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33 Fragen an Prof. Dr. Karoline Wiesner

Prof. Karoline Wiesner
Photo : Thomas Roese
Prof. Karoline Wiesner

Was Ameisenhaufen mit dem Internet, Finanzmärkten und dem menschlichen Gehirn verbindet? Sie sind komplexe Systeme – ein vergleichsweise neues Forschungsfeld, das aber an Bedeutung gewinnt. Karoline Wiesner ist seit 2021 Professorin für Komplexitätswissenschaft am Institut für Physik und Astronomie. Sie untersucht die mathematischen und philosophischen Grundlagen der Komplexitätsforschung und deren Anwendung auf physikalische, klimatische und soziale Systeme. Die Physikerin arbeitete viele Jahre im Ausland und hat nun die erste Professur für Komplexitätswissenschaft in Deutschland. Für die „Portal Wissen“ beantwortet sie 33 ganz einfache Fragen.

Was haben Bienenvölker, das Erdklima, die Weltwirtschaft und das Universum gemeinsam?

Sie sind alle komplexe Systeme. Das heißt, die Dynamik des Ganzen (Volkes, Klimas etc.) existiert nicht auf der Ebene der Einzelnen (Bienen, Moleküle).

Können komplexe Systeme auch einfach sein?

Sie sind oft einfach – in dem Sinne, dass scheinbar komplizierte Phänomene einfachen mathematischen Gesetzmäßigkeiten folgen.

Was macht sie aus?

Die Interaktion der vielen Teile führt durch Feedback zu einem Ganzen, das nicht zentral organisiert und dennoch robust ist.

Wie untersucht man komplexe Systeme?

Mit der Verknüpfung von statistischen Methoden, Computermodellen, realen Daten und systemspezifischem (physikalischem, biologischem, politischem etc.) Wissen.

Wie störanfällig sind sie?

Sie sind sehr robust bei zufälligen Störungen, die Teile des Systems betreffen, da andere Teile sich schnell anpassen und die Funktion übernehmen können. Aber alle Robustheit hat ihre Grenzen, wie man beim Klima beobachten kann.

Folgt vielleicht auch die Corona-Pandemie den Regeln eines komplexen Systems?

Die Pandemie ist eine Dynamik in einem komplexen System, das sich wiederum aus den komplexen Systemen – Viren, Menschen, Ökosysteme und Infrastrukturen – zusammensetzt.

Wieviel Philosophie steckt in der Komplexitätsforschung?

Das Phänomen der Emergenz, also der Entstehung von etwas Neuem aus Teilen, die selbst dieses Phänomen nicht aufweisen, wirft Fragen auf. Ist damit die Kausalität gebrochen zwischen dem Mikroskopischen und dem Makroskopischen? Viele meinen „ja“, ich stimme dagegen den Wissenschaftsphilosophen zu, die sagen, die Kausalität geht weiterhin vom mikroskopischen zum makroskopischen und nicht umgekehrt, so wie es in der Physik gesehen wird. Auch das Bewusstsein wird sich, meiner Meinung nach, letztendlich aus den Interaktionen der Neuronen erklären lassen.

Warum braucht es dieses Forschungsfeld?

Die Grenzen zwischen den traditionellen Disziplinen entsprechen immer seltener den Fragen, die wir für unser Zusammenleben beantworten müssen: Die Pandemie ist ein hervorragendes Beispiel. Zu ihrer Bewältigung müssen wir die Biochemie der Viren mit der Physik von Aerosolen, der Technik von Verkehrsnetzwerken, der Soziologie von Gruppen und der Psychologie des Einzelnen verknüpfen. Dazu braucht es quantitative Methoden, und die bietet die Komplexitätswissenschaft.

Hat die Komplexitätsforschung Antworten auf die großen Fragen zum Klimawandel, zur Globalisierung und zur Digitalisierung?

Das Forschungsfeld bietet Werkzeuge zur Fragestellung und quantitativen Analyse dieser Systeme.

Warum haben Sie Physik studiert?

Weil die Physik so ungeheuer überzeugende Antworten auf die Frage „warum“ hat, meist unzweideutig ausgedrückt in der Sprache der Mathematik.

Wann haben Sie entschieden, Wissenschaftlerin zu werden?

Als ich 17 war, ohne dass ich wirklich wusste, was es bedeutet. Zu der Zeit habe ich die Wissenschaftsartikel in der Zeitung jede Woche gelesen.

Was wollen Sie als Professorin in Potsdam erreichen?

