Marcgravie - Marcgravia coriacea
Photo: M. Burkart
Marcgravie - Marcgravia coriacea

Marcgravie - Marcgravia coriacea

Pflanze des Monats Januar 2008

Wer hat aus meinem Nektarkännchen getrunken?

 

Marcgravien (Gattung Marcgravia), benannt nach dem deutschen Forschungsreisenden Georg Marcgravius (1610 – 1644), klettern als Schlingpflanzen (Lianen) an Bäumen empor. Etwa 60 Arten sind bekannt, alle aus Mittel- und Südamerika. Ihr auffälligstes Merkmal ist ihr eigentümlicher, oft schirmförmiger Blütenstand: Zahlreiche Blüten stehen an verlängerten Stielen kreisförmig über einem Bündel sogenannter Nektarkannen. Bei der Schuppen-Marcgravie (Marcgravia coriacea) hängen diese Blütenstände an der Spitze langer Zweige, die die Pflanze seitlich weit in den Raum vorstreckt. Bei den Nektarkannen handelt es sich um umgebildete Blätter von der Form eines ziemlich kleinen und ziemlich krummen Reagenzglases. An ihrem Grund sondert die Pflanze Nektar ab.

Weil die Nektarkannen so eng sind, liegt es nahe, Tiere mit langen Schnäbeln als Blütenbesucher zu vermuten. Besonders von Kolibris ist schon seit dem 19. Jahrhundert bekannt, dass sie unter den Blütenschirmen schwirrend aus den Kannen trinken. Wenn sie dabei mit dem Kopf eine Blüte berühren, kann Pollen daran haften bleiben und vom Vogel auf eine andere Blüte übertragen werden.

Allerdings verwundert, dass sich die Blüten vieler Marcgravien nachts öffnen. Kolibris schlafen nachts. Auch die grüne oder bräunliche, jedenfalls unbunte Erscheinung vieler Marcgravienblüten passt schlecht zu Vögeln, die Augentiere sind. Bei Vogelblüten findet man eher kontrastreiche oder leuchtend rote Färbungen.

Bleibt die schirmförmige Struktur. Durch ihre frei im Raum schwebende Position ist sie ausgezeichnet erkennbar für Tiere, die auf die Wahrnehmung räumlicher Strukturen spezialisiert sind: Fledermäuse. Fledermäuse gewinnen ein farbenloses, dafür aber reich strukturiertes räumliches Bild ihrer Umgebung über ihr Ultraschall-Orientierungssystem, ähnlich wie Delfine. Und sie sind vornehmlich nachts unterwegs.

In der Tat haben neuere Studien Blattnasen-Fledermäuse als Bestäuber nachtblühender Marcgravien nachgewiesen. Statt eines langen Schnabels besitzen diese Tiere eine extrem weit vorstreckbare Zunge. Bei einer Art kann sie über 3/4 der Körperlänge erreichen. Es gibt aber auch tagblühende, bunte ‚Kolibri’-Marcgravien sowie eine Art mit besonders großen Blütenständen, die anscheinend „zu Fuß“ von Opossums bestäubt wird.

Und wenn kein Besuch kommt? Dann bestäuben die Marcgravien sich einfach selbst.

Marcgravie - Marcgravia coriacea
Photo: M. Burkart
Marcgravie - Marcgravia coriacea