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Das kulturelle Erbe wiederentdecken – Jüdische Friedhöfe in Brandenburg und Westpolen

Portrait von Dr. Anke Geißler-Grünberg. Das Foto ist von Tobias Hopfgarten.
Jüdischer Friedhof in Potsdam. Das Foto ist von Dr. Anke Geißler-Grünberg.
Jüdischer Friedhof in Lindow. Das Foto ist von Dr. Anke Geißler-Grünberg.
Jüdischer Friedhof in Oderberg. Das Foto ist von Dr. Anke Geißler-Grünberg.
Photo : Tobias Hopfgarten
Dr. Anke Geißler-Grünberg
Photo : Dr. Anke Geißler-Grünberg
Jüdischer Friedhof in Potsdam
Photo : Dr. Anke Geißler-Grünberg
Jüdischer Friedhof in Lindow
Photo : Dr. Anke Geißler-Grünberg
Jüdischer Friedhof in Oderberg

Jüdische Friedhöfe gehören in vielen Regionen zu den ältesten Erinnerungsorten, so auch in Brandenburg. Aber nach der weitgehenden Vertreibung und Auslöschung jüdischer Gemeinden während der Schoah verfielen viele von ihnen. Mancherorts wurden Grabsteine geschändet oder zerstört, die meisten Anlagen versanken im Dornröschenschlaf und wurden im Laufe der Jahre vergessen. Forschende und Studierende der Professur Neuere Geschichte Schwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte um Anke Geißler-Grünberg bemühen sich seit Langem darum, sie zu erschließen und zu dokumentieren – um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Eine Datenbank versammelt Informationen zu den Friedhöfen, den dazugehörigen Gemeinden und jedem einzelnen Grabstein. Seit 2019 wurden – dank eines Gemeinschaftsprojektes der Universität Potsdam und der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – auch Friedhöfe in Westpolen aufgenommen.

Laura Hartwig, Tochter von Jakob Dobrisch, wurde am 13. März 1859 geboren und starb 68-jährig am 21. August 1926. Ihr Grab liegt auf dem Jüdischen Friedhof in Schwedt/Oder, auf ihrem Grabstein, der mit einem Davidstern geschmückt ist, gibt es eine deutsche und eine hebräische Inschrift. Beide Texte, erklärende Kommentare, ein Foto des Grabsteins, Informationen zum Grab und Angaben dazu, wo es zu finden ist, liegen in der Datenbank „Jüdische Friedhöfe in Brandenburg“. Der Datensatz zu Laura Hartwig ist einer von rund 1.850, die im Projekt bislang entstanden sind.

Von Potsdam nach Brandenburg

„Angefangen hat alles 2002 mit einem Seminar zu jüdischen Friedhöfen“, sagt Dr. Anke Geißler-Grünberg, die das Projekt „Jüdische Friedhöfe in Brandenburg“ koordiniert und leitet und seit dem ersten Tag dabei ist. „Wir waren zu dritt mit der Dozentin. Seit ich zum ersten Mal auf dem Friedhof in Potsdam war, hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.“

Der Jüdische Friedhof in Potsdam ist nicht nur der größte in Brandenburg. Auf ihm finden sich auch die ältesten erhaltenen Begräbnisstätten des Landes, die aus dem 18. Jahrhundert stammen. Im Jahr 1999 wurde er von der UNESCO als Welterbe anerkannt. Vor allem aber ist er eine unschätzbare Quelle für die Erforschung der deutsch-jüdischen Geschichte Potsdams, betont Anke Geißler-Grünberg. „Dank seines Alters und seiner Größe lässt sich an ihm die Entwicklung der jüdischen Gemeinde seit dem 18. Jahrhundert nachvollziehen. Die Gestaltung der Grabstellen zeigt deutlich, wie sich die jüdische Gemeinschaft, anfangs eine abgesonderte Minderheit, nach und nach in die Potsdamer Stadtgesellschaft integriert hat und in ihr ein Stück weit aufgegangen ist.“ So seien irgendwann einfache Grabsteine mit deutschen Inschriften neben die traditionellen getreten. „Gleichzeitig ist erkennbar: Die Menschen haben ihre jüdische Identität aufrechterhalten und das hier auf dem Friedhof auch stolz gezeigt.“

