Universität Potsdam


Institut für Slavistik


Einführung in die niedersorbische Linguistik


Linguistische Schulen

(übersetzt aus: Polañskiego K. (pod red.) Encyklopedia jêzykoznawstwa ogólnego, Wroc³aw/Warszawa/Kraków 1993)


Inhalt:


Die Junggrammatiker

Unter der Bezeichnung "Junggrammatiker" versteht man eine linguistische Schule, die sich Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts in Leipzig um August Leskien gebildet hatte. Zu dieser Schule gehörten K. Brugmann, H. Osthoff, H. Paul, B. Delbrück und andere. Sie wollten der Sprachwissenschaft den Charakter einer exakten Naturwissenschaft verleihen. Die Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze war ihre programmatische These. Die Junggrammatiker behaupteten, daß immer, wenn in irgendeiner Sprache oder irgendeinem Dialekt in einem bestimmten Kontext ein phonetischer Wechsel stattfindet, dieser bei allen Benutzern dieser Sprache oder dieses Dialektes in allen Wörtern stattfindet, in denen die Bedingungen für diesen Wechsel gegeben sind. Alleiniger Faktor, der den Wirkungsbereich eines solchen Wechsels auszuweiten oder einzuengen vermag, ist der Prozeß der Analogie. Diese These hat der Sprachwissenschaft großen Nutzen gebracht. Sie verlangt vom Sprachforscher komplettes Untersuchungsmaterial (unter Einbeziehung der Angabe und Erklärung sämtlicher Abweichungen von der Regel) sowie die Aufhellung der phonetischen Wechsel allein durch die Sprachfakten, d. h. durch exakt formulierte Kontextbedingungen für den betreffenden Wechsel.

Die Junggrammatiker erreichten eine Synthese der Errungenschaften der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts und schufen so die Grundlage für deren weitere Entwicklung. Das Hauptwerk von K. Brugmann und B. Delbrück "Grundriß der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen" (2. Auflage, 5 Bände, 1897 - 1916) hat in einer ganzen Reihe von Fragen bis auf den heutigen Tag seine Aktualität bewahrt. Eine allgemein-linguistische Konzeption der Junggrammatiker hat H. Paul mit den "Prinzipien der Sprachgeschichte" (1. Auflage 1880) vorgestellt. In diesem Werk vertrat H. Paul die Auffassung, daß Gegenstand wissenschaftlicher Erwägungen ausschließlich Entwicklungsprozesse sind, und daß in Übereinstimmung damit alleiniger wissenschaftlicher Zugang zur Sprache das historische Herangehen ist. Weil nun aber die Existenz der Sprache in der Psyche der Individuen lokalisiert ist, suchte er in psychischen Besonderheiten der Sprachträger und in der Geschichte der individuellen Spracherfahrung die Ursachen für alle Veränderungen der Sprache. Dies führte zur Ablehnung der Sprache von allgemeinen, (als) durch die Erfahrung nichtbestätigter Abstraktionen und weckte aber gleichzeitig das Interesse für die Dialektologie und für die Sprache der Kinder.

Resultat der konsequenten Anwendung der Methode der Junggrammatiker war der extreme Atomismus (das Interesse für die konkreten Sprechakte der einzelnen Individuen) und für die einzelnen Details (das Konzentrieren auf die Beobachtung der Sprachfakten mit der ausdrücklichen Abneigung gegenüber Abstraktionen und Verallgemeinerungen). Die Unzulänglichkeiten und Mängel in der Konzeption der Junggrammatiker wurden früh erkannt. Die dialektologischen Untersuchungen haben die Hypothese von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze nicht bestätigt. Sie lieferten Material für die Existenz von Zonen mit "Misch"dialekten für fast jede Isoglosse, die den Umfang (Bereich) des phonetischen Wechsels bestimmt. Dabei füllten die detaillierten Untersuchungen zur Geschichte einzelner Sprachen, namentlich der gut dokumentierten Zeitabschnitte, ganze Listen mit Abweichungen im Wirken der einstigen Lautwechsel, wobei die Erklärung dieser Ausnahmen allein durch das Wirken des Gesetzes der Analogie nicht überzeugen konnte. Schließlich erwies sich auch die Begründung der Lautgesetze durch physiologische bzw. psychologische Faktoren als wenig überzeugend, weil sie die Aufmerksamkeit allein auf die individuellen Redeakte konzentrierte und nicht den gesellschaftlichen Charakter der Sprache und der sprachlichen Veränderungen berücksichtigte. -

Zu den ersten Kritikern der Konzeption der Junggrammatiker gehörten u. a. H. Schuchardt, J. Baudouin de Courtenay, M. Kruszewski und O. Jespersen.

