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Pflanze des Monats

Foto: M. Burkart
Der Efeu - Hedera helix

Klimawandel

Der Efeu

Die allermeisten bei uns heimischen Pflanzen blühen im Frühling und fruchten im Herbst. Über Winter ruhen sie ohne Blätter und treiben im Frühjahr wieder aus. Der im Wald, aber auch auf Friedhöfen häufige Efeu (Hedera helix) verhält sich jedoch ganz anders. Auch im Winter belaubt, ist er einer der spätesten Blüher; noch jetzt im November kann man blühende Pflanzen sehen, jedenfalls bei einem so milden Herbst wie in diesem Jahr. Die schwarzen, fleischigen Früchte dienen dann ab Januar oder Februar als Futter für Amseln und andere Vögel.

Mit seinem für unsere Breiten ungewöhnlichen Lebenszyklus ist der Efeu empfindlich gegen Winterkälte. Er zeigt so auch seine Herkunft an, nämlich immergrüne subtropische Wälder, wie sie bis vor einigen Millionen Jahren auch in Europa wuchsen. Der Efeu ist also ein Relikt einer wärmeren Epoche; fast alle seine Verwandten in der Familie der Araliengewächse sind subtropisch-tropisch verbreitet.

In einer Periode klimatischer Erwärmung würde man daher mit einer Ausbreitung des Efeus rechnen, und genau das ist auch zu beobachten. Er hat in vielen Wäldern in Deutschland über die letzten Jahrzehnte deutlich zugenommen. Neben der Klimaerwärmung spielen dabei offenbar auch andere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel die unabsichtliche flächendeckende Stickstoffdüngung aus Autoabgasen und Massenviehhaltung sowie der erhöhte Kohlendioxidgehalt der Luft. Dieser ist von 280 ppm aus vorindustriellen Zeiten bereits auf über 400 ppm angestiegen (100 ppm entspricht 0,01 %), also eine Zunahme um mehr als ein Drittel – bekanntlich eine der wesentlichen Ursachen der globalen Erwärmung, die wir in den kommenden Jahrzehnten erst voll zu spüren bekommen werden. Die Konzentration von Kohlendioxid in der Luft spielt für das Pflanzenwachstum direkt meist nur eine erstaunlich geringe Rolle, obwohl es unmittelbar für die Photosynthese benötigt wird. Andere Faktoren, vor allem Wasserknappheit, bremsen den Düngereffekt des üppigen Kohlendioxidangebots nämlich stark ab. Bloß im tiefen Schatten von Wäldern oder Friedhöfen ist das anders, eben da, wo der Efeu wächst, an dem denn auch erhebliche Düngereffekte von experimentell erhöhtem Kohlendioxid nachgewiesen wurden.

Die weißen Siedler in Nordamerika übernahmen Heilanwendungen der Hamamelis von den Indianern. Außerdem benutzten sie Zweige des Strauches als Wünschelruten. Diese magische Verwendung durch die Siedler (nicht die Indianer) brachte der Pflanze den Namen "Witch Hazel" ein, wörtlich übersetzt "Zauber-Hasel". Der Name "Zaubernuss" wurde dann auch auf die beiden Arten aus Asien angewendet, die in hiesigen Gärten heute viel häufiger gepflanzt werden als die Virginia-Zaubernuss. Diese Pflanzen aus Asien verbreiten mit ihrer spätwinterlichen Blüte einen ganz besonderen Gartenzauber. Loki Schmidt beschreibt diesen ganz unmagischen Zauber treffend in einem anderen Buch, dem "Naturbuch für Neugierige". Als aufmerksamer Beobachterin fielen ihr die über den Winter langsam schwellenden Blütenknospen der Hamamelis-Sträucher bei Spaziergängen in der kalten Jahreszeit besonders ins Auge.

Von einem moralischen Standpunkt betrachtet ist es allerdings nicht so bedeutsam, ob der Efeu direkt vom Kohlendioxid-Anstieg profitiert oder indirekt von den dadurch bewirkten milderen Wintern – seine vielerorts sichtbare Zunahme sollte uns allen Mahnung sein, den globalen Temperaturanstieg zu begrenzen, soweit das überhaupt noch möglich ist. Die Delegierten auf der Klimakonferenz in Bonn und die Sondierer einer möglichen Jamaica-Koalition in Berlin tragen hier gerade eine große Verantwortung. Aber auch wir alle müssen einsehen, dass wir schon lange über unsere Verhältnisse leben, und zwar in beiden Hälften Deutschlands – auch wenn dicke Autos samt satter Spritrechnungen offenbar von immer mehr Mitbürgern locker bezahlt werden können, nicht zuletzt dank Dienstwagenprivileg und ähnlichen Rahmenbedingungen in unserem „Autoland“. Bekanntlich ist aber schon jetzt zu viel Kohlendioxid in der Luft, um das 2°C-Ziel noch einhalten zu können, und es wird jeden Tag mehr. Dies müssen wir verstehen, die Konsequenzen einsehen und unser Leben sehr bald den Erfordernissen anpassen – damit über unsere Gräber dereinst friedliche Efeuranken wachsen und keine Meeresalgen.

Foto: M. Burkart
Der Efeu - Hedera helix

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