In der Komplexitätswissenschaft verbindet sich mein Interesse an der Physik mit der Leidenschaft des Verknüpfens über die disziplinären Grenzen hinweg. Ich möchte dieses Gebiet im Raum Potsdam etablieren, in Forschung, Lehre und im außeruniversitären Dialog.

Wie wichtig ist Ihnen Erfolg?

Erfolg ist die Bestätigung durch andere, dass meine Arbeit Relevanz hat. Das brauche ich immer wieder.

Was war Ihr größter Misserfolg?

Misserfolg ist ... ich habe hart an etwas gearbeitet, und wenn es fertig ist, gefällt es nicht, mir oder anderen. Das passiert immer wieder. Ich versuche, in dem Moment daraus zu lernen, es aber auf Dauer zu vergessen.

Was würden Sie rückblickend anders machen?

Im Studium mehr Fragen stellen.

Welchen Rat würden Sie jungen Wissenschaftlerinnen mit auf den Weg geben?

Mut und Selbstbewusstsein kann man üben. Und sie sind die halbe Miete im Wissenschaftsbetrieb.

Wie gefällt Ihnen die deutsche Wissenschaftskultur?

Mir gefällt der große Wert, der auf die Freiheit von Forschung und Lehre noch heute gelegt wird. In anderen Ländern wird die Uni mehr und mehr zur Firma, was ich bedenklich finde. Es ist aber weiterhin eine sehr hierarchische Kultur, was nicht immer förderlich ist für die Entwicklung guter Ideen.

Was müsste sich am Wissenschaftssystem ändern?

Teamarbeit müsste mehr belohnt werden, die meisten Wissenschaftspreise sind für Individuen. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

Mit wem würden Sie gerne einmal gemeinsam forschen?

Wenn sie / er noch lebt, schreibe ich die Person lieber direkt an, als sie hier zu erwähnen. Von Verstorbenen: mit der Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom.

Wann hat Wissenschaft zuletzt Ihr Leben verändert?

Die Wissenschaft hat mich durch die Welt geschickt, von Schweden über die USA und England zurück nach Deutschland. Das hat beeinflusst, wer die wichtigen Menschen in meinem Leben sind, und nicht zuletzt zu dem Glück geführt, dass ich meinen Mann (in England) kennengelernt habe.

Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

Im Idealfall: Denkzeit, Schreibzeit, Studi-Zeit, Diskussionszeit.. Im Normalfall besteht er zu 50 Prozent aus Hektik, Deadlines und Verwaltung.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf am besten?

Die Freiheit, Themen auszusuchen, die ich für wichtig und interessant halte, die Erlaubnis und den Anspruch, ständig Neues zu lernen, und die Studierenden, die von mir lernen wollen.

Was gar nicht?

Der ständige (innere und äußere) Leistungsdruck.

Welches Buch, das Sie kürzlich gelesen haben, ist Ihnen im Gedächtnis geblieben?

„Ein Heldinnen Epos“ von Annette Weber. Mir fallen Gedichte schwer, aber dieses Epos ist toll.

Was ist Ihr Lieblingszitat?

Groucho Marx soll gesagt haben: „I don’t want to belong to any club that would accept me as a member.“ Da ist alles drin: Humor, Mathematik und ein Appell gegen Überheblichkeit.

Welche Erfindung würde Ihr Leben verbessern?

Ein Internet, das ein neues Geschäftsmodell implementiert, bei dem Wahrheit und Fairness über Konsum gestellt sind.

Was ist Ihr Ausgleich zum Arbeitsalltag?

Musizieren mit dem Uniorchester Sinfonietta und schwimmen in und kayaken auf den brandenburgischen Seen.

Wenn Sie an Ihre Kindheit denken, was fällt Ihnen dann ein?

Kölner Karneval.

Ist das Glas bei Ihnen eher halbvoll oder halbleer?

Halbvoll.

Wogegen haben sie zuletzt demonstriert?

Ich bin eher demonstrationsfaul. Aber in England (wo ich bis 2020 gewohnt habe) bin ich für den Verbleib in der EU auf die Straße gegangen.

Wofür kämpfen Sie?

Für das Überwinden von Vorurteilen, hauptsächlich meiner eigenen.

Wann waren Sie das letzte Mal im Kino, Theater, Museum …?

Im Berliner Ensemble habe ich neulich das Stück „Crucible“ von Arthur Miller gesehen. Hochaktuell. Leider.

Was bevorzugen Sie: knifflige Probleme oder einfache Lösungen?

Ich mag es, wenn beides zusammenkommt.

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Eins 2022 „Zusammen“.