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Grenzen erforschen, um Möglichkeiten zu erkennen – Der Sonderforschungsbereich 1287 beschäftigt sich mit der „Variabilität der Sprache“

Prof. Dr. Doreen Georgi
Buchstaben liegen auf einem Haufen.
Photo : Tobias Hopfgarten
Prof. Dr. Doreen Georgi
Photo : AdobeStock/Jakub Krechowicz
Der Sonderforschungsbereich 1287 erforscht unter kognitiven, computationalen und grammatischen Gesichtspunkten „Die Grenzen der Variabilität in der Sprache“.

Eines der vielseitigsten Werkzeuge, die der Mensch nutzt, dürfte zweifellos die Sprache sein. Verantwortlich dafür ist ihre Variabilität, die sich auf allen Ebenen finden lässt – von der Aussprache bis zur Wortstellung im Satz. Doch auch die sprachliche Flexibilität hat Grenzen. Und gerade die sind für Sprachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler besonders interessant. Denn sie stellen sicher, dass wir mehr oder weniger die gleiche Sprache sprechen. Im Sonderforschungsbereich (SFB) „Die Grenzen der Variabilität in der Sprache“ (1287) sind Potsdamer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit 2017 über Disziplingrenzen hinweg auf der Suche nach diesen Limitierungen. Von Beginn an mit dabei ist Doreen Georgi, Professorin für Variation und Variabilität in morphosyntaktischen / morphologischen Systemen. Seit Herbst 2022 ist die Sprachwissenschaftlerin Sprecherin des SFB. Matthias Zimmermann sprach mit ihr über Ausgangsfragen, die Suche nach Mustern und erste Ergebnisse.

Frau Georgi, wie variabel ist Sprache eigentlich?

Sehr variabel. Das ist keine Neuigkeit, wir erfahren das alle jeden Tag. Wer eine Fremdsprache gelernt hat, kann das auch einfach nachempfinden: Nicht nur das Vokabular, auch die Grammatiken der Sprachen unterscheiden sich. Ein Beispiel: In manchen Sprachen steht das Adjektiv meist nach dem Substantiv: Wo wir vom roten Haus sprechen, gibt es im Spanischen „la casa roja“. Aber wir müssen auch gar nicht so weit weg schauen: Unsere Kommunikationsmittel unterschieden sich Tag für Tag, je nachdem, wofür wir sie einsetzen und mit wem wir sprechen: ob wir ein Interview führen, zwei Jugendliche miteinander sprechen oder einen Zeitungsartikel schreiben. Sprache ist variabel auf vielen Ebenen.

Eigentlicher Fokus des SFB sind aber die Grenzen dieser Variabilität. Warum?

Genau. Eigentlich interessiert uns, wo diese Variabilität Grenzen hat und was die Gründe für diese Grenzen sind. Denn so viel Variation wir auch entdecken, so ist doch nicht alles möglich! Darauf schauen wir: Warum gibt es einige logisch erwartbare Muster offenbar nicht? Die Begrenzungen sind besonders interessant, denn sie verraten uns etwas über unser kognitives System.

Wie erforscht man die?

Unterschiedlich. Je nach Aspekt von Variabilität, um den es geht. Deshalb widmen sich die Teilprojekte im SFB so vielen verschiedenen Fragen und wenden diverse Methoden an. Eine Möglichkeit sind Sprachvergleiche. Dabei schaut man sich ein sprachliches Phänomen in zahlreichen Sprachen an, um sprachübergreifenden Mustern auf die Spur zu kommen. Welche Muster gibt es (wie oft), welche nicht? Und korrelieren diese mit anderen Eigenschaften der Sprachen? So dreht sich Projekt C08 um die Stellung von Subjekt – Verb – Objekt im Satz. Und um die Frage, ob die lineare Abfolge dieser Elemente andere syntaktische – den Satzaufbau betreffende – und morphologische – die Wortformenbildung betreffende – Merkmale einer Sprache bestimmen.

Schauen Sie auch auf Sprachwandel?

Ja, denn auch der Blick darauf, wie Sprache sich innerhalb einer Gemeinschaft über die Zeit hinweg wandelt, hilft, die Grenzen sprachlicher Variabilität abzustecken. So untersucht Projekt C06 für das Deutsche, wie die Sprachverarbeitung syntaktischen Wandel beeinflusst. In Phase 1 wurde gezeigt, dass die Platzierungsmöglichkeiten von Infinitiv-Objekten im Satz – wie „dass Maria ihnen erlaubt hat, den Artikel zu lesen“ oder „dass Maria ihnen den Artikel zu lesen erlaubt hat“ oder „dass Maria ihnen den Artikel erlaubt hat zu lesen“ – vom Frühneuhochdeutschen zum heutigen Deutsch abgenommen haben. Die Reduzierung der Variation hat einen Nutzen, da sie Mehrdeutigkeiten vermeidet. Außerdem hat C06 in einer Reihe von psycholinguistischen Experimenten gezeigt, dass die heute kaum noch produzierte Abfolge mit aufgespaltenem Infinitiv – wie „dass Maria ihnen den Artikel erlaubt hat zu lesen“ – schwerer zu verarbeiten ist als die beiden anderen.

