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Køpenhavns Universitet 2015/16

Nach einer neuerlichen Berlinkrise im letzten Herbst entschied ich mich wegzufahren, so
ganz spontan einen Flug zu buchen, irgendwohin, mal einen anderen Kontinent sehen, sich
auf die Suche nach dem Selbst begeben, allein im Schoß von Mutter Erde, wie in diesen
inspirierenden Filmen, über die immer jemand redet. Ein Blick aufs Bankkonto verhinderte
meine Selbstfindung, aber das Erasmusprogramm schien mir eine gute Alternative zum
Pilgern in Japan zu sein und ich setzte mich daran, eine Bewerbung zu schreiben; „Dänemark“
summte mein Kopf vor sich hin.


Studienfach: Europäische Medienwissenschaft
Aufenthaltsdauer: 09 /2015 – 01 /2016
Gastuniversität: Universität Kopenhagen
Gastland: Dänemark

4 Monate später saß ich dann mit all den anderen aufgeregten Viertsemestern in einem sehr großen Vorlesungssaal, der, seinen stolzen trotzend, nicht die Masse an fernwütigen Studierenden zu fassen vermochte, sodass manch einer an der Wand lehnen oder in der Tür stehen musste. Nachdem das
Gemurmel verstummt war, erhielten wir alle Informationen, die man benötigt, um Geld von der EU zu bekommen und eine Mappe, die das Wichtigste auf wenige Seiten komprimiert zusammenfasste und im Laufe des Auslandssemesters noch häufig konsultiert werden sollte.

Wenig später kamen die ersten Mails aus Dänemark, zuerst leise, verborgen im Spamordner, später laut schreiend als wichtig markiert an erster Stelle im Posteingang. Jens Borglind heißt der Mann in Kopenhagen, der fragende Mails in Sekundenschnelle beantwortet und viel netter ist, als sein Titel „International Officer“ vermuten lässt. Die finale Bewerbung ließ sich, nachdem ich alle nötigen Unterlagen akribisch zusammengesammelt hatte, bequem online erledigen und ich erwartete in freudiger Erregung mein Auslandssemester. Es war noch kurz Sommer, dann ging es los.

Studienfach: Europäische Medienwissenschaft
Aufenthaltsdauer: 09 /2015 – 01 /2016
Gastuniversität: Universität Kopenhagen
Gastland: Dänemark

Studium an der Gastuniversität

Mein erster Tag an der University of Copenhagen begann mit Applaus. Wir Erasmusstudierenden saßen gemeinsam mit den Erstsemestern im Audimax, wo eine feierliche Begrüßung stattfinden sollte und fühlten uns verbunden durch betretenes Schweigen. Punkt zehn Uhr (wir waren etwas zu früh) öffnete sich die schwere Tür und vier sehr wichtige Professor_innen (ob Männer oder Frauen weiß ich nicht mehr) traten ein und klatschten uns entgegen, ein charmantes Lächeln auf den Lippen: Congratulations! You are the best of the best, because you are sitting here and I have the honor to welcome you to one of the most prestigious universities throughout Europe, the University of Copenhagen! (Applaus). Zwischendurch wurde noch mehr gesagt, aber das fand ich nicht so interessant. Ich schaute in die Gesichter der anderen und fragte mich, ob die wirklich alle so gut sind, heimlich hoffend, dass dem nicht so ist.

Mit dem Arbeitsklima, den Professoren und meiner gesamten Studienumgebung war ich sehr zufrieden. Da ein Seminar inklusive Hausarbeit oder mündlicher Prüfung in Kopenhagen mit 15 ECTS bepunktet wird, war es ein leichtes, die geforderten 30 ECTS zu erreichen und ich konnte meine work-life-balance auf Vordermann bringen, wenn man das so sagen kann. Für eine derart große Universität ist das Studienklima erstaunlich familiär, die Seminare mit 15-25 Leuten ziemlich gemütlich und der Kontakt zu den Professoren persönlich. Schnell fühlte ich mich zu Hause an diesem Ort in der Fremde, angenommen und verstanden, konnte mein Wissen einbringen, vertiefen und neues erwerben, obwohl das stete Bangen der Prüfungen wegen in meinem Hinterkopf pochte. Ich musste mich entscheiden zwischen 20-seitigen Hausarbeiten und 30-minütigen mündlichen Prüfungen. Die Wahl fiel leicht, manchmal kann ich gut reden, dachte ich und setzte meine Kreuze online bei oral exam.