Den endgültigen Todesstoß versetzte die Theorie von F. de Saussure, die später Strukturalismus genannt wurde, der Theorie der Junggrammatiker. Die Methodologie der Junggrammatiker hat jedoch einen unvergänglichen Einfluß auf die Entwicklung der linguistischen Forschungen ausgeübt, insbesondere auf die diachronischen; sie ermöglichte die Bestimmung des Gegenstandes der Linguistik als Wissenschaft und schränkte den Subjektivismus in der Arbeit an der Sprache ein.


Die Kasaner Linguistenschule

Bei der Kasaner Linguistenschule handelt es sich um eine Forschergruppe, die sich aus russischen und polnischen Sprachwissenschaftlern zusammensetzte, und sich um den Polen französischer Abstammung Baudouin de Courtenay an der Kasaner Universität während dessen dortiger Tätigkeit (1875 - 1883) gebildet hatte. Die bekanntesten Schüler von de Courtenay in Kasan waren

Die Kasaner Linguistenschule hat den Begriff des Phonems als der kleinsten bedeutungsdifferenzierenden abstrakten Einheit der Sprache als Äquivalent zum Sprachlaut (Phon) in die Linguistik eingeführt. Den Terminus Phonem übernahmen die Kasaner Linguisten von de Saussure, der ihn als Synonym zum Laut 1879 gebrauchte. Die Kasaner Schule hat die theoretischen Grundlagen der Phonologie geschaffen, indem sie die (verschiedenen) Oppositionen zur Beschreibung der Phoneme ausnutzte, und indem sie die für die strukturelle Linguistik grundlegenden Gegenüberstellungen von phonologischen Invarianten und Varianten - in der Terminologie der Kasaner Schule - den Divergenten (Phonemen), unterschied.

Die Kasaner Schule bot als erste eine Klassifizierung der Phonemvarianten an.

Baudouin de Courtenay und seine Schüler wußten durchaus die wissenschaftliche Bedeutung der Arbeiten der Leipziger Junggrammatischen Schule zu würdigen. Sie erkannten aber auch die Grenzen dieser Schule, die in einer falschen Bewertung der Rolle der allgemeinen Sprachwissenschaft, der Untersuchungen lebender Sprachen sowie der z. T. mechanistischen Erklärung von Sprachveränderungen bestanden.

Die Kasaner Schule unterstrich den gesellschaftlichen Charakter der Sprache und betonte die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen Diachronie und Synchronie (Statik und Dynamik). -

Die Konzeptionen der Kasaner Schule mündeten direkt in die Anschauungen de Saussures über die Sprache. De Saussure korrespondierte regelmäßig mit Baudouin de Courtenay und kannte alle wichtigen Arbeiten der Kasaner Schule.


Die Moskauer Linguistenschule

Die Moskauer Linguistenschule existierte von 1876 - 1925. Sie bestand vornehmlich aus russischen und polnischen Linguisten und lehnte sich methodologisch an die Leipziger Schule der Junggrammatiker an. An der Spitze der Moskauer Schule stand Filip Fedoroviè Fortunatov (1848 - 1914). Die bekanntesten Vertreter dieser Schule, in der Regel Schüler von F. F. Forunatov, waren

Diese Linguisten haben einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Dialektologie geleistet. Noch bekannter aber wurden sie durch ihre Arbeiten zur Syntax. Sie haben als erste den syntaktischen Begriff Wortfügung/Wortverbindung (russ. slovosoèetanie) in die Linguistik eingeführt. Bei der Interpretation syntaktischer Strukturen verbanden sie die morphologische Analyse mit psychologischen Faktoren.

Die Moskauer Linguistenschule hat großen Einfluß auf die Herausbildung der allgemeinlinguistischen und syntaktischen Konzeption von Stanis³aw Szober (1879 - 1938) gehabt, die Aufnahme in die Ausbildungsprogramme für Polnisch an den Schulen in Polen fand und in zahlreichen einschlägigen Handbüchern publiziert wurde.

