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Im Lauf des Lebens

LifE-Langzeitstudie erfasst Lebensbedingungen über Generationengrenzen hinweg
Foto: Karla Fritze

Foto: Karla Fritze

Chroniken haben etwas Faszinierendes: Im Zeitraffer noch einmal nachvollziehen zu können, wie sich etwas ereignet hat, wie Verhältnisse sich änderten und die Menschen darin ebenso•… Die filmische Langzeitbeobachtung der „Kinder von Golzow“, jener Schulklasse im Oderbruch, die fünf Jahrzehnte in und durch das Erwachsenenleben begleitet wurde, ist dafür ein meisterhaftes Beispiel. Mit anderen Mitteln, den empirischen Methoden der Sozialforschung, haben Wissenschaftler aus Potsdam, Zürich und Konstanz die Lebensläufe von ca. 1.400 Schülern verfolgt. Ihre Langzeitstudie „LifE“ geht jetzt ins vierte Jahrzehnt.

Es begann 1979 an der Universität Konstanz. Ein Team um den österreichischen Pädagogen Helmut Fend startete die erste große Schulbefragung in Deutschland. Rund 2.000 Kinder aus Schulklassen in Frankfurt am Main und zwei ländlichen Regionen Hessens nahmen daran teil. Im Alter von 12 bis 16 Jahren wurden sie jährlich befragt: nach Familie, Freunden, Freizeit und Schule, ihren eigenen Ansichten und Empfindungen. Auch ihre Eltern und Lehrer erhielten einen Fragebogen. So war es möglich, die Bedingungen des Aufwachsens in einer Metropole mit denen auf dem Lande zu vergleichen.

Im Lauf des Lebens LifE-Langzeitstudie erfasst Lebensbedingungen über Generationengrenzen hinweg Mit der Auswertung der Daten und der Publikation der Ergebnisse schien die Jugendstudie abgeschlossen. Um die Jahrtausendwende jedoch fragten sich die Wissenschaftler, was denn aus den Kindern von einst geworden war. Wie war es ihnen ergangen auf dem Weg ins Erwachsenenleben? Hatten sie ihr Berufsziel erreicht, geheiratet, eine Familie gegründet? Die Idee für „LifE“ war geboren, jene Studie, die die „Lebensverläufe ins frühe Erwachsenenalter“ nachzeichnen sollte. Neu im Forscherteam war damals Wolfgang Lauterbach, heute Professor für Sozialwissenschaftliche Bildungsforschung an der Universität Potsdam. Er erinnert sich, wie die Mitarbeiter der Gruppe sich mit detektivischem Aufwand darum bemühten, über die noch vorhandenen Adressen der Eltern Kontakt zu den ehemaligen Schülern zu erhalten. „Es gab zwar schon Internet, aber noch keine Suchmaschinen. Fehlende Anschriften mussten umständlich recherchiert werden.“ Die Mühe sollte sich lohnen: Mehr als drei Viertel der Probanden beteiligten sich 2002 an der Folgebefragung. Bei der dritten Erhebung im vergangenen Jahr waren es immerhin noch 1.367 Personen, die sich zu Eltern- und Partnerbeziehungen, Freunden und Familie, Beruf, Einstellungen und Orientierungen befragen ließen.

