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Gegen die Vergesslichkeit – Das Start-up memodio entwickelt eine App zur Demenzvorsorge

Jemand hält ein Smartphone in den Händen und hat die App von memodio geöffnet.
Photo : Tobias Hopfgarten
Die App von memodio

Wer über 50 ist und immer häufiger Namen, Termine oder Wörter vergisst, sollte sich Gedanken um seine Gesundheit machen. Denn Gedächtnisstörungen können ein Zeichen für frühe Demenz sein. Zwischen vier und sechs Millionen Menschen sind derzeit in Deutschland davon betroffen. Die Erkrankung ist chronisch und entwickelt sich schleichend zu einer ausgeprägten Demenz. Mit Ernährung, Sport, regelmäßigen Sozialkontakten und Übungen fürs Gehirn kann man aber einiges dafür tun, diesen Prozess zu verlangsamen. Das Start-up memodio entwickelt eine App für Betroffene, um das Vergessen aufzuhalten.

„Kein Mensch entwickelt von einem Tag auf den anderen eine Demenz“, erklärt Dr. Doron Stein. Das Vergessen kommt stattdessen schleichend. Zuerst bemerken Menschen ab 50 leichte kognitive Störungen: Sie vergessen häufiger mal etwas, haben Schwierigkeiten, die richtigen Wörter zu finden, sich zu orientieren oder sich zu konzentrieren. In Deutschland sind vier bis sechs Millionen Menschen in diesem Vorstadium der Demenz. Diese schreitet langsam voran und führt schließlich nach Jahren zu einer ausgeprägten Demenz, die ein selbstständiges Leben kaum noch zulässt. „Das größte Problem dabei ist: Diese Menschen werden nicht versorgt, denn bisher gibt es keine Therapie für die Prädemenz“, sagt Stein. „Die pharmazeutischen Unternehmen forschen seit mehr als 20 Jahren daran, bisher aber weitestgehend erfolglos.“

Kombi-Therapie für beginnende Demenz

In Sachen Demenzforschung ist der Mediziner auf dem neuesten Stand. 2021 veröffentlichte er ein Weißbuch mit aktuellen Forschungsergebnissen zur Versorgung der frühen Alzheimerkrankheit, die der wichtigste Auslöser für eine Demenz ist. Die Fachliteratur zeigt: Es gibt zwar kein Medikament gegen das schleichende Vergessen, aber durchaus einige Maßnahmen, die den fortschreitenden Abbau der Gedächtnisleistungen verlangsamen können. Sport, Ernährung, Gedächtnistraining, soziale Teilhabe und Management von Risikofaktoren sind die Waffen gegen die Demenz. Vor allem die Kombination all dieser Maßnahmen zeigte in Studien ihre Wirksamkeit, während jede für sich allein kaum gegen die frühe Demenz half.

Gegen den geistigen Abbau im Alter kann man also etwas tun – doch viele Menschen ahnen gar nicht, dass ihre Probleme eine Frühform von Demenz sind. Nur ein Bruchteil der Betroffenen ist derzeit richtig diagnostiziert. „Viele Patienten und auch Ärzte schieben es auf das zunehmende Alter, in dem man eben abbaut“, erklärt Doron Stein. Diesen Missstand möchte der Mediziner verändern – mithilfe einer App.

Gemeinsam mit dem Arzt Felix Bicu, der ebenfalls Spezialist für Demenzerkrankungen ist, und dem Software-Ingenieur Paul Zimmermann gründete er das Unternehmen memodio, das eine digitale Anwendung für Menschen mit früher Demenz entwickelt. „Das könnte so eine große Sache werden, das machen wir jetzt Vollzeit“, beschloss das Dreierteam, das sich bereits aus einem Vorläuferprojekt kannte. „Vollzeit“ – das heißt für die Gründer eine Arbeitswoche, die meist länger als 60 Stunden lang ist. „Gerade in der Gründungsphase muss man in sieben Tagen auch mal die Arbeit von zwei Wochen schaffen“, erklärt Paul Zimmermann, der das medizinische Wissen seiner Gründungspartner in eine Softwareanwendung gießt.

