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Studienreise nach Belarus

Bericht von Natalie Grabs

Im Wintersemester 2017/18 wird das Blockseminar „Die Shoah in der jüdischen Erinnerungskultur. Narrative in der Publizistik und im Film“ von Dr. Witalij Wilenchik, mit studentischer Unterstützung von Natalie Grabs, angeboten. Es ist das dritte und abschließende Seminar in der Veranstaltungsreihe zur deutschen und europäischen Erinnerungsgeschichte von Herrn Dr. Wilenchik an der Universität Potsdam.

Im Rahmen des vorherigen Blockseminars „Jüdisches Leben in Europa nach der Shoah im Lichte der Asymmetrien in der europäischen Erinnerungsgeschichte“ von Dr. Witalij Wilenchik, flogen am Freitag, dem 18. August 2017, sieben Studierende, begleitet von Herrn Dr. Wilenchik und dem Shoah-Überlebenden Michael Nordstein (*1930), nach Minsk. Die Studienreise war ein integraler Bestandteil des o.g. Blockseminars - es verstand sich als eine Art Werkstatt - und wurde während des Seminars konzipiert und vorbereitet.

Der Aufenthalt in Belarus darf visumfrei lediglich fünf Tage betragen und die Einreise und Ausreise muss über den Minsker Flughafen erfolgen. Diese Regulierungen beschränkten unseren Aufenthalt leider auf effektiv drei Programmtage.

Das Ziel der Reise war es, das belarussische Narrativ der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, speziell bezogen auf die jüdischen Opfer, zu untersuchen. Um das staatliche Narrativ kennenzulernen, besuchten wir am zweiten Tag unserer Reise, wie geplant, das „Museum des Vaterländischen Krieges“ in Minsk. Diese monumentale Anlage mit Gedenkpark, Heldentor und Obelisk wurde 2014, zum 70. Jahrestag der Befreiung der Belarussischen Sowjetrepublik durch die Rote Armee, in zentraler Lage am Prospekt des Sieges, neu eröffnet. Wir hielten uns explizit in der Halle 6 mit dem Titel „Das Nazi-Okkupationsregime in Belarus: 1941-1944“ auf und analysierten das Ausgestellte, da nach internationalen Protesten, das erste Mal seit Bestehen des Museums (1944), die Shoah ansatzweise thematisiert wird.

Besonders schockiert waren wir über die dort gebotene Thematisierung der jüdischen Partisanen und Partisaninnen. Das erste, und leider nicht letzte Mal, waren wir schwarz-auf-weiß damit konfrontiert, dass keinerlei Benennung der jüdischen Leistungen und Opfer erfolgt. Nur durch die Ausführungen von Herr Dr. Wilenchik und Herr Nordstein konnten wir Studierenden erfahren, dass beispielsweise die Widerstandskämpferin und Partisanin Masha Bruskina auch Jüdin war. Dies wurde später auch durch Herrn Dr. Kozak ergänzt. In der Installation über das Minsker Ghetto wurde nur auf einer kleinen Tafel erwähnt, dass während der Nazi-Okkupation 500.000 - 800.000 Juden und Jüdinnen ermordet wurden. Das ist das einzige Mal, dass das Wort „jüdisch“ in der Ausstellung gedruckt erwähnt wird. In einer digitalen Installation, abseits des Besucherstroms, wurde nur in der englischen Version das jüdische Ghetto in Minsk erwähnt - in dem belarussischen und russischen Text fehlte das entscheidende Adjektiv „jüdisch“ wiederum.

Dieser Duktus des Nichterwähnens der jüdischen Opfer und Leistungen zog sich durch alle öffentlichen Gedenkorte, die wir besuchten. Weder in der Gedenkstätte des Vernichtungslagers Maly Trostenez, noch auf den unzähligen Kriegsdenkmälern, befand sich eine Benennung der jüdischen Opfer. Alle Opfer waren Belarussen bzw. „kämpfende und leidende Sowjetbürger“, neben denen keine weiteren Zugehörigkeiten existieren. Wir mussten feststellen, dass dieses Narrativ noch immer den beinahe einzigen Platz in der öffentlichen bzw. staatlichen Wahrnehmung und Bewertung des Zweiten Weltkriegs in Belarus einnimmt.