Erst aufräumen, dann dokumentieren

Auch wenn längst nicht alle jüdischen Friedhöfe in Brandenburg derart groß und gut erhalten sind, so erzählt doch jeder von ihnen eine ganz eigene Geschichte – über die Menschen, die dort begraben liegen, und die Orte, an denen sie lebten und wirkten. Aus einem Seminar wurden zwei, aus drei Aktiven zehn und irgendwann beschlossen Anke Geißler- Grünberg und ihre Mitstreiter – wie die Judaistin Brigitte Heidenhain und der Juniorprofessor für Religionswissenschaft und Jüdische Religionsgeschichte Nathanael Riemer –, die Aufgabe anzugehen und die Begräbnisstätten geschichtswissenschaftlich zu dokumentieren. „Wir wollten das kulturelle Erbe erschließen, das gewissermaßen vor unserer Haustür schlummert“, sagt die Historikerin. Keine Kleinigkeit, wie schon eine erste Recherche deutlich machte. Immerhin gibt es in Brandenburg rund 60 jüdische Friedhöfe. Manche sind gut erhalten und gepflegt, bei anderen ist kaum mehr als eine Hinweistafel geblieben. „Das hat uns aber nicht geschreckt. Wir wollten sie alle erschließen.“ Also krempelte das Team die Ärmel hoch, machte sich ans Werk und auf ins Land. Einzeln, in Gruppen, mal in Begleitung von Ortsansässigen, mal nur mit einer Karte ausgerüstet reisten Anke Geißler-Grünberg und die anderen Aktiven durch Brandenburg: nach Biesenthal, Fürstenwalde, Perleberg, Schwedt und Wriezen. Sie nahmen vor Ort alle Daten auf, die zu finden waren. Jeder Grabstein wurde fotografiert. „Nicht selten mussten wir sie erst aufrichten und von Moos oder Unkraut befreien, ehe überhaupt irgendetwas zu lesen war“, erklärt die Forscherin. Grabpflege und Geschichtswissenschaft Hand in Hand. „Das hat uns gezeigt: Die Zeit rennt. Die Friedhöfe verfallen, die Grabsteine verwittern und an manchen Orten gibt es bald nichts mehr, was wir noch festhalten könnten.“

Wenn möglich, wurden vor Ort weitere Informationen gesammelt: zum Friedhof, der Gemeinde, einzelnen Gräbern bzw. Personen. Mancherorts halfen dabei ein Gang ins Stadt- oder nächstgelegene Kreisarchiv und auch engagierte Ortschronisten. „Man ist mitunter sehr lange unterwegs für sehr kleine Stücke Geschichte“, sagt die Forscherin. „Denn wo findet man Spuren von denen, die keine Spuren hinterlassen? Aber manchmal erweisen sie sich später als sehr wichtig für jemanden.“ Zurück an der Uni begann dann der zweite, sehr aufwendige Teil der Arbeit: alle Fotos und verfügbaren Informationen ordnen, Inschriften entziffern und übersetzen, Quellen auswerten und schließlich Friedhof für Friedhof systematisch aufbereiten. „Wir wollen Interessierten ermöglichen, die Friedhöfe zu ‚besuchen‘, ohne vor Ort zu sein“, erklärt Anke Geißler-Grünberg. Dafür machten sie Lagepläne ausfindig – oder erstellten selbst welche – und ordneten den darauf eingezeichneten Grabstellen die Fotos der Steine zu, außerdem alle Daten zu den Begrabenen. Für die so wachsenden Archive wurde schließlich dank der Unterstützung des heutigen Zentrums für Informationstechnologie und Medienmanagement der Uni Potsdam eine eigene Datenbank geschaffen, die 2008 online ging. 23 jüdische Friedhöfe in Brandenburg von Beelitz bis Wriezen kann man inzwischen virtuell besuchen. Zu jedem finden sich dort eine Geschichte der Gemeinde und des Friedhofs, dazu eine Beschreibung und ein Plan der Anlage und Datensätze mit allen Informationen, die zu den erfassten Grabstätten zusammengetragen wurden. Hebräische Inschriften, deren Übersetzungen ins Deutsche und Erläuterung, Daten zum Leben und den Familien der Begrabenen, sogar Informationen zu Größe, Beschaffenheit und Schmuck der Grabsteine. Mithilfe der alphabetisch sortierten Belegungslisten können Besucher nach einzelnen Personen schauen oder die Friedhöfe „durchwandern“. Dank einer detaillierten Suchfunktion ist es aber auch möglich, nach bestimmten Lebensdaten, Inschriften und vielen weiteren Informationen zu suchen – und zwar sowohl auf einzelnen Grabfeldern als auch unter allen bislang erfassten Grabstätten gleichzeitig.