Das Internet war sowieso ein steter Begleiter auf meinem Weg durch das Erasmussemester.  Professor_innen tummelten sich auf facebook und sendeten mir Freundschaftsanfragen, die ich nach kurzem Zögern annahm, posteten Fotos von ihren Orchideengärten und Kanarienvögeln und gründeten Gruppen zur Organisation der Seminare. Wo bleibt da die Medienreflexion, fragte ich mich und versank zufrieden in der betörenden Wärme sozialer Netzwerke. Schließlich nahte nach den Herbstferien die Stunde der Wahrheit, the best of the best, dröhnte es in meinen Ohren, ich wollte kein Zweifler sein, doch zweifelte; Themen brauchte ich für die Prüfungen, Inspiration für Projekte, jeweils garniert mit  Syllabi, bestehend aus 1200 Standardseiten (2400 Zeichen inkl. Leerzeichen). Ich las viele Bücher und vertiefte mich in ein Transmediaprodukt, in Kopenhagen ist das noch die Zukunft. Meine Zeit verbrachte ich zunehmend in der stets geöffneten Bibliothek mit ihren nicht enden wollenden Regalen angefüllt mit wertvollen Büchern, meist auf Englisch, manchmal auf Deutsch, nie aber auf Dänisch und gemütlichen Sofas, auf denen sich auch Nächte verbringen lassen, sofern man im entscheidenden Moment der Sicherheitskontrolle ein Buch auf dem Schoß hat und ein Auge halb zu öffnen vermag. Die technische Ausstattung ist gut, der Zugang allerdings zeitlich beschränkt und die Kameras sind nicht von Canon oder Sony, sondern von Panasonic.

Irgendwann war ich fertig, zweimal 12 Punkte, Höchstpunktzahl. The best of the best brüllte mein Hirn, ich schaute nach unten auf der Suche nach dem Boden der Tatsachen und fand ihn, zurück in Berlin, überwältigt von Bürokratie. In Kopenhagen kocht man auch nur mit Wasser, um bei abgegriffenen Metaphern zu bleiben, das Leistungsniveau ist ziemliches Mittelmaß, vielleicht hatte ich aber auch nur Glück.

 

 

Kontakte zu einheimischen und ausländischen Studierenden

Nun war ich ja nicht nach Kopenhagen gekommen, um inspirierende Menschen zu treffen und wilde Parties zu feiern, sondern auf der Suche nach Ruhe, Enthaltsamkeit und, um die Essenz moderner lifestyle-Magazine zu bemühen, Entschleunigung. Ich gab mich unnahbar, kam weder zur Campusschnitzeljagd noch zum International Breakfast und beschränkte mich darauf, über den Charakter meiner Mitstudierenden nach ihrem Gang zu urteilen. Die meisten gingen mit starren Armen und gesenktem Kopf.

Ich wiederum ging auf in meiner Rolle als Sonderling, genoss die Stille des kleinen Zimmers im Haus einer Schriftstellerin, in dem ich anfangs wohnte, besuchte Ausstellungen und Museen, las viel und gut und widmete mich einzig und allein mir selbst, keine Verabredungen, keine flüchtigen Grüße im Foyer, keine Veranstaltungen, auf denen jeder trinkt und steht, um zu vergessen, dass er sich langweilt. Sogar einen geregelten Alltag eignete ich mir an, um 8 aufstehen, Kaffee, Müsli mit Banane und Apfel, Fahrradfahren zur Uni (18 Minuten), Seminar, ein mitgebrachtes belegtes Brot zum Mittag, studieren und schreiben in der Bibliothek, nachmittags Kaffee, um 6 nach Hause, kochen, essen, Tagesschau, Zeitung, Buch, um 12 schlafen, alle 4 Tage einkaufen für 200 Kronen, 50 Kronen am Tag, 6,7€. Ich war glücklich.

Nach einigen Wochen als urbaner Eremit setzte sich jemand zu mir, Kameramann aus Holland, wirres Haar, braune Augen, jung, talentiert. Guter Gang. Wir redeten ernst und lange und entschieden, gemeinsam an einem Transmediaprojekt zu arbeiten, begannen mit einer Prämisse, formten Charaktere und schrieben erste Dialogzeilen. Die Ideen entwuchsen unserer Arbeitskapazität und wir suchten uns einen Dritten: Däne, beliebt bei Frauen, Videospielenthusiast, langes Haar, braune Augen. Seltsamer Gang. Wir verbrachten viel Zeit gemeinsam und skipped the bullshit, wie der Holländer sagen würde, es gab keinen Smalltalk, ich hatte zwei Freunde. Das ist ok, dachte ich, aber mehr sollen es auch nicht
werden.