Welche Rolle spielt Spracherwerb für den SFB?

Uns interessiert natürlich auch, wie der Umgang mit sprachlichen Strukturen erworben wird. Sind manche schwerer zu erlernen als andere? Tatsächlich gibt es dabei diverse Restriktionen. Projekt C07 analysiert beispielsweise, wie Kinder das Lautinventar ihrer Muttersprache erwerben – und auch Wissen darüber, welche Beschränkungen es für die Kombinationsmöglichkeiten dieser Laute gibt. Die Kernfrage ist, ob der Erwerbsprozess allein abhängig von ihrer Erfahrung ist, also der konkreten Einzelsprache, die die Kinder von ihren Eltern hören, oder ob der Möglichkeitsraum auch erfahrungsunabhängig durch universelle Tendenzen bestimmt wird. Eine solche Tendenz ist die Sonoritätshierarchie. Diese besagt, dass im Kern einer Silbe als sonorste Einheit ein Vokal steht, während die Sonorität zu den Rändern hin „abfällt“. Es gibt Sprachen, die Silben ohne diese Struktur nicht zulassen. Außerdem hören Erwachsene solche Silben lieber, man spricht von einer höheren Akzeptabilität, und sie setzen die Silbengrenzen entsprechend. Das Projekt untersucht nun zweisprachig aufwachsende Kleinkinder, wobei eine der Sprachen der Hierarchie folgt, die andere aber Ausnahmen aufweist. Schränkt die Hierarchie die Variation im Spracherwerbsprozess bei diesen Kindern dennoch ein? Tatsächlich sieht es so aus, als würden solche sprachlichen Variationen, die allgemeinen bzw. weit verbreiteten Prinzipien zuwiderlaufenden, instabil sein. Umgekehrt bedeutet das: Es gibt Grenzen in unserem Sprachsystem, die dafür sorgen, dass wir bestimmte Strukturen besser, leichter, schneller lernen bzw. beherrschen.

Worauf schauen Sie noch?

Einen vierten Forschungsfokus des SFB bilden Computermodelle, die Sprache abbilden bzw. simulieren. Es handelt sich um künstliche neuronale Netzwerke, die mithilfe von großen Korpora sprachliche Strukturen lernen. In Experimenten wird dann geschaut, welche Strukturen sie produzieren können. Was sagen sie als natürlich voraus, was nicht? Und wie gehen sie mit Variationen um, die in natürlicher Sprache nicht vorkommen?
Schließlich wurden im SFB auch Trainingsstudien durchgeführt: Im Projekt C01 (Phase 1) etwa wurden Sprecherinnen und Sprechern Strukturen antrainiert, die sie normalerweise kaum oder gar nicht nutzen – die aber in anderen Sprachen oder sogar Dialekten durchaus geläufig sind. Die Frage dahinter: Können Strukturen, die in natürlicher Sprache existieren – aber nicht im eigenen Gebrauch sind – leichter erworben werden als solche Konstruktionen, die nie vorkommen? Es hat sich gezeigt, dass die Probanden diese Strukturen zwar durchaus lernen können, aber trotz großen Trainingsaufwands nicht dazu übergehen, diese Strukturen auch wirklich zu benutzen. Ein sehr spannender, aber auch enorm aufwendiger Ansatz.

Woran forschen Sie selbst im SFB?

Ich untersuche Phänomene, die den Satzbau betreffen. Mich interessiert vor allem, unter welchen Bedingungen sich Elemente im Satz verschieben lassen. Ich widme mich insbesondere solchen Strukturen, die unerwartete Eigenschaften aufweisen und die an der Oberfläche zunächst wenig variabel aussehen, weil sie in vielen, nicht-verwandten Sprachen der Welt vorkommen. In unserer Forschung konnten wir aber zeigen, dass oberflächlich ähnliche Strukturen oft auf unterschiedlichem Wege gebildet werden können – sie haben also eine variable Ableitungsgeschichte. Daran anknüpfend haben wir im zweiten Projektabschnitt unseren Blick geweitet: In Phase 1 haben wir überall Variation gesehen und die Grenzen gesucht. Jetzt schauen wir, quasi umgekehrt, auf Strukturen, die oberflächlich gar nicht variabel erscheinen, es aber durchaus sind. Das Phänomen nennt sich „hidden variability“. Wir finden aber auch hier Grenzen in der Variation möglicher zugrundeliegender Strukturen.

Der SFB ist inzwischen in der zweiten Förderperiode. Es liegen also bereits fünf Jahre hinter ihnen. Zeit für ein Zwischenfazit?! Welche Bilanz lässt sich ziehen?

