafeln für neue Zielgruppen zu ermöglichen.
Wie motiviert man, vielleicht auch skeptische Menschen zu einem Ehrenamt?
Ich bin davon überzeugt, dass wir die Menschen dort abholen müssen, wo sie stehen. Was bewegt sie und was für einen persönlichen Mehrwert kann ihnen das Engagement in der Tafel bringen? Aus Befragungen wissen wir, dass sehr viele Menschen sich engagieren, weil sie eine sinnvolle Aufgabe suchen, soziale Verantwortung übernehmen und anderen helfen wollen. Hier bietet die Tafel mit ihrem doppelten Zweck „Lebensmittel retten. Menschen helfen.“ eine einzigartige Kombination.
Außerdem gibt das Ehrenamt Stabilität, wenn sich die Lebenssituation verändert. Es gibt Inhalt und strukturiert den Alltag, wenn man beispielsweise in Rente geht oder die Kinder aus dem Haus sind. Außerdem ist Ehrenamt eine tolle Möglichkeit neue Kontakte zu knüpfen, wenn man gerade in eine neue Stadt gezogen ist oder sich einsam fühlt. Die Gemeinschaft in den Tafeln in stark. Neue Helfer:innen werden wertschätzen aufgenommen und man guckt nacheinander.
Tafeln sind zudem Orte des Lernens. Junge Menschen können in Tafeln neue Erfahrungen sammeln, die wertvoll für ihre berufliche Laufbahn sind. Ältere Ehrenamtliche können ihre berufliche Erfahrung einbringen und die Tafel weiterentwickeln. Das Ehrenamt in den Tafeln ist vielfältig und die gestalterischen Möglichkeiten groß.
Was schätzen Sie an Ihrer Tätigkeit, was finden Sie daran besonders spannend?
Am besten gefällt mir die Mischung aus der Nähe zu diesen vielen großartigen engagierten Menschen und die Möglichkeit kreativ und konzeptionell zu arbeiten. Meine Tätigkeit ist abwechslungsreich und ich weiß, dass meine Bemühungen einen unmittelbaren positiven Effekt auf viele Menschen haben. Das gibt mir Sinn und spornt mich an.
Ihre Tipps für Berufseinsteiger*innen?
Mein Tipp an alle und insbesondere an junge Frauen: Traut es euch einfach zu. Man wächst in jede Aufgabe hinein und da draußen kochen alle nur mit Wasser.
Vielen Dank für die spannenden Einblicke in die Tätigkeit als Projektleiterin in einer NGO, Clara Lehmann!
Das schriftliche Interview wurde im Dezember 2025 geführt.