Die Arbeit kommt an

Eine Arbeit, die sich lohnt, wie die Historikerin stolz berichtet. Immer wieder meldeten sich Menschen, die auf der Suche nach Ahnen und Verwandten auf das Projekt stoßen. Auch Heimatforscher und Geschichtsinteressierte nutzten die Datenbank. „Vor einiger Zeit meldete sich ein Wissenschaftler aus Abu Dhabi, der zu einem Arzt der Charité forschte und auf unserer Seite fündig wurde.“ Manchmal könne sie weiterhelfen, Kontakte oder Literatur vermitteln, manchmal auch nicht. Und das Projekt trägt noch andere Früchte: Mehrfach kamen über die Arbeit auf den Friedhöfen schon Kooperationen mit Schulen zustande. Angeleitet von Anke Geißler-Grünberg widmeten sich beispielsweise Schülerinnen und Schülern des Potsdamer Humboldt-Gymnasiums ein Halbjahr der Erforschung des Friedhofs in Potsdam.

Auch wenn das Mammutvorhaben, alle jüdischen Friedhöfe Brandenburgs in die Datenbank aufzunehmen, noch nicht abgeschlossen ist, ist daraus bereits ein neues erwachsen: Seit 2019 wurden in einem an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) angesiedelten Projekt Friedhöfe erfasst, die in Westpolen liegen. „Das Projekt schafft wichtige Grundlagen für die weitere Erforschung der Geschichte der deutschen Juden in den seit 1945 polnischen Gebieten und schließt somit eine Forschungslücke, die nach 1945 entstanden ist“, sagt die Leiterin des Projekts an der Viadrina, Dr. Magdalena Abraham- Diefenbach. Auch in Polen reicht das, was das Team vorfand, von Aufzeichnungen inzwischen beräumter Flächen über zugewachsene Fragmente bis zu geschlossenen Grabsteinfeldern. Und wieder reist Anke Geißler-Grünberg zusammen mit Kolleginnen und Kollegen – aus Deutschland und Polen – von Ort zu Ort auf der Suche nach Spuren jüdischen Lebens. „Im September 2021 haben wir gemeinsam mit polnischen und deutschen Nachwuchsforschenden einen Friedhof in Trzemeszno Lubuskie, früher Schermeisel, aufgenommen“, erzählt sie. „Die Anlage war so verwildert, dass wir sie zusammen mit Aktiven der Aktion Sühnezeichen und dem polnischen Forstamt von Sulęcin zunächst einmal herrichten mussten, ehe wir irgendetwas dokumentieren konnten.“ Wieder hieß es: Hohes Gras mähen, Gestrüpp beseitigen, Grabsteine von Moos und Sand befreien, sodass die Inschriften zu lesen sind. Sehr viele Grabsteine mussten aufgerichtet werden. Für die 25 erfassten Friedhöfe auf polnischer Seite wurde nach dem Vorbild der ersten eine zweite Datenbank geschaffen, die mit dieser verknüpft ist. Zusätzlich gibt es eine interaktive Karte, auf der alle Friedhöfe verortet sind. „Für die Jüdischen Studien an der Universität Potsdam ist diese deutsch-polnische Kooperation über die Brücke der Europa-Universität ein Glücksfall“, sagt Prof. Dr. Thomas Brechenmacher, Professor für Neuere Geschichte (deutsch-jüdische Geschichte) an der Universität Potsdam und dort zuständig für das Projekt. „Es ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer Erfassung vom Verschwinden bedrohter Überreste des reichen jüdischen Lebens im gesamten gegenwärtigen und ehemaligen Brandenburg. Das gelingt durch das Zusammenwirken von Denkmalkunde und Geschichtswissenschaft.“

