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Online-Reisetagebuch: Kabul/Herat, 26. September 2014

Unterstützung für afghanische Verwaltungswissenschaften, Tag 5
Foto: Julka Jantz

Foto: Julka Jantz

Treffen mit den Kolleginnen des DAAD zum obligatorischen Freitags-Hotelbrunch. Wir beginnen unser Gespräch dort, wo wir am ersten Tag auf dem Flughafen aufgehört haben. Wie können wir den Bergbau-Master und die Verwaltungswissenschaften verzahnen? Welche Erfahrungen haben wir beim Aufbau unseres Studienganges gemacht, was hat funktioniert, was nicht? Gespräche, die viel zu selten stattfinden. Projektteilnehmer im gleichen Bereich kennen sich oft nur vom Papier.

„Irre leer hier“, sagt der Büroleiter aus Kabul plötzlich, normalerweise geht ohne Reservierung nichts. Mit uns sind nur vier Tische besetzt, das Personal wirkt verloren. Dafür spielen die Musiker um so lauter, sie wirken wie in Trance. Wir entscheiden uns, nach dem Essen in den Hof umzuziehen, dort ist heute Markt für die Gäste. Smaragde, Rubine, Topas, Lapislazuli, Aquamarin, Seide, Stickereien, Teppiche – nur die Kunden fehlen in der Ali-Baba-Kulisse.

Nicht nur der Großteil des Militärs zieht ab, auch viele Projekte enden 2014. Durch den angesammelten Sonderurlaub ist für etliche die Arbeit in Afghanistan jetzt beendet. Die verbleibenden Projekte werden abgespeckt, manche Gebergießkanne wird versiegen. Auch für uns fiel erst in diesem Jahr die Entscheidung für die Verlängerung 2015, bis auf die „Locals“ und den Büroleiter gehen fast alle. Durch den Regierungswechsel werden zusätzlich viele unserer Ansprechpartner in den Ministerien und staatlichen Organisationen auf neue Posten berufen. Zahlreiche funktionierende Arbeitsbeziehungen wird es nicht mehr geben. „The golden times are over“, sagen die Afghanen. Darin liegt aber auch die größte Chance. In den Ministerien wurden in den letzten Jahren Parallel-Strukturen etabliert. Der Geberhaushalt übersteigt den regulären afghanischen Haushalt um ein Vielfaches. Das macht Sinn, aber nur für den Übergang. Trotzdem wird es noch viele Jahre so gehen, bis es ohne Hilfe geht, vielleicht auch nie. 

Kurz vor dem Abflug erreicht uns eine schöne Nachricht: Einer unserer Übersetzter hat ein Stipendium für das Doktorandenkolleg in Potsdam ergattert. „Jetzt können wir das Telefon auch ausschalten“, sagt Harald Fuhr, „besser wird es heute nicht mehr.“

Ankunft Flughafen Herat, sechs Uhr abends, 36 Grad. Fünf Bodychecks und drei Gepäckkontrollen bis zum Schalter der afghanischen KAM Air in Kabul haben wir hinter uns gebracht. Hier macht es Sinn, sich zwei Stunden vor Abflug einzufinden. Nach fünf Wassertagen mit Schwitzkuren in der Wüstensonne fühlen wir uns auch langsam ausreichend entgiftet für ein kühles Feierabendbier. Aber keine Chance. „Fastenbrechen“ mit traditioneller Oktoberfestverpflegung wird es erst im deutschen Camp in Mazar geben.

„Welcome to the International Security Conference“, empfängt ein Plakat unsere Mitpassagiere: Journalisten, Militärs und Sicherheitsexperten aus den anderen Provinzen. In den Warteschlangen war die gesammelte ethnische Vielfalt Afghanistans zu bewundern. Entsprechend hoch ist die Polizeipräsenz entlang der von Pinien gesäumten Hauptstraße. Die Wüstenstadt nahe der iranischen Grenze ist ein Juwel Afghanistans. Ein liebevoll gepflegter Bazar; die mithilfe aus der Humboldt-Universität zu Berlin restaurierte Zitadelle bietet eines der besten Museen zur Islamischen Kulturgeschichte. Unter anderen Umständen wäre Herat ein Touristenmagnet. So aber hatten wir das wunderschöne Gesamtensemble bei unserem letzten Besuch für uns allein. Ein Luxus der betrübt. 

Julka Jantz, Koordinatorin „Stärkung der Verwaltungsausbildung in Afghanistan“, Online gestellt: Julia Schwaibold

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