Die Arbeit der Moskauer Linguistenschule wurde 1925 auf Betreiben von Nikolaj Jakovleviè Marr eingestellt.


Die Genfer Schule

Die Genfer Schule ist eine der Schulen der soziologischen Richtung in der Sprachwissenschaft, die sich direkt auf die Ideen des Kurses "Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft" von F. de Saussure stützt und die wissenschaftlichen Traditionen der Genfer Universität fortführt. Die selbstgewählte Bezeichnung "Genfer Schule" gibt es seit 1908.

Die 1. Gelehrtengeneration repräsentieren die Schüler von F. de Saussure, Ch. Bally, A. Sechehaye und S. O. Karcevskij, die 2. A. Frei, R. Godel u. a.

Im Mittelpunkt der Interessen der Genfer Schule standen Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft, die man anhand des Materials verschiedener Sprachen, vornehmlich der französischen, zu lösen versuchte, sowie die Wechselbeziehungen zwischen dem Individuellen und Sozialen, der langue und parole, die Beziehungen zwischen Sprache und Denken, Probleme der Semiologie, der Semantik und der Syntax.

Die (1.) Arbeit von F. de Saussure "Mémoire sur le systčme primitif des voylles dans les langues indo-européens" (1871) - "Memoire über das ursprüngliche Vokalsystem in den ide. Sprachen" brachte dem Autor weltweit den Ruhm eines hervorragenden Spezialisten dieser Sprachen ein, und zwar insofern, als in ihr ein neues Prinzip der Rekonstruktion des phonologischen Systems der Grundsprache auf der Grundlage der Fakten der Morphologie praktiziert wurde. In seinen Arbeiten zur litauischen Akzentologie (1894 - 1896) bestimmte de Saussure (gleichzeitig mit F. F. Fortunatov, aber unabhängig von ihm) den Charakter der Betonung und Wortintonation in den baltischen Sprachen in Wechselbeziehung mit analogen Erscheinungen in den slavischen Sprachen (Fortunatov-de Saussure-Gesetz). Im Jahre 1916 erschien der Kurs "Grundfragen der Sprachwissenschaft", den Ch. Bally und A. Sechehaye auf der Grundlage der Vorlesungen im Rahmen des Kurses "Allgemeine Sprachwissenschaft" von F. de Saussure, den sie in den Jahren von 1906 - 1911 dreimal gehört hatten, verfaßt hatten. In diesem Buch sind die Ansichten von F. de Saussure von der Sprache formuliert, die einen großen Einfluß auf die Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts, insbesondere auf die Entwicklung der strukturellen Linguistik, gehabt haben, da hier das erstemal in der Sprachwissenschaft die Darstellung der Sprache als System (Struktur) zur Grundlage der Theorie genommen wurde. Unter den verschiedenartigen Äußerungsformen der sprachlichen Tätigkeit unterschied F. de Saussure die Sprache (die Sprache als System von Zeichen, als soziale und psychische Erscheinung, die passiv von den Sprechern erworben wird) wird von der Linguistik der Sprache erforscht; die Rede hingegen als individuelle und psychophysiologische Erscheinung, als aktive Anwendung des Sprachcodes in Übereinstimmung mit dem Denken des Sprechenden wird von der Linguistik der Rede erforscht. Die Linguistik bestimmte F. de Saussure als Teil einer neuen Wissenschaft, die das Funktionieren der Zeichen innerhalb der Gesellschaft untersucht. Diese Wissenschaft nannte er Semiologie (Semiotik). In die Semiologie integrierte er auch die soziale Psychologie. Das sprachliche Zeichen (das Wort, seine Bedeutungsseite) ist eine zweiaspektige Wesenheit:

  1. eine Einheit des Bezeichneten (signifié; Begriff) und
  2. eine Einheit des Bezeichnenden (signifiant, Lautbild),

wobei diese beiden Seiten der Einheit nach dem Prinzip der Willkürlichkeit (Fehlen der Motiviertheit) miteinander verbunden sind.

