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Erfahrungsbericht über ein Auslandssemester an der K.U. Leuven

Ursprünglich hatte ich mich gar nicht für ein ERASMUS-Semester beworben. Denn der reguläre Be-werbungszeitraum für das ERASMUS-Auslandssemester an der Universität Potsdam endete bereits ein paar Wochen nachdem ich dort das Masterstudium begonnen hatte. Auch wenn ich mir damals durchaus vorstellen konnte, ein Semester im Ausland zu studieren, stand für mich damals zunächst im Zentrum mich in meinem Studium in Potsdam einzufinden. Letztendlich ist es mir dann im Früh-jahr gelungen über die Restplatzbörse einen Studienplatz an der K.U. Leuven (KUL) zu bekommen.


Studienfach: Verwaltungswissenschaft

Aufenthaltsdauer: 09 /2011 – 02 /2012

Gastuniversität: Katholieke Universiteit Leuven

Gastland: Belgien

Die KUL deshalb, weil sie in meinem Studienfach – aber auch darüber hinaus – einen hervorragenden Ruf genießt. Leider ist jedoch das Studienangebot im Bereich Verwaltungs- und Politikwissenschaften für ERASMUS-Studierende deutlich eingeschränkt. Konkret lässt die Sozialwissenschaftliche Fakultät ERASMUS-Studierende Kurse mancher Studiengänge (Master of Eu-ropean Politics and Policies sowie European Transnational Studies) gar nicht oder nur sehr begrenzt belegen. Das widerspricht durchaus dem an dieser Uni eigentlich nach Außen sehr gepflegten euro-päischen Image. Mir bereitete das während der Planung meines Auslandssemesters durchaus Kopf-zerbrechen, ich war durchaus geneigt deshalb meine Bewerbung zurückzuziehen, gleichwohl konnte ich mit dem „verbleibenden“ Studienangebot doch leben. Und letztlich war das Angebot dann auch ausreichend, um sich ein sinnvolles Studienprogramm zusammenzustellen. Der Bewerbungsprozess lief nach meiner Nominierung durch die ERASMUS-Koordinatorin weitgehend problemlos und schon nach wenigen Wochen hielt ich mein „Letter of Admission“ aus Leuven in den Händen. Damit konnte es an die Wohnungssuche gehen.

Unterkunft

Die Frage der Unterkunft ist in Leuven ein schwieriges Thema. In Leuven herrscht akuter Wohnungs-mangel für Studenten. Universität und Stadt haben inzwischen reagiert und ein Bauprogramm zur Errichtung weiterer 3000 Wohnungen (Relationen: Einwohnerzahl Leuven knapp 100.000, Studenten 40.000) gestartet. Bis diese Wohnungen bezugsfertig sind wird es aber noch eine Weile dauern, so dass ich mich mit einem angespannten und dementsprechend hochpreisigen Wohnungsmarkt einer typischen Studentenstadt konfrontiert sah. Einen Platz in einem der wenigen Studentenheime zu bekommen ist – trotz reservierter Heimplätze für ERASMUS-Studierende – äußerst schwierig (Erfolgsquote im WS 2011/2012 laut KUL 10%). Insofern musste auch ich mir eine Bude auf dem freien Wohnungsmarkt suchen. Viel Unterstützung bekommt man hier vom „Housing Service“ der KUL. Dieser verfügt über eine Liste von Leuvener Studenten, die ihr Zimmer während ihres Auslandssemesters vermieten. Darüber hinaus kann man aber auch bei Problemen mit dem Vermieter und Rechtsfragen auf die Unterstützung des „Housing Service“ bauen. Man sollte jedenfalls seinen Mietvertrag vor Unterschrift durch den „Housing Service“ überprüfen lassen, wenn er nicht dem Standard-KUL-Muster entspricht. Als Faustregel kann man fest davon ausgehen, dass man wesentlich mehr zahlt als auf dem Berliner Wohnungsmarkt und das auch noch für wesentlich weniger Wohnraum. Denn Vermieter in Leuven haben ein außerordentliches Talent darin, auch noch den letzten Winkel ihrer Häuser vermietbar zu gestalten – auch wenn dafür der Fahrradkeller umfunktioniert wird oder Plastikwände im Innenhof eingezogen werden, um ein weiteres „Zimmer“ zu schaffen. Ich zahlte pro Monat knapp 400 EUR für ein möbliertes Zimmer mit zwölf qm, eigener Kochnische und eigenem Bad/WC, was in Leuven als Zimmer mit „Studio-Komfort“ bezeichnet wird und als großer Luxus angesehen wird. Der Preis hierfür war im Leuvener Vergleich auch noch relativ günstig.

