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Eine jüdische Bibel „im Geiste der deutschen Sprache“

Die Tora in der Übersetzung Ludwig Philippsons

Foto: Matthias Zimmermann
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Foto: Matthias Zimmermann

1839 machte sich der junge jüdische Gelehrte Ludwig Philippson an ein gewaltiges Projekt: Er stellte sich die Aufgabe, eine Neuübersetzung des hebräischen Originaltextes der Tora ins Deutsche anzufertigen – und eine Israelitische Bibel für Juden herauszugeben. Explizit für den vielfältigen Gebrauch im Alltag gedacht, wurde das Vorhaben zu einem enormen Erfolg: Die Bibel wurde bis 1913 in zahlreichen Ausgaben und in etlichen Auflagen insgesamt wohl hunderttausendfach verlegt. Doch im Laufe des 20. Jahrhunderts gerieten der Text und sein Übersetzer in Vergessenheit. Das könnte sich nun, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ändern. Im Herbst 2014 soll Philippsons Tora (Die Fünf Bücher Mose) wieder erscheinen – neu ediert, behutsam korrigiert und bearbeitet, ganz im Geiste ihres Urhebers. Von der Geschichte, dem Reiz und den Tücken des Projekts berichten zwei, die an der Bearbeitung des Textes beteiligt sind – Prof. Dr. Rüdiger Liwak als Mitherausgeber und Daniel Vorpahl als wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Keine Frage, es gebe derzeit gute Fassungen der Bibel für Juden, erklärt Prof. Dr. Rüdiger Liwak, neben Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka vom Abraham Geiger Kolleg und Prof. Dr. Hanna Liss von der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg einer der drei Herausgeber der Neu-Edition des Textes. Dennoch könne Philippsons Übersetzung heute noch einen Platz neben den anderen beanspruchen: „Seine große Leistung besteht darin, dem originalen hebräischen Bibeltext treu geblieben zu sein und trotzdem der deutschen Sprache in ihrer Vielfalt angemessenen Ausdruck verliehen zu haben“, so Liwak.

Ludwig Philippson war gerade einmal 28 Jahre alt, als er mit der Übersetzung der Bibel begann. Er muss gewusst haben, dass ihn die Mammutaufgabe, eine deutsche Fassung der Bibel explizit für Juden herauszubringen, sein Leben lang begleiten würde. Doch das dürfte ihn eher gefreut als geschreckt haben. Der gebürtige Dessauer war ein Tausendsassa, dessen Wirken das jüdische Leben in Deutschland maßgeblich beeinflusste. Der Vater des 1811 Geborenen war Lehrer und Gründer einer hebräischen Druckerei. Die Wissbegier und die Leidenschaft für Texte hat er wohl seinem Sohn weitergegeben, auch wenn er verstarb, als dieser erst zwei Jahre alt war. Ludwig Philippson begann schon als Vierjähriger die Schule zu besuchen, wo er mit großer Begeisterung Hebräisch lernte. Im Alter von 15 Jahren wurde Ludwig als erster Jude überhaupt im bedeutenden Gymnasium der Großen Franckeschen Stiftung in Halle aufgenommen. Später studierte er in Halle und Berlin klassische Philologie. Obwohl er mit 21 promoviert war, blieben ihm als Juden die Pforten der akademischen Welt verschlossen. Seinem publizistischen Eifer tat dies keinen Abbruch. Bereits als 16-Jähriger hatte er seine erste Schrift, eine Übersetzung eines Teils des Zwölfprophetenbuches, veröffentlicht – unter dem Namen seines Bruders. Mit nur 26 Jahren begründete Philippson 1837 die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ (AZJ), die er als Autor, Verleger und Vertriebsleiter vollständig in eigener Regie aufbaute. Er redigierte die Zeitung bis zu seinem Tod 1889 allein. Dabei war der Titel der Publikation stets Programm: Sein Ziel war es, eine Zeitung für alle Juden zu machen, allerorten und für reformierte wie orthodoxe gleichermaßen. Als Streiter für die Gleichstellung von – allen – Juden war Philippson zudem immer wieder auch politisch aktiv. 

