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Ein Kommen und Gehen – Brandenburg und seine Migrationsgeschichte

Wagen eines Flüchtlingstrecks aus den Ostgebieten vor der Potsdamer Nikolaikirche im Februar/März 1945
Portrait von Prof. Dr. Thomas Brechenmacher. Das Foto ist von Karla Fritze.
Portrait von Prof. Dr. Matthias Asche. Das Foto ist von Tobias Hopfgarten.
Photo : Arthur Grimm © bpk Berlin
Wagen eines Flüchtlingstrecks aus den Ostgebieten vor der Potsdamer Nikolaikirche im Februar/März 1945
Photo : Karla Fritze
Prof. Dr. Thomas Brechenmacher
Photo : Tobias Hopfgarten
Prof. Dr. Matthias Asche

Weber, Büchsenmacher und potenzielle Soldaten – sie alle fanden in der Vergangenheit ihren Weg nach Brandenburg. Aber auch in jüngster Zeit kann die Region mit einer im wahrsten Sinne bewegten Geschichte aufwarten. Im Wintersemester 2019/20 widmete sich eine Ringvorlesung der Migrationsgeschichte Brandenburgs, die von Thomas Brechenmacher, Professor für Neuere Geschichte, und Matthias Asche, Professor für Allgemeine Geschichte der Frühen Neuzeit, veranstaltet wurde. Daraus entstand der Sammelband „Hier geblieben“, der aus historischer Perspektive beleuchtet, wie Menschen seit dem frühen Mittelalter bis zur Gegenwart nach Brandenburg kamen und es verließen. Im Interview sprechen die beiden Herausgeber über das, was den Menschen seit jeher bewegt, und zeigen dabei, wie unterschiedlich Toleranz gestern und heute gelebt wird.

Welche Gründe gibt es für Migration?

Brechenmacher: Gründe gibt es viele. Wenn sich in bestimmten Gebieten die Lebensumstände durch Kriege, Verwüstung, Hungersnöte oder im 20. Jahrhundert durch großangelegte Vertreibungen verschlechtern, dann sind Menschen gezwungen, an einen anderen Ort zu gehen. In der Frühen Neuzeit hatte Migration häufig religiöse oder ökonomische Ursachen. Oft gehen die Betroffenen auch dorthin, wo die Arbeit und damit ihre Existenz gesichert oder verbessert ist. Die Potenziale von Migration liegen in den Bildungs-, Arbeits- und Siedlungsmöglichkeiten.

Asche: Migration zu typologisieren ist schwer: Man kann versuchen, zwischen Arbeits- oder Siedlungswanderung und zwischen Zwangs- oder freiwilliger Wanderung zu unterscheiden. Auch Fragen, inwieweit Wanderung gelenkt ist oder nicht oder wo Migration beginnt, spielen eine Rolle. Es gab sie in allen Epochen. Insofern ist der Mensch – wie der Osnabrücker Migrationshistoriker Klaus Bade geschrieben hat – seit seinem Aufkommen ein „Homo Migrans“ gewesen. Migration ist der Normalfall, Immobilität die Ausnahme.

Was hält die historische Perspektive für die zeitgenössische Diskussion über Migration bereit?

Brechenmacher: Man sollte sich hüten, leichtfertig Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen und Geschichte zu politisieren. Die Geschichte sollte differenzieren und die Dinge in ihrer Komplexität zeigen.

Im 20. Jahrhundert änderte sich das Verständnis von Migrationen, weil die Idee einer Verantwortung entstand. So wurde das Asylrecht als Ergebnis bestimmter historischer Entwicklungen als eine Art Menschenrecht in den Verfassungen verankert. Nimmt ein Land politisch Verfolgte auf, entsteht eine andere Legitimation für Migration.

Asche: Wir können vielleicht nicht aus der Geschichte lernen. Aber wir können am Beispiel der historischen Migrationsfälle feststellen, dass Migration häufig ein Projekt der Obrigkeit gewesen ist. Schon im Mittelalter holten die Markgrafen von Brandenburg Siedler aus den Niederlanden und dem Niederrheingebiet in die Region. Die anwesenden Brandenburger waren nicht glücklich damit. Migration ist in aller Regel nie widerstandlos oder konfliktfrei. Derjenige, der von außerhalb kommt, ist zunächst eine Bedrohung: für den Besitz, die eigene Identität, eine soziale Bedrohung, vielleicht sogar eine für Leib und Leben. Die Erfahrung, abgelehnt zu werden und abzulehnen, ist etwas, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht.

