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Wichtige Erinnerungsarbeit – Wie eine Dozentin mit ihren Studierenden Ausstellungen zur jüdischen Geschichte entwirft

Krankenschwesterschülerinnen anno 1919 im jüdischen Krankenhaus Berlin
Celine Thorns (l.) und andere Studierende legen Blumen am Gleis17 nieder.
Photo : Jüdisches Krankenhaus Berlin
Krankenschwesterschülerinnen anno 1919 im jüdischen Krankenhaus Berlin
Photo : Moses Mendelssohn Stiftung
Celine Thorns (l.) und andere Studierende legen Blumen am Gleis17 nieder.

An einer gedeckten Tafel sitzen acht Schwesternschülerinnen in Schürze und mit gestärktem Häubchen. Auch zwei Ärzte haben sich dazu gesellt. Offene Blicke in die Kamera – hier und da ein Lächeln. Wer sind die Menschen auf diesem Schwarz-Weiß-Foto? Was haben sie erlebt? Schon vor über hundert Jahren wurde es im Jüdischen Krankenhaus Berlin aufgenommen. Das Bild ist eines von vielen, das Dr. Elke-Vera Kotowski zusammen mit Studierenden in mehreren Ausstellungen zeigte. Diese waren Ergebnisse verschiedener Lehrforschungsprojekte, die die promovierte Geschichtswissenschaftlerin und ihre Seminarteilnehmenden geschaffen haben. Damit leisten sie wichtige Erinnerungsarbeit zur jüdischen Geschichte in Deutschland.

Weil der 80. Jahrestag der Deportation bevorstand, überlegte sich Elke-Vera Kotowski, ein Seminar zur Geschichte von „Gleis 17“ zu geben. Ab Herbst 2020 entwarf sie zusammen mit ihren Studierenden über zwei Semester eine Ausstellung zum Berliner Mahnmal. Neun Biografien stehen hier für die Geschichte von über 50.000 Berliner Jüdinnen und Juden, die zwischen 1941 und 1945 vom Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald aus deportiert und dann größtenteils ermordet wurden. Solche Projekte bietet Kotowski an, seit sie 1994 als Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam begann. Die Seminare ermöglichen praktische Einblicke in die Forschungsarbeit: vom ersten Konzept bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse im Buchformat, als Webseite oder im Museum.

In der ersten Veranstaltung legten die Studierenden fest, wie sie die Ausstellung gestalten wollten. Celine Thorns war von Beginn an dabei. „Während des zweiten Seminars im Sommer 2021 recherchierten wir dann den historischen Kontext, Biografien von Deportierten und die Frage, welche Rolle unterschiedliche Institutionen bei der Deportation spielten“, erzählt sie. Anschließend machten sich die Studierenden daran, die Ergebnisse didaktisch aufzuarbeiten. Wie Elke-Vera Kotowski berichtet, lag der Fokus der Präsentation dabei auf den Lebensläufen: „Die Menschen hinter den Zahlen zu sehen, ist wichtig.“ Die Studierenden suchten passende Bildquellen und schrieben knappe, prägnante Texte. Die Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ half, die Bildrechte einzuholen. Die Wissenschaftlerin betont: Ohne die Eigeninitiative der Studierenden lasse sich so ein umfangreiches Projekt nicht umsetzen. „Letztendlich ist es immer mehr Arbeit, als ein klassisches Seminar vorzubereiten“, gibt sie zu – dies gelte für sie selbst ebenso wie für die Teilnehmenden. „Aber das ist es einfach wert. Es macht mich glücklich zu sehen, dass ich die Studierenden begeistern kann und sie während der Projektarbeit über sich hinauswachsen.“ Schließlich konnte die Ausstellung zum Gleis 17 online für die Webseite des nahegelegenen Else-Ury-Campus, der studentisches Wohnen und gemeinsame Aufarbeitung zum Mahnmal vereinen soll, verwirklicht werden.

„Es ist eine schöne Erfahrung, selbst etwas zu erschaffen“, sagt Celine Thorns stolz. Lernen durch Anwenden, das ist die Devise. Die Studierenden gewannen nicht nur thematische Kenntnisse, sondern verfeinerten zusätzlich ihre Soft Skills, wie Eigenständigkeit oder Teamfähigkeit. Für Elke-Vera Kotowski zählt, alles gemeinsam zu entscheiden: „Das Spannende an der Teamarbeit ist, dass am Ende meist etwas ganz anderes herauskommt, als ich mir vorgestellt hatte. Trotzdem bin ich immer mit dem Produkt zufrieden.“ Vor allem aber lernten die Teilnehmenden, wie sie eine Ausstellung organisieren. „Wie komme ich an Bilder? Wie mache ich eine Kalkulation und wie funktioniert die Finanzierung? Wie nehme ich zu möglichen Veranstaltungsorten Kontakt auf? Wie kümmere ich mich um Werbung und schreibe Pressemitteilungen? All das gehört dazu.“ Celine Thorns erinnert sich: „Es hängt deutlich mehr daran, als man zuerst annimmt.“ Gerade das freie Arbeiten an den Ausstellungsmaterialien habe viele zu Beginn verunsichert. „Das liegt nicht am Können, sondern weil sie es nicht gewohnt sind“, sagt die Studentin. Die unkonventionelle Seminargestaltung beginnt genau dort.

Die Präsentation zum Gleis 17 ist aber nicht das erste Projekt, das Elke-Vera Kotowski zusammen mit Potsdamer Studierenden unterschiedlicher Fachrichtungen entwickelt hat. Schon eine Ausstellung zum Jüdischen Krankenhaus in Berlin, in dem auch das Foto der Schwesternschülerinnen zu sehen war, entstand auf diese Weise: Die 1756 eröffnete Einrichtung war im Vorfeld ihres 250-jährigen Jubiläums auf die Wissenschaftlerin zugekommen. Im Wintersemester 2005 im Seminarverband aufgearbeitet, 2006 erfolgreich angelaufen, tourt die Ausstellung seitdem um die ganze Welt. Sie war schon in Südafrika, Israel, den USA und Argentinien zu sehen, seit Anfang 2022 ist sie in Panama unterwegs – und überall ist sie gefragt, weil sich durch die emigrierten Jüdinnen und Juden Anknüpfungspunkte ergeben.

So wie bei dem Foto mit den Schwesternschülerinnen. Elke-Vera Kotowski erzählt, wie die israelische Tageszeitung „Jerusalem Post“ 2007 einen Artikel über die Ausstellung schrieb und unter anderem dieses Bild abdruckte. „Am Nachmittag der Eröffnung kamen zwei ältere Damen und berichteten aufgeregt: ‚Wir haben heute Morgen die Zeitung aufgeschlagen und unsere Mutter auf dem Foto entdeckt.‘“ Immer wieder seien ehemalige Angestellte oder Hinterbliebene an sie herangetreten. „Die Personen, die ich traf, wurden entweder im jüdischen Krankenhaus geboren, haben selbst als Krankenschwester oder Arzt gearbeitet oder ihre Eltern waren dort tätig. Das sind dann solche Augenblicke, in denen man weiß, man hat alles richtiggemacht.“

Online-Ausstellung zum Gleis 17: https://else-ury-campus.de/de/geschichte

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2022 „Diversity“ (PDF).