Dr. Marion Kiffe

Redakteurin für Bildungsmedien

in der Englischredaktion des Cornelsen Verlags Berlin


Was haben Sie studiert?

  1. Lehramt für die Sekundarstufe I und II, in den Fächern Deutsch und Englisch
  2. Promotion zu Englischlehrwerken
  3. Referendariat

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Während meines Studiums war ich bei einer Informationsveranstaltung, in der eine Schulbuchredakteurin ihr Arbeitsfeld vorstellte. Das fand ich damals schon interessant, habe es aber erst einmal vergessen; mein Berufsziel war ja Lehrerin. Auch das Thema meiner Doktorarbeit war eher ein Zufall, aber während der Arbeit daran fand ich den Bereich Lehrwerksentwicklung immer spannender. Nach dem Referendariat und einem halben Jahr Schulerfahrung lag es dann für mich auf der Hand, mich bei Schulbuchverlagen zu bewerben.

Welche drei Sachen haben Sie auf der Arbeit zuletzt erledigt?

  • Ich habe Teile eines Manuskripts redigiert, einer Handreichung zu einer Sammlung englischer Kurzgeschichten. Das bedeutet zuerst eine inhaltliche Prüfung und (in Zusammenarbeit mit der Autorin) ggf. eine Überarbeitung: Funktionieren die vorgeschlagenen Aufgaben; werden mit ihnen alle Kompetenzen abgedeckt und die Kurzgeschichten angemessen ausgewertet? Sind die Lösungen vollständig und richtig? Werden vorher vereinbarte Anforderungen an das Manuskript erfüllt? Wird der geplante Umfang eingehalten und wenn nicht, wo kann gekürzt/etwas ergänzt werden? Dabei wird das Manuskript, wenn notwendig, sprachlich geglättet, und am Ende steht eine Rechtschreibkorrektur. Nach dem Satz muss ggf. erneut gekürzt werden.
  • Für unsere Lehrwerke lizensieren wir häufig auch Fremdmaterialien wie Texte aus englischen Zeitungen oder Romanauszüge. Damit die darauf spezialisierte Fachabteilung die Texte lizensieren kann, habe ich die bibliographischen Informationen von Texten in einer Excel-Liste zusammengestellt.
  • Bevor ein Titel gedruckt wurde, habe ich geprüft, ob die Fachabteilung die Rechte für alle Texte und Bilder eingeholt hat.

Wie eng arbeiten Sie mit Schulen und Lehrer*innen zusammen?

Unsere AutorInnen und BeraterInnen sind in der Regel Lehrkräfte, insofern arbeiten wir sehr eng mit Praktikern zusammen. Wir Redakteure bemühen uns auch, regelmäßig an Schulen zu hospitieren, denn eine konkrete Vorstellung vom Unterrichten hilft ungemein beim Redigieren.

Gibt es Richtlinien oder Vorgaben, nach denen Sie sich bei der Gestaltung der Schulmaterialien richten müssen?

Wir müssen uns natürlich an den Richtlinien/ Lehrplänen/ Kerncurricula/ Bildungsstandards der verschiedenen Bundesländer orientieren.

Muss man Lehramt studiert haben, um im Schulbuchverlag tätig zu sein?

Nicht notwendigerweise, ich habe auch KollegInnen, die ein Magisterstudium oder BA/MA abgeschlossen haben. Aber wenn eine Stelle ausgeschrieben und die Bewerberzahl groß ist, wird in aller Regel den ausgebildeten Lehrkräften der Vorzug gegeben. Ich persönlich halte Unterrichtserfahrung auch für sehr wichtig, um ein Lehrwerk zu redigieren; ich profitiere bei jedem Projekt von meiner Unterrichtserfahrung.

Was macht ein gutes Schulbuch aus?

Hier lassen sich bestimmt Hunderte von Kriterien nennen – ich nehme mal drei heraus: Es muss sachlich/fachwissenschaftlich korrekt sein, die Inhalte lernergerecht aufbereiten, ein klares, lernförderndes Layout haben.

Produzieren Sie selbst die Beiträge für Ihre Lehrmittel oder akquirieren sie diese?

