Das Lyzeum von Tzarskoe Selo

Lyzeum von Tsarskoe Selo     Das Lyzeum von Tsarskoe Selo Lyzeum von Tsarskoe Selo Das am 19. 10. 1811 gegründete Lyzeum von ä Tsarskoe Selo (später Imperatorskij Aleksandrovskij litsej) befand sich in der dortigen kaiserlichen Sommerresidenz in einem Flügel des Katharinenpalais. Seiner ursprünglichen Bestimmung nach sollten hier die jüngeren Brüder Aleksandrs I., die Großfürsten Nikolaus und Michail Pavlovich, gemeinsam mit Altersgenossen und vom Hofe isoliert erzogen werden, um sie auf ihre künftige Stellung bei Hofe vorzubereiten. (Wäre dieser Plan realisiert worden, wären Pushkin und Nikolaus I. Lyzeumskameraden geworden!); für die übrigen Schüler war eine Karriere im höheren Staatsdienst vorgesehen. Zum Zeitpunkt der Gründung gab es wenig konkrete Vorstellungen von den eigentlichen Zielen und Inhalten, die durch diese höfische Lehranstalt realisiert werden sollten: Der Lehrplan war wenig durchdacht, die Professoren willkürlich zusammengestellt, die Mehrzahl entsprach hinsichtlich ihrer Kenntnisse und pädagogischen Fähigkeiten nicht einmal den Anforderungen eines guten Gymnasiums. Den Fragen der Unterbringung und der inneren Ordnung dagegen wurde viel Aufmerksamkeit gewidmet, ebenso z.B. der Machart der Uniformen der Lyzeumssschüler, die sogar vom Zaren persönlich erörtert wurde. Nachdem von den Plänen bzgl. der Zarensöhne Abstand genommen wurde, ließ das Interesse des Hofes am Lyzeum und damit die Einmischung in die Lyzeumsangelegenheiten spürbar nach, noch verstärkt durch den ersten Direktor des Lyzeums ä V. F. Malinovskij, der bemüht war, seine Bildungsanstalt durch strenge Abgeschlossenheit (die Zöglinge durften nur selten die Anstalt verlassen, Besuche von Angehörigen wurden eingeschränkt) dem Einfluß des Hofes zu entziehen. So konnte sich im Lyzeum ein eigenständiges Klima entwickeln: Einige - besonders jüngere - der Professoren prägten die Atmosphäre durch humanistische pädagogische Ideen. Von dem Geist von Ehre, Unabhängigkeit und Achtung vor der persönlichen Würde des einzelnen zeugt auch die Tatsache, daß es keine körperliche Züchtigung der Lyzeumsschüler gab, auch die Ideen der Kameradschaft und ein teilweise ausgeprägter Freundschaftskult beeinflußten über die Lyzeumszeit hinaus das Verhalten der jungen progressiven Adligen um 1820. Der Lehrplan während der Lyzeumsjahre von A. S. Pushkin war umfangreich. Die ersten drei Jahre konzentrierten sich auf das Sprachstudium (Russisch, Latein, Französisch und Deutsch) und enthielten Unterricht in Mathematik, Literatur und Rhetorik, Geschichte, Geographie, Tanz, Fechten, Reiten und Schwimmen. In den oberen Klassen gab es kein festes Programm; Gegenstände des Unterrichts waren Ethik, Physik, Mathematik, Geschichte, Literatur, Sprachen. Von einer im Lyzeum üblichen Neigung zur literarischen Betätigung zeugt die Tatsache, daß handgeschriebene Journale herausgegeben wurden, so “Litsejskij mudrets (Der Lyzeums-Weise)”, “Neopytnoe pero (Die ungeübte Feder)”, “Dlja udovol’stvija i pol’zy (Zur Freude und zum Nutzen)”. 1844 wurde das Lyzeum nach St. Petersburg verlegt. Zu den Traditionen des Lyzeums gehörten die jährlich am 19. Oktober stattfindenden Jahrestagsfeiern (litsejskaja godovshchina), an denen alle Absolventen teilnehmen konnten. Diesen Anlässen wurden von Pushkin fünf Gedichte gewidmet.