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Stressfest im Stresstest – Ein Besuch im Labor von Prof. Dr. Pia-Maria Wippert

Stresstest im Stresslabor
Stresstest im Stresslabor
Stresstest im Stresslabor
Pia-Maria Wippert
Photo : Sandra Scholz
Stresstest im Stresslabor
Photo : Sandra Scholz
Stresstest im Stresslabor
Photo : Sandra Scholz
Stresstest im Stresslabor
Photo : Karla Fritze
Pia-Maria Wippert, Professorin für Medizinische Soziologie und Psychobiologie

Ein schlichter weiß gestrichener Raum im historischen Haus 12 am Neuen Palais, ein Tisch, drei Stühle. Nichts deutet darauf hin, dass es hier gleich stressig wird. Oder doch? Vor dem Tisch steht ein Mikrofon im Ständer, an der Rückseite befindet sich ein verspiegeltes Fenster, durch das alles, was hier geschieht, unbemerkt aus dem Nebenraum beobachtet werden kann. In einer Ecke thront eine Videokamera auf einem Stativ.

„Das Setting ist exakt genormt“, erklärt Pia-Maria Wippert, Professorin für Medizinische Soziologie und Psychobiologie. Genormt für Stresstests, die hier im Labor, das die Wissenschaftlerin eigens für ihre Forschung eingerichtet hat, regelmäßig durchgeführt werden. Wie Stress entsteht und vor allem wie er sich auswirkt, zählt zu den Forschungsschwerpunkten der Wissenschaftlerin. Doch dafür muss er zuallererst erzeugt und natürlich erfasst und analysiert werden.

„Der Test soll Stress auslösen“, erklärt die Forscherin. „Denn den wollen wir messen.“ Das erfolgt unter anderem in Form des Hormons Cortisol, das uns leistungsfähig macht, wenn es darauf ankommt. In solchen Situationen setzt der Körper neben Cortisol auch Noradrenalin und Adrenalin frei. Mit ihrer Hilfe erhält das Gehirn schnell Glukose, damit wir konzentriert und belastbar sind. Cortisol steigert zudem den Blutdruck, beschleunigt die Atemfrequenz und lässt das Herz schneller pumpen. Gleichzeitig wirkt das Stresshormon positiv auf das Immunsystem ein und hemmt Entzündungsprozesse. Nachweisbar ist es beispielsweise im Speichel. Deshalb werden vor, während und nach dem Test – je nachdem, worauf die Forschenden gerade schauen – bis zu acht Speichelproben genommen, um zu bestimmen, wie sich der Cortisolspiegel entwickelt. Da es einige Zeit dauert, ehe das Hormon im Körper wirkt, beginnt der Stresstest eigentlich schon vor dem Gespräch: Die Testpersonen bereiten sich allein vor, im Ungewissen darüber, was kommt. Schon hier legt der Körper den Schalter um. Zehn Minuten später geht es dann richtig los.

Drei Personen betreten den Raum, nehmen auf den Stühlen hinter dem Tisch Platz, legen Dokumente vor sich ab. Anschließend kommt ein junger Mann herein, wird gebeten, sich vor ihnen ans Mikrofon zu stellen. Er wirkt angespannt, bemüht, ruhig zu bleiben. Die drei vor ihm schauen streng, ausdruckslos. Das hilft sicher nicht. Er wird aufgefordert rückwärts zu rechnen, zügig. Er wirkt sichtlich angestrengt, die Prüfenden unzufrieden. Ich bin gestresst, obwohl ich nur zuschaue. Wie mag es dem „Prüfling“ gehen?

