Witz ­ Scharfsinn ­ Concetto

Ein Seminar von Dr. Holt Meyer, Insitut für Slavistik, Universität Potsdam

Wintersemester 1996/97


Die Rhetorik des Aristoteles

Ausgabe: UTB 159, Übers. von Frank G. Sieveke, 5 Aufl., München 1995



II. Buch; 24. Kapitel

Zu scheinbaren Enthymemen und ihrer Topik


Der Stellenwert des Kapitels und seine Relevanz für unsere Fragestellung

Wir befinden uns gegen Ende des zweiten der drei Bücher der Rhetorik (techne rhetorike). Nachdem Aristoteles im ersten Buch die Rhetorik als "das Vermögen (...), bei jedem Gegenstand das möglicherweise Glaubenerweckende zu erkennen" (I:2) definiert, die jeweilige Rolle des Enthymems, des Charakters und des Affekts und die Arten der Beredsamkeit (I:3) dargelegt (beim letzteren geht es v.a. um ethische und praktische Gesichtspunkte bei der politischen Beratung, der Gerichtsrede oder der Lob- bzw. Schmährede), kommt er im zweiten Buch auf die einzelnen Affekte (z.B. Zorn [II:2], Liebe [II:4], Scham [II:6], Neid [II:19] usw.) und Charaktere (die Älteren [II:13], die "Männer, die auf dem Höhpunkt ihres Lebens stehen" [II:14], die Reichen [II:16] usw.) zu sprechen. Anschließend geht es um die "allen Redegattungen gemeinsamen Beweismittel", nämlich das Beispiel und das Enthymem, wobei die Sentenz ("eine Erklärung ... über etwas das Allgemeine betreffend" [II:21:2]) als Teil des Enthymems angegeben wird.

Das Enthymem selbst wird ab II:22 behandelt. Aristoteles charakterisiert es auf zweierlei Art und Weise, nämlich im Hinblick auf die Methode, Enthymeme zu suchen einerseits und "die allgemeinen Gesichtspunkte zur Ermöglichung der Beweisführung", andererseits. Letztere sind die Topoi und dienen zur Auswahl unter den aufgefundenen Enthymeme, sind aber gleichzeitig im Bereich der Dialektik (also der Syllogismen) angesiedelt. Im Abschnitt II:23 wird die Topik der wirklichen bzw. beweisenden Enthymeme dargelegt, die "aus dem Gegensätzlichen" [II:23:1] resultieren. Ausgangspunkte derartiger Topoi sind: "gleiche Fälle" (II:23:2), die "wechselseitige Relation von Bedingungen" (II:23:3), der "Umstand der Zeit" (II:23:6), die Definition (II:23:8), die Induktion (II:23:11), der "Schluß von den Teilen auf das Ganze" (II:23:13), die Angabe des "Grundes für die unerklärliche Meinung" (II:23:23), die "Bedeutung des Namens" (II:23:29) u.a. Aristoteles hat bisher eine eher 'harmonische' Beziehung zwischen Dialektik und Rhetorik, also auch dem Syllogismus als stringenter logischer Schlußfolgerung, die auf Wahrheit beruht, und dem Enthymem als rhetorischer Schlußfolgerung, die auf Wahrscheinlichkeit fußt, geschildert. Das Enthymem war bisher wenig mehr als ein aus 'technischen Gründen' bzw. aus Gründen der Geschicklichkeit ("man muß weder von weither noch alles aufgreifen Š, denn das eine ist undeutlich wegen der Weitläufigkeit, das andere aber geschwätzig" [II:22:3]) abgekürzter Syllogismus. Auch in dem hier zu diskutierenden Kapitel, und zwar gleich am Anfang, ist vom Enythymem als einer "Art von Syllogismus" die Rede. Man kann jedoch konstatieren, daß sich Aristoteles in diesem Kapitel einer Konfiguration von Topoi zuwendet, die diese 'Harmonie' bestätigt und auf merkwürdige Weise zugleich kippt. Ihr Funktionieren weist deutliche Ähnlichkeiten mit dem Concetto als "problematische Ähnlichkeit" (R. Lachmann) auf, denn auch das Concetto läuft immer Gefahr bzw. sieht sich dem Vorwurf permanent ausgesetzt, lediglich ein Trugschluß zu sein. Die urbane, witzige und scharfsinnige Rede muß sich gegen ihren 'schlechten Ruf' als Effekthascherei, die der Forderung der Angemessenheit (sowohl in sachlicher als auch in ethischer Hinsicht) nicht nachkommt. Aber das Problem ­ und hierin liegt die Spannung dieses Kapitels und in gewisser Weise des gesamten rhetorischen Gebäudes des Aristoteles ­ liegt in der Rhetorik selbst. Denn der scheinbar sichere Hafen der logischen Argumentation, der ein Gegengewicht zu den wahrlich nicht vernunftmäßigen Affekten (pathos) und Charakter (ethos) bilden und "das bedeutendste unter den Überzeugungsmitteln" (I:11) sein soll, ist durch das Enthymem nicht unbedingt gewährleistet. An dieser Stelle setzt die 'concettistische Rhetorik' ein.