Schließlich zog ich dann zum Dänen, da er ein billiges Zimmer frei hatte, sehr reich war und ich meine Miete nur noch mit Mühe zahlen konnte. Plötzlich wurde ich eingeladen zu Big-Lebowski-Drink-Alongs und Halloweenparties mit Kostümpflicht, saß brasilianische Drinks schlürfend auf Wohnheimsofas und fuhr samstags manchmal nach Christiania, ehemals utopische Hippiekommune, heute Touristenattraktion und Zentrum des Kommerzes, ein bisschen traurig also. Ich erlebte, was man gemeinhin wohl als typische Erasmuserfahrung bezeichnen würde, begann eine Liaison mit einer rothaarigen Holländerin, ohne ein Erasmusbaby zu zeugen und vergaß meine Vorsätze. Schließlich, es war so um Weihnachten, stritten der Holländer und der Däne und der Däne schlug dem Holländer eine Fensterscheibe ein, was die Gruppendynamik störte und den Dänen langsam vom Freund zum Mitbewohner werden ließ. Ich dachte an seinen Gang und war zufrieden.

 

 

Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt

Bereits vor meinem Auslandsaufenthalt war ich des Englischen mächtig, das wurde mir ordnungsgemäß bescheinigt. Nichtsdestotrotz verbesserte sich meine Sprachfertigkeit rapide durch den täglichen Gebrauch im privaten und universitären Kontext. Ich begann auf Englisch zu lesen, zu schreiben und zu träumen und die anfängliche Anstrengung, die der ständige Gebrauch einer Fremdsprache mit sich bringt, wich schnell einer angenehmen philologischen Distanz. Außerdem besuchte ich einen zweimal wöchentlich stattfindenden Dänischkurs, der einen interessanten Einblick in die Sprache gab, jedoch wenig praktischen Nutzen hatte. Meine ersten Gehversuche auf Dänisch wurden zunichte gemacht von der flächendeckenden Sprachbildung. We can also switch to English. Oder deutsch, wenn du magst. Manchmal sagte ich noch tak im Supermarkt und fühlte mich sehr heimisch, kann aber auch gut verstehen, dass sich darüber hinausgehend niemand mit halbgarem dänischen Gestammel herumschlagen möchte.

Wenn man sehr ehrlich ist, muss man zugeben, dass Dänisch für Erasmusstudierende eine verhältnismäßig nutzlose Sprache ist. Vielleicht hilft sie beim kulturellen Verständnis, das wage ich nicht zu bewerten, aber bei 5,3 Millionen Muttersprachlern, die fließend Fremdsprachen beherrschen und Studieninhalten, die auch für Dänen grundsätzlich in englischer Sprache gehalten sind, hält sich der praktische Nutzen in Grenzen. Nichtsdestotrotz erschien es mir sinnvoll, sich mit der Intonation und Grammatik einer skandinavischen Sprache auseinanderzusetzen, vielleicht möchte ich ja nochmal Schwedisch lernen. Oder Norwegisch.

Wohn- und Lebenssituation

Ich sage es gleich: Der Wohnungsmarkt in Kopenhagen ist furchteinflößend. Bei den utopischen Preisen und winzigen Zimmern, die wabenartig die Stadt überspannen, ausnahmslos belegt oder doppelt belegt und anstelle eines Badezimmers nur mit einer winzigen Nasszelle ausgestattet sind, erscheint mir das Jammern über Berliner Mietwucher wie das Geschrei eines Kleinkindes, das nach dem Kartoffelauflauf noch Nachtisch haben möchte. Als ich eine erste Nachricht der Kopenhagener housingfoundation erhielt, dachte ich mir, dass ich nicht in einem Wohnheim wohnen möchte und mir auch selbstständig was suchen kann, in Deutschland hat es schließlich auch immer geklappt. Das beruhigte mich und ich war froh, erstmal keine Bewerbung schreiben zu müssen. So schob ich das Wohnungsproblem vor mir her bis zum August, in dem ich panisch sämtlichen Facebookgruppen beitrat, jedes noch so hässliche Zimmerinserat auf housinganywhere als Strohhalm betrachtete und mein dürftiges Dänisch bemühte, um auch die regionalen Mietangebote mit meinen Nachrichten überfluten zu können.