Auch Ludwig Philippsons rhetorisches Talent war schon früher aufgefallen. 22-jährig übernahm er 1833 die Aufgaben des Predigers in der jüdischen Gemeinde in Magdeburg, im Jahr darauf auch als staatlich geprüfter „geistlicher Lehrer“ und 1839 offiziell als ausgebildeter Rabbiner. Seine angegriffene Gesundheit zwang ihn 1861, das Amt niederzulegen. Seiner publizistischen Tätigkeit aber blieb Philippson bis zu seinem Lebensende treu, darunter seinem Lebenswerk: der Bibelübersetzung. 

Sein Antrieb, die Bibel für Juden neu zu übersetzen, hatte laut Liwak im Wesentlichen zwei Ursachen. „Zum einen gab es damals schlicht keine brauchbare jüdische Bibel auf Deutsch. In den meisten deutsch-jüdischen Haushalten nutzte man eine christliche Lutherbibel. Darin sind natürlich viele Texte des Alten Testaments so übersetzt, dass sie auf das Neue Testament hindeuten“, so Liwak. „Da hat Philippson gesagt: ‚Wir brauchen eine eigene Übersetzung der hebräischen Texte!‘“ Vor allem aber hielt Philippson die Übersetzung Luthers für sprachlich nicht gelungen. In seiner „AZJ“ kritisierte er diese als „einseitig, monoton und prosaisch, wo das Original viel- und tiefsinnig und voll Schwunges, voll Zartheit und Erhabenheit, voll Abwechslung und Biegsamkeit ist“. Von dem Wunsch getrieben, diesem Original auch „im Geiste der deutschen Sprache“ zu einem gelungenen Ausdruck zu verhelfen, blieb ihm nur, eine eigene Übersetzung zu beginnen. Ab 1839 erschien Philippsons Israelitische Bibel zunächst in 96 Einzellieferungen. Erst danach folgte eine Gesamtausgabe – in drei Bänden, zweisprachig hebräisch-deutsch und mit Kommentaren versehen, aber auch mit 500 Holz- und Stahlstichen. Es ging darum, die Texte nicht nur in ein lesbares Deutsch zu übersetzen, sondern auch durch Kommentare zu erklären und mithilfe von Illustrationen verständlich zu machen. Schon die durchaus ungewöhnliche – didaktische – Form ließ die Intention Philippsons erkennen, seine Israelitische Bibel zu einer „Bibel für jedermann“ zu machen. Mit Erfolg. Bereits die erste Gesamtausgabe soll bis 1866 über 100.000 Mal gedruckt worden sein. Philippsons Anspruch, die Bibel für den Alltag im Schul-, Synagogen- und Hausgebrauch aufzubereiten, bescherte seinem Text zahlreiche Auflagen in unterschiedlicher Ausstattung bis ins 20. Jahrhundert hinein, darunter auch eine unkommentierte, nicht bebilderte „Volksausgabe“. 1874 erschien sogar eine „Prachtausgabe“ mit 154 Illustrationen von Gustave Doré. 

Kommentar, Illustration, Zweisprachigkeit – für Daniel Vorpahl, der derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Neu-Edition des Textes arbeitet, liegt das Erfolgsgeheimnis von Philippsons Bibel allerdings in der Übersetzung selbst: „Er hat einen Text geschaffen, der dem hebräischen Original sehr nahe ist und zugleich den Reichtum der deutschen Sprache ausschöpft“, so Vorpahl. „Bei einer Übersetzung steht man häufig vor der Entscheidung, eher dem Inhalt des Ausgangstextes oder eher der Ästhetik der Zielsprache zu entsprechen. Philippson hat sehr oft die perfekte Symbiose geschaffen.“

