19. KWI-Fachtagung "Kommunen, Bürger, Wirtschaft im solidarischen Miteinander von Genossenschaften"

12. April 2013

 

Genossenschaften wirken auf manche wie ein angestaubtes Relikt aus der Vergangenheit. Das eingetrübte Image überrascht. Denn Genossenschaften haben sich immer wieder als besonders krisenfest erwiesen und längst auch als erfolgreiches Zukunftsmodell entpuppt. Der stetige Zuwachs an Neugründungen, die steigenden Mitgliederzahlen und die ständige Ausweitung der Aktionsfelder bestätigen die hohe Attraktivität.

Dem entspricht eine enorme Einsatzbreite der Genossenschaftsidee. Sie reicht von Agrargenossenschaften über Produktionsgenossenschaften in Handel, Handwerk und Gewerbe, Arbeitergenossenschaften und Genossenschaften freier Berufe, Wohnungsgenossenschaften, Einkaufs- und Konsumgenossenschaften, Bank-, Kredit- und Versicherungsgenossenschaften, Verkehrs- und Infrastrukturgenossenschaften, Wasser- und Energiegenossenschaften, Kultur-, Schul-, Sport- und Freizeitgenossenschaften bis hin zu sehr modernen Bereichen etwa der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. In all diesen und vielen anderen Segmenten finden sich variantenreiche genossenschaftliche Gestaltungsoptionen nach Maximen wie Selbsthilfe, Solidarität, Bürgerengagement, Partizipation, Mitglieder- und Gemeinwohlorientierung.

Inzwischen lockt die hohe Anziehungskraft der Genossenschaftsidee auch die Kommunen. Angestoßen durch gesetzgeberische Impulse erleben die Genossenschaften auf der kommunalen Ebene derzeit bundesweit einen richtigen Aufschwung. Viele Kommunen sehen im Rückgriff auf genossenschaftliche Kooperationsformen nämlich eine Option, um unter den schwierigen Rahmenbedingungen der allgegenwärtigen Finanznot und des demografischen Wandels die kommunale Infrastruktur erhalten und ihren Bürgern bestmögliche Leistungen der Daseinsvorsorge anbieten zu können. Zur Erschließung dieser Potenziale hat in den Rathäusern und Kreisverwaltungen ein Umdenken eingesetzt, das bereits viele Innovationen hervorgebracht hat. Konkrete Beispiele für diese Leistungserbringung auf genossenschaftlicher Basis betreffen u. a. die Gebiete:

  • Energie- und Wasserversorgung,
  • Personennahverkehr,
  • Wohnungswirtschaft,
  • Krankenhäuser, Kurzzeitpflege und andere ambulant angebotene medizinische Versorgungen,
  • Sozialstationen, häusliche Krankenpflege, Betreutes Wohnen, Mehr-Generationen-Häuser,
  • KITA, Schulen und Erwachsenenbildung,
  • IT-Plattformen,
  • Museen, Bibliotheken und Theater,
  • Bürgerhäuser, Sportanlagen, Freizeiteinrichtungen,
  • Stadtmarketing, Wochenmärkte u. Dorfläden.

Die Aufwertung erweitert die Überlegungen zur Gewährleistung und Optimierung kommunaler Leistungserbringung um eine wichtige Gestaltungsvariante, nimmt aber den Kommunen die Auswahlentscheidung nicht ab. Denn wie bei allen Organisationsentscheidungen ist vor dem Rückgriff auf genossenschaftliche Organisationsformen in jedem Einzelfall eine nüchterne aufgaben-, sach- und situationsbezogene Vergleichsanalyse geboten, die den Entscheidungsträgern spezifische Kenntnisse und detaillierte Fachkompetenz abverlangt.

Hier setzt die Tagung an. Sie informiert über die zunehmende Verbreitung genossenschaftlicher Kooperation auf der kommunalen Ebene, über rechtliche Rahmenbedingungen und normative Direktiven, über praktische Erfahrungen, über Einsatzfelder, Erfolgsbedingungen und Fallstricke in der Praxis. Dabei präsentiert die Veranstaltung zugleich Gestaltungsoptionen, die kommunalen Entscheidungsträgern den Umgang mit dem solidarischen Miteinander von Kommunen, Bürgern und Wirtschaft in genossenschaftlichen Aktionsarenen erleichtern.

 

Programm

Begrüßung
Dr. Rudolf Keseberg, Ministerium des Innern des Landes Brandenburg

Genossenschaften im Aufwind – Einführende Problemskizze
Prof. Dr. Hartmut Bauer, Universität Potsdam, Vorstand des KWI

Genossenschaften: Impulse für die Modernisierung des Gemeinwesens

Krisenerprobung und Krisenresistenz des genossenschaftlichen Ordnungsmodells
Dr. Andreas Wieg, Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband e.V., Berlin

Genossenschaftliche Organisationsformen in kommunalen Modernisierungsstrategien
Dr. Andreas Eisen, Genossenschaftsverband e.V., Berlin

Genossenschaften 2013: Partizipation und Engagement in der Bürgerkommune
Prof. Dr. Wolfgang George, Technische Hochschule Mittelhessen

Institutional Choice: Kapitalgesellschaft oder Genossenschaft?
Prof. Dr. Tilman Bezzenberger, Universität Potsdam

Genossenschaftliche Lösungsansätze zur Sicherung und Gewährleistung kommunaler Aufgabenerfüllung
Dipl.-Ing. Helene Maron, Vorstand, Klaus Novy Institut e. V., Köln

Einsatzfelder, Erfolgsbedingungen und Fallstricke in der Praxis

Genossenschaften als energiewirtschaftliche Erfolgsmodelle
Helmut Amschler, Vorstand, Stadtwerke Grafenwöhr

Chancen und Risiken genossenschaftlicher Leistungserbringung im Gesundheitssektor
Prof. Dr. Klaus-Dirk Henke, TU Berlin

Genossenschaften: Bausteine kommunaler Wohnungsmarktpolitik
Matthias Klipp, Beigeordneter für Stadtentwicklung und Bauen der Landeshauptstadt Potsdam

IT-Genossenschaften im digitalen Rathaus
Dr. Michael Wandersleb, Geschäftsführer, Kommunale Informationsdienste Magdeburg GmbH