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Erasmus+ Erfahrungsbericht - İstanbul Şehir Üniversitesi

Da ich mein Auslandssemester in einem Land mit überwiegend muslimisch geprägter Kultur verbringen und außerdem noch eine neue Sprache lernen wollte, war ich sehr interessiert an einem Erasmus-Aufenthalt in der Türkei.


Studienfach: Psychologie

Aufenthaltsdauer: 09/2016 – 02/2017

Gastuniversität: İstanbul Şehir Üniversitesi

Gastland: Türkei

Vorbereitung des Auslandsaufenthalts

Es gibt aktuell leider keine Master-Kooperationen mit Istanbuler Psychologie-Departments. Daher habe ich mich nach Rücksprache mit Frau Kettmann vom Akademischen Auslandsamt direkt an Erasmus-Koordinator_innen anderer Abteilungen gewandt und für den Fall von Restplätzen an Istanbuler Universitäten (es kamen am Ende nur drei Kooperationen infrage, da an den anderen auf Türkisch gelehrt wurde oder mein Fach nicht angeboten wurde) um Berücksichtigung meiner Bewerbung gebeten. Da sich aktuell relativ wenige für Istanbul bewerben, bekam ich dann auch einen Platz über die Kooperation der Religionswissenschaften mit der Istanbul Şehir Üniversitesi. Die Absprachen liefen via Mail und vermittelt über den Erasmus-Koordinator der Religionswissenschaften. Die Kontaktaufnahme verlief unproblematisch und auch die Tatsache, dass ich als Psychologiestudentin einen Platz über die Religions-/Kulturwissenschaft bekommen hatte war kein weiteres Hindernis. Im April 2016 bekam ich die Zusage für den Aufenthalt und begann mit der weiteren Planung, der Erstellung des Learning Agreements etc.

Studium an der Gastuniversität

Das Studium in der Türkei unterscheidet sich deutlich von dem in Deutschland. Es gibt zwar wie ich erfahren habe, durchaus Unterschiede in der Qualität/dem Anspruch und damit verbundenen Arbeitsaufwand an den Universitäten (allein zwischen den Unis in Istanbul), aber generell kann man sagen, dass das System verschulter ist und mehr Wert auf einen strikten Plan und eine gewisse Kontrolle der Studierenden legt. Es gibt sehr häufig Anwesenheitskontrollen (plus Sanktionen fürs Nichterscheinen) und strikte Deadlines für Abgaben, außerdem nach amerikanischem Vorbild midterms und final exams, zum Teil auch kleinere Tests zwischendurch. In manchen Fächern wurden auch wöchentliche Paper-Abgaben fällig. An der Şehir war das Semester für mich also unerwartet arbeitsreich. Ich hatte vier Veranstaltungen belegt und zusätzlich noch einen Türkisch-Basiskurs. Das Credit-System ist in der Türkei ein anderes, die Anzahl der ECTS-Punkte war jedoch auch immer mit angegeben, weswegen ich meine Punktanzahl gut planen konnte. Pro Veranstaltung gab es bei mir 6 ECTS.
Das Studienklima war entsprechend den Arbeitsanforderungen geprägt von Fleiß und tendenziell viel akademischem Einsatz und universitärem Engagement. Viele einheimische Studierende verbringen sehr viel Zeit an der Uni, auch mit Nebenprojekten wie universitären Clubs oder AGs, weswegen auch die Campus-Cafés und Mensen meist voll und belebt sind. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass an meiner Uni die Diskussionskultur eher zurückhaltend ist bzw. die Studierenden sich nur zögerlich äußern, wenn in Seminaren inhaltliche Fragen thematisiert werden.
Auch interessant zu wissen: Meine Gastuni zählt unter den Istanbuler Universitäten zu den eher konservativen. In einigen meiner Veranstaltungen war ich die einzige Frau ohne Kopftuch (was eher ungewöhnlich für Istanbuler Unis ist). Das war spannend, aber auch zum Teil herausfordernd, weil ich z.B. das Gefühl hatte, mich in meiner Alltagskleidung etwas anpassen zu müssen. Auch thematisch hat sich das meiner Meinung nach in manchen Veranstaltungen gespiegelt, in der Sozialpsychologie z.B. bei Genderfragen. Andererseits hatte ich in meinem Soziologie-Nebenfach zwei sehr progressive, eher links orientierte Professoren, die angesichts der aktuellen politischen Situation überraschend offen ihre Haltungen gezeigt haben. Die Betreuung in organisatorischen Fragen war seitens des International Relations Office (IRO) allzeit zugänglich und sehr freundlich, zum Teil aber leider nicht ganz hilfreich. Das lag in meinen Augen an der Vernetzungsstruktur der einzelnen Uniabteilungen: Wenn ich ein Problem mit z.B. meinem Online-Account hatte, schickte mich das IRO zum Student Affairs Office, diese aber schienen auf spezielle Fragen von Erasmus-Studierenden nicht vorbereitet zu sein, schickten mich weiter zum Tech Support, der mich wiederum zum IRO schickte. Das hat also etwas Geduld erfordert, zumal sich einige Prozesse sehr lange hinzogen (wie z.B. die Belegung von Veranstaltungen).
Die Ausstattung der Uni ist sehr modern, die Bibliotheken verfügen über gute Computerpools, das W-LAN ist zuverlässig. Die Bibliotheken sind von morgens bis relativ spät abends zugänglich und auch sonst bieten die drei Campus-Standorte viele Gelegenheiten zum Teetrinken und Pause machen (was gut ist, weil um die Uni herum weniger Essensgelegenheiten sind, sie befindet sich am Rand vom Stadtteil Üsküdar, nah an einem Autobahnzubringer). Soweit ich weiß wird die Uni in den nächsten Jahren aber an einen anderen Standort umziehen, der weiter außerhalb in Istanbul liegt.

