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Critical Mass

Critical Mass ist eine Gruppe unmotorisierter Verkehrsteilnehmer – zumeist bestehend aus Fahrradfahrern – die sich zu einer gemeinsamen Fahrt durch die Innenstädte zusammenschließen. Ihr Motto „Wir blockieren nicht den Verkehr – Wir SIND Verkehr!“ verleiht ihrer Forderung nach Gleichberechtigung auf den Straßen Ausdruck und soll darauf aufmerksam machen, dass „Verkehr“ nicht ausschließlich aus motorisierten Verkehrsteilnehmern besteht. Eine Absprache über Datum, Uhrzeit und Treffpunkt erfolgt über Mund-zu-Mund-Propaganda und im Internet über die sozialen Netzwerke und Blogs der Bewegung. Auch selbstgestaltete Handzettel oder Poster sind gängige Arten der Informationsweitergabe. Ein typischer Termin in der Szene ist der letzte Freitag im Monat, sodass die weltweit auf allen fünf Kontinenten stattfindenden Touren ungefähr zeitgleich realisiert werden können. Vor allem im Ursprungsland der Critical Mass – den U.S.A. – aber auch in weiten Teilen Europas und in vielen asiatischen (Thailand, Indien, China, Japan etc.) und lateinamerikanischen Ländern (Brasilien, Kolumbien, Chile, Argentinien etc.) werden diese Art der Zusammenkünfte allmonatlich praktiziert. In Australien und Afrika gibt es bisher nur vereinzelte Critical-Mass-Gruppierungen (Carlsson 2002: 249-251).

Foto: http://www.tmcrew.org/cm/
Abb. 1: Critical Mass in Rom 2011

Die Bezeichnung Kritische Masse ist der Kernphysik entlehnt und bezeichnet die „Mindestmasse eines aus einem spaltbaren Nuklid bestehenden Objekts, ab der die effektive Neutronenproduktion eine Kettenreaktion der Kernspaltung aufrecht erhalten kann“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Kritische_Masse). Um eine solche Kettenreaktion geht es auch bei der Critical-Mass-Bewegung: Indem jeder Teilnehmer weitere Teilnehmer aktiviert, soll das ihm innewohnende Potential zu expotentiellem Wachstum – ähnlich dem Schneeballprinzip – genutzt werden.


Die erste CM-Veranstaltung fand 1992 in San Francisco unter dem Namen „Commute Clot“ (wörtlich: Pendlerklümpchen) statt. Damals waren es nur einige wenige Fahrradfahrer, die sich im Anschluss an die gemeinsame Fahrt den Film „The Return of the Scorcher“ (sinngemäße Übersetzung: „Die Rückkehr des pfeilschnellen Radfahrers“) des Regisseurs Ted White ansahen, eine Dokumentation über körperbetriebene Fortbewegungsmittel und internationale Fahrradkultur, die im Original mit spanischen Untertiteln auch bei Youtube einzusehen ist. In einem Interview erzählt George Bliss, ein begeisterter Erbauer von Fahrzeugen, die mit menschlicher Muskelkraft betrieben werden, von der chinesischen Methode, den Verkehr ohne Einsatz jeglicher Signalsysteme oder Verkehrszeichen, sondern durch das Entstehen einer kritischen Masse an Teilnehmern einer Verkehrsgruppe zu regeln. Der Fahrzeugstrom hält sich durch diese erstaunliche Eigengesetzmäßigkeit im permanenten Fluss und fasziniert durch den harmonischen und selbstverständlichen Ablauf, der nonverbalen, demokratischen Prinzipien folgt: Über das eigene Handeln können so praktische Alternativen ausprobiert und aufgezeigt werden, die ihrerseits als Modell für eine Neuordnung des Straßenverkehrs dienen können und damit auch ein allgemeines Überdenken der Machtverhältnisse im öffentlichen Raum anstoßen.

Foto: http://www.tmcrew.org/cm/
Abb. 1: Critical Mass in Rom 2011
Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Critical_Mass_%28Aktionsform%29
Abb. 2: Die weltweit größte Critical Mass Veranstaltung fand mit circa 80.000 Teilnehmern am 20. April 2008 in Budapest/Ungarn statt. Häufig werden am Ende der Fahrt die Räder in triumphierender Geste über die Köpfe gehoben.