Welche Gruppen kamen in welchen Epochen nach Brandenburg?

Asche: Brandenburg war immer ein sehr dünn besiedeltes Land und deshalb über viele Phasen der Geschichte ein Einwanderungsland. Es begann mit der slawischen Landnahme an der Wende der Antike zum frühen Mittelalter. Im hohen Mittelalter wanderten dann deutsch- und niederländisch-stämmige Siedler ein.

Aber es gab auch Phasen, in denen Brandenburg ein Auswanderungsland war. Das war es besonders zu Katastrophen- und Kriegszeiten: im Mittelalter bei Pestwellen oder während des Dreißigjährigen Krieges. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts verlor Brandenburg in der Uckermark etwa 80 Prozent der Bevölkerung, in anderen Teilen nur etwa 50 Prozent. Danach gab es einen Bedarf an Neusiedlern, die bis zum 19. Jahrhundert – als die Neue Welt rief – einwanderten.

Brechenmacher: In der jüngeren Geschichte ist Brandenburg auch ein Teil der gesamteuropäischen oder sogar globalen Migrationsgeschehnisse: Auf der einen Seite war es von Auswanderung geprägt, auf der anderen von verstärkter Binnenwanderung infolge der Industrialisierung. Auch die Veränderungen im bürgerrechtlichen Status haben Wanderungen hervorgerufen: Die Bauernbefreiung, Aufhebungen diverser Formen von Leibeigenschaft und die Veränderungen der Produktionsweise setzten Menschenmassen in Bewegung.

Ein besonderes Phänomen war die Urbanisierung und die Pauperisierung, also die zunehmende Verarmung bestimmter Schichten, in den Städten. Schlesische Katholiken, polnische oder jüdische Minderheiten zogen in den schnell gewachsenen „Wasserkopf Berlin“. Auch im Zuge der Französischen Revolution strandeten Emigranten in Brandenburg oder Berlin. Schließlich flüchteten viele infolge der beiden Weltkriege aus dem ehemals deutschen Osten in die Region. Zum Teil blieben die Menschen in der DDR; im Zuge der Verschärfung des Kalten Krieges wanderten sie aber auch in Richtung Westen weiter. In der Nachkriegszeit kamen die Gast- und Kontraktarbeiter ins Land. Die letzte große Welle für das wiedervereinigte Deutschland sind die russisch-jüdischen Kontingentflüchtlinge und seit 2015 die Kriegsflüchtlinge aus den arabischen Ländern.

Potsdam hat das Holländische Viertel und die Russische Kolonie – lässt sich an der Geschichte der Stadt die Zuwanderung in Brandenburg exemplarisch zeigen?

Asche: In Potsdam fanden Entwicklungen statt, die man auch auf ganz Brandenburg beziehen kann. Die Stadt erfuhr im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts einen Aufschwung. Potsdam war noch im Dreißigjährigen Krieg ein ganz unbedeutender Ort und wurde erst dadurch aufgewertet, dass der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg nach dem Krieg hier seine Nebenresidenz errichtete. Man brauchte Infrastruktur, Handwerker und Bürger, die Steuern zahlten. Im 18. Jahrhundert wurde Potsdam eine Garnisonsstadt, d.h. Soldaten siedelten sich an. Im Holländischen Viertel wurden eher weniger Holländer angesiedelt als vielmehr Soldatenfamilien. Die Emigranten der Russischen Kolonie waren Sänger und ehemalige Militärangehörige unter Kaiser Alexander I. Potsdam war bis in die sowjetische Zeit hinein immer eine Garnisonsstadt. Eine Demilitarisierung fand erst mit dem Abzug der russischen Truppen 1991 statt.

Brechenmacher: Auch die katholische Gemeinde entstand aus einer Militärgemeinde: Der Soldatenkönig „importierte“ belgische Büchsenmacher, die einen Kaplan mitbrachten.

