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Zu wenig und zu viel

Fehlernährung – ein weltweites Problem

Foto: Iris/Pixelio.de
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Foto: Iris/Pixelio.de

Das Essen reicht nicht zum Sattwerden – für etwa zwei Milliarden Menschen dieser Erde ist dies täglich bittere Realität, Millionen von ihnen sterben jedes Jahr. Die Unterernährung ist nach wie vor das drängendste Problem in den ärmeren Ländern der Welt. Dennoch gibt es in den Entwicklungsländern zunehmend auch Ernährungsprobleme, wie sie in den Industriestaaten anzutreffen sind. Zu fettes, zu süßes und zu salziges Essen verursachen Übergewicht, Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen. „Double Burden“ – doppelte Belastung – nennen Experten das Nebeneinander dieser zwei gegensätzlichen Ernährungsprobleme. Im Kooperationsprojekt „Nutrition and Public Health“ erforschen Ernährungswissenschaftler der Universität Potsdam gemeinsam mit asiatischen Forschern verschiedene Aspekte des Phänomens und suchen nach Möglichkeiten, die Gesundheitssysteme der betroffenen Länder zu entlasten

Übergewicht und Fettleibigkeit – das sind Wohlstandsprobleme der Industrienationen. Noch immer ist dieses Bild fest verankert im kollektiven Denken der westlichen Welt. Doch die Daten, die Ernährungswissenschaftler weltweit erheben, sprechen eine andere Sprache: Adipositas existiert auch in den ärmeren Ländern – und nimmt zu. Ähnlich wie in Europa oder Nordamerika nehmen auch in Afrika, Asien oder Ozeanien etliche Menschen mehr Energie über die Nahrung auf, als sie verbrauchen können. Und wie die Menschen in der Nordhemisphäre erleben viele Menschen der Südhemisphäre einen Alltag, der arm an Bewegung ist. Die Doppelbelastung von Unter- und Überernährung hat auf die ohnehin personell und materiell eher mangelhaft ausgestatteten Gesundheitssysteme eine verheerende Wirkung. Gut ausgebildete Gesundheitsexperten und innovative Ansätze sind nötig, um die Probleme zu bewältigen.

An beidem mangelt es. Die Ausstattung ist oft sparsam, die Möglichkeiten sind begrenzt - Forschung und auch Lehre finden in öffentlichen Hochschulen der Entwicklungsländer meist nur unter erschwerten Bedingungen statt. "Es fehlt eigentlich an allem, vor allem jedoch an Geld", sagt Dr. Ina M. Ott vom Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Potsdam. In den Laboren der Hochschulen und Forschungseinrichtungen von Vietnam oder Laos etwa stehen kaum moderne Geräte. Komplexe Analysen oder experimentelle Untersuchungen sind oft nicht möglich. Manchmal existieren nicht einmal Laborräume. Auch der internationale Austausch mit anderen Wissenschaftlern ist häufig schwierig. Genau hier setzt das Projekt "Nutrition and Public Health" des Potsdamer Instituts für Ernährungswissenschaft an. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Laos, Vietnam und Thailand wollen die Potsdamer Forscher unter Federführung von Florian J. Schweigert, Professor für Physiologie und Pathophysiologie der Ernährung, den gegenseitigen Austausch im Bereich der Ernährungswissenschaften fördern. Hilfe zur Selbsthilfe heißt dabei die Devise. "Wir wollen die vorhandenen Strukturen so nutzen, dass die Situation an den Hochschulen vor Ort nachhaltig verbessert wird", sagt Projektkoordinatorin Ott. Mit knapp 200.000 Euro unterstützt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) das Vorhaben.

Bereits im Jahr 2005 hat der DAAD das Programm "Partnerschaft für den Gesundheitssektor in Entwicklungsländern" (PAGEL) ins Leben gerufen und fördert seitdem bundesweit Kooperationsprojekte deutscher Hochschulen in Entwicklungsländern. Das Ziel: Lehre und Forschung der Partnerhochschulen sollen verbessert und die Gesundheitsversorgung damit langfristig auf ein höheres Niveau gehoben werden. Die finanziellen Mittel stellt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zur Verfügung.