Kontakte zu  einheimischen und ausländischen Studierenden

Die Uni ist sehr international geprägt – es gibt nicht nur Erasmus-Studierende, sondern auch sehr viele, die ihr ganzes Studium an der Şehir verbringen. Da es eine recht teure private Uni ist, kommen viele ausländische Studierende aus eher wohlhabenderen Familien, einige kriegen aber auch Stipendien. Einige Herkunftsländer sind z.B. Ägypten, Malaysia, Syrien, Pakistan, Irak, Iran. Viele der Studierenden sind gläubige Muslim_innen.
Die Unterrichtssprache in den meisten Fächern ist Englisch, wobei in Seminaren Studierende und teilweise auch Dozierende doch mal auf Türkisch umschwenken, es wurde aber immer Rücksicht auf mich und andere Ausländer_innen genommen.
Ich empfand es als relativ schwierig, Kontakte zu einheimischen Studierenden zu knüpfen. Diese Erfahrung habe ich auch ähnlich von anderen Austauschstudierenden und ausländischen Freund_innen, die dauerhaft in Istanbul leben, gespiegelt bekommen. Smalltalk scheitert manchmal am Fehlen einer gemeinsamen Sprache (interessanterweise waren die Studierenden außerhalb des englischsprachigen Unterrichts etwas schüchterner damit, Englisch zu sprechen), aber ich hatte auch generell das Gefühl, dass es schwierig ist, in türkische „Kreise“ hineinzukommen. Das mag auch am kurzen Aufenthalt als Erasmus-Studentin liegen, aber auch an zum Teil sehr unterschiedlichen Lebenswelten außerhalb des Universitätsalltags. Ein paar Türk_innen konnte ich dann aber doch besser kennenlernen und auch außerhalb der Uni treffen, zum Teil auch als Tandempartner_innen Türkisch/Deutsch. Großartig war es auch, dass ich viel Hilfe von bis dato unbekannten türkischen Kommilitoninnen (vermittelt durch eine Professorin) für die Vorbereitung meiner Masterarbeit bekommen habe. Sie haben bereitwillig beim Übersetzen von Texten aus dem Englischen ins Türkische geholfen und auch Kontakte zur Datenerhebung konnte ich knüpfen.
Mit anderen internationalen Studierenden war es einfacher, wodurch sich viele schöne Kontakte und auch Freundschaften ergeben haben.

Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt

Da die Unterrichtssprache an der Universität Englisch war, hatte ich keine Probleme im Unialltag. Meine Sprachkompetenz in Englisch ist vor allem was akademisches Vokabular angeht deutlich besser geworden und ich fühle mich nun auch im akademischen Kontext sicherer bei inhaltlichen Diskussionen. Da auch Paper und Hausarbeiten zu schreiben waren, hat sich auch meine Schriftsprache Englisch verbessert. Am Anfang fiel es mir noch recht schwer, längere Texte in angemessener Sprache zu verfassen, das hat sich aber durch das kontinuierliche Schreiben zum Positiven verändert.
Da eines meiner Hauptziele bei diesem Aufenthalt der Einstieg in die türkische Sprache war (und meine Kompetenz vor dem Semester bei null lag), belegte ich in den ersten acht Wochen in Istanbul einen Anfänger_innen-Sprachkurs an einer Sprachschule. Der Kurs hat mir die Basics der Alltagssprache gut vermittelt und die Verständigung beim Einkaufen, im Café und für Smalltalk im Alltag erleichtert. Der Unikurs Türkisch war (wie mir schon vorher bei der Infoveranstaltung zur Türkei angedeutet worden war) eher mittelmäßig, die Klasse war sehr groß und die Lernatmosphäre dadurch weniger schön, auch didaktisch fand ich es nicht sehr hilfreich. Trotzdem habe ich da ganz guten Überblick über Grammatik auf A1-Level bekommen und werde zurück in Berlin versuchen, daran anzuknüpfen. Außerdem habe ich in der Zeit in Istanbul zu zwei Kommilitoninnen Kontakt für Deutsch-Türkisch-Tandems geknüpft, das hat mir eigentlich am meisten in Bezug auf Sprechen und Verstehen gebracht. Zum Überleben im türkischen Alltag reichen meine Kenntnisse nun auf jeden Fall, was schön ist.

Wohn-  und Lebenssituation

Ich habe mir schon vor meinem Aufenthalt über ein Skype-Gespräch ein WG-Zimmer im Stadtteil Kadıköy auf der asiatischen Seite Istanbuls organisiert. Das Wohnungsangebot war auf craigslist.com ausgeschrieben. Meine Mitbewohnerin war eine Türkin, die zwei Zimmer in ihrer Wohnung untervermietet, der andere Mitbewohner war auch ein Erasmus-Student aus Hamburg. Generell sind die Zimmerpreise für Ausländer_innen etwa auf (niedrigem) Berliner Niveau, also irgendwas zwischen 250 und 350€ im Monat, natürlich je nach persönlichem Anspruch. Ich habe mich im Stadtteil sehr wohl gefühlt, er ist sehr liberal und jung, eher sicher für Istanbuler Verhältnisse, es gibt viele Bars und Cafés und die Anbindung an Metro, Fähren und Busse ist einwandfrei. Auch die Lage in Meeresnähe ist toll.
Der öffentliche Nahverkehr in Istanbul bietet viele Möglichkeiten. Die schönste und entspannteste ist wohl die Fähre zwischen den Kontinenten. Auch die Metro fährt häufig und zuverlässig. Busse (außer der schnelle Metrobus mit eigener Spur) und Minibusse, sogenannte Dolmuş, sind häufig von den Staus betroffen, weswegen ich versucht habe sie wenn möglich zu meiden. In Istanbul gibt es sehr viele Autos und sehr viel Stau. Zum Nutzen der öffentlichen Verkehrsmittel benötigt man eine Istanbulkart, eine wiederaufladbare Plastikkarte, die beim Betreten der Verkehrsmittel an ein Lesegerät gehalten wird. Eine einfache kriegt man in Kiosken und an Ticketverkaufsständen, es gibt aber auch eine Istanbulkart für Studierende, der Fahrpreis wird dann halbiert. Eine normale Fahrt (ohne Umsteigen) kostet aktuell 2,30 türkische Lira, also ca. 0,40€. Ich muss vielleicht dazusagen, dass es vonseiten der Uni etwas kompliziert war die verbilligte Istanbulkart zu beantragen und ich recht lange die einfache genutzt habe.
Banken und Bankautomaten befinden sich überall. Es empfiehlt sich, sich eine DKB-Visakarte zu holen, weil damit keine Kosten fürs Abheben entstehen. Mit normaler EC-Karte habe ich 4€ pro Abhebung gezahlt (ich bin bei der GLS Bank). Ansonsten kann man wirklich fast überall mit ausländischer Kreditkarte oder EC-Karte bezahlen, selbst im kleinen Tante-Emma-Laden.
Als private Auslandskrankenversicherung habe ich das Angebot des DAAD genutzt (Auslands- und Haftpflichtversicherung), wobei das mit 60€ relativ teuer war. Andere Studierende konnten bei ihrer gesetzlichen Krankenversicherung ein zusätzliches Auslandspaket dazu buchen, das war günstiger.
Die Lebenshaltungskosten in der Türkei sind gerade vergleichsweise niedrig, wobei Istanbul im Vergleich zum Rest am teuersten ist. Eigentlich ist alles außer Alkohol billiger als in Deutschland. Essen unterwegs ist meistens ca. 1-3€, ein besseres Abendessen ca. 7-10€. Insgesamt fand ich das türkische Essen grandios. Vegetarier_innen haben gar keine Probleme sich gut und abwechslungsreich zu ernähren. Vegan wird es schon etwas schwieriger, aber auch machbar, da Istanbul gerade in den „jungen“ Vierteln Kadiköy, Besiktas, Galata etc. auch viele Cafés nach europäischer Art mit veganen Alternativen hat.
Obst und Gemüse, Oliven und Nüsse etc. kauft man am besten auf den Wochenmärkten (unterschiedliche Tage je nach Viertel), dort sind sie ganz frisch und günstig. Auch Bekleidung und andere Konsumartikel sind relativ billig.
Istanbul bietet unglaublich viele interessante und ganz unterschiedliche Unternehmungsmöglichkeiten. Es gibt tolle Museen, beeindruckende Moschee-Komplexe, historische Stätten, Hamam-Bäder... Genauso gibt es aber auch ein vielfältiges Nachtleben, auch eine aktive politisch alternative Szene, Infoveranstaltungen, Parties und und und. Auch die Natur ist toll, sehr zu empfehlen sind die Prinzeninseln zum Fahrradfahren oder Wandern wenn die Luft in der Stadt mal wieder zu dick ist. Außerdem kann man von Istanbul aus auch gut Ausflüge ans Schwarze Meer oder auch Richtung Süden unternehmen.