Die 2. Besonderheit des sprachlichen Zeichens ist die Linearität des Bezeichnenden, d. h. die folgerichtige Entfaltung der einzelnen sprachlichen Einheiten (der Wörter, Affixe) im Redeakt und die strengen Regeln ihrer Anordnung (Distribution) in bezug zueinander. F. de Saussure formulierte den Begriff des Wertes (der Bedeutung) der sprachlichen Zeichen, d. h. der Gesamtheit ihrer relationellen Eigenschaften, die neben den absoluten Eigenschaften (Bedeutung, lautliche Charakteristik usw.) existieren. Die relationellen Eigenschaften werden auf der Grundlage assoziativer (Gemeinsamkeit der Wurzeln, Affixe, Phoneme) und syntagmatischer (ñìåæíîñòü èñïîëüçîâàíèÿ) Beziehungen der Zeichen als Glieder des Systems zu anderen Gliedern ermittelt und dienen als Grundlage der Identifizierung der sprachlichen Einheiten. Die Sprache (langue) ist Gegenstand des Studiums der synchronen (statischen) Linguistik, die Rede (parole) dagegen der diachronischen (evolutiven) Linguistik. Die Sprache als Gegenstand der inneren Linguistik wird von F. de Saussure verstanden als "die Sprache an und für sich selbst betrachtet". Die Beziehung zwischen der Geschichte der Sprache und Geschichte der Sprachträger (des Volkes, der Nation), das Studium der Literatursprache und der Dialekte, die geographische Verbreitung der Sprachen usw. gehört zur äußeren Linguistik.

Die linguistische Seite der Konzeption von F. de Saussure korrespondiert mit den Ideen von Baudouin de Courtenay, von N. V. Kruszewski und W. D. Withney.

Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wird F. de Saussure als Vertreter der Sprachphilosophie interpretiert, weil er die Probleme der Sprachonthologie als semiotisches System eingeführt hat, die methodologische Basis seiner Theorie ist jedoch eklektizistisch.

Das Postulieren der Ganzheitlichkeit des Sprachsystems tendiert hin zur Phänomenologie von E. Husserl. In der Theorie der langue und parole versuchte F. de Saussure die Ideen von É. Durkheim und G. Tarde über die Beziehung zwischen dem Sozialen und Individuellen zu vereinigen, die Lösung dieses Problems von den Positionen der Beziehungen zwischen dem Allgemeinen, Besonderen und Einzelnen blieb außerhalb seiner Konzeption, wie auch die Dialektik des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten. Indem F. de Saussure gegen den Positivismus des endenden 19. Jahrhunderts auftrat, bestimmte er das Vorhandensein des Wertes (Bedeutung) als relationelle Eigenschaft der sprachlichen Einheiten, schloß aber aus der Betrachtung die absoluten Eigenschaften aus. Damit begab er sich in Richtung der Positionen des Subjektivismus und der Sophistik.

In seiner Werttheorie folgt er den Konzeptionen von A. Smith und D. Ricardo hinsichtlich des Vorhandenseins des Gebrauchs- und Tauschwerts der Gegenstände. Nachdem F. de Saussure Hegels Prinzip der Differenzierung zur Grundlage seiner Überlegungen übernommen hatte, gelang es ihm nicht, sich der Idee des dialektischen Widerspruches, der in sich die Idee der Entwicklung birgt, zuzuwenden und blieb im Rahmen des metaphysischen Ansatzes stecken. Die Forderung, den Gegenstand einer Wissenschaft von einem bestimmten Gesichtspunkt aus zu markieren (betrachten) korrespondiert mit den Thesen Hegels, obwohl F. de Saussure keine Namen nennt.

Die Sprachtheorie F. de Saussures hatte nicht nur auf die Sprachwissenschaft Einfluß, sondern auch auf einige Richtungen der ausländischen Semiotik, Anthropologie, Literaturwissenschaft und Ästhetik.

