Donnerstag, 06.02.2020 | Bildungsforum
Raum: Süring / Volmer 4-24a/b
Die Diskussionsergebnisse werden von Sheree Domingo mit Graphic Recording festgehalten
9.00 - 09.30 Einführung: Mechanismen, Nutzen und Gefahren kognitiver Konzepte und narrativer Strategien
Eva Kimminich, Potsdam
09.30 - 11.30: Offenes Diskussionsforum
Kleine Geschichten – Große Wirkungen (Mythen und Migranten, Metaphern und Politik)
Geschichten sind mächtig, sie sind Grundlagen für die Bildung von Gemeinschaften und Gesellschaften. Sie begründen Kulturen und umschreiben die jeweilige Wahrnehmung gesellschaftlicher Wirklichkeiten. Dabei wirken sie gleichzeitig auf deren Gestaltung ein. Seit dem Verlust der großen Erzählungen, die das menschliche Dasein in einen übergreifenden Weltzusammenhang einbetteten, kursieren und konkurrieren zahlreiche Geschichten, die unterschiedliche Wirklichkeitsbilder entwerfen. Sie benennen Ursachen für beängstigende Entwicklungen oder unvorhergesehene Ereignisse und rechtfertigen einen darauf zurückgeführten Handlungsbedarf. Sie entwerfen aber auch Perspektiven und Alternativen. Die Konzepte, Mythen und Metaphern, die dabei zum Einsatz kommen, wecken Hoffnungen oder Ängste, erzeugen Hass oder Vertrauen.
Journalist*innen, Studierende und Semiotiker*innen diskutieren, wie mit der Vielfalt an Wirklichkeitsdarstellungen und Weltentwürfen umgegangen werden kann, wie Fake News von Wahrheiten zu unterscheiden sind, wie sich Verschwörungsdenken entlarven lässt und welche Mythen und Metaphern bei Angstmache und Hassreden eine zentrale Rolle spielen. Dabei werden die Möglichkeiten des Journalismus und alternativer Formen der Informationsverarbeitung ausgelotet wie sie Comicjournalismus bietet.
Keynote: Wer der Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd
Jan Skudlarek, Berlin
Die „verbotene Wahrheit“ ist ein immer wiederkehrendes Motiv bei Verschwörungstheoretikern. Wir werden nicht nur getäuscht, wir sollen getäuscht werden (und bleiben), so die Verschwörungslogik. Von rechtsradikalen Umvolkungsphantasien über Lügenpresse-Unterstellungen bis hin zur militanten Klimawandelleugner-Bewegung – alle sehen sie sich in Besitz einer tieferen, geheimen Wahrheit, die von einem vermeintlich mächtigen Mainstream und einer dubiosen Elitenkaste unterdrückt werden soll. Die Keynote wird auf die Struktur wilder Pseudo-Wahrheitstheorien eingehen und auf die Frage, warum so viele Menschen das Pferd unbemerkt hinter den Wagen spannen.
Eingebettet in die Thesen der „Iconic turn“-Debatte (der 90er Jahre) und der Postulierung des „web 2.0“ (ab der Jahrtausendwende) erleben wir in der ‚BILDer‘-Welt ein Massenphänomen: das „Smartphone-Foto“ und das „Smartphone-Video“ in Blogs/Postings/Streamings via Internetplattformen à la YouTube, Facebook, Twitter, Instagram…
Was und Wie bekommen wir da zu SEHEN ?
‚Virale Videos 2019‘ sind die „Primärquellen“ für diesen kurzen ad hoc Analye/'Diagnose'-Versuch. Inhaltlich und formal wird das aktuelle Erscheinungsbild kurz & knapp skizziert.
An die Tagungsteilnehmer/innen geht die Frage: CUI BONO? CUI MALO? QUO VADIS?
Comics können nicht nur fantastische Geschichten erzählen sondern auch Geschichten, die auf Fakten beruhen. Die Bandbreite der Themen ist weit gespannt: Historische Ereignisse, Biographien, Aufklärungen über den Klimawandel, Patienteninformationen über eine Operation, Führungen durch Ausstellungen. Comics klären auf, informieren, geben Handlungsanweisungen. Der Vorteil dieser Darstellungsform: Es können Situationen gezeigt werden, für die es keine bildliche Darstellung gibt, die sich nur sehr aufwändig oder lückenhaft beschreiben lassen. Comics vermögen es, die Wirklichkeit konkret zu spiegeln, aber auch zu interpretieren und den Blick des Lesers zu erweitern.
Auch wenn es den Comicjournalismus schon seit den 1990er-Jahren gibt, hat er sich in den klassischen Medien noch nicht etabliert. Als Begründer gilt Joe Sacco, der 1991/92 ins Westjordanland und den Gazastreifen reiste. Seine Comicreportage Palästina musste er jedoch in einem Indie-Verlag veröffentlichen, da sich die US-Medien für das Format nicht interessierten.