Was hat die Verlaufsstudie nun erbracht? Welche Erkenntnisse gewannen die Soziologen? Gab es Überraschungen? „Unser Ziel ist es zu zeigen, in welcher Weise Erfahrungen in der Jugend, im Elternhaus, Schule und Freundeskreis die spätere Entwicklung beeinflussen. Wir wollen berufliche Verläufe, Partnerverläufe und die Beziehungen zwischen den Generationen prädizieren – aus den Erfahrungen der Jugend“, sagt Wolfgang Lauterbach und erklärt dies am Beispiel der Schullaufbahn. Fast 70 Prozent der Probanden erreichten genau den Schulabschluss, den ihre Eltern bereits im Alter von 13 Jahren von ihnen erwartet hatten, auch wenn es bei manchen etwas länger dauerte. Der Erwartungsdruck der Eltern wirke hier mitunter bis ins junge Erwachsenenalter nach, so Lauterbach. Auch Religiosität, politische Einstellungen und kulturelle Tätigkeiten wie Lesen oder Musizieren werden von den Eltern maßgeblich beeinflusst. Allerdings – und das gehöre beispielsweise zu den Überraschungen – habe das sogenannte kulturelle Kapital heute kaum noch Bedeutung für den beruflichen Erfolg. Hier seien es eher die Mehrfachausbildungen, mit denen sich vor allem die Abiturienten unter den Probanden im Laufe ihres Berufslebens einen weiteren „Bildungsvorsprung“ verschafften. Geringer qualifizierte Schulabgänger nähmen hingegen nur selten eine zweite Berufsausbildung in Angriff.

Wenig überrascht waren die Soziologen vom hohen Wert der Familie. Sie gehört für die meisten zur Normalität. 38 Prozent der Befragten heirateten sogar den ersten Partner in ihrem Leben. Knapp die Hälfte der Probanden wählte den zweiten oder dritten Partner. Was die Art der Beziehungen betrifft, so zeigt die LifE-Studie, dass viele Paare anfangs relativ gleichberechtigt zusammenleben, mit der Ankunft des ersten Kindes jedoch zur traditionellen Arbeitsteilung tendieren. Besonders diejenigen, die auf dem Land aufgewachsen sind, leben nach dieser in ihrer Kindheit als normal empfundenen Weise. Frauen mit längerer Schulbildung und höherem Einkommen sind hingegen eher mit Männern zusammen, die sich am Haushalt stärker beteiligen. Oftmals hatten sie den Wunsch danach bereits als Jugendliche geäußert, sagt Wolfgang Lauterbach und bekräftigt damit die Bedeutung früher Einstellungen für das spätere Leben. Gleiches gilt für ein früh entwickeltes positives Selbstbild, das sich unter anderem auch auf die Gesundheit auswirke. Ein interessantes Resultat der Studie sei, dass jene Erwachsene weniger depressive Verstimmungen zeigten, die als Jugendliche ein hohes Selbstwertgefühl ausgeprägt hatten. Solche Zusammenhänge darstellen zu können, sei der große Vorteil von Langzeitstudien, so Lauterbach.

Seit 2007 ist die LifE-Studie in der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam bei Professor Wolfgang Lauterbach angesiedelt und wird in Kooperation mit den Universitäten Konstanz und Zürich fortgesetzt. Die Jugendlichen von einst sind inzwischen 45 Jahre alt. Sie stehen in der Mitte des Lebens und haben Kinder in einem Alter, in dem sie selbst zum ersten Mal befragt wurden. „Da bot sich die Chance, nun eine dritte Generation in die Studie einzubeziehen“, erzählt Wolfgang Lauterbach. Und tatsächlich folgten 580 Jugendliche der Bitte, jene Fragen zu beantworten, die vor über 30 Jahren schon ihren Eltern gestellt wurden. „Erstmals im deutschen Sprachraum können nun innerhalb einer Lebensverlaufsstudie mehrere Generationen miteinander verglichen werden.“

Noch sind nicht alle Daten ausgewertet. Erste Ergebnisse zeichnen sich aber bereits ab. Besonders eindrucksvoll sind die Veränderungen der Bildungschancen. Hatten bei den Großeltern nur 15 Prozent der Männer und sieben Prozent der Frauen die Möglichkeit, das Abitur abzulegen, so war es bei deren Kindern bereits ein Drittel eines Jahrgangs, zu gleichen Teilen Männer und Frauen. Und die Generation der Enkel? Über 60 Prozent besuchen heute ein Gymnasium. Und sie erleben ihre Schulzeit sehr viel positiver als ihre Mütter und Väter. Die Mehrheit fühlt sich von den Lehrern ernst genommen! Gaben in den 1980er Jahren 36 Prozent der damaligen Schüler an, dass Lehrpersonen die Kinder nicht bloßstellen, so sagen dies heute 76 Prozent. Die Vermutung, dass die Disziplin der Schüler zurückgegangen sein könnte und Lehrer sich heute mehr gefallen lassen müssten, hat sich nach Auskunft der Wissenschaftler nicht bestätigt: Noch in der ersten Befragung sagten nur 23 Prozent der damaligen Achtklässler, dass sie ihre Lehrer nie ärgern würden. Ihre Kinder meinen zu 48 Prozent, dass sie dies niemals tun. Auch schwänzen heute viel weniger Jugendliche den Unterricht als noch vor 30 Jahren.