Mehr als nur Gedächtnistraining

Für den Programmierer ist dies eine Aufgabe mit einigen Herausforderungen: Die Zielgruppe hat leichte kognitive Einschränkungen, die er im Design der App berücksichtigen muss. Senioren haben zudem generell eine ganz andere Wahrnehmung und andere Bedürfnisse als jüngere Menschen. Welche genau das sind, finden die Gründer mit nutzerzentrierter Forschung, vielen Befragungen und Tests heraus. Die Profile sind so angelegt, dass sie auf den individuellen Gesundheitsstatus und den Fortschritt eingehen. Der Therapieplan entwickelt sich parallel dazu mit. „Man muss sich in die Nutzenden ganz anders hineinversetzen und anders vorgehen als bei einer gewöhnlichen App“, erklärt Paul Zimmermann.

Das Ergebnis der Arbeit kann sich aber schon jetzt sehen lassen: Für seine Geschäftsidee erhielt das Team 2021 ein EXIST-Gründerstipendium, mit dem das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz technologieorientierte und wissensbasierte Gründungen aus der Hochschul- und Forschungslandschaft unterstützt. Außerdem gewann es den Businessplanwettbewerb Berlin-Brandenburg. Ende des Jahres folgte die Unternehmensgründung zu einer GmbH. Einige Monate später gehören neben den drei Gründern schon sechs Angestellte zum Team und ein erster Prototyp der App ist fertig. Und diese geht weit über bisher bekannte Anwendungen für Gedächtnistraining hinaus.

„Wir bauen nicht einfach irgendeine App, sondern ein Medizinprodukt“, betont Paul Zimmermann. Der medizinische Wissensstand über die Prädemenz findet sich in einem umfangreichen Therapieplan wieder, der auf die Patientinnen und Patienten zugeschnitten ist. Die Gesundheits-App klärt die Nutzerinnen und Nutzer über die Krankheit auf, hilft dabei, Risikofaktoren wie schlechtes Hören und Sehen, Diabetes, Übergewicht und Herz-Kreislauferkrankungen zu managen. Das Gedächtnis wird mit Übungen für das Erinnerungsvermögen, die Reaktionsschnelligkeit und die Konzentration trainiert. Außerdem bietet sie Anregungen, wie sich die Ernährung hin zu einer kognitionsfördernden Diät mit wenig Kohlenhydraten, viel Gemüse, Fisch und weißem statt rotem Fleisch umstellen lässt.

„Es gibt in dieser Zielgruppe einige Menschen, die sozial recht isoliert sind“, beschreibt Doron Stein einen weiteren wichtigen Aspekt der Demenzvorsorge. Kontakte zu Angehörigen oder Freunden, gemeinsame Spaziergänge und Gespräche sind ein nicht zu unterschätzender Baustein der Therapie. Die App soll die Betroffenen dabei unterstützen, diese Kontakte zu fördern und Hemmungen abzubauen. Sie enthält etwa eine Anleitung dafür, wie man im Internet analoge Begegnungsangebote finden kann. Und schließlich geht es auch um körperliches Training, das auf das jeweilige, zuvor abgefragte Fitnesslevel angepasst ist. Die Übungen helfen dem Gehirn dabei fit zu bleiben und sollen die Lebensqualität verbessern.

Am besten täglich üben

Wer seine Demenz aufhalten will, muss regelmäßig am Ball bleiben – „mehrmals wöchentlich, am besten täglich“, erklärt Stein. Der personalisierte Therapieplan sollte über mehrere Monate eingehalten werden und das eigene Verhalten nachhaltig verändern. Damit das funktioniert, enthält die App jede Menge Elemente zur Motivation und ein Belohnungssystem, das aber noch ein „Betriebsgeheimnis“ ist. Mithilfe einer detaillierten Statistik behalten die Nutzerinnen und Nutzer zudem den Überblick über ihre Fortschritte.