Seither hat sich viel getan: Sacco ist in den Zeichnerolymp aufgestiegen, seine Reportagen erscheinen weltweit in journalistischen Magazinen. Andere, wie die Russin Victoria Lomasko oder der Schweizer Patrick Chappatte, haben sich einen Ruf als Chronisten der Gegenwart erarbeitet. Besonders im Internet entwickelt sich der Comicjournalismus rasant: Websites wie Drawing the Times und The Nib veröffentlichen täglich neue Reportagen.
Vielen zeichnenden Reportern ist es wichtig, die Recherchesituation offenzulegen. Denn immer wieder werden sie mit der Frage nach der Objektivität des Dargestellten konfrontiert. Schließlich sind auch sie der wahrheitsgemäßen Information verpflichtet. Zeichnen ist jedoch ein langsameres Geschäft als schreiben oder fotografieren. Einige Formate des klassischen Journalismus, wie z.B. Nachrichten oder „breaking news“, können Comicjournalisten daher kaum bedienen. Ins Positive gewendet bedeutet das: Der längere Entstehungsprozess erlaubt eine intensivere journalistische Recherche. Es wird nicht nach schnellen Antworten gesucht, sondern nach komplexen Realitäten. Der Beitrag wird am Ende nicht nur wirklichkeits-, sondern auch wahrheitsgetreuer.
In einigen Redaktionen gelten Comicreportagen mittlerweile als „the next big thing“: Wenn mit Memes und Videos keine Klicks mehr zu holen sind, setzt man immer häufiger auf Zeichnungen. Online scheinen dem Comicjournalismus kaum Grenzen gesetzt: Traditionelle Panel-Strukturen gehen in Scrollytelling-Formate über; neben Animationen werden Audio-und Video-Dateien in die Bilder integriert; Zeichner wie der Brite Dan Archer experimentieren gar mit „augmented reality“.
Doch kann man allein über ungewöhnliche Formate eine neue Leserschaft erschließen? Und können Comicreportagen dem Journalismus wirklich seine Glaubwürdigkeit wiedergeben?
Moderation: Silke Arning (Journalistin SWR, Stuttgart)
Journalist*innen und Publizist*innen: Silke Arning (Journalistin SWR, Stuttgart), Günter Czernetzky (Videojournalist, Berlin), Stefan Neuhaus (1. Vorsitzender des Deutschen Comicvereins e.V.), Lilian Pithan (freie Journalistin und Chefredakteurin „Alphabet des Ankommens“, Berlin), Jan Skudlarek (Philosoph und Autor, Berlin)
Studierende: Julia Kober, Fidélité Niwenshuti-Mugwaneza
14.00 - 15.30 Offenes Diskussionsforum:
Medien – Modelle – Menschen
Weichei oder Superheld, „Mädchen von Nebenan“ oder Germany’s Next Topmodel, Mann oder Frau - oder keine „echte“ Frau, sondern Emanze? Zuschreibungen und Schubladen-Denken helfen dabei, Menschen zu labeln und sie zwecks besserer Übersicht einer wohl definierten Kategorie zuzuordnen. Typen aus feststehenden Stereotypen zu konstruieren verspricht Halt in einer von Reizüberflutungen geprägten Welt. Fremdzuschreibungen gehen mit Selbstzuschreibungen Hand in Hand: Auch um eigene Identität zu konstruieren, kombinieren wir etablierte Zeichen und Requisiten, mit autobiografischen Comics genauso wie mit vestimentären Vorlieben. Wie Identität und Stereo/Typen konstruiert werden, auf welche Modelle dabei zurückgegriffen wird und wie diese Modelle in medienspezifischen Narrativen immer wieder bestätigt, variiert und dekonstruiert werden, darum soll es im offenen Diskussionsforum gehen. Die große Frage bleibt dabei, welche Funktionen diese Modelle in der heutigen Gesellschaft spielen und welche Bedürfnisse mit Superheld_innen, Models und anderen Modellen in Comics, TV und Film gestillt werden.
Inputstatements:
Superheldenparodien gibt es fast schon so lange wie Superhelden selbst. Umso spannender ist es, die Symbiose dieser beiden Spielarten des Superhelden-Genres zu betrachten und zu schauen, wie Stereotypen im Zusammenspiel inszeniert und dekonstruiert werden.