Seit R. Godel im Jahre 1957 die handschriftlichen Quellen des posthum veröffentlichten "Cours" (Les sources manuscrites du Cours ...") herausgegeben hat, begann sich ein neues Forschungsgebiet in der Genfer Schule zu entwickeln: die Publikation der persönlichen Notizen von F. de Saussure und seiner Schüler, die Kommentierung seiner Ideen unter dem Aspekt dieser Fakten und das Studium des Einflusses seiner Theorie auf unterschiedliche Gebiete der Sprachwissenschaft in verschiedenen Ländern, d. h. die Bestimmung des Platzes von F. de Saussure in der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts. R. Godel hat das Fehlen einer völligen Authentizität der Ideen von F. de Saussure und des von Ch. Bally und A. Sechehaye herausgebrachten Textes nachgewiesen. Von 1967 - 1974 brachte Engler eine kritische Ausgabe der "Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft" in vier Bänden heraus mit Parallelen zu jedem Satz aus allen Aufzeichnungen der Studenten und Autographen F. de Saussures. 1968 erschien darüber hinaus ein von R. Engler verfaßtes "Wörterbuch der Termini F. de Saussures".

Der Beginn der "Nach-de-Saussureschen-Periode" ist mit der Tätigkeit von Ch. Bally und A. Sechehaye verbunden, die auf der Grundlage der Ideen von de Saussure neue Gebiete der Sprachwissenschaft entwickelt und begründet haben.

Ch. Bally erarbeitete einen funktionalen Zugang zur Sprache, d. h. er wandte sich den Problemen der Linguistik der parole zu. Nachdem er die Stilistik als eigenständige linguistische Disziplin begründet hatte, nahm er eine Abgrenzung der Stilistik der Allgemeinsprache von Erforschung des Stils einzelner Schriftsteller vor ("Die französische Stilistik", 1961). Er formulierte die Theorie der Aussage, die die logische Satzanalyse einschloß (Die Ausgliederung des "Diktums" und des "Modus", die Erforschung der "Monorheme" und "Diarheme"), die Prinzipien der Klassifizierung der sprachlichen Zeichen als virtuelle Einheiten, die im Gedächtnis gespeichert werden, die Verfahren ihrer Aktualisierung in der Rede in Gestalt der Satzteile oder außersprachlicher Mittel (Gestik usw.) sowie die Theorie der funktionalen Transposition, das Überwechseln von Einheiten der langue auf der Grundlage ihrer Funktionen, d. h. bei ihrer Verwendung in der parole von einer Klasse in eine andere ("Allgemeine Linguistik und Fragen der französischen Sprache", Übersetzung aus dem Französischen, 1955).

Ch. Bally untersuchte die funktionalen und expressiven Eigenschaften der Sprache als gesellschaftliche Phänomene, die Wechselbeziehungen zwischen Sprache und Denken und die Theorie des sprachlichen Zeichens.

A. Sechehaye wandte sich der Erforschung der Wechselbeziehungen zwischen dem Individuellen und dem Sozialen in der Sprache zu ("Programm und Methoden einer theoretischen Linguistik. Die Psychologie der Sprache", in franz. Sprache, 1908).

In dieser Arbeit erläuterte er sein Verständnis von der Grammatik als Wissenschaft zur Organisierung der Sprache. Er entwickelte in ihr die Idee von der hierarchischen Organisation der Erscheinungen der Sprache: in die sprachliche Tätigkeit geht die organisierte Rede ein, die die Statik der Sprache mit ihrer Dynamik verbindet und zeigt, daß die prägrammatischen affektiven individuellen Ausdruckselemente, die psychologische Natur besitzen, in Sprache als soziale Erscheinung umgeformt werden, d. h. in eine Grammatik der Zeichen ("Skizze der logischen Satzstruktur", in franz. Sprache, 192 und 1965). Sechehaye untersuchte gleichfalls das Problem der Wechselwirkungen von Sprache und Denken, gemeinsam mit Ch. Bally und A. Frei verteidigte er die Idee der Willkürlichkeit des sprachlichen Zeichens, er war der 1. Historiker der Genfer Schule.

S. O. Karcevskij erarbeitete eine Konzeption für das semantisch-strukturelle Herangehen an die Erscheinungen der Grammatik, indem er das System des russischen Verbs auf der Grundlage der Synchronie beschrieb, er untersuchte das Problem der Wechselbeziehungen zwischen Satz und Urteil ("Wiederholungskurs des Russischen", 1928), er entwickelte die Theorie von der Asymmetrie des sprachlichen Zeichens: die Evolution des Sprachsystems erfolgt dank der getrennten Bewegung des Bezeichnenden und Bezeichneten auf den Linien der Hononymie und Synonymie ("Îá àñèììåòðè÷íîì äóàëèçìå ëèíãâèñòè÷åñêîãî çíàêà", ïåðåâîä ñ ôðàíö., 1965).

