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Projektbeschreibung

Das Forschungsprojekt in deutsch-namibischer Kooperation setzt sich zum Ziel, das Deutsche im gegenwärtigen Namibia zu erfassen und zu untersuchen. Der zu dokumentierende Sprachgebrauch ist maßgeblich durch intensiven Sprachkontakt geprägt. Die ursprünglich auf die Kolonialzeit zurückgehende deutschstämmige Bevölkerung Namibias umfasst heute rund 20.000 Personen und damit etwa ein Viertel der Bevölkerung mit europäischem Hintergrund. Die SprecherInnen sind zum Großteil mindestens dreisprachig Afrikaans-Englisch-Deutsch, hinzu kommen oft noch unterschiedlich stark ausgeprägte Kenntnisse afrikanisch-namibischer Sprachen (etwa Otjiherero, Nama/Damara oder Oshiwambo). Im Gegensatz zu anderen deutschen Sprachinseln, die typischerweise vom Aussterben bedroht sind, gibt es in Namibia eine vitale, aktive SprecherInnengemeinschaft, die das Deutsche in informellen ebenso wie in formellen Kontexten nutzt. Wiewohl eine Minderheitensprache, ist Deutsch nicht nur auf die Alltagskommunikation in der Familie beschränkt, sondern wird auch in öffentlichen Kontexten und auch im formellen Register (Schule, Kindergarten, Kirche, Medien) verwendet. Im Tourismus und einigen Bereichen der Wirtschaft hat Deutsch darüber hinaus auch als Berufssprache eine große öffentliche Präsenz.
Die SprecherInnengemeinschaft nutzt und pflegt das Deutsche generationenübergreifend. Sie ist wegen ihrer aktiven Mehrsprachigkeit dabei als besonders dynamisch zu beschreiben: Der mehrsprachige Kontext hat Effekte auf die gesprochene Umgangssprache, die etwa im Bereich des Wortschatzes in Form zahlreicher Entlehnungen aus dem Afrikaans und dem Englischen deutlich werden. Erste Befunde, die auf den Daten aus einer ersten Pilotstudie basieren, lassen darüber hinaus grammatische Entwicklungen erkennen, die nicht nur auf kontaktsprachliche Interferenzen zurückzuführen sind, sondern auf sprachliche Innovationen und Interaktionen von kontaktsprachlichen und binnenstrukturellen, im Deutschen angelegten, Tendenzen hinweisen. Zudem ist mit einem interessanten Geflecht von spracheinstellungsbezogenen Besonderheiten zu rechnen: Einerseits dient das Deutschlanddeutsche gerade in Bildungskontexten als Prestigevarietät und nicht-kanonische sprachliche Strukturen werden generell oft negativ bewertet, andererseits fungieren gerade die namibia-spezifischen Formen als positiv besetzte gruppenidentitätsstiftende Merkmale der deutschsprachigen NamibierInnen.
Die Erforschung der grammatischen Besonderheiten des Namdeutschen sowie die Analyse der sprachideologischen und einstellungsbezogenen Positionen in seiner SprecherInnengemeinschaft stellen zwei zentrale einander ergänzende theoretische Ziele des Projekts dar. Die Interpretation der Ergebnisse soll durch eine Perspektive auf Deutsch in weiteren mehrsprachigen Kontexten mit teils sehr unterschiedlichen soziolinguistischen Parametern gestützt werden, wozu deutsche Sprachinseln in Mittel/Ost-Europa und in Übersee, aber auch das sich in Deutschland entwickelnde Kiezdeutsche zählen.
Ein wichtiger empirischer Ertrag des Projekts wird ein systematisches Korpus von informellen und formellen Gesprächsdaten zum Deutschen in Namibia und Spracheinstellungen in der deutschsprachigen Gemeinschaft in Namibia sein, das allgemein zugänglich und für eine große Bandbreite von Forschungsfragen nutzbar sein wird.