Um das Schulerleben genauer beschreiben zu können, fragten die Wissenschaftler ihre Probanden damals wie heute nach ihren Belastungen, nach einer möglichen Über- oder Unterforderung. Das Ergebnis überrascht: Der zeitliche Aufwand für Hausaufgaben hat leicht abgenommen, was damit zusammenhängen könnte, dass mehr Jugendliche eine Ganztagsschule besuchen, so vermuten die Soziologen. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung müssen Schüler heute für die Schule nicht mehr Arbeitsaufwand betreiben als früher. Nervosität und Leistungsstress sind in der Tendenz eher zurückgegangen. Die gegenwärtig häufig kritisierte Überlastung der Schüler können die Forscher in den Ergebnissen ihrer Studie nicht erkennen. Vielmehr zeige der direkte Generationenvergleich, dass die Eltern das eigene Belastungserleben in keiner Weise an ihre Kinder weitergegeben haben. Nur in einem Punkt gibt es einen Zusammenhang: „Eltern, die selber viele Hausaufgaben machten, haben Kinder, die das wieder tun. Der Fleiß der Eltern scheint in begrenztem Maße an die Kinder weiter vermittelt zu werden“, heißt es in einer ersten Auswertung der aktuellen Befragung.

Die Ergebnisse der LifE-Studie werden regelmäßig veröffentlicht und auch den Teilnehmern mitgeteilt. „Viele von ihnen sind stolz, dabei zu sein“, sagt Wolfgang Lauterbach. Mittlerweile gibt es sogar LifE-Partys, bei denen sich die damals befragten Schulklassen wiedertreffen, erzählt der Sozialforscher. Auch wenn sich hier und da Lebenswege trennten und Schicksalsschläge nicht ausblieben, sei in den meisten Fällen der Kontakt zwischen den Generationen sehr eng. Immer wieder werde von Teilnehmern die Hoffnung ausgesprochen, die Studie in zehn oder 20 Jahren fortzusetzen. „Dann hätten wir einen kompletten Lebensverlauf“, sagt Wolfgang Lauterbach. Jetzt aber würden erst einmal die aktuellen Daten ausgewertet und publiziert. 2014 gibt es dazu eine Konferenz. Ein Nachfolgeantrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft sei aber bereits gestellt.

Das Projekt

LifE – Lebensverläufe ins frühe Erwachsenenalter ein Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Potsdam, Konstanz und Zürich, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Schweizer Nationalfonds (SNF)

www.uni-potsdam.de/life-studie

Der Wissenschaftler

Prof. Dr. Wolfgang Lauterbach studierte an der Freien Universität Berlin Soziologie, wo er 1992 auch promovierte. Der Habilitation an der Universität Konstanz folgten Forschungsaufenthalte in den USA und der Schweiz, wo er bei Helmut Fend am LifE-Projekt mitarbeitete. 2002 wurde Wolfgang Lauterbach Professor für Familien-, Bildungs- und Lebenslaufforschung an der Universität Münster und 2007 Professor für Sozialwissenschaftliche Bildungsforschung an der Universität Potsdam.

Kontakt

Universität PotsdamDepartment ErziehungswissenschaftKarl-Liebknecht-Str. 24–25, 14476 Potsdam OT GolmE-Mail: wolfgang.lauterbach@uni-potsdam.de

 

Text: Antje Horn-Conrad, Online gestellt: Agnes Bressa