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Online-Reisetagebuch: Herat, 27. September 2014

Unterstützung für afghanische Verwaltungswissenschaften, Tag 6
Foto: Julka Jantz

Foto: Julka Jantz

Schon im ersten Seminarraum fallen uns die vielen Studentinnen auf. Was für ein Unterschied zu Jalalabad! Auf der einen Seite des Raumes sitzen die Männer, auf der anderen Seite des Ganges die Frauen. In der Tat, bestätigt Dekan Shahidzada: „42 Prozent der Studierenden an der Universität Herat sind Frauen, und wir streben an, den Anteil weiter auf 50 Prozent zu erhöhen.“ Im Seminarraum tragen die Studentinnen bunte Kopftücher. Sobald sie den Raum verlassen, werfen sie sich den Tschador über: ein halbkreisförmiges, bodenlanges Tuch, meist in Schwarz oder in gedeckten Farben gemustert, das Kopf und Körper bedeckt. Anders als bei der Burka bleibt das Gesicht frei. Vorne wird der Tschador von innen mit einer Hand zusammengehalten. Das wirkt ziemlich unpraktisch, bleibt so doch nur eine Hand frei. Auf der Straße sieht man auch einige Frauen in der typischen blauen Burka, aber hier – nahe der Grenze zum Iran – dominiert der Tschador das Stadtbild. Das einfache Kopftuch, das in Kabul viel und lässig getragen wird, sucht man vergebens.

Beim opulenten gemeinsamen Mittagessen mit allen Fakultätsmitgliedern unterhalte ich mich mit der Leiterin der Organisation, die unsere Studierenden bei der Praktikumssuche unterstützt. Schnell kommen wir auf die Situation der Frauen in der Stadt. „Vieles hat sich seit dem Ende der Talibanherrschaft verbessert“, sagt sie. Hier ist es inzwischen akzeptiert, dass Frauen studieren und arbeiten. Als sie vor 14 Jahren mit ihrer Arbeit anfing, musste sie alle sechs Monate umziehen, um möglichst unerkannt zu bleiben. Arbeitende Frauen waren damals erheblichen Bedrohungen und Gefahren ausgesetzt. Heute sind sie in allen Sektoren tätig, können eigene Unternehmen gründen und besetzen sogar einige Führungspositionen. Anders als in anderen Landesteilen, fahren Frauen in Herat Auto und es ist auch kein Problem mit einer Freundin abends allein auszugehen. Allerdings muss frau spätestens um 21 oder 22 Uhr zu Hause sein. „Und Fahrradfahren geht auch nicht“, bedauert meine Gesprächspartnerin. Dennoch kann eine engagierte Frau wie sie mit eigenem Unternehmen, in dem 65 Frauen und vier Männer beschäftigt sind, hier in Herat wesentlich freier und selbstbestimmter leben als in anderen Landesteilen. Gern will ich das glauben. Hier treten die Studentinnen und insgesamt die Frauen selbstbewusster auf, als ich das in Jalalabad erlebt habe. Dort wirkten die wenigen Frauen, die wir überhaupt gesehen bzw. gesprochen haben, sehr schüchtern. Allerdings bleiben Zweifel – der allgegenwärtigen Tschador, die streng nach Geschlechtern getrennte Sitzordnung, die Einschränkungen beim Sport. Ebenso frage ich mich, wie es außerhalb der Stadt Herat in den ländlichen Distrikten der Provinz um die Freiheiten der Frauen bestellt ist.

Text: Dr. Thurid Hustedt, Post-Doc der DFG-Research-Training-Group WIPCAD, Online gestellt: Julia Schwaibold

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