Das funktionale Herangehen an die Sprache ist charakteristisch für H. Frei, der der Auffassung ist, daß es erforderlich ist, die lebendige Rede zu untersuchen, da es in der Rede so viele Fehler wie richtige Ausdrucksmittel gibt, die die Grundlage für die künftige Entwicklung der Sprache bilden ("Grammatik der Fehler", in franz. Sprache, 1929). H. Frei begründete die Notwendigkeit der Schaffung eines Wörterbuches der am meisten gebräuchlichen Sätze der französischen Sprache ("Das Buch der 2000 Sätze", in franz. Sprache, 1953). Bei seinen Forschungen beschäftigte er sich darüber hinaus mit der langue und parole und den dem sprachlichen Zeichen. Er prägte auch den Terminus "Monem", worunter er die kleinste bedeutungstragende Einheit verstand.

R. Godel, Spezialist für Turksprachen und für die armenische Sprache, untersuchte gleichfalls eine Reihe von Fragen und Probleme der Sprachtheorie, so bestimmte er z. B. die Homonymie oder Identität der Zeichen aufgrund ihres Platzes im Paradigma ("Homonymie und Identität", in franz. Sprache, 1948).

Ausgehend von diesen Positionen, gelangte er zum Problem des Nullzeichens und der Ellipse. Er widmete sich des weiteren der Theorie des Satzes, verfaßte eine Anthologie von Arbeiten der Vertreter der Genfer Schule ("Chrestomathie der Arbeiten der Genfer linguistischen Schule", in franz. Sprache, 1969).

R. Engler, Schüler von R. Godel und Vertreter der jüngeren Richtung der Genfer Schule, brachte alle handschriftlichen Aufzeichnungen (Autographe) F. de Saussures heraus und besorgt die laufende Bibliographie der Arbeiten zur de Saussureschen Thematik. Er arbeitet an Problemen der Semiologie und Semantik.

R. Amaker unternahm den Versuch zur Schaffung eines semiologischen Wörterbuches.

L. Prieto setzt sich mit Fragen der allgemeinen Linguistik und der Semiologie auseinander.

Seit 1941 erscheint in Genf unter der Redaktion der Genfer linguistischen Gesellschaft das Jahrbuch "Cahiers F. de Saussure" ("De Saussure-Hefte"), in denen Beiträge zur allgemeinen Sprachwissenschaft, biographische und bibliographische Materialien publiziert werden.


Die Prager strukturalistische Schule

Die Prager strukturalistische Schule ("Circle Linguistique de Prague", CLP) ist eine der Hauptrichtungen des europäischen Strukturalismus. Sie hat sich um den Prager Linguistenkreis mit V. Mathesius und R. Jakobson an der Spitze gebildet und in den Jahren 1926 - 1939 eine aktive Tätigkeit entwickelt. Obwohl der Prager Linguistenkreis unmittelbar nach dem II. Weltkrieg seine Arbeit wieder aufnahm, hörte er schon 1948 auf zu existieren.

Geistiger Führer der Prager Schule war N. S. Trubetzkoy. Zu den aktivsten Mitgliedern zählten außer den bereits genannten Linguisten B. Havránek, A. V. Isaèenko, V. Skalièka, B. Trnka, J. Vachek u. a.

Die Prager strukturalistische Schule hat faktisch die Linguistik in (fast) ganz Europa beeinflußt. Mit ihr kooperierten oder aber von ihr beeinflußt wurden u. a. K. Bühler, S. Karcevskij, A. Martinet, L. Tesniére, H. U³aszyn, W. Doroszewski (ein notorischer Polemiker der Prager strukturalistischen Schule) und viele andere. Die Prager strukturalistische Schule hat zwei Periodika herausgegeben:

  1. die internationale Zeitschrift "Travaux du Cercle linguistique de Prague" TCLP (von 1928 - 1939 erschienen 8 Bände) und
  2. die tschechische Zeitschrift "Slovo a slovesnost" (die kontinuierlich seit 1935 bis heute erscheint).

Die methodologischen Prinzipien finden sich in den Thesen zum I. Linguistenkongreß in Den Haag 1928 sowie in der überarbeiteten Fassung der Thesen zum I. Slavistenkongreß 1929 in Prag.