In Englischlehrwerken für die Unterstufe werden alle Inhalte vollständig von Autorinnen und Autoren verfasst, d. h. Texte, Aufgaben, Merkkästen etc. Ab der Mittelstufe nimmt der Anteil der Texte zu, die nicht selbst geschrieben, sondern (ggf. in vereinfachter Form) lizensiert werden; AutorInnen schreiben dann Aufgaben, Merkkästen, Skills Files etc. Das heißt, der Anteil der lizensierten Inhalte nimmt in Englisch von Schuljahr zu Schuljahr zu.
Auch wenn Texte und Aufgaben von AutorInnen entwickelt werden, heißt das nicht, dass die Redaktion nur noch eine Rechtschreibkorrektur vornimmt. Je nach Projekt und Arbeitsform kann der Anteil der Redaktion an der Erstellung von Texten und Aufgaben erheblich sein, bis hin zur Mit-Autorenschaft. Ich persönlich halte es immer so, dass ich beim Redigieren nicht nur Schwächen oder Lücken des Manuskripts aufzeige, sondern möglichst gleich einen konkreten Verbesserungsvorschlag mache, wenn ein Manuskript Lücken oder Mängel hat. Dann geht meine Arbeit über eine reine Qualitätskontrolle hinaus und impliziert dann auch Autorentätigkeit.

Wie bringen Sie Ihre Materialien an die Schulen bzw. wer entscheidet, welche Lehrmittel eine Schule verwendet?

In vielen Bundesländern müssen Lehrwerke für die meisten Unterrichtsfächer vom Kultusministerium genehmigt werden. Die Schulen entscheiden dann frei, welche der genehmigten Lehrwerke sie verwenden wollen, und das können auch Materialien verschiedener Verlage sein.

Wie stehen Sie zu Unterrichtsmaterialien, die Unternehmen, NGOs oder Player wie die Bundeszentrale für politische Bildung den Schulen zur kostenfreien Verwendung anbieten? Arbeiten Sie bei der Erstellung von Inhalten auch mit solchen externen Playern zusammen?

Meines Wissens gibt es bei Cornelsen keinerlei solche Kooperationen; wir verwenden aber durchaus ausgewählte Materialien von NGOs in unseren Lehrwerken. Gegenüber Lehrmaterialien von Unternehmen bin ich persönlich eher skeptisch – altruistische Motive haben diese ja in der Regel nicht ...

Welche Arten von Medien stellen Sie in Ihrem Verlag zur Verfügung?

Es gibt eine kaum überschaubare Vielzahl an Printmedien wie Schülerbuch, Lehrerhandreichung, Arbeitsheft, Nachschlagewerke, Lernhilfen und Übungshefte, die die Lernenden in Eigenregie einsetzen, Klassenarbeitstrainer, Vorschläge für die Leistungsmessung...

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die Wissensvermittlung in Schulen (und Ihre Produktpalette)?

Zunehmend bieten wir auch digitale Medien an wie Apps, einen digitalen Unterrichtsmanager (d.h. ein PDF des Schülerbuchs, von dem aus verschiedene Begleitmedien wie Arbeitshefte, Audios, Videos angesteuert werden können). Seit neuestem gibt es für verschiedene Fächer auch ein komplett digitales Schulbuch, das mBook.

Haben sich die Werte und Inhalte, die Schulen wichtig sind, über die Jahre verändert? Wie spiegelt sich das in Ihren Materialien wieder?

Lehrwerke spiegeln ja immer die Gesellschaft wider, in der sie verwendet werden; eine wirklich fundamentale Veränderung kann ich da innerhalb der letzten 15 Jahre nicht feststellen. Aber natürlich verändern sich die Themen, die in Lehrwerken behandelt werden. Sie spiegeln ja zu einem Teil die Themen, die in der Gesellschaft diskutiert werden. Aus meiner Sicht sind es vor allem die Methoden, die sich während meiner Zeit als Schulbuchredakteurin verändert haben: weg von Lernzielen, hin zu Kompetenzen.

Welches Ziel möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

Ein Unterrichtsmaterial, das es Lehrkräften leicht macht, einen motivierenden, methodisch wie sachlich angemessenen, erfolgreichen Unterricht zu machen.

Was fordert Sie an Ihrem Beruf heraus, was macht ihn spannend?

Auch wenn ich schon zig Schülerbücher, Handreichungen, Themenhefte betreut habe, ist jedes Material wieder neu. Ich komme mit vielen unterschiedlichen Sachthemen in Verbindung und muss mich in sie eindenken. Mir macht vor allem die Zusammenarbeit mit AutorInnen Spaß: Wenn ich Mängel oder Lücken in einem Manuskript entdecke und dann mit Autor/Autorin an einer Verbesserung feile, wenn eine Idee durch das Zutun von Autorin wie Redakteurin zu einer funktionierenden Aufgabe reift, ist das ein wunderschöner kreativer Prozess!

Ihre Tipps für Berufseinsteiger*innen?

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