Der amerikanische Superheldencomic zeichnete sich früh durch die Auseinandersetzung mit anderen Nationen aus: Noch vor dem amerikanischen Eingreifen im Zweiten Weltkrieg bauten US-Comics bereits das Feindbild der Deutschen auf und drängten damit zur Beteiligung der USA am Krieg auf Seiten der Alliierten. Entsprechende oftmals als Heterostereotype (nach Hahn) aufgebaute Nationenbilder ziehen sich seitdem durch seine Publikationen. Vom Zweiten Weltkrieg über den Kalten Krieg zum Krieg gegen den Terror werden der amerikanischen Identität nationale und ethnische Gegenbilder – freundliche wie feindliche – gegenübergestellt, die überwiegend identitätsverstärkend wirken oder sich zumindest oftmals in amerikanische Identitätsdiskurse einordnen lassen.
Doch nicht jede Darstellung anderer Länder oder Nationalitäten basiert automatisch auf Stereotypen. Manchmal - und verstärkt seit dem MCU (siehe Vortrag Hennig) - sollen durch internationale Schauplätze und Charaktere einfach weitere Zielgruppen erreicht oder auch der ethnozentrische Fokus überwunden werden. Mit welchen Zeichen wird also kenntlich gemacht, welcher Nationalität eine Figur angehört oder in welchem Land die Handlung spielt? Wann rufen diese Zeichen ein Urteil oder eine emotionale Regung hervor - also wann werden die Figuren stereotypisiert? Ändert sich die Darstellungsweise im Laufe der Zeit? In einem seriellen Medium mit kontinuierlichen Erzähluniversen wie den US-Superheldencomics der Verlage Marvel und DC ist es interessant zu betrachten, wann wer eher stereotypisiert oder auch nur typisiert wird. Wann geht es internationaler zu und warum? Verändern sich Charaktere und Darstellungen von Nationalitäten? Durch die Kontinuitäten der Erzählwelten und ihrer Figuren lassen sich Brüche und Wandel recht genau nachvollziehen. US-Superheldencomics bieten damit ein gutes Untersuchungsfeld für Aspekte von Identitätskonstruktionen und -imaginationen und insbesondere auch für die Analyse der Funktionen von Nationenbildern in einem popkulturellen Medium.
Der Vortrag möchte an einigen Beispielen diesem Wandel und Kontinuitäten der Funktionen von Nationenbildern im US-Superheldencomic aufzeigen.
Superheldennarrative verhandeln Verhältnisse von Subjekt und Gesellschaft. Dabei ist der gegenwärtige Heldentypus in der Regel genötigt, sich demütig selbst zu beschränken und sich dem Prinzip eines in der familiären Gemeinschaft vorgeprägten Altruismus zu unterwerfen.
Mit dem Film Iron Man (USA, Jon Favreau) startete 2008 der Comicverlag Marvel über das Tochterunternehmen Marvel Studios mit der eigenständigen Verfilmung seiner Comicvorlagen. Das Projekt ist entsprechend der allgemeinen medialen Tendenz zu Serialisierung, Intertextualität und Transmedialität mit mittlerweile über 20 Filmen sowie etlichen Fernsehserien, Kurzfilmen und Computerspielen zum Marvel Cinematic Universe (MCU) angewachsen. Die kurze Einführung gibt Einblick in die Diversität der Heldenbilder und ihre ideologische Funktion, die Hierarchisierung von Heldentypen und deren Wandel. Zur gemeinsamen Diskussion steht dann die Frage inwieweit scheinbare Race-/Class- und Gender-Innovationen im MCU als Reaktionen auf die entsprechenden kulturellen Diskurse den Identitätsmodellen des Genres entsprechend formatiert werden und unter diesen Bedingungen in das Zentrum der Semiosphäre integrierbar sind.
Moderation: Jan-Oliver Decker (Universität Passau) und Marie Schröer (Universität Koblenz-Landau)
19.30 - 21.00 Brain Food (Raum: Volmer / Süring 4-24a/b)
„Germany's Next Topmodel. Zur Formatierung der Person in Casting-Shows“
Jan-Oliver Decker, Passau
Germany’s Next Topmodel entwirft mit Hilfe der Teilnehmerinnen ein Stereotyp, bei dem junge Mädchen durch das Laufstegritual vor der Jury als Person geformt werden. Diese Formatierung der Person vermittelt die kollektive Wunschvorstellung einer Frauwerdung, bei der äußerlich sichtbar scheinbar in der Person angelegte Potenziale herausgearbeitet werden. Diese von der Show vorgeführte, vermeintliche Arbeit an der Person zeigt aber vor allem eine Domestikation und Normierung der Person auf ein kollektiv gewünschtes Leistungsideal. Durch die Wiederholbarkeit dieser Normierung befriedigt die Show dabei wie alle Casting-Shows kollektive Wünsche des Publikums aus der Generation ‚Praktikum‘ nach sozialer Anerkennung und Integration durch Eigenleistung, die in der medialen Imagination als Schlüssel für den Zugang zu einem idealisierten Raum der Topmodels (oder eben auch Superstars) überhöht wird.