Einmal schrieb mir jemand zurück, dass ich leider nicht einziehen könne, das war die einzige Antwort und ich begann mich zu fragen, ob die Regierung inexistente Zimmerinserate online stellte, um dem potentiellen Bürger einen funktionierenden Wohnungsmarkt zu suggerieren. Da ich meine Standards nicht weiter senken konnte, durchforstete ich erfolglos airbnb und schließlich couchsurfing, sah mich schon frierend am Bahnhof kauern, die Nadel am Arm. Einen Tag vor Abreise dann die Erlösung: Ein schwuler veganer Couchsurfer ohne Profilbild war bereit, die ersten Nächte sein Bett mit mir zu teilen. Immerhin etwas, dachte ich und verbannte meine sadomasochistischen Horrorfantasien in die endlosen Tiefen meiner Hirnwindungen. Ich hatte Glück, er war offen und warmherzig, schenkte mir Vertrauen und ließ mich auf seinem Fahrrad die Stadt erkunden. Nach einigen Tagen dann aus heiterem Himmel die frohe Botschaft: Eine Schriftstellerin hatte mein verzweifeltes Gesuch in einer Facebookgruppe gelesen und war bereit mir zum Preis von 4500dkk Unterschlupf zu gewähren. Ich verschwendete keine Zeit mit Umrechnen; die kapitalistische Gesellschaft basiert auf unserem Glauben an den Wert des Geldes, darunter ist ein weites Nichts, dachte ich noch kurz und schrieb euphorisch zurück, nichtsahnend, dass ich soeben ein Zimmer für 600€ gemietet hatte.

Ich wohnte schön und einsam, genoss die Ruhe, kaufte mir ein Fahrrad und scheute den Blick aufs Konto. Es war die beste Investition des Jahres und abseits eines touristischen Blicks in die fahrerlose Metro mied ich die öffentlichen Verkehrsmittel und genoss meine täglichen Fahrradtouren, den rauen Seewind im Haar. (Eine Ausnahme war der Transport eines von Architekturstudierenden entliehenen und sehr schweren Fensters in der S-Bahn, aber das ist eine andere Geschichte.) Meinem bescheidenen Lebensstil zum Trotz waren meine finanziellen Rücklagen bald aufgebraucht, ich reduzierte auf zwei Mahlzeiten am Tag, ging nie aus, dafür aber hin und wieder containern. Nach zwei Monaten zog ich dann zum Dänen und konnte mir auch manchmal Schokolade leisten. Einzig Bier und Tabakpreise sind im Supermarkt moderat, hoch lebe die trinkende und kettenrauchende Königin! Ob sie wohl etwas damit zu tun hat? Ich weiß es nicht, aber ich gehe davon aus.


Rückblick

Jetzt bin ich also wieder hier, zurück in vertrauter Umgebung und umgeben von vertrauten Menschen, das klingt schön, ist es aber nicht. Um 9 aufwachen, um 12 aufstehen, den Dunst von gestern im Haar, Kaffee, leerer Kühlschrank, fades Brötchen wer weiß woher, 1,5 Stunden Regio, verschlafen, verkatert, verspätet, stinkend und sinkend auf dem Weg zur Uni, schlecht gelaunt, schlecht genährt und fast kotzend vom Gestank, Geheule und Geschaukel der Bahnen, ein bisschen in der Uni hocken und Zeit verschwenden, jaja ich bin wieder da, hm voll gute Erfahrung, so im Ausland, mal Kaffee trinken gehen und so, zur Mensa, zu mies und zu müde, scheiß Regen, Kopfschmerzen, aber Verabredung in 2 Stunden, also wieder Bahnfahren, verspätet, durchnässt und frierend ins Kino, dann Bier und irgendwann kurz schlafen, den Lärm vorm Fenster, Geld? keine Ahnung, hab ich nicht.

Jetzt schreibe ich über Berlin, das nervt, das kann jeder und interessiert auch keinen, aber ich könnte hier auch von erweiterten Horizonten und kulturellem Austausch schreiben. Reverse Culture Shock sagen die Klugscheißer unter euch, das ist aber falsch, dafür bin ich nicht der Typ. Zieh doch nach Potsdam, sagen die praktisch Veranlagten; das habe ich auch mal versucht, hat aber nichts genützt, Berlin ist ja trotzdem um die Ecke. Es ist ja nicht alles schlecht: Ich mag mein Studium und ich mag ein paar Leute, aber die meisten mögen die Großstadt und die Großstadt mag sie, ich bin da anders, ein Spießer vielleicht, aber was soll’s. Das war wohl die wichtigste Erkenntnis aus Kopenhagen, am Ende hätte ich sonst gedacht, es stimmt etwas nicht mit mir, hätte mir irgendwelche Unterfunktionen angedichtet, Berlin ist ja schließlich das Nonplusultra, sagt man doch so, aber der Hype ist vorbei, es muss nur mal jemand zugeben, der nicht für hippe Onlinemagazine schreibt.

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