Medienkulturgeschichte

Allgemeines Forschungsprofil

Was bedeutet es, 'Medienkulturgeschichte' in der Praxis von Lehre und Forschung zu betreiben?

Zunächst handelt es sich um keine 'klassische' Methode. Auch gibt es den einen grundlegenden theoretischen Text nicht, auf den praktischerweise verwiesen werden könnte.  Ob es ihn jemals geben wird, ist fraglich, denn die Medienkulturgeschichte ist ein explizit narratives Verfahren – eine Geschichte eben, die sich am praktischen Beispiel und gewählten Ausschnitt erst konturiert. Sie ist nicht die Illustration einer These mittels ausgewählter Beispiele, sie wird ganz aus (bis dato oft) peripheren Materialbeständen und anekdotischen Funden entwickelt.

Sie ist also nicht einfach medienkulturgeschichtliche Auslegung kanonischer Stellen von anerkannten Theoretikern und Stars des akademischen Betriebs, sondern sie betrachtet als ausführlich erzählter historischer Verlauf das Wesen und Werden eines Gegenstands, dem Medialität zugeschrieben werden kann. Doch weder lässt sich eine solche Medienkulturgeschichte aus einer übergeordneten 'großen' Kulturgeschichte abgrenzen (stattdessen ist sie mit dieser eng verknüpft), noch ist sie nur eine Kulturgeschichte, die neuerdings unter dem Paradigma einer ontologischen Mediatisierung steht. Kurz: Die Medienkulturgeschichte will kein (weiterer) Erfolg der Theorie als Paradigma oder Turn sein. Stattdessen berichtet sie über Zusammenhänge zwischen medialen Innovationen und der sie umgebenden Alltagswelt.

Kein Medium – so beschrieb es schon Béla Balázs für das Kino - revolutioniert von sich aus das Leben der Zeitgenossen. Bevor das passiert, hat es sich sorgfältig auf seine Umgebung eingelassen und ist zahlreiche Konstellationen eingegangen. Nur innerhalb und aufgrund dieser Verbindungen wird es zum Gegenstand einer Medienkulturgeschichte. Macht man den Gegenstand selbst zur Ursache für einen kulturellen Umbruch, entstehen Tautologien. Marshall McLuhan hat die Inhalte eines jeden Mediums mit einem "saftigen Stück Fleisch" verglichen, "das der Einbrecher mit sich führt, um die Aufmerksamkeit des Wachhundes abzulenken". Er schlägt stattdessen vor, die Botschaft oder den Inhalt eines Mediums als die "Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt", zu beschreiben.

Auszug aus: Heiko Christians; Susanne Müller: Was ist und zu welchem Ende betreibt man Medienkulturgeschichte?

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Abbildungen
Rohrpostbriefumschlag (links oben), aus: Fritz Steinwasser: Berliner Post. Ereignisse und Denkwürdigkeiten seit 1237. Berlin-Ost (1988).

Bilder im Text, von links nach rechts:
Antje Engelmann, Familienportrait, camera lens Arriflex IIC, 2009, C-Prints, 60cm x 60cm.
Rangierbahnhof, aus: Hans Walter Flemming: Was die Welt verbindet. Adern und Nerven für Nachrichten und Güter. Düsseldorf (1965). (Rechte: DB).
Radarturm, aus: Hans Walter Flemming, a.a.O. (Rechte: AEG).
Neue Sachlichkeit. "Iberus gualterianus" von A. Ehrhardt. F. Ehrhardt. VG Bild-Kunst (2010).
Amphitheater, aus: Máté Major: Geschichte der Architektur, Band 1. Budapest (1974).
Atomreaktor, aus: Hans Walter Flemming, a.a.O. (Rechte: AEG).
Airbus A380 Triebwerk: Fotografier von Jörg Bösche

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