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„Moras“ und die sitzende Göttin – Mineralogen mit der mobilen Ramansonde im Museum

Die sitzende Göttin. Foto: Karla Fritze
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Die sitzende Göttin. Foto: Karla Fritze

Rund viertausend Jahre hat die sitzende Göttin aus dem Zweistromland auf dem Buckel. Durch Alarmanlagen gesichert und von uniformiertem Aufsichtspersonal bewacht, thront sie im Berliner Pergamonmuseum hinter Glas. Nicht gerade das klassische Arbeitsumfeld für einen Mineralogen. Und doch weilt Martin Ziemann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erd- und Umweltwissenschaften der Universität Potsdam, nicht als Besucher im Museum, sondern als Forscher.

Ziemann will die gut faustgroße, weiße Alabasterfigur daraufhin untersuchen, ob sie womöglich einst farbig bemalt war – auch wenn sich mit bloßem Auge keinerlei Hinweise darauf finden lassen. Der Wissenschaftler nutzt die in der Mineralogie und Archäometrie verbreitete Methode der Raman-Spektroskopie, um auch mikrometerkleine Partikeln von Farbpigmenten oder Bindemitteln aufzuspüren. Weil er jedoch fragile oder kostbare Objekte wie die kleine Göttin nicht einfach ins Labor am Institut mitnehmen kann, von Wandmalereien oder fest installierten Großskulpturen ganz zu schweigen, hat er eine transportable Ausrüstung konstruiert, die sich praktisch an jedem beliebigen Ort einsetzen lässt.

„Transportabel“ ist hier allerdings ein dehnbarer Begriff. In Alukisten und Koffern sicher verpackt, wiegt die gesamte Apparatur immerhin rund 130 Kilogramm. Zwei Stunden hat der Lkw gebraucht, um sie von Potsdam-Golm zur Museumsinsel in Berlin-Mitte zu schaffen, wo sie zum ersten Mal außerhalb des Instituts zum Einsatz kommen soll. Jetzt stapeln sich die Gerätschaften in einem fensterlosen Nebengelass des Vorderasiatischen Museums. In einem flachen Kasten, etwas größer als ein Umzugskarton, ist das Herzstück der Anlage untergebracht, das Spektrometer. Ziemann und sein studentischer Mitarbeiter Fritz Falkenau befestigen den Messkopf so am Stativ, dass er über den Arbeitstisch ragt, und verbinden ihn über metallgepanzerte Glasfaserkabel mit dem Spektrometer. Mithilfe eines Monitors stellen sie den Laserstrahl scharf.

Die Raman-Spektroskopie ist eine der wenigen Methoden, mit denen sich antike Fundstücke berührungs- und zerstörungsfrei untersuchen lassen. Ein relativ schwacher Laserstrahl wird auf etwa zehn Tausendstel Millimeter fokussiert und auf eine Stelle gerichtet, an der die Experten Spuren von Pigmenten vermuten. Sind auch nur ein paar winzige Reste davon vorhanden, erzeugen sie ein Antwortlicht mit einem für die jeweilige Substanz charakteristischen Muster. Die gezackte Linie, die schließlich auf dem Computerbildschirm erscheint, das Ramanspektrum, ist mit einem Fingerabdruck vergleichbar. Ähnlich wie dieser die Kripo beim Abgleich mit der Verbrecherkartei zum Schuldigen führt, können die Wissenschaftler durch Abgleich mit Referenzspektren in einschlägigen Datenbanken die Substanz identifizieren. Die Künstler im alten Mesopotamien kannten mit Sicherheit schwarze, weiße und rote Pigmente aus Tonmineralen, Kalken und Eisenverbindungen. Erst später kamen weitere Farben dazu. Auch die Produkte, die durch Alterung oder Umwelteinflüsse aus diesen Substanzen entstehen, lassen sich mithilfe des Spektrometers feststellen.

Zunächst muss das Gerät mit einer Silizium-Probe geeicht werden. Dann ist es soweit. Die Zugänge zum Raum, in dem sich die sitzende Göttin befindet, sind durch Gitter und Wächter versperrt. Ralf-Bernhard Wartke, Vizedirektor des Vorderasiatischen Museums, schließt – mit weißen Handschuhen – die Vitrine auf, entnimmt die Statuette und trägt sie sorgsam in den zeitweise zum Labor umfunktionierten Nebenraum. Dort bettet er sie in einen grauen Plastikcontainer, auf etwas, das wie Sand aussieht. „Granulat aus Walnussschalen“, erklärt Martin Ziemann. Darin ruht die Figur fest und dennoch leicht verrückbar. Sand könnte die Oberfläche abschleifen.

Der Kunsthistoriker verabschiedet sich bis zum Abend. Für die Mineralogen beginnt die eigentliche Arbeit. Die Göttin erhält die Probenummer VA 4854. Unter dem Lichtmikroskop sucht Martin Ziemann an ihrer glatten Oberfläche nach einer Stelle, die leicht angegriffen ist: „Solche Unebenheiten ermöglichen uns, gleichsam in das Innere des Materials zu schauen.“ Gewählt hat er diese Stelle nach einem Katalog, den die Archäologin Astrid Nunn von der Universität Würzburg im Rahmen eines Forschungsprojekts zur „Polychromie (Mehrfarbigkeit) mesopotamischer Steinstatuen“ zusammengestellt hat. Er enthält eine Reihe von Objekten, die sich als „verdächtig“ erwiesen haben. Nunns Forschungsteam hat sie fotografiert und auf den Bildern mögliche Fundstellen für Pigmentreste markiert.