„Tatsächlich erleben wir Stressreaktionen auf verschiedenen Ebenen“, sagt Pia-Maria Wippert. „Emotional etwa, unsere Stimmung ist davon direkt betroffen, aber auch kognitiv, denn wir bewerten und durchdenken die Situation unmittelbar.“ Die am häufigsten mit Stress verbundene physiologische Reaktion wiederum ist selbst komplex. Immerhin sind fünf Hormonachsen beteiligt und geraten durch die Ausschüttung von Cortisol & Co. – durchaus gewollt – ins Ungleichgewicht. Denn Stress ist nicht per se schlecht, macht die Wissenschaftlerin deutlich. „Wir brauchen eine gewisse Anspannung, um uns an verschiedene Situationen anpassen zu können. Wenn wir gesund sind und ausreichend Ressourcen haben, sind wir dann auch nicht ‚gestresst‘, sondern entwickeln uns weiter.“ Eigentlich verfügt unser Körper über Systeme, mit denen er die Cortisolausschüttung beenden und das Gleichgewicht wiederherstellen kann. Zum Problem wird Stress, wenn er uns auf dem falschen Fuß erwischt, wenn unser Körper zu oft oder zu starken Stressspitzen ausgesetzt ist. Besonders Kinder und Jugendliche sind dafür in bestimmten Entwicklungsphasen anfällig, erklärt Pia-Maria Wippert. „Gerade in den ersten Lebensjahren entwickelt sich das Gehirn stark und steht im direkten Austausch mit der Ausbildung der Hormonachsen. Starke Stressreaktionen, etwa durch ein frühkindliches Trauma, können zu einer Dysfunktion, das heißt zu einer Umprogrammierung des Funktionslevels der Hormonachsen führen und damit lebenslang Auswirkungen haben.“ Aber auch Erwachsenen tut Cortisol-Dauerfeuer nicht gut. „Wenn es keine Ruhephasen mehr gibt, in denen der Körper ins Gleichgewicht findet, oder aber ein schwerwiegendes Ereignis zu sehr starken Stressreaktionen führt, gibt es Überbeanspruchungs- und Abnutzungseffekte.“ Dass wir unter Dauerstress in die Knie gehen, wird in der Forschung „allostatische Last“ genannt. Diese wiederum kann uns krankmachen, und zwar auf verschiedenste Weise: Inzwischen werden Herz-Kreislauf-, Autoimmun-, psychische und Diabetes-Erkrankungen ebenso mit Stress in Verbindung gebracht wie Schädigungen der Knochen, der Zellregeneration, des Verdauungstrakts und der DNA. Stress macht uns buchstäblich kaputt.

Pia-Maria Wippert erforscht unter anderem die Auswirkungen von Stress auf unsere Knochen und hat Verblüffendes festgestellt: „Wir konnten zeigen, dass sich bei Menschen mit hoher Stressbelastung der Knochenstoffwechsel umstellt und es zu einer Abnahme der Dichte der Knochen kommen kann.“ Diese brechen also schneller und heilen schlechter.

Ein zweiter wichtiger Forschungsschwerpunkt der Potsdamer Stressforschung ist die Frage, wie dieser sich auf andere relevante Erkrankungen wie zum Beispiel muskuloskelettalen Erkrankungen auswirkt. „Schmerzerkrankungen sind weltweit die ‚Nummer 1‘. Und sie werden zunehmen“, so die Forscherin. „Aktuell leiden weltweit allein rund 540 Millionen Menschen an unspezifischen Schmerzen im unteren Rücken.“ In verschiedenen Projekten wie im Projekt „MiSpEx“ oder aktuell im Projekt „RENaBack“ hat sie mit ihrem Team untersucht, wie Stress die Entstehung chronischer Schmerzen befeuert – und wie man Betroffenen helfen kann. Dafür haben die Forschenden mittlerweile bis zu 5000 Personen aus der Allgemeinbevölkerung sowie Patientinnen und Patienten von Reha-Kliniken untersucht: Sie analysierten Blut, Haar, Urin und miRNA auf Stressmarker, führten umfassende Befragungen durch und begleiteten Betroffen oft über mehrere Jahre. „Es ist uns so gelungen, die Zahl möglicher psychosozialer Einflussfaktoren, die für den Übergang einer akuten Schmerzepisode in einen chronischen Verlauf wichtig sind, von 250 auf acht zu reduzieren“, sagt die Forscherin. „So spielen die soziale Situation, vitale Erschöpfung, kritische Ereignisse und eben Stress eine wichtige Rolle.“ Daraus entwickelte das Team eine Diagnostik als Frühwarnsystem und eine Intervention, die den Betroffenen dabei hilft, ihr dauerhaft aus dem Gleichgewicht geratenes System wieder zu stabilisieren – durch moderates, individuell angepasstes Training.

Inzwischen ist der Stresstest abgeschlossen, der junge Mann „entlassen“. Jetzt geht die Arbeit hinter der Spiegelglasscheibe erst richtig los: Hier liegt das eigentliche Labor von Pia-Maria Wippert. Denn das Team analysiert die Speichelproben direkt vor Ort, führt die Ergebnisse mit den Auswertungen der Videoaufnahmen zusammen. Nur so sind die groß angelegten Studien vor Ort möglich, mit denen die Forscherin dem Stress zu Leibe rücken will.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2023 „Mentale Gesundheit“ (PDF).