Universität Potsdam


Institut für Slavistik


Einführung in die niedersorbische Linguistik


J. I. N. Baudouin de Courtenay


Der polnische Sprachwissenschaftler Jan Ignacy Niecisław Baudouin Courtenay (1845 - 1929) lehrte an verschiedenen Universitäten Europas. Im einzelnen waren das:

  1. die Kasaner Universität (1875 -1883),
  2. die Universität Dorpat/Tartu, Estland (1883 - 1893),
  3. die Jagiellonen-Universität Krakau (1893 - 1899),
  4. die Petersburger Universität (1900 - 1920) und
  5. die Warschauer Universität (1920 - 1929).

Baudouin de Courtenay ist bekannt als Sprachtheoretiker, Indoeuropäist, Slavist sowie als Schöpfer der Grundlagen der historischen Grammatik des Polnischen und zahlreicher Termini und Konzeptionen, die von der Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts übernommen und weiterentwickelt wurden. Im Jahre 1868 machte er zur gleichen Zeit wie W. Scherer, aber unabhängig von diesem, auf die große Rolle der Analogie als eine von mehreren Ursachen für sprachliche Veränderungen aufmerksam, indem er diese These mit Fakten der polnischen Sprache untermauerte. Diese These bildete später die theoretische Grundlage für die Schule der Junggrammatiker.

In den Jahren 1870 - 1883 trat er wiederholt der mechanistischen Sprachauffassung der Junggrammatiker entgegen und machte auf den gesellschaftlichen Charakter der Sprache aufmerksam. Dabei unterschied er zwei Disziplinen, die sich mit den Sprachlauten beschäftigen:

1. die Anthrophonetik und

2. die Phonetik.

Die erste dieser beiden Disziplinen entspricht nach Baudouin de Courtenay der heutigen Phonetik, die zweite dagegen der Phonologie.

Zusammen mit M. Kruszewski unterschied er zwischen den grundlegenden Einheiten dieser beiden Disziplinen, dem Sprachlaut und dem Phonem. Baudouin de Courtenay schuf auch die Grundlagen für die Unterscheidung von Synchronie und Diachronie, d. h. von der Existenz statischer und dynamischer Gesetze in der Sprache. Diese Konzeptionen hatten großen Einfluß sowohl auf die Formierung der linguistischen Theorie(n) von F. de Saussure als auch auf die der Prager strukturalistischen Schule. Er hob die große Rolle der Erforschung lebender Sprachen sowie die Gleichberechtigung von Staatssprachen und Sprachen kleiner Völkerschaften hervor. So führte er selber dialektologische Untersuchungen bei Minderheitsgruppen durch (vgl. seine Arbeiten über die Dialekte der Slovenen auf dem Territorium Italiens bzw. über das Jiddische usw.) und leitete die Arbeit seiner Schüler an (vgl. die Arbeiten von A. V. Šèerba über die Lausitzer Dialekte, von L. P. Jakubinskij über die Sprache der Tataren usw.).

Er maß den Details in wissenschaftlichen Untersuchungen große Bedeutung bei und betonte gleichzeitig die Notwendigkeit von Verallgemeinerungen und der Entstehung der Allgemeinen Sprachwissenschaft. Seine Arbeiten zum Altpolnischen, zur Geschichte des Polnischen sowie seine detaillierten Studien bildeten die Grundlage für die nachfolgenden Forschungen zur historischen Grammatik des Polnischen, für die polnische Onomastik und für die Geschichte der polnischen Sprache. Er war einer der ersten polnischen Linguisten, die die Kindersprache zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen machten. Baudouin de Courtenay unterstrich die Einheit und Gleichwertigkeit des individuellen und gesellschaftlichen Faktors in der Sprache. Die Sprache verstand er als eine Wissenschaft vom Menschen. Obwohl weder er noch einer seiner unmittelbaren Schüler Strukturalist waren, haben seine Konzeptionen einen starken Einfluß auf die Herausbildung der strukturalistischen Methodologie gehabt.

Wichtige Arbeiten von Baudouin de Courtenay:

Î äðåâíåïîëüñêîì ÿçûêå äî XIV ñòîëåòèÿ, 1870; Îïûò ôîíåòèêè ðÿçàíñêèõ ãîâîðîâ, 1875; Versuch einer Theorie phonetischer Alternationen. Ein Kapitel aus der Psychophonetik, 1895 (szersza wersja: Próba teorii alternacji fonetycznych, cz. I (ogólna), RWF 20, 1894); Psychologia jêzyka ze szczególnym uwzglêdnieniem jêzyka polskiego, t. 1, 1904; Szkice jêzykoznawcze, 1904; Ââåäåíèå â ÿçûêîçíàíèå, 1917; Zarys historii jêzyka polskiego, 1922. Wyd. zbiorowe i antologie: Èçáðàííûå òðóäû ïî îáùåìó ÿçûêîñíàíèþ, t. 1-2, 1963; J. Baudouin de Courtenay Anthology. The Beginnings of Structural Linguistics, 1972; Dzieła wybrane, t. 1-6, 1974-83; Spostrzeżenia nad jêzykiem dziecka, 1974; O jêzyku polkim. Wybór prac, 1984.


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