Für das Team dürften auch die kommenden Monate arbeitsintensiv sein. Es werden Videos gedreht, die Funktionen der App optimiert und von Testpersonen unter die Lupe genommen. Außerdem planen die Gründer, ihre App als Medizinprodukt zertifizieren zu lassen. Anfang 2023 soll die App zum Herunterladen bereitstehen. Danach ist eine große Studie geplant, die den medizinischen Nutzen des Produkts mit Daten belegen soll. Wenn das gelingt, stehen die drei vor dem nächsten großen Schritt: die Zulassung der App als digitale Gesundheitsanwendung, mit der eine Vermarktung auf Rezept möglich wird. „Das ist natürlich ein attraktives Ziel für uns, mit dem aber auch hohe Anforderungen und viel Dokumentation verknüpft sind“, erklärt Doron Stein. „Doch der Aufwand wird sich ganz sicher lohnen.“

Das Projekt

Rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz und verlieren nach und nach ihre geistigen Fähigkeiten. Zu Beginn der Erkrankung sind vor allem das Kurzzeitgedächtnis und die Merkfähigkeit gestört. Bis zu sechs Millionen Menschen leiden in Deutschland an diesen Frühzeichen der Erkrankung. Später sind auch Langzeitgedächtnis, Sprache und Orientierung betroffen. Für die Erkrankung gibt es verschiedene Ursachen. Die Alzheimer-Erkrankung, bei der Nervenzellen im Gehirn durch fehlerhaft gefaltete Eiweißpartikel zerstört werden, ist für etwa 60 Prozent aller Demenz- Fälle verantwortlich. Aber auch Gefäßschäden, hoher Alkoholkonsum oder Hirnverletzungen können zu den typischen Symptomen einer Demenz führen. Eine manifestierte Demenz kann mit Physiotherapie, Ergotherapie oder medikamentös mit Antidementiva behandelt werden. Für die Vorstufe der Demenz – die sogenannte Prädemenz – gibt es noch keine zugelassenen Medikamente in Europa. Eine Kombinationstherapie aus Sport, Gedächtnistraining, sozialer Teilhabe und einer ausgewogenen Ernährung kann aber den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen.

App-Testpersonen gesucht

Für die Entwicklung der Gesundheits-App benötigen die Gründer noch weitere Testpersonen. Wer über 50 Jahre alt ist, unter leichter Vergesslichkeit leidet und die App testen möchte, kann sich in die Warteliste unter https://memodio-app.com eintragen oder per E-Mail unter infomemodio-appcom  anmelden.

Exist-Förderung

memodio wird seit 2021 mit dem EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie gefördert und vom Gründungsservice von Potsdamer Transfer, der zentralen Institution für den Wissens- und Technologietransfer der Universität Potsdam, betreut.

www.uni-potsdam.de/de/potsdam-transfer

Die Gründer

Dr. med. Doron B. Stein studierte Medizin und Gesundheitsökonomie an der Universität Heidelberg, arbeitete als Assistenzarzt an der Charité Berlin und als Unternehmensberater im Bereich Digital Health.

Felix Bicu studierte Medizin und Gesundheitsökonomie an der Universität Heidelberg und arbeitete als Mediziner im Bereich der Nuklearmedizin und Demenzbildgebung. Nebenbei berät er andere Start-ups bei medizinischen und finanziellen Fragestellungen.

Paul Zimmermann studierte ITSystems Engineering an der Digital Engineering Fakultät, die vom Hasso- Plattner-Institut und der Universität Potsdam gemeinsam getragen wird, E-Business an der Copenhagen Business School und arbeitete bereits in mehreren jungen Software-Start-ups.

infomemodio-appcom

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Zwei 2022 „Mensch“ (PDF).