Asche: Für Potsdam spielen zwei Gruppen aus der Vergangenheit eine Rolle: einerseits die Schweizer Kolonisten, die in Nattwerder angesiedelt waren. Dort findet man heute noch Schweizer Familiennamen in der Dorfgemeinschaft.
Nowawes, das auf Tschechisch das „Neue Dorf“ bedeutet, war eine Kolonie böhmischer Weber in Babelsberg. Die Böhmen arbeiteten für den Militärbedarf im Umfeld von Berlin. Die kleinen Häuser in den Straßen Babelsbergs sind alte Weberhäuser aus dem 18. Jahrhundert.

Sie erwähnen in Ihrem Buch, dass das, was wir heute fast automatisch beim Thema Migration mitdenken, nämlich die Bereitschaft für Toleranz gegenüber Einwandernden, in der Vergangenheit gänzlich anders nuanciert war. Wie äußerte sich das?

Brechenmacher: Friedrich II. gilt immer als großer „Toleranzmeister“. Einwanderung war für ihn aus ökonomischen und Gründen der Staatsräson wichtig: Er ließ diejenigen zu, die er brauchen konnte. Wenn man allerdings in seinen beiden politischen Testamenten liest, was er über Juden schreibt, wird einem schnell die Vorstellung ausgetrieben, dass Friedrich der Große „tolerant“ im Sinne einer Wertschätzung der Zuwanderer war.
Diese „Traditionslinie“ begann aber schon früher – mit dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Er nahm 1671 50 jüdische Familien aus Wien auf. Der Kurfürst duldete sie, weil er das durch den Dreißigjährigen Krieg stark entvölkerte Land aufbauen wollte und dafür leistungsfähige Menschen brauchte. Wenn sie ökonomisch nichts brachten, mussten sie aber damit rechnen, wieder ausgewiesen zu werden.
Unsere heutige Vorstellung von Toleranz entstand erst in der Verlängerung von aufklärerischen Ideen. Sie war den Herrschern dieser Zeit relativ fremd.

Asche: Der Begriff Toleranz kommt vom Lateinischen „tolerantia“ bzw. „tolerare“ und bedeutet „erleiden“, „erdulden“. Wenn toleriert wird, duldet derjenige Fremde neben sich, ohne sie zu verfolgen. Das ist schon eine ganze Menge. Wenn beispielsweise Katholiken von Protestanten geduldet werden, wird gegen sie nicht mit Gewalt vorgegangen.

Die Obrigkeiten hatten in der Frühen Neuzeit und auch noch im 19. Jahrhundert kein Interesse daran, dass sich die Zuwanderer integrieren. Integration ist ein sehr moderner Begriff. Vorher gab es Milieus: polnische Saisonarbeiter, die Juden-Ghettos, die Schweizer, die Franzosen, die Holländer. Sie wurden in einzelnen Stadtvierteln separiert. Die Menschen erhielten Privilegien, durch die sie sich von der normalen Bevölkerung unterschieden. In dem Moment, in dem sie sich integriert hätten, wären ihre Privilegien verloren gewesen.

Mit den Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg musste man das erste Mal Integration politisch vermitteln. Das war in der DDR nicht anders als in der Bundesrepublik. Auch bei der zweiten und dritten Generation der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter stellte sich die Frage, wie man sie weiter unterbringt und einbezieht, weil sie ja nicht in ihre Heimatländer zurückkehren, sondern in Deutschland bleiben wollten. Integrationspolitik wurde also in den 1980er Jahren relevant. Seit dieser Zeit entstand in der Bundesrepublik auch eine systematische Migrationsforschung. Toleranz im modernen Sinne ist das positive, aktive Verständnis für das Andere, das Fremde. Und das ist sehr jung. Ich würde erst nach 1945 von echter Toleranzbereitschaft sprechen.

Brechenmacher: Das veränderte Verständnis hat auch viel mit dem Europa-Gedanken zu tun. Der Beginn der neuen Art von Toleranz hängt mit den historischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zusammen: mit dem überbordenden Nationalismus, der zu humanitären Exzessen geführt hat, dem Pannationalismus und rassistischen Phänomenen. Die rassistischen Konzepte der „Höher- oder Minderwertigkeit“ von Völkern, auch nationalistische Superioritätsideen, sind nicht zukunftsfähig. Wenn wir in Frieden leben wollen, müssen wir uns nicht nur dulden, sondern auch gegenseitig akzeptieren und schätzen lernen.

Link zur Publikation: https://doi.org/10.25932/publishup-49936