Und Daniel Vorpahl sollte es wissen. Gemeinsam mit Susanne Gräbner geht er derzeit die Übersetzung Ludwig Philippsons durch, Zeile für Zeile. Die Neuausgabe wird neben der Tora, den ersten fünf Büchern der hebräischen Bibel, auch die sogenannten Haftarot, die Prophetenlesungen, enthalten. 140 Verse muss jeder von ihnen pro Woche durchsehen, damit der Text wie geplant im Frühjahr fertiggestellt werden kann. Ihre Bearbeitung bildet die Grundlage der Edition, die dem heutigen Sprachempfinden angepasst werden soll. Zugleich soll der einmalige Ausdruck des Übersetzers erhalten bleiben. Daher gilt: „So viel Philippson wie möglich, so wenig Revision wie nötig“, erklärt Vorpahl die Maxime ihrer Arbeit. Zeichensetzung und Orthografie werden so „behutsam wie möglich“ angeglichen, außerdem müssen für Begriffe, die heute gänzlich unverständlich sind, Alternativen gefunden werden. „Manchmal entdecken wir auch Fehler. Philippson hat schon mal einen halben Vers vergessen“, so Vorpahl. „Aber das ist ganz selten. Da muss er wohl sehr müde gewesen sein.“ Ihr Vorgehen steht übrigens durchaus in Einklang mit Philippsons eigenem Verständnis seiner Arbeit: Er selbst hat seine eigene Übersetzung in den 1860er Jahren abermals überarbeitet.

Gemeinsam mit den Herausgebern besprechen Vorpahl und Gräbner die Textabschnitte, entscheiden, auf welchem Weg Philippsons Text am besten einer Leserschaft im 21. Jahrhundert nahegebracht werden kann. Eine Entscheidung, die selten ohne Diskussionen abgeht, wie Liwak und Vorpahl bestätigen. Doch es ist ein Prozess, der sich lohnt. Während die Kommentare und Illustrationen in der Neuausgabe fehlen – zu sehr gehören sie in die Zeit ihrer Entstehung –, besteht der Wert des Textes gerade darin, dass er eben „nicht radikal modernisiert werden soll“, wie Liwak sagt. Eine Einordnung in die heutige Welt des jüdischen Glaubens erhält der Text stattdessen durch neu hinzukommende Einleitungen, die von namhaften Rabbinern und Bibelwissenschaftlern beigesteuert werden. Die Erwartungen an das Werk sind durchaus hoch, wie Rüdiger Liwak zugibt: „Es gibt durchaus Stimmen, die sagen, die Philippson-Bibel könnte DIE Bibel in deutsch-jüdischen Kreisen werden!“ Daniel Vorpahl ist sich sicher, dass der Text auch heute viele Leser finden wird: „Ob Philippsons Übersetzung nun besser ist als andere, lässt sich schwer bestimmen. Das ist wohl Geschmackssache“, sagt er und schließt ein Lob an, das Ludwig Philippson sicher gern gehört hätte: „Wir finden sie auf jeden Fall harmonischer, fließender, ja schöner als alle anderen.“ 

TEXTVERGLEICH GENESIS/BERESCHIT 1

Philippson (1839/44)

1 1Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. 2Aber die Erde war wüst und wirre und Finsternis über der Flut und der Geist Gottes webend über den Wassern. 3Und Gott sprach: Es werde Licht. Da ward Licht. 4Und Gott sah das Licht, dass es gut sei, und Gott schied zwischen dem Lichte und zwischen der Finsternis. 5Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Da ward Abend, da ward Morgen, ein Tag. 

Luther (1545)

1 1Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2Aber die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. 3Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. 4Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis. 5Und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

DIE WISSENSCHAFTLER

Prof. Dr. Rüdiger Liwak hat derzeit die Benno-Jacob-Gastprofessur an der „School of Jewish Theology“ an der Universität Potsdam inne

Kontakt

Universität Potsdam School of Jewish Theology
Am Neuen Palais 10, 14469 Potsdam
ruediger.liwakt-onlinede

Daniel Vorpahl, M.A. studierte Jüdische Studien, Religionswissenschaft und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Potsdam. Seit 2013 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der „School of Jewish Theology“ an der Universität Potsdam.

Kontakt:
vorpahluni-potsdamde

Text: Matthias Zimmermann, Online gestellt: Julia Schwaibold