Studienfach: Psychologie

Aufenthaltsdauer: 09/2016 – 02/2017

Gastuniversität: İstanbul Şehir Üniversitesi

Gastland: Türkei


Rückblick

Bei Istanbul als Auslandsaufenthaltsziel stellt sich momentan bei den meisten bestimmt zunächst die Sicherheitsfrage. Ich hatte lange gehadert, ob ich das Semester wirklich antreten soll – die politische Lage im Land und die wiederholten terroristischen Anschläge hatten mir und auch meinem Umfeld große Sorge bereitet. Im Nachhinein bin ich sehr glücklich, das Semester angetreten zu haben. Ich bin bewusst mit dem Vorsatz nach Istanbul gefahren, den Auslandsaufenthalt jederzeit abzubrechen wenn ich mich nicht wohl oder nicht sicher fühle. Selbstverständlich ist diese „Gefühlsebene“ nicht objektiv und schützt auch nicht vor gefährlichen Situationen in der Stadt. In Istanbul habe ich dann nach einigen Tagen und Wochen gemerkt, dass sich das Sicherheitsgefühl im Alltag wenig vom Alltag zuhause unterscheidet. Mir war genauso mulmig in Berlin gewesen wie später in Istanbul, wenn ich große Menschenmassen oder Polizeitruppen auf den Straßen sah. In der Zeit meines Aufenthalts gab es leider in beiden Städten Anschläge – einen wirklichen Unterschied hätte es für mich gefühlt also nicht gemacht. Ich habe bewusst darauf verzichtet, an Veranstaltungen mit großen Menschenmengen teilzunehmen und habe z.B. Silvester zuhause gefeiert (wie die meisten Istanbuler_innen übrigens auch). Sicherlich muss sich jede_r individuell überlegen, ob sie/er sich der politisch angespannten Lage dort aussetzen möchte. Andererseits fand ich es gerade wichtig für mich, die Situation vor Ort zu sehen, versuchen zu verstehen und mit Einheimischen darüber zu sprechen, den Dialog zu suchen. Es hat mich ungemein bereichert, die Türkei nicht nur aus den Medien hier zu erleben, sondern wirklich dort zu sein und einen eigenen Eindruck zu bilden – aktuelle Geschehnisse kann ich so viel besser einordnen. Ich würde den künftigen Auslandsstudierenden raten, eigene Ängste und Unsicherheiten zu konkretisieren und dann zu überlegen, ob man trotzdem die Reise wagen möchte. Bestimmte Gefahren sind natürlich da und es ist sicherlich nicht sinnvoll, sich vor Ort nur angstvoll zu bewegen. Insgesamt war es eine wunderbare Zeit in Istanbul und der Türkei. Ich habe viel Neues gelernt – zur türkischen Sprache, zur Geschichte, Religion und aktuellen Politik der Türkei, zu interkulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten Türkei-Deutschland. Persönlich bin ich auch sehr an der Herausforderung des anderen Unisystems und der neuen Situation mit erst einmal völlig unbekannten Menschen und einer etwas anderen Art miteinander zu interagieren gewachsen. Es ist ein wunderschönes, komplexes Land, das es definitiv wert ist näher kennengelernt zu werden!

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