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Foto: M. Burkart

Chili - Capsicum annuum

Pflanze des Monats September 2009

Indische Schärfe

 

Die Gattung Capsicum aus der Familie der Nachtschattengewächse umfasst etwa 30 Arten. Fünf davon werden wegen ihrer Früchte kultiviert. Auf Deutsch werden diese je nach ihrer Schärfe Paprika oder Chili oder auch Cayennepfeffer genannt. Nur aus einer dieser Arten, C. annuum, wurden Sorten gezüchtet, die milde Gemüsepaprikas tragen. Die meisten Wildformen und zahlreiche Zuchtsorten aller kultivierten Arten tragen hingegen scharfe, manchmal höllisch scharfe Chilis. Auf den Beeten im Nutzpflanzenhaus können Sie eine große Vielfalt davon sehen. Bei diesen Früchten handelt es sich, botanisch gesehen, allerdings weder um Chili-„Schoten“ noch um Kapseln, wie der Name Capsicum nahelegt, sondern eigentlich um Beeren. Schoten und Kapseln würden sich bei Reife öffnen und die Samen verstreuen, während Beeren Schließfrüchte sind und sich nicht öffnen. Vollreif getrocknete Chilis sind denn auch geschlossen.

Alle Chilis kamen ursprünglich nur in Lateinamerika vor. Von Kolumbus erstmalig mitgebracht, verbreiteten sie sich aber sehr schnell in den Gemüsegärten der Tropen der ganzen Welt, wo in der Küche offenbar überall ein großer Bedarf an Scharfmachern bestand. In Europa war das Interesse dagegen gering; hier war man auf den Schwarzen Pfeffer scharf, welcher ja überhaupt erst der Grund für die Fahrt des Kolumbus gewesen war. Aber den gab es eben nicht in Amerika, sondern in Indien.

Es ist nicht ganz klar, warum Menschen scharf gewürztes Essen überhaupt lecker finden. Die bakterien- und pilztötende Wirkung von Capsaicin, dem wesentlichen Scharfmacher in Chili, ist aber gut erforscht. Chili wirkt so dem frühzeitigen Verderben von Speisen entgegen, was in den Tropen wegen der Hitze besonders relevant ist. Nachweisbar ist auch die Ausschüttung von Endorphinen als Reaktion auf die von der Schärfe im Mund ausgelöste Schmerzempfindung. Endorphine dämpfen als körpereigene Rauschdrogen Schmerzen und stimulieren und euphorisieren den Esser. Diese Wirkung passt gut zu der Auffassung, scharfe Gewürze seien zugleich Aphrodisiaka, also Anreger erotischer Leidenschaft.

Etwas gänzlich Unerotisches hatte das indische Ministerium der Verteidigung im Sinn, als es eine Studie zur Schärfe der in Indien kultivierten Chilis in Auftrag gab. Man misst die Schärfe einfach als prozentualen Gehalt an Capsaicin. Dabei kam heraus, dass Indien in der Tat über die weltweit schärfsten Chilis verfügt, gut doppelt so scharf wie die schärfsten bis dahin bekannten. Die schärfste indische Sorte wird Tezpur-Chili genannt und gehört zur Art Capsicum frutescens. Statt ans Essen war in diesem Fall jedoch an die Verwendung als Kampfstoff gedacht, entsprechend dem zur Selbstverteidigung benutzten Pfefferspray, das als wesentlichen Wirkstoff ebenfalls Capsaicin aus Chilis enthält. Womöglich kommt das indische Interesse daher, dass Capsaicin nicht unter die Chemiewaffen-Konvention fällt. Im Zuge dieser Konvention hat Indien nämlich inzwischen den größten Teil seiner Chemiewaffen vernichtet, eine Situation, die das indische Verteidigungsministerium vielleicht nicht ganz so beruhigend findet wie die übrige Welt.

Wir sehen an diesem Beispiel, dass die Grenze zwischen Genussmittel und chemischem Kampfstoff manchmal nur eine Frage der Dosierung ist. Sollten Ihnen also einmal die Augen von dem scharfen Essen tränen, welches Ihr Lebensgefährte für Sie zubereitet hat, so hat er diese Grenze sicherlich nur aus Versehen überschritten oder aus dem drängenden Wunsch heraus, ihr Liebesleben zu befeuern. Von der Verwendung von Pfefferspray zu diesem Zweck ist jedoch dringend abzuraten. Wir wünschen guten Appetit.

Foto: M. Burkart