Man könnte denken, dass Variation sich als Störfaktor erweist. Dass zu viel Variation das Sprachenlernen erschwert. Aber wir konnten bereits in Phase 1 zeigen, dass das nicht der Fall ist. Variation ist kein Nebengeräusch, das uns das Leben schwermacht, das wir aber ertragen müssen. Vielmehr kann Variation wichtige Informationen transportieren. Ein Beispiel: Projekt C03 hat erforscht, wie Kinder Laute unterscheiden lernen und Lautsequenzen mit Objekten in der Welt verknüpfen – also wie sie Wörter lernen. Nun artikulieren verschiedene Sprecher Laute – wie beispielsweise b und p – mitunter sehr unterschiedlich. Jetzt könnte man meinen, dass Kinder, die gerade Sprechen lernen, davon irritiert sind und die entsprechenden Wörter langsamer lernen. Aber das Projekt zeigt: Das Gegenteil ist der Fall! Es hilft ihnen beim Lernen, wenn sie mit verschiedenen Sprechern, verschiedenen Situationen konfrontiert werden. Und sie lernen die die Laute sowie die Verknüpfungen mit den Objekten schneller.

Was haben Sie sich für die zweite Phase vorgenommen?

Wie gesagt wenden wir uns verstärkt der „hidden variability“ zu, also sprachlicher Variabilität an Stellen, wo es oberflächlich keine gibt. Als zweites großes Thema wollen wir unsere Modelle testen, die wir auf Grundlage der Ergebnisse von Phase 1 entwickelt haben – und schauen, ob und wie damit getroffene Vorhersagen verifiziert werden können. Beispielsweise hat Projekt B04 angeschaut, wie Probanden Wort- und Satzstrukturen verarbeiten und zwar im Vergleich zwischen ihrer Muttersprache und einer erlernten Fremdsprache. Dabei haben die Forschenden große individuelle Differenzen festgestellt. Das daraus abgeleitete Modell soll nun – auf der Grundlage der Performance von Sprechenden in Sprache 1 und 2 – Vorhersagen ermöglichen, wie sie beim Erlernen einer dritten Sprache abschneiden. Das testet das Projekt jetzt mit Deutsch- Muttersprachlern, die nach Englisch mithilfe einer Onlineplattform auch Türkisch lernen. Projekt B02 wiederum hat in Phase 1 untersucht, wie Menschen, die etwa infolge eines Schlaganfalls, sprachlich beeinträchtigt sind, Sprache verarbeiten. Jetzt sollen darauf aufbauende Vorhersagen zur Sprachproduktion dieser Personen überprüft werden. Wir haben also viel zu tun!

DIE FRAGEN STELLTE MATTHIAS ZIMMERMANN.

Ein Beispiel …

Projekt B01 „(In)Variabilität prosodischer Cues in Perzeption, Produktion und Interaktion“ geht der Frage nach, wie und unter welchen Bedingungen jüngere und ältere Menschen Prosodie einsetzen. Diese umfasst alle hörbaren Ausdrucksformen des Sprechens, also etwa Intonation, Lautstärke, Sprechgeschwindigkeit oder Rhythmus. Dafür nutzt das Team Sätze oder Phrasen, die exakt die gleichen Worte enthalten, aber unterschiedliche Bedeutungen haben, ja nachdem, wie die unterschiedlichen Satzteile gruppiert werden – also, wie man die Prosodie einsetzt. Je nach Prosodie etwa „(Mona und Lili und Nina)“ im Gegensatz zu „(Mona und Lili) und Nina“. „In der ersten Phase des SFB (2017–21) haben wir zeigen können, dass unsere Sprecherinnen die Prosodie sehr konsistent eingesetzt haben“, sagt eine der drei Projektleiterinnen, Prof. Dr. Isabell Wartenburger. „Besonders interessant war, dass der Einsatz von Prosodie ein individuell sehr stabiles Muster an Merkmalen zeigte.“ Gleichzeitig fielen im Vergleich zwischen den Sprecherinnen große Unterschiede darin auf, welche prosodischen Merkmale sie einsetzten. Dies stütze Theorien, die annehmen, dass die Sprecherinnen die Prosodie automatisch und „für sich selbst“ einsetzen und eigentlich nicht „für die Zuhörerin“. „In der aktuellen Phase prüfen wir nun in der interaktiven Aufgabe, ob sich das auch in einer natürlicheren Kommunikation bestätigt“, so Wartenburger.

Das Projekt

Der Sonderforschungsbereich 1287 erforscht unter kognitiven, computationalen und grammatischen Gesichtspunkten „Die Grenzen der Variabilität in der Sprache“. Der interdisziplinäre SFB 1287 besteht aus 16 wissenschaftlichen Teilprojekten und einem integrierten Graduiertenkolleg. Laufzeit: 2017–2025 Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
www.sfb1287.uni-potsdam.de

Die Forscherin

Prof. Dr. Doreen Georgi studierte Sprachwissenschaft und Romanistik an der Universität Leipzig, wo sie auch promovierte. 2016 kam sie als Juniorprofessorin an die Universität Potsdam. Seit 2020 ist sie Professorin für Variation und Variabilität in morphosyntaktischen / morphologischen Systemen und seit 2022 Sprecherin des SFB 1287.
E-Mail: doreen.georgiuni-potsdamde

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal Wissen - Zwei 2023 „Exzellenz (PDF).