Studium an der Gasthochschule

Die KUL hat bei mir einen insgesamt sehr positiven Eindruck hinterlassen. Hervorzuheben ist zunächst die zwar sehr bürokratisch anmutende gleichwohl aber hervorragende Studienorganisation an dieser Universität. Die Verwaltung der KUL arbeitet pedantisch (wehe man vergisst ein Formular…) aber hocheffizient. Man kann sich insbesondere während der Prüfungsphase hundertprozentig darauf verlassen, dass man über Zeit und Ort sowie bei mündlichen Prüfungen time-slots rechtzeitig und zuverlässig informiert wird. Online-Lernportal, Kursinformationen, Kursbelegungssystem und Bibliotheksdatenbanken sind technisch auf hohem Niveau und arbeiten überaus zuverlässig. Von wegen „deutsche“ Gründlichkeit - an der KUL habe ich die Flamen als die wahren Meister des Ordnungssinns kennengelernt. Die Prüfungstermine werden beispielsweise bereits am Anfang des Semesters bei der Kursbelegung fast stundengenau festgelegt und während der Prüfungsphase steht ein unabhängiger „Ombudsservice“ quasi rund um die Uhr zur Verfügung, um zwischen Student und Universität zu vermitteln, sollte es zu Unregelmäßigkeiten kommen.

Die im Bereich Politik- und Verwaltungswissenschaften an der KUL erlebte Lehre bewegt sich akademisch und didaktisch auf sehr hohem Niveau. Ausnahmen – d.h. Ausrutscher nach unten – gab es natürlich auch bei manchen Professoren, aber die konnten mein positives Gesamtbild nicht trüben. Das Lehr- und Prüfungssystem ist jedoch definitiv wesentlich verschulter als an der Universität Potsdam in vergleichbaren Fächern und deshalb hieß es gerade am Ende während des einmonatigen  Prüfungszeitraums: lernen, lernen, lernen! Leuvener Professoren legen Wert darauf, dass Studenten ihrer Kurse drei Dinge beherrschen: a) den Inhalt der Vorlesungen b) die umfangreiche Kursliteratur verinnerlicht haben c) intensiv die Lehrinhalte selbst reflektiert haben. Das deutsche Konzept der Hausarbeit wird hier nicht gepflegt, stattdessen wurde ich am Ende im Hinblick auf die drei  vorgenannten Punkte in schriftlichen und mündlichen Prüfungen getestet. Der eklatanteste Unterschied zum Potsdamer Studium war jedoch die ECTS-Bewertung der Kurse. Hier kann man ohne jede  Übertreibung feststellen, dass Leuven im Vergleich zu Potsdam den Workload von Kursen um die Hälfte niedriger einschätzt. Das heißt, ich hatte im Vergleich zu meinem Potsdamer Studium doppelt so viele Kurse zu belegen, deren Arbeitsaufwand aber keineswegs geringer war als in einem Potsdamer Kurs. Das führt nach meiner Einschätzung die mit dem ECTS-System angestrebte Vergleichbarkeit ad absurdum.

Alltag und Freizeit

Leuven ist eine typische Studentenstadt, die – trotz deutlich höherer Lebenskosten als in Berlin – für Studenten eine hohe Lebensqualität bietet. Jede Fakultät verfügt über eine eigene Bar – sog. „Fakbar“ – in der Leuvener Innenstadt. Hier kann zu Spottpreisen Alkohol konsumiert und gefeiert werden. Das ist auch die Hauptbeschäftigung fast aller Studenten an der KUL – allerdings nur von Sonntag bis Donnerstag – denn am Freitag setzt „der Exodus“ ein. „Der Exodus“ bezeichnet ein spezielles belgisches Phänomen, nämlich dass das Wochenende am Heimatort in der elterlichen Wohnung verbracht wird. Das führt dazu, dass Leuven sich am Freitag abrupt leert, während gegen Sonntagabend sich tausende Rollkoffer durch die Stadt schlängeln. Für den internationalen Studenten, der nicht jedes Wochenende die Heimreise antritt, ein etwas verstörendes Phänomen und gerade deshalb ist es wichtig, dass man auch Kontakt z.B. zu anderen ERASMUSlern hält, damit die Wochenenden nicht in völliger Vereinsamung enden. Flämische Studenten fragen einen jedenfalls meist äußerst besorgt, ob und wie man es denn geschafft hat, ein Wochenende im entleerten Leuven zu überstehen. Ansonsten bietet Leuven als äußerst wohlhabende Stadt, die sich ein breites kulturelles Angebot leisten kann, und natürlich auch durch die Nähe zu Brüssel (20 min. mit dem Zug) einen hohen Freizeitwert.

Studienfach: Verwaltungswissenschaft

Aufenthaltsdauer: 09 /2011 – 02 /2012

Gastuniversität: Katholieke Universiteit Leuven

Gastland: Belgien


Rückblick

An der KUL würde ich jederzeit wieder studieren. Das größte Plus eines Studiums in Leuven ist die hohe akademische Qualität der Lehre, die anspruchsvolle, das eigene Fortkommen befördernde, Atmosphäre an der Fakultät und das einzigartige Flair dieser altehrwürdigen, jahrhundertealten Universität. Daneben ist das in Deutschland kaum wahrgenommene Belgien ein vielschichtiges, gastfreundliches Land mit hoher Lebensqualität, das sich dem Neuankömmling jedoch nicht aufs erste und ohne weiteres erschließt. Um hier wirklich tiefer zu dringen fehlte mir jedoch aufgrund der an der KUL herrschenden hohen Studienbelastung (siehe ECTS-Kritik oben) meist einfach die Zeit, weshalb die kulturellen Erfahrungen während meines Auslandssemesters äußerst begrenzt waren.

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