Von jenem Friedhof, mit dem alles anfing, konnte Anke Geißler-Grünberg indes nicht lassen: Nach ihrem Studienabschluss hat sie die Anlage während eines Praktikums bei der Unteren Denkmalschutzbehörde Potsdams näher kennen- und lieben gelernt. Ihre Leidenschaft hat sie inzwischen zum Beruf gemacht und den Friedhof für ihre Promotion wissenschaftlich erforscht. „Im Mittelpunkt steht, wie bei den anderen Friedhöfen auch, die Dokumentation der Grabstätten“, sagt sie. „Nur, dass dies in diesem Fall um einiges umfangreicher ausfällt als bei allen anderen Friedhöfen.“ Auch eine Geschichte der Gemeinde und des Friedhofs fehlen nicht. Außerdem hat die Forscherin untersucht, wie sich die Entwicklung der Gemeinde an der baulichen und künstlerischen Gestaltung der Grabsteine ablesen lässt. „Und mich interessierte die Frage, wie die heutige Stadtgesellschaft mit diesem Erbe umgeht. Tatsächlich wird er gleichermaßen als Begräbnisplatz, als authentisches (kultur-) historisches Zeugnis im Ortsbild, als anklagendes Denkmal und als Ort gesehen, dem ein romantischer Charme anhaftet.“

Die Forscherin

Dr. Anke Geißler-Grünberg studierte von 2002 bis 2010 an der Universität Potsdam, wo sie 2021 auch promovierte. Bis Ende 2021 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Denkmalkunde der Viadrina in Frankfurt (Oder).
E-Mail: angeiuni-potsdamde

Die Projekte

Das Projekt „Jüdische Friedhöfe in Brandenburg“ versammelt die Dokumentation von 23 Friedhöfen in Brandenburg in einer internet-basierten Datenbank, um die Ergebnisse der Erschließung der genealogischen, lokalgeschichtlichen und soziologischen Forschung zur Verfügung zu stellen. Andererseits sollte diese Datenbank ein Angebot an die weltweit verstreuten Nachfahren sein, ihre auf den jüdischen Friedhöfen im heutigen Land Brandenburg beerdigten und geehrten Angehörigen ausfindig zu machen.

Projektteam: Prof. Dr. Thomas Brechenmacher ( Projektleitung), Dr. des. Anke Geißler-Grünberg ( Projektkoordination)
E-Mail: angeiuni-potsdamde

www.uni-potsdam.de/de/juedische-friedhoefe/

Das deutsch-polnische Dokumentationsprojekt „Jüdische Friedhöfe in Polen auf den Gebieten der ehemaligen Provinz Brandenburg“ wurde von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert und an der Professur für Denkmalkunde der Europa-Universität in Kooperation mit der Universität Potsdam, der Jagiellonen-Universität in Krakau sowie dem Museum des Meseritzer Landes in Międzyrzecz realisiert. Unterstützt wurde die Arbeit von polnischen Museen und Denkmalämtern, Mitgliedern der Aktion Sühnezeichen aus Berlin sowie vielen ehrenamtlichen Hobbyhistorikerinnen und -historikern. Seit November 2019 wurden Grabsteine und Friedhofsbauten auf 20 jüdischen Begräbnisplätzen der historischen Provinz Brandenburg, die sich seit 1945 in Polen befinden, dokumentiert. Die Friedhöfe gehören zu den wenigen materiellen Hinterlassenschaften jüdischen Lebens in der Grenzregion.

Projektteam: Dr. Magdalena Abraham-Diefenbach (Projektleitung); Dr. des. Anke Geißler-Grünberg (Projektkoordination); Dr. habil. Leszek Hońdo (Jagiellonen-Universität Krakau); Dr. Gil Hüttenmeister (Judaist, Bingen); Andrzej Kirmiel (Museum des Meseritzer Landes, Międzyrzecz); Prof. Dr. Paul Zalewski
E-Mail: abraham-diefenbacheuropa-unide

www.uni-potsdam.de/de/juedische-friedhoefe-pl/
https://www.kuwi.europa-uni.de/de/lehrstuhl/kg/denkmalkunde/forschung/Juedische-Friedhoefe/OnlineKarte/index.html

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Eins 2022 „Zusammen“.