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Unterwegs in Südafrika – Vanderbijlpark, 6. Mai 2015, Tag 12

Anglistikstudierende untersuchen die Sprachenvielfalt des Landes

Wir beginnen den Tag nach dem Frühstück um neun Uhr in der Uni. Einige gehen zur Communication Studies-Vorlesung, in der das Titelseiten-Design von Zeitungen weltweit diskutiert wird. Als besonderes Beispiel werden die unterschiedlichen Frontseiten in den deutschen, englischen und südafrikanischen Zeitschriften anlässlich des Todes von Nelson Mandela verglichen.
Um elf Uhr folgt die Vorlesung von Prof. Susan über das multilinguale Repertoire von Muttersprachlern der afrikanischen Sprachen. Sie erklärt uns, dass es heutzutage beinahe ein Muss ist, mehrere Sprachen sprechen zu können, um wettbewerbsfähig zu sein. In den zahlreichen Gebieten ist es notwendig, mehrere Sprachen zu beherrschen, um sich verständigen zu können. Außerdem werden in den Schulen Englisch und Afrikaans gelehrt und gesprochen, wodurch sich das Repertoire automatisch erhöht. Wir erfahren, dass es eine regionale Aufteilung des englischen Sprachgebrauches gibt: den inner, den outer und den expanding circle. Zum inner circle zählen Länder wie Großbritannien, die USA und Australien. Hier wird Englisch üblicherweise als erste bzw. Muttersprache aufgenommen. Der outer circle umfasst Länder wie Indien und Singapur, in denen Englisch als weitere, zusätzliche Sprache gilt, die immer häufiger auch als home language gesprochen wird. In den Ländern des outer circle wachsen viele Menschen bi- oder multilingual auf und verwenden – wie zahlreiche Südafrikanerinnen und Südafrikaner – im Alltag mehrere Sprachen. Im expanding circle, zu dem z.B. China, Japan und Südkorea zählen, wird das Englische „nur“ als Fremdsprache gebraucht. So stellt uns Prof. Susan Coetzee-Van Rooy einige Ergebnisse ihrer Studie von 2010 vor, in der sie mehr als 1.000 Studierende zu deren Sprachrepertoires befragte. Dabei untersuchte sie beispielsweise, wie die home language und die Identität der Studierenden miteinander verbunden sind. So wollte sie wissen, welche der afrikanischen Sprachen die home language der Studierenden ist und welche Sprache sie am besten beherrschen – was keinesfalls immer dieselbe ist. Zudem erforschte sie, über wie viele Sprachen die Studierenden in dieser Region verfügen und welche von diesen sie fließend sprechen, schreiben und lesen können. Die Resultate sind überraschend: In den Forschungsergebnissen lassen sich ein Umschwung zur englischen Sprache und das Aussterben des Afrikaans nicht feststellen. Die Studie wird nun alle fünf Jahre wiederholt, um eventuelle Veränderungen/Verschiebungen im Sprachgebrauch festzustellen. Die Befragungen von 2015 werden derzeit ausgewertet. Wir warten gespannt auf die Statistiken.
Nach der Vorlesung geht es für uns zurück zum Quest Center. Wir dürfen der Graduation Ceremony (Abschlussfeier) der Studierenden beiwohnen. Da die Gastfreundschaft einen sehr hohen Stellenwert hat, werden wir ganz vorne in der dritten Reihe platziert, während die Familienangehörigen alle hinter uns Platz nehmen. Wir haben beinahe ein schlechtes Gewissen, dass sogar die älteren Generationen weit hinten sitzen müssen. Die Abschlussfeier unterscheidet sich grundlegend von der Zeugnisvergabe an der Universität Potsdam. Während in Potsdam bislang keine formale Abschlussfeier stattfindet, ist hier der gesamte Universitätsapparat anwesend, sogar Prof. Dr. Wolf ist geladen, um – in offizieller Garderobe – auf der Bühne neben den Professoren zu sitzen. Wir sind von der Feier sichtlich beeindruckt. Jeder Absolvent und jede Absolventin wird offiziell mit Namen aufgerufen und betritt die Bühne. Alle, die heute ihr Abschlusszeugnis bekommen, tragen einen speziellen Mantel und Hut, den man aus amerikanischen Abschlusszeremonien kennt. Stolze Eltern und Kinder, deren Eltern ein Zeugnis erhalten, rufen jubelnd aus dem Publikum heraus. Der Direktor der Universität hält eine bewegende Rede über die Wichtigkeit von Bildung und den Universitätsabschlüssen der Studierenden für die Weiterentwicklung Südafrikas. Wir sind überrascht, welchen Stellenwert die Bildung hier einnimmt und wie sehr sie von allen geschätzt wird. Auffällig ist auch, dass mehrere Gebete in die Zeremonie einfließen. Sogar wir werden während der Veranstaltung offiziell begrüßt und erwähnt. Als wir die Universitätshymne und die Nationalhymne Südafrikas mitsingen, bekommen wir Gänsehaut. Die Universitätshymne ist in Setswana, Afrikaans und Englisch verfasst, um die Sprachenvielfalt der Studierenden zu unterstreichen und dieser gerecht zu werden. Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem englischen Teil:

Three strong streams united flow
Africa stands proud and tall
As we learn, we trust, we know
God is in control

Bless us, oh Lord
Guide us with grace
May North-West be blessed always

Auch die südafrikanische Nationalhymne vereint die Vielfalt Südafrikas und enthält Strophen in fünf verschiedenen Sprachen: Xhosa, Zulu, Sotho, Afrikaans und Englisch. Selbst Ansprachen werden in unterschiedlichen Sprachen gehalten. Wir erfahren später, dass nicht einmal die anwesenden Professoren jedes gesprochene Wort verstehen. Nach der offiziellen Zeremonie werden wir zu einem nahezu königlichen Abendessen eingeladen. Die Universität richtet für die frisch gebackenen Doktoren, Doktorinnen und deren Familien ein gemeinsames Essen aus, an dem auch wir teilnehmen dürfen. Wieder sind wir von der Feierlichkeit zutiefst beeindruckt. Die Lehrenden wie auch der Direktor der Universität halten engen Kontakt zu ihren Studierenden und Absolventen/innen. Da jeder Professor oder Professorin nur wenige Studierende unterrichtet, ist hier das Verhältnis der Studierenden zu den Unterrichtenden sehr vertraut. Oftmals unterstützen die ehemaligen Studierenden nach ihrem Abschluss die Universität finanziell. Wir unterhalten uns angeregt mit den Anwesenden der North-West University. Erneut werden wir internationalen Gäste sehr freundlich empfangen. Wir sind sehr glücklich über diese Zusammenarbeit und hoffen, dass es bald erneut zu solch einem gelungenen Austausch kommt. Und insgeheim wünschen wir uns alle, wir würden selbst so eine wunderschöne Abschlusszeremonie an unserer Universität erhalten.

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Hinweis: Alle Veröffentlichungen aus dem Online-Tagebuch müssen durch das Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Universität Potsdam freigegeben werden.

Kontakt: Prof. Dr. Hans-Georg Wolf
Am Neuen Palais 10
14469 Potsdam
Telefon: 0331/977-1494
E-Mail: hgwolfuni-potsdamde, presseuni-potsdamde

Text: Joana Schmidt, Katja Wiegand
Online gestellt: Matthias Zimmermann

Kontakt zur Onlineredaktion: onlineredaktionuni-potsdamde