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Foto: M. Burkart

Friedrich II. und der Preußenkaffee

Pflanze des Monats August 2012

Die Zichorie


Es ist oft schwierig, aus alten Texten die historische Verbreitung oder Verwendung von Pflanzen zu rekonstruieren, da man längst nicht immer sicher weiß, welche Pflanzen tatsächlich mit den verwendeten Namen gemeint sind. Eine verlässliche Benennung wurde erst durch die Linnésche Reform von 1753 erreicht. Seitdem gibt es ein eindeutiges, allgemein anerkanntes System wissenschaftlicher Pflanzennamen (im Prinzip; in vielen Fällen streiten sich die Taxonomen weiterhin über die korrekte Benennung). Insbesondere bei Berichten aus Antike und Mittelalter ist man heute oft nicht sicher, welche Pflanze eigentlich gemeint war.


Auch auf die Zichorie trifft das zu. Die im Altgriechischen und bei dem römischen Schriftsteller Plinius nachweisbare Bezeichnung kichórion bezeichnet sicher Pflanzen aus der Familie der Korbblütler und der Gattung Cichorium. Unklar ist hingegen, ob es sich dabei um die Endivie (Cichorium endivia), die Zichorie oder Wegwarte (Cichorium intybus) oder um beide gehandelt hat. Erstere war und ist bis heute eine Salat- und Gemüsepflanze, letztere wurde vor allem als Heil- und Zauberkraut verwendet. Sie sollte unverwundbar machen, Fesseln sprengen und Liebeszauber bewirken; Wurzeln und Blätter sind durch ihren Bitterstoffgehalt bei Verdauungsbeschwerden nützlich. Ihre schönen blauen Blumen erblühen den ganzen Sommer lang frühmorgens an Weg- und Straßenrändern und schließen sich gegen Mittag.
Nachdem Bohnenkaffee im 17. Jahrhundert in Europa weite Verbreitung gefunden hatte, ergab sich eine neue Nutzung. Die dicken Rübenwurzeln der Wegwarte enthalten den für Korbblütler typischen Speicherstoff Inulin anstelle von Stärke. Das daraus beim Rösten entstehende Oxymethylfurfurol entfaltet ein kaffeeähnliches Aroma. Geröstete Zichorienrüben gaben dem Kaffee dunklere Farbe und kräftigeren Geschmack und ließen sich sogar allein als Kaffee-Ersatz verwenden.
Für diese Nutzung interessierte sich auch Friedrich II. Zur Sanierung seiner durch den Siebenjährigen Krieg zerrütteten Staatsfinanzen strebte er nach Minderung des Devisenabflusses ins Ausland. Statt teuren Bohnenkaffee zu importieren, ließ sich dieser Kaffee im Lande selbst anbauen! Gleich nach Kriegsende 1763 wurden in den Gebieten um Berlin, Breslau und Magdeburg große Zichorienkulturen angelegt. 30 Jahre später gab es hier bereits 19 Fabriken für ‚ Preußenkaffee', wegen der blauen Blumen der Wegwarte auch ‚Blümchenkaffee' genannt. ‚Muckefuck' soll hingegen eine Verballhornung des französischen ‚ mocca faux' sein, also ‚falscher Mokka' bedeuten. Nach einer anderen Lesart ist die Bezeichnung aus den rheinischen Dialektwörtern Mucken (brauner Holzmulm) und fuck (faul) gebildet. Vielleicht ist ja beides richtig, und die Verballhorner aus dem Rheinland kicherten vergnügt über den modrigen Klang ihrer Eindeutschung.
Erst im 19. Jahrhundert wurde aus der Wurzelzichorie in Belgien der Chicoree gezüchtet, und sogar erst im 20. Jahrhundert entstand in Italien die Salatpflanze Radicchio, die die Rübenwurzel noch im Namen trägt (ital. radice = Wurzel). Botanisch gesehen ist alles - Zichorie.

Foto: M. Burkart