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Der Bildung und Aufklärung verpflichtet – 30 Jahre Schulmuseum Reckahn

Historisches Klassenzimmer im Schulmuseum Reckahn
Sammlung naturwissenschaftlicher Objekte
Photo : Frank Tosch
Historisches Klassenzimmer im Schulmuseum Reckahn
Photo : Frank Tosch
Sammlung naturwissenschaftlicher Objekte

Vor 30 Jahren, am 26. Februar 1992, wurde in Reckahn das Schulmuseum eröffnet. Zunächst mit dem Namenzusatz „Gedenkstätte Friedrich Eberhard von Rochow“ sollte hier ein Erinnerungsort entstehen, der auf Grundlage bürgerschaftlichen Engagements die Gemeinde und den Landkreis Potsdam-Mittelmark im jungen Land Brandenburg verantwortungsbewusst kulturell mitgestalten sollte. Ein überaus engagiertes Team um Museumsgründer Otto Günther Beckmann (1929-2021) hatte sich auf den Weg gemacht, dem einstigen Rochowschen Schulhaus aus dem Jahre 1773 seine philanthropisch-aufklärerische Perspektive – nun als musealem Standort – wiederzugeben.

Ohne den weitsichtigen Beschluss des Landkreises Potsdam-Mittelmark, das Schulmuseum schon in den 1990er Jahren in seine Trägerschaft zu nehmen, das Haus schrittweise zu sanieren und damit seine Entwicklung institutionell abzusichern, gäbe es dieses Museum wohl heute nicht. Und ebenso wenig hätte es wohl den Impuls gegeben, im sogenannten Preußenjahr der Länder Berlin und Brandenburg 2001 im benachbarten Rochowschen Herrenhaus das heutige Rochow-Museum als Kulturinstitution von nationaler Bedeutung zu etablieren.

Schon im Herbst 1998 konnte der 25.000 Besucher in jenem Schulhaus begrüßt werden, in dem der Rochowsche „Kinderfreund“ (1776/79) seinen europaweiten Siegeszug als Lesebuch antrat und damit fast ein Jahrhundert bis circa 1870 die preußische Volksschulentwicklung nachhaltig beeinflusst hat. In diesem steinernen Haus mit viel Licht und Luft demonstrierte einst der Lehrer Heinrich Julius Bruns (1746–1794) modellhaft, wie Unterrichten zur Profession wurde. Hier lernten flächendeckend alle Kinder in der Rochowschen Gutsherrschaft Lesen, Schreiben und Rechnen: die erste Generation von Kindern, die allgemeine Bildung und damit die Möglichkeit zu Selbst- und Weltbestimmung sowie Mündigkeit und Emanzipation erfuhr.

Heute sind es vor allem die „Historischen Schulstunden“ (z.B. „Apfelstunde“, „Magnetstunde“, „Blitz und Donner“), in denen die philanthropische Idee der Nützlichkeit des Lernens mit der Anbahnung sittlicher Tugenden und Moralvorstellungen ihre praktisch-pädagogische Gestalt erhalten. Im „Historischen Klassenraum“ wird der intergenerative Dialog, insbesondere der Großeltern mit ihren Enkelkindern, ebenso gepflegt wie das fachkundige Gespräch von Bildungsexpertinnen -und experten. Diese gehen in der Schausammlung mit Realien unter anderem der Frage nach, wie der Rochowsche Naturgeschichtsunterricht zur Ausprägung von Sachkunde und Heimatkunde in der Volksschule und dann in den naturwissenschaftlichen Fächern im 19. und 20. Jahrhundert beigetragen hat.

Das Verdienst des Schulmuseums ist es aktuell, Ort der musealen Präsentation und der konzentrierten reflexiven Auseinandersetzung mit Kultur- und Bildungsgeschichte – in ihren lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Bezügen – zu sein. Das Schulmuseum ist der analoge Gegenentwurf zur digitalen Welt. Beide Zugänge werden hier jedoch nicht gegeneinander ausgespielt, sondern erhalten in komplementärer Weise Zeit und Raum, die jeweilige didaktisch-methodische Verortung eines jeden neuen Mediums im Raum von Schule und Unterricht hinterfragen zu können: von Gänsekiel und Tinte über Griffel und Schiefertafel zu Füllfederhalter und Laptop, oder aber von Lesebuch und Wandtafel über Radio, Film und Video hin zu virtuellen Welten.

In der Projektwerkstatt „Regionale Schulgeschichte“ im Obergeschoß des Schulmuseums werden Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte und Interessierte eingeladen, eigene Projekte im Kontext ihrer Schulerfahrungen zu bearbeiten und über Sammlungsgegenstände in den Dialog zu kommen. Dabei dürfen Spaß und Freude als Motor für intrinsisch motivierte Lerngelegenheiten nicht fehlen. Zu wünschen ist, dass nach der Pandemie die langjährigen Kooperationsbeziehungen mit der Rochow-Grundschule Golzow und der Grund- und Gesamtschule Lehnin „Heinrich Julius Bruns“ neue Kooperationsimpulse erfahren.

Das Schulmuseum um Leiterin Dr. Silke Siebrecht-Grabig ist nach drei Jahrzehnten engagierter Arbeit in der musealen Landschaft Brandenburgs angekommen. Aber „Ankommen“ ist immer Prozess und Produkt, Anspruch und Verpflichtung zugleich, denn es gilt, dieses museale Juwel immer wieder mit lebensnahen Angeboten zu füllen. Wie kaum an einem anderen außerschulischen Lernort werden hier die Facetten von Lernen als individuelle und gruppenbezogene Herausforderungen direkt erleb- und erfahrbar.

Für diesen Zugang trägt auch die Historische Bildungsforschung an der Universität Potsdam von Anbeginn eine nicht geringe wissenschaftliche Verantwortung: Sie unterstützt den Wissens- und Kulturtransfer des Schulmuseums immer wieder in forschender Perspektive mit Publikationen, Vorträgen und Tagungen, aber auch mit der musealen und museumpädagogischen Konzeption für die neue Dauerausstellung.

Der Förderverein „Historisches Reckahn e.V.“, der seit 1996 besteht, zählt über 50 ehrenamtlich engagierte Mitglieder. Sie werden auch im nächsten Jahrzehnt alle Anstrengungen unternehmen, damit im Schulmuseum nicht nur museale Objekte gesammelt, bewahrt, erforscht und präsentiert werden. Der Förderverein wird auch dazu beitragen, dass Reckahn beständiger Ort kultureller Bildung, für Demokratie- und Toleranzerziehung, für die Förderung individueller Teilhabe und des gesellschaftlichen Zusammenhalts im ländlichen Raum bleibt.

Der Autor apl. Prof. Dr. phil. habil. Frank Tosch lehrt und forscht am Department Erziehungswissenschaft der Universität Potsdam. Seit Beginn ihres Bestehens begleitet der Bildungsforscher das Schulmuseum und das Rochow-Museum Reckahn wissenschaftlich.
E-Mail: toschuni-potsdamde