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Foto: M. Burkart

Der Forscher, der Likörhersteller und die Fensterblume aus Madagaskar

Pflanze des Monats November 2012

Marniers Hundswürger

„Madagaskar, obwohl nur 400 km vom Festland getrennt, ist nicht Afrika. Es ist eine völlig eigene Welt.“ Mit diesen Sätzen beginnt Werner Rauh sein zweibändiges Werk über die Pflanzen der Trockengebiete dieser viertgrößten Insel der Erde. Rauh, 1913 im brandenburgischen Niemegk im Fläming geboren, von 1960 bis 1982 Direktor des Heidelberger Botanischen Gartens und Botanik-Professor ebenda, ist bis heute der bedeutendste Erforscher dieser Pflanzen, darunter viele Sukkulenten (wasserspeichernde Pflanzen). Rund 90% der Pflanzen Madagaskars kommen nirgends sonst auf der Erde vor, sind also endemisch, bei den Tieren sind es sogar 95%.

Eine solche endemische Sukkulente, Marniers Hundswürger (Cynanchum marnierianum), blüht gerade im Madagaskar-Beet des Kakteenhauses im Botanischen Garten. Rauh sammelte dieses Schwalbenwurzgewächs 1963, auf seiner vierten Madagaskar-Forschungsreise, in einem Trockenbuschwald im Südwesten der Insel. Zwei Jahre später sah er eine blühende Pflanze im privaten Botanischen Garten „Les Cèdres“ seines Freundes Julien Marnier-Lapostolle, dem Sohn des Erfinders der Likör-Marke „Grand Marnier“. Julien Marnier-Lapostolle unterstützte Forschungen Rauhs finanziell, und er war es auch, der für ihn eine Forschungserlaubnis für die damalige französische Kolonie Madagaskar erwirkt hatte, die sonst französischen Forschern vorbehalten war. Nachdem Rauh die Pflanze 1969 erneut auf Madagaskar gesehen hatte, beschrieb und benannte er sie mit Hilfe seiner ersten Aufsammlung und der Pflanze, die er aus „Les Cèdres“ nach Heidelberg mitgenommen hatte. Die Pflanze in Potsdam stammt direkt von letzterer ab.

Marniers Hundswürger lässt sich recht leicht durch Stecklinge vermehren und blüht in Kultur bereitwillig. Die Pflanze besitzt etwa 5 mm dicke, liegende, warzige Triebe. Die Blüten sind ziemlich klein und höchst eigentümlich geformt: Die schmalen, gelblichgrünen Kronblätter bleiben an der Spitze zunächst miteinander verbunden, wenn die Blüte sich öffnet, so dass eine sogenannte „Fensterblüte“ entsteht, und trennen sich erst später; in ihrem Zentrum befindet sich eine weiße Nebenkrone. Bisher ist nicht klar, wer diese Blüten bestäubt. Die Schwalbenwurzgewächse sind jedoch bekannt für ihren höchst komplizierten Blütenbau. Der Pollen ist bei ihnen paketweise miteinander verklebt, und ein im Pflanzenreich einmaliger Klemm-Mechanismus sorgt dafür, dass sich je 2 Pakete an ein Bein des Blütenbesuchers heften und so zur nächsten Blüte transportiert werden.

Als Werner Rauh im Jahr 2000 starb, hatte er mehr als 1.000 Pflanzen neu für die Wissenschaft beschrieben, darunter auch viele Kakteen und Bromelien aus den Trockengebieten Lateinamerikas, wohin er ebenfalls zahlreiche Forschungsreisen unternahm. Außer Cynanchum marnierianum hat er drei weitere Pflanzen nach seinem Freund Julien Marnier-Lapostolle benannt. 1999 wurde er vom Staat Madagaskar wegen seiner Verdienste um die Erforschung der madagassischen Pflanzenwelt zum „Ritter des Nationalordens“ ernannt. Der Botanische Garten Heidelberg betreibt derzeit ein Projekt, das die knapp 9.000 Seiten mit Rauhs handschriftlichen Feldnotizen online zugänglich macht.

Foto: M. Burkart