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Studienprojekt Township Tourismus

Raumbilder und Raumkonstruktionen durch Twonship-Tourismus

Eine Exkursion nach Kapstadt (Südafrika)

"Welche Bilder und Vorstellungen von "Townships" werden im Rahmen von Townshiptouren (re-)produziert und wie sind die jeweiligen Akteure/innen (Touristen/innen, Tour-Unternehmen, Bewohner/innen der Townships) an diesem (Re-)Produktionsprozess beteiligt?"

Mit dieser Leitfrage im Gepäck machten sich 14 Studierende des Instituts für Geographie im Februar/März 2007 unter Leitung von Prof. Dr. Manfred Rolfes , Dr. Malte Steinbrink (Osnabrück) und Dr. Bernd Tschochner zu einem Geländepraktikum auf nach Kapstadt (Südafrika), um sich dem Phänomen des Township-Tourismus zu nähern. Bei diesen Touren werden die Touristen/innen durch die Wohnviertel der Blacks und Coloureds geführt. Mittlerweile sind die Führungen zu einem Massenphänomen geworden: Nach offiziellen Angaben nehmen um die ca. 25% der interantionalen Kapstadt-Touristen/innen (entspricht ca. 300.000 Menschen) an Township-Touren teil.

Townships und Tourismus

Seit dem Ende der Apartheid und der Wiedereingliederung Südafrikas in die internationale Staatengemeinschaft gewinnt der internationale Tourismus eine immer größere Bedeutung für das Land. Dabei sah die Tourismusbranche Potenzial zu Anfang v.a. im Klima und den naturräumlichen Attraktionen. Doch bereits seit etwa 1995 entwickelte sich in Soweto (South Western Township) in Johannesburg ein neuer Zweig: Der Township-Tourismus. Dienten Führungen durch die Siedlungen in der Zeit der Apartheid v.a. dem "negative sightseeing", um die schlechten Lebensbedingungen der Schwarzen Bevölkerung zu präsentieren, hat sich dieser propagandistische Blick seit einigen Jahren zu einem Erlebnis "kultureller Begegnung und Entgegenkommens" zwischen Schwarz und Weiß verschoben.

 

Methodik

Vorbereitung

Das Geländepraktikum wurde im Rahmen eines Blockseminars vorbereitet werden. Über einen Input-Vortrag von Dr. Malte Steinbrink (Osnabrück) wurde die Veranstaltung dann im Weiteren thematisch ausgerichtet. Die Diskussion des theoretischen Rahmens und der Entwurf der Erhebungsinstrumente (u.a. Erstellung der Interviewleitfäden und Fragebögenerfolgte) erfolgte schließlich vor Ort in Südafrika. 

Durchführung

Forschungsfragen, die aus der erkenntnisleitenden Fragestellung abgeleitet wurden:

  • Welche Bilder / Vorstellungen von Townships haben internationale Touristen/innen? Warum entscheiden sie sich, auf eine Tour zu gehen?
  • Was wollen die Anbieter/innen von Township-Touren zeigen? Worin sehen sie den Zweck der Touren?
  • Was wird während der Touren gezeigt?
  • Verändern sich die Bilder der Touristen/innen während der Tour? Wie verändern sie sich?
  • Welche Möglichkeiten haben die Bewohner/innen der Townships in diese Konstruktionsprozesse einzugreifen?

Die Erfassung der Sichtweisen der verschiedenen Akteure/innen auf das Phänomen Township-Tourismus machte ein mehrperspektivisches methodische Vorgehen nötig. So wurden von studentischen Arbeitsgruppen Township-Touren begleitet und die Stationen protokolliert, Touranbieter/innen und Akteure/innen in den Townships qualitativ interviewt, einzelne Townships als Fallstudien gezielt untersucht und schließlich Touristen/innen mit Hilfe (teil-)standardisierter Fragebögen befragt. (Siehe Karte der besuchten Townships rechts, zum Vergrößern bitte anklicken)

Auswertung

Die Ergebnisse des Studienprojekts wurden u.a. statistisch ausgewertet (SPSS) sowie in einem Kolloquium und Abschlussbericht dargestellt. Außerdem sind sie in der Publikation "Townships as Attraction" nachzulesen.

Ergebnisse

Die Ergebnisse des Projektes können hier in Form der unterschiedlichen untersuchten Perspektiven betrachtet werden (einfach die jeweiligen Untersuchungsgruppen und Zielperspektiven anklicken). Weiter unten stehen außerdem zusätzliche Grafiken zur Verfügung. 

Aussichten

Das Phänomen des "Township-Tourismus" wird in der wissenschaftlichen Literatur unterschiedlich konzeptionalisiert. Basierend auf der Annahme einer Repräsentation von "Authentizität" und "Wirklichkeit" werden solche Touren teilweise als social tours oder reality tours gekennzeichnet und stellen oftmals eine Form "kulturellen Austauschs" oder "kulturellen Lernens" in den Vordergrund. Dagegen gibt es auch eine Beobachtungsweise des Themas, welche die moralisch zweifelhaften sozial-voyeuristischen Aspekte des Phänomens thematisiert. Dementsprechend kann es mit Begrifflichkeiten wie "Armutstourismus" (poverty tourism oder poorism), slumming oder auch negative sightseeing beschrieben werden.

Um dieser Mehrdeutigkeit empirisch zu begegnen, wurden nach diesem Studienprojekt noch weitere Fallstudien in einigen Townships Kapstadts (Südafrika) 2008, Favelas in Rio de Janeiro (Brasilien) 2008 sowie einem Slum (Dharavi) in Mumbai (Indien) 2009 durchgeführt. Bei diesen Untersuchungen konnten einige Gemeinsamkeiten der Touren festgestellt werden. So war es den Touranbietern/innen meist ein Anliegen den Fokus der Touristen/innen weg von Armut und Gewalt und hin zu sozio-ökonomische Entwicklungen der Bevölkerung zu lenken. Dies wurde über die Darstellung der Touren als möglichst "authentisch" und "realistisch" angestrebt. Auch die Touristen/innen gaben meist ähnliche Motiven und Erwartungen an. Oftmals wurde die Tourteilnahme dabei begründet, auf der Suche nach dem "wahren Leben" der entsprechenden Stadt sowie Alternativen zum Massentourismus zu sein. Einige Touristen/innen zeigten jedoch auch ein Schuldbewusstsein angesichts des Vorwurfs, dass die prekären Lebensweisen städtischer Armutsbevölkerung zum Gegenstand touristischer Aktivitäten gemacht würden. In allen drei untersuchten Städten zeigte sich jedoch, dass die Touranbieter/innen diesen Voyeurismusvorwurf mit ihren Tourangeboten und -inhalten explizit zu entkräften versuchen.

Signifikante Unterschiede lieferten die Touren in Südafrika, Brasilien und Indien jedoch in hinblick auf ihre inhaltliche Fokussierung: So wurde während der Township-Touren in Südafrika besonders die historisch-politische Entwicklung in Anbetracht des Apartheidsregimes nachgezeichnet. Während der Touren durch die Favelas in Rio de Janeiro standen Aspekte wie die sehr gute Infrastruktur aber auch Gewalt und Drogenhandel im Vordergrund. In Dharavi (Mumbai) versuchten die Touranbieter/innen den Blick v.a. auf die sozio-ökonomischen Bedingungen und Leistungen der Bevölkerung zu verweisen.