Dank des belarussischen Schriftstellers und Journalisten Mikalai Ilyuchyk und seiner sehr gastfreundlichen Familie, wurde uns der Aufenthalt am dritten Tag unserer Reise, in dem westbelarussischen Dorf Bogdanovka in der Region Brest, ermöglicht. Etwas außerhalb des Dorfes, am Waldrand, befindet sich ein nichtstaatliches Denkmal, welches der sechs jüdischen Männer erinnert und gedenkt, die am 9. August 1941 von der Wehrmacht ermordet wurden. Dieses Denkmal wurde durch die Initiative von Mikalai Ilyuchyk 2006 errichtet und sollte abgerissen werden, da das Gebiet auf dem es errichtet wurde, nicht von staatlicher Seite freigegeben wurde.

Im Anschluss führte uns Herr Ilychyk zu den Dörfern Lachwa und Pogost-Zagorodski (ehemals jüdische Schtetl), sowie zu der Kreisstadt Luniets. An diesen Orten findet das Erinnern und Gedenken an die jüdischen Opfer nur auf Initiative von Privatpersonen, beispielsweise von Überlebenden, die heute in Israel leben, statt. Besonders hervorheben mochte ich dabei das Denkmal in Lachwa, welches an den vermutlich ersten Ghettoaufstand am 3. September 1942, einen Tag vor dessen Liquidierung, erinnert. Die Gedenksteine, welche wir besuchten, wurden alle von Privatpersonen finanziert und werden von dem belarussischen Staat lediglich geduldet bzw. nur teilweise offiziell anerkannt, allerdings sind diese weder ausgeschildert noch werden sie in irgendeiner Form unterstützt.

Eine herausragende Rolle, während unserer Reise, spielte die „Geschichtswerkstatt Leonid Lewin“, der Dr. Kuzma Kozak als Hauptreferent vorsteht. Die Geschichtswerkstatt befindet sich in dem letzten erhalten gebliebenen Haus des ehemaligen Minsker Ghettos und war immer wieder vom Abriss bedroht. Es befindet sich heutzutage direkt an einem Park, welcher einst einer der jüdischen Friedhöfe Minsks war. Auch der Park bzw. ehemalige jüdische Friedhof, sollte vor kurzer Zeit zerstört werden, um die Erweiterung der Minsker U-Bahnlinie zu ermöglichen. Glücklicherweise wurde dies verhindert. Herr Nordstein sowie Herr Dr. Kozak ermöglichten uns Gespräche mit den Zeitzeuginnen Maja Krapina (*1935) und Frida Reisman (*1936), welche das Minsker Ghetto überlebten. Herr Dr. Kozsak führte uns auch durch das Gebiet des ehemaligen jüdischen Ghettos und zeigte uns u.a. die Gebäude der ehemaligen Synagogen und der berühmten Minsker Jeschiwa „Blumkes Kloyz“, welche heutzutage alle zweckentfremdet sind (z.B. ist die ehemalige Jeschiwa jetzt ein großes Restaurant) und nicht einmal eine Plakette verweist auf die ehemalige Funktion der Gebäude.

Dr. Kozak hat für uns sogar ein spontanes Treffen mit der Architektin und Künstlerin Galina Lewin, der Tochter des hochangesehenen belarussisch-jüdischen Architekten Leonid Lewin, organisiert. Sie führt das Projekt ihres verstorbenen Vaters, mit dem Namen „Straße des Todes“, weiter. Die „Straße des Todes“ stellt den zweiten Teil des „Gedenkkomplexes Maly Trostenez“ dar und befindet sich im Wald von Blagowschtschina, in dem 200.000 Juden und Jüdinnen erschossen wurden. Das Gespräch mit Frau Lewin eröffnete uns das (vorrangig künstlerische) Konzept der „Straße des Todes“ und beeindruckte uns sehr. Dieser Ort ist der erste staatlich finanzierte Gedenkort für die jüdischen Opfer. Leider fehlt bei dem Konzept „Straße des Todes“ der pädagogische und wissenschaftliche Aspekt des Gedenkortes. Bisher ist kein Museum o.ä. geplant, welches den Besuchenden einen historischen Rahmen und Hintergrundinformationen geben konnte. Allerdings befindet sich der Aufbau des Gedenkorts „Straße des Todes“ erst in einem anfänglichen Stadium.

Auch wenn wir nur drei Tage unserer Studienreise effektiv nutzen konnten, waren diese intensiv, bereichernd und horizonterweiternd. Diese Studienreise ermöglichte uns, einen einmaligen Einblick in die Gedenkkultur von Belarus zu erhalten.