Die Prager strukturalistische Schule übernahm die methodologischen Grundsätze und Prinzipien des "Cours de linguistique générale von F. de Saussure, erweiterte diese aber um die funktionale Interpretation ("die Sprache ist ein System von Ausdrucksmitteln, die auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet sind"). Das funktionale Herangehen führte zu einer Gegenüberstellung der sich unterscheidenden diachronischen und synchronischen Methoden, wie sie von de Saussure bereits postuliert worden war in der Hinsicht, daß die Prager strukturalistische Schule darauf verwies, daß auch bei diachronischen Untersuchungen der Sprache die Berücksichtigung des Systembegriffes notwendig sei, und daß auch die synchrone Sprachbeschreibung den Begriff der Evolution zu berücksichtigen habe. Die Prager strukturalistische Schule gebrauchte auch erstmals die linguistischen Termini "Struktur" und "strukturell", von denen später die Bezeichnungen für eine ganze methodologische Richtung ("strukturelle Linguistik", "Strukturalismus") abgeleitet wurden. Bei der Analyse des phonologischen Systems verwendete die Prager strukturalistische Schule neben dem grundlegenden Begriff der Opposition den Begriff der distinktiven Merkmale von Phonemen ("das Phonem ist das kleinste Glied einer sprachlichen Opposition" neben "das Phonem ist ein Bündel distinktiver Merkmale").

Die distinktiven Merkmale sollten artikulatorisch-akustische Merkmale sein, in der Praxis von ca. 30 Jahren waren das aber in den phonologischen Beschreibungen ausschließlich artikulatorische Merkmale. Neben der bedeutungsunterscheidenden Funktion der Phoneme wurde auch ihre abgrenzende, delimitative Funktion hervorgehoben. Die Struktur des phonologischen Systems wurde ausführlich ausgearbeitet. Es wurden die Grundlagen für die Klassifikation der phonologischen Opposition sowie für die Klassifikation der Phonemvarianten geschaffen.

Als Synthese der Errungenschaften der Prager strukturalistischen Schule auf dem Gebiet der Phonologie ist die Arbeit "Grundzüge der Phonologie" (1939) von N. S. Trubetzkoy anzusehen. Diese Arbeit erschien 1970 in Polen unter dem Titel "Podstawy fonologii".

Indem die Prager strukturalistische Schule enge Beziehungen zwischen dem phonologischen und morphologischen System nachwies, konstituierte sie die Morphonologie als selbständige linguistische Disziplin. R. Jakobson unternahm den Versuch, grammatische Kategorien strukturell zu beschreiben. In der Syntax entwickelte V. Mathesius die Theorie der aktuellen Satzgliederung, die 30 Jahre später Grundlage der Textlinguistik wurde. Anknüpfend an die Konzeption der französischen Schule der Soziolinguistik schufen B. Havranek, R. Jakobson und J. Mukaøovský die Grundlagen der funktionalen Stilistik. Sie verstanden die Sprache dabei als ein System von Funktionalstilen. Sie verwiesen auf die schöpferische Rolle der Allgemeinen Sprachwissenschaft. Bühler machte auf die Polyfunktionalität des sprachlichen Zeichens aufmerksam; diese Konzeption hat R. Jakobson später weiterentwickelt. Nicht alle Postulate der Prager strukturalistischen Schule konnten während ihrer zehnjährigen Existenz realisiert werden. Einige wurden erst viele Jahre später verwirklicht. Zu den letzteren zählt z. B. das Postulat von der Berücksichtigung distinktiver akustischer Merkmale bei der Beschreibung des phonologischen Systems, das erst 1956 (initiiert durch R. Jakobson und M. Halle) realisiert wurde, sowie die Initiative zur Erarbeitung eines allgemeinslavischen Dialektatlasses (das 1. Heft erschien 1978 in Moskau).

Die Konzeptionen der Prager strukturalistischen Schule haben die Entwicklung der Sprachwissenschaft in zahlreichen Ländern befruchtet. Durch ihre Inspiration haben sich die funktionale Linguistik, die Harward-Schule u. a. herausgebildet und entwickelt.


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Copyright © 1998 Universität Potsdam, Institut für Slavistik, Westslavische Sprachwissenschaft, M. Unger [Letzte Aktualisierung 26.04.1998]