Mit der Khon Kaen University in Thailand, der University of Health Sciences in Laos und der Thai Nguyen University in Vietnam bildet die Potsdamer Universität nun ein Forschungsquartett, das die Problematik des "Double Burden" in den Fokus ihrer Arbeit nimmt. Gemeinsame wissenschaftliche Untersuchungen sollen dabei angestoßen und ein Studiengang im Bereich Public Health mit ernährungswissenschaftlichen Modulen eingerichtet oder erweitert werden. Wichtig sei jedoch nicht nur die Vernetzung zwischen Nord und Süd, sondern auch jene zwischen den asiatischen Ländern, betont Ott. "Es soll einen stetigen Austausch zwischen Wissenschaftlern, Lehrenden und auch Studierenden geben." Von den so entstehenden Netzwerken soll schließlich das Gesundheitssystem profitieren.

Mit einem ersten konkreten Forschungsprojekt begannen zwei Masterstudentinnen aus Potsdam. Sie reisten für drei Monate nach Thailand, um die Jodversorgung der Menschen unter die Lupe zu nehmen. "Hilfsmaßnahmen laufen oft ins Leere, wenn die kulturellen oder sozialen Hintergründe nicht berücksichtigt werden", beschreibt Ina Ott. So wird ähnlich wie in Deutschland auch in Thailand Kochsalz zunehmend mit Jod angereichert. "Jodmangel ist in Thailand ein Problem", erklärt Ott. "Die Frage ist jedoch, ob angereichertes Salz tatsächlich im Kochtopf landet", sagt die Wissenschaftlerin. Denn in Thailand werde traditionell eher mit Sojasoße und weniger mit Salz gewürzt. Und noch ein weiterer Umstand sei gerade in dörflichen Gegenden ein Problem: Das Salz steht offen, meist direkt über der Kochstelle. Es sei bisher unklar, ob der Jodgehalt unter diesen Bedingungen erhalten bleibe, erläutert Ott. Die beiden Studentinnen untersuchen mithilfe von Fragebögen, wie oft in verschiedenen Haushalten Salz zum Kochen verwendet wird. Analysen der Salzproben werden zeigen, wie hoch der Jodgehalt darin tatsächlich ist.

Direkt vor Ort und auf Augenhöhe - auch mit den jährlich in den Partnerländern stattfindenden Summer Schools - wollen die Projektpartner auf diese Weise nachhaltig erfolgreich sein. Die Ernährung des Menschen im Lebenszyklus wird dabei im Vordergrund stehen. Studierende, aber auch Alumni aus den vier kooperierenden Länder werden sich anhand aktueller Forschungsergebnisse darüber informieren können, wie etwa ungeborene Kinder durch die Ernährung der Mutter beeinflusst werden oder welche besonderen Bedürfnisse ältere Menschen haben.

Positive Effekte erhoffen sich die Forscher nicht zuletzt auch auf die ernährungswissenschaftliche Forschung und Lehre der Potsdamer Universität. "Während wir vor allem molekularbiologisches Know-how beisteuern können, haben unsere Projektpartner Erfahrungen im Bereich 'Public Health' - also der Datenerhebung und Analyse vor Ort", erläutert Ina Ott. Zudem soll das englischsprachige Studienmodul "International Nutrition" mit den Projektpartnern in Potsdam und an den Hochschulen der Partnerländer etabliert werden. Ein eigener Masterstudiengang soll folgen. Sowohl in Lehrveranstaltungen der Universität Potsdam als auch in den Partnerländern sollen Inhalte verstärkt über E-Learning vermittelt werden - etwa mit Online-Tests, umfangreichen Lerneinheiten oder Videos. "Wenn mir jemand etwas erzählt, der direkt vor Ort ist und selbst die entsprechenden Erfahrungen macht, ist das natürlich viel authentischer und nachhaltiger", davon würden gerade Studierende profitieren, resümiert Ina Ott.

Am Projekt Nutrition and Public Health ist der Lehrstuhl für Physiologie und Pathophysiologie der Ernährung der Universität Potsdam beteiligt. Es wird von 2012 bis 2016 vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) finanziert.

Die Wissenschaftlerin

Dr. Ina Ott studierte Ernährungswissenschaften an der Universität Potsdam und promovierte im Jahr 2013. Derzeit forscht sie am Institut für Ernährungswissenschaft zu Nierenveränderungen bei Diabetes.

Kontakt

Universität Potsdam
Institut für Ernährungswissenschaft
Arthur-Scheunert-Allee 114 – 116
14558 Nuthetal (Potsdam-Rehbrücke)
inaottuni-potsdamde

Text: Heike Kampe, Online gestellt: Julia Schwaibold

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