Critical Mass verweist durch seinen Namen darüber hinaus auf die politische und gesellschaftliche Haltung der Teilnehmer, bei der immer wieder die Wichtigkeit des kritischen Bewusstseins eines Individuums und die Notwendigkeit selbstverantwortlichen und rücksichtsvollen Verhaltens im Kollektiv betont wird. Der Begriff „Masse“ wird hier also nicht – wie häufig der Fall - mit Unbewusstheit, Gruppenzwang oder Manipulierbarkeit assoziiert, sondern erfährt eine positive Umdeutung in Richtung „intelligenter Schwarm“ und „common sense“. Die Botschaft: Auch ein Einzelner in der Masse kann autark agieren. Critical Mass ist dieser Prämisse folgend unhierarchisch und modular organisiert, agiert also dezentral. Es gibt zwar einen oder mehrere Urheber, die beispielsweise die Startzeit und den Treffpunkt bekannt geben, aber keinen Anführer oder Verantwortlichen im eigentlichen (oder rechtlichen) Sinne. Der genaue Ablauf ergibt sich zufällig; auf der Fahrt wird spontan von allen über Route, Dauer und Formation entschieden. Ziel ist es, das gemeinsame Fahrerlebnis und alternative Fortbewegungsmittel zu zelebrieren und Solidarität mit anderen Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern zu zeigen. Aggressives, provokatives Verhalten ist ausdrücklich unerwünscht, stattdessen soll eine deeskalierende, freundliche Aufklärung über Sinn und Zweck der Aktion, zum Beispiel bei wartenden, durch die Verzögerungen manchmal ungeduldigen Autofahrern, erfolgen. Je nach spezifischer Gesetzeslage wird normalerweise das geltende Verkehrsrecht befolgt, es werden aber – abhängig von der jeweiligen Zusammensetzung der Teilnehmer und ihrer Haltungen – durchaus auch bewusste Übertretungen wie etwa das „Corken“ durchgeführt. Hierbei werden kreuzende Straßen kurzzeitig für die geschlossene Durchfahrt der Gruppe von einzelnen, sich quer stellenden Mitfahrern für den motorisierten Verkehr blockiert (siehe Abb. 3).

Foto: http://de.wikipedia.org/wiki/Critical_Mass_%28Aktionsform%29
Abb. 2: Die weltweit größte Critical Mass Veranstaltung fand mit circa 80.000 Teilnehmern am 20. April 2008 in Budapest/Ungarn statt. Häufig werden am Ende der Fahrt die Räder in triumphierender Geste über die Köpfe gehoben.
Foto: radspannerei.de
Abb. 3: Das „Corken“ (oben rechts) visualisiert auf einem Regelblatt der Critical Mass.

Auch sogenannte „Die-Ins“ stellen einen Verstoß gegen das Verkehrsrecht dar: An besonders gefährlichen Unfallstellen legen sich alle CM-Teilnehmer zu einer Schweigeminute wie tot auf den Boden (siehe Abb. 4). Die weiß angestrichenen „Ghost-Bikes“ funktionieren als Mahnmale, die an Orten aufgestellt werden, an denen es tote oder verletzte Radfahrer gab. Sie dienen der Erinnerung an die Verunfallten und sollen durch ihre gute Sichtbarkeit zur Vorsicht gemahnen (siehe Abb. 5).

Foto: radspannerei.de
Abb. 3: Das „Corken“ (oben rechts) visualisiert auf einem Regelblatt der Critical Mass.
Foto: inhabitat.com
Abb. 4: „Die-In“ (http://assets.inhabitat.com/wp-content/blogs.dir/1/files/2013/12/london-cyclist-die-in2.jpg)
Abb: 5: „Ghost-Bike“ (http://www.criticalmass.at/category/ghostbike)

Weiteres:

Quellen:

  • Carlsson, Chris (Hrsg.) (2002): Critical Mass, Bicycling‘s Defiant Celebration. Edinburgh/Oakland: AK Press.
Autorin Irina Foukis
Zeitraum Mai 2015