Wie kam es zu der ungewöhnlichen interdisziplinären Zusammenarbeit? Martin Ziemann schmunzelt: „Ich wollte immer auch in der näheren Umgebung unserer Universität arbeiten und am liebsten an etwas, das auch die Menschen hier interessiert.“ So stieß er auf Restauratoren mittelalterlicher Wandmalereien im Brandenburgischen, in Ziesar und Herzberg, die wissen wollten, wie sich Umwelteinflüsse auf den Zustand der Farbpigmente auswirken. Für die Untersuchung im Labor mussten allerdings winzige Proben entnommen werden. Die Erfahrungen aus diesen Analysen wollte Ziemann dann auch an buddhistischen Wandmalereien aus Zentralasien im Berliner Museum für Asiatische Kunst anwenden. Dabei verfiel er irgendwann auf die Idee des Spektrometers, das zu den Objekten kommt. Aus verschiedenen Komponenten, die eigentlich für andere Zwecke gedacht waren, einem Untersatz mit Rollen, einem Kamerastativ und einem ausfahrbaren Träger, ließ er eine Art Kran in zwei verschiedenen Größen bauen. An dessen Arm kann er den Messkopf festschrauben und in jeder beliebigen Position an Wandgemälde oder große Skulpturen heranführen, sogar von unten, etwa an Deckenfresken. Das kleinere der beiden Modelle kommt bis auf eine Höhe von etwa drei Metern, das größere schafft sogar sechs, bei einer Armlänge von acht Metern.

Demonstration gefällig? Nur zehn Minuten dauert es, bis Ziemann und seine studentische Hilfskraft den kleineren Kran zusammenmontiert haben. Er passt gerade durch die Tür des Nebenraums. Sorgsam darauf bedacht, nirgendwo anzustoßen, rollen die beiden Männer ihn zu einem fest eingebauten, farblich gefassten Fassadenausschnitt, in dem reliefartig eine Reihe menschlicher Figuren aus gebranntem Lehm eingelassen sind. Er stammt aus der mesopotamischen Metropole Uruk, vom „Inanna-Tempel des Kara-Udasch“, wie das Schild daneben verrät. Baujahr: ungefähr 1413 vor unserer Zeitrechnung. Ein paar Handgriffe genügen, um das Gerät präzise auf die gewünschte Position zu justieren.

Doch jetzt ist erst einmal die Göttin dran. Trotz der raffinierten Technik ist die Untersuchung nicht einfach. Immerhin findet Ziemann recht bald die von den Archäologen als „verdächtig“ markierte Stelle: „Das gelingt nicht immer.“ Dafür erfordert die eigentliche Messung mehrere Durchgänge, bis sich aus dem „Grundrauschen“ die „echten“ Signale filtern lassen. Doch auch die bleiben merkwürdig unscharf. Ziemann vermutet, dass die Figur im Lauf der Zeit einen sehr dünnen, schützenden Überzug aus Harz oder Wachs erhalten hat. Hinweise auf frühere Bemalung sind jedenfalls nicht zu entdecken. Die Vermutung des archäologischen Forschungsteams aus Würzburg hat sich in diesem Fall nicht bestätigt. Die Untersuchungsobjekte werden Ziemann nicht ausgehen, die Nachfrage ist groß. Wenigstens sind die intensiven Bauarbeiten auf der Museumsinsel an diesem Tag ausgesetzt, freut sich der Wissenschaftler: „Unser System ist zwar transportabel, aber während der Messungen selbst reagiert es äußerst empfindlich auf Erschütterungen.“

Feierabend für heute. Beim Zurücklegen der sitzenden Göttin deutet Martin Ziemann auf die „Statuette eines Beters“ aus Kalkstein in derselben Vitrine. Die wird er sich als nächstes vornehmen. Begeistert zeigt er auf die gefalteten Hände, die zierlich gearbeiteten Finger. Der Mineraloge ist inzwischen richtig gern im Museum. Durch die lange Auseinandersetzung mit den Kunstwerken und die Detailkenntnisse, die er sich im Umgang mit ihnen erworben hat, ist seine Bewunderung für die Gestaltung seiner Untersuchungsobjekte gestiegen: „Auch die Studierenden, die mithelfen, sind beeindruckt von ihrer Schönheit.“

Der Wissenschaftler

Dr. Martin Ziemann gehört als wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Forschungsgruppe Mineralogie am Institut für Erd- und Umweltwissenschaften. Mineralogen befassen sich nicht nur mit  geowissenschaftlichen und materialkundlichen Fragestellungen, ihre Untersuchungen erstrecken sich auch auf ganz andere Fachgebiete wie Biologie, Medizin, Astronomie – oder eben Archäologie.

Kontakt

Universität Potsdam
Institut für Erd- und Umweltwissenschaften
Karl-Liebknecht-Str. 24–25, 14476 Potsdam
ziemanngeo.uni-potsdamde

 

Text: Sabine Sütterlin, Online gestellt: Agnes Bressa