Das dritte Buch der Rhetorik, in dem es um die "sprachliche Formulierung", d.h. u.a. auch die Metapher, geht, behandeln wir auf unserer Seite zum Kapitel III:10.


II.24.1.

Da aber sowohl wirkliche wie scheinbare Syllogismen möglich sind, muß es auch wirkliche Enthymeme geben und und solche, die es nicht sind, sondern nur zu sein scheinen, da ja das Enthymem eine Art von Syllogismus ist.

Fragen and Anregungen ad II.24.1.


II.24.2.

Die Topoi der scheinbaren Enythymeme bestehen zum einen im fehlerhaften [1401a]Gebrauch des sprachlichen Ausdrucks. Eine Unterart davon verfährt wie in der Dialektik, wo man, ohne syllogistisch vorgegangen zu sein, das Schlußglied in der Form des logischen Schlußverfahrens ausspricht: Folglich ist dies und das nicht, notwendigerweise ist also dies und das.Auch bei den Enthymemen erweckt die kurze und bündige sowie antithetische Redeweise den Anschein eines Enthymems; denn eine solche Redeweise ist der Wohnsitz des Enthymems (sedes argumentorum) und es scheint, daß sich dies so verhält aufgrund der äußeren Form des sprachlichen Ausdrucks. Um nun durch den sprachlichen Ausdruck eine syllogistische Argumentationsweise zu erzielen, ist es nützlich, viele Resultate von Syllogismen zu sammeln: etwa daß er die einen gerettet hat, für die anderen aber Rache genommen, die Griechen befreit hat.Jeder dieser Sätze wurde nämlich aus anderen bewiesen. Stellt man sie aber zusammen, so scheint es, daß auch aus ihnen eine Conclusio hervorgehe.

Eine [weitere Art der verbal bedingten Trugschlüsse] entsteht durch Vergehen gegen die Homonymie: z.B. bei der Behauptung, die Maus sei der Achtung würdig, da von ihr die ehrwürdigste aller Weihen stammt; denn die Mysterien stellen die ehrwürdigsten von allen Weihen dar. Oder wenn jemand beim Lob eines Hundes das entsprechende Sternbild inzuzöge oder den Pan, weil Pindar den Ausspruch tat:


Seliger, den man im Olymp

Den überall witternden Hund

Der Großen Göttin nennt


oder daraus, daß es die höchste Unehre sei, keinen Hund zu haben, zu folgern, der Hund sei offensichtlich ein Wesen, das Achtung verdiene, sowie zu sagen, Hermes sei von allen Göttern der seligste, denn er allein werde Genosse Hermes genannt. Oder daß die Rede besonders zu schätzen sei, weil die rechtschaffenden Männer nicht des Geldes sondern der Rede wert sind; denn die Wendung der Rede wert wird nicht eindeutig gebraucht.

Fragen and Anregungen ad II.24.2.


II.24.3.

Ein anderer [Topos für Trugschlüsse besteht darin], daß man Getrenntes als Zusammenhängend, Zusammenhängendes jedoch als getrennt bezeichnet; denn da es (= das eine mit dem anderen verbunden bzw. getrennt auszusagen) dasselbe zu sein scheint, es aber nocht nicht dasselbe ist, so muß man das tun, was dem eignen Bedürfnis entgegenkommt. Es ist aber <die> Redeweise des Euthydemos, so wenn er zu wissen vorgibt, daß ein Dreiruderer im Pireus liege; denn er wisse ja, was jedes von beiden sei. Ferner da die doppelte Menge einer Sache gesundheitsschädlich sei, kann man nicht sagen, die einfache Menge sei gesundheitsförderlich; denn es sei widersinnig, wenn zwei Güter ein Übel bilden. Auf diese Weise dient das Gesagte der Widerlegung, auf folgende Weise zur Affirmation: Ein Gut nämlich entspricht nicht zwei Übeln. Dieser ganze Topos aber ist für Trugschlüsse geeignet. Ebenso das Lob des Polykrates auf Thrasybulos, er habe dreißig Tyranen gestürzt; er nimmt sie nämlich alle zusammen. Oder der [Trugschluß] im Orestes des Theodektes; er beruht nämlich auf der Trennung des Zusammengehörigen:


Es ist gerecht, wenn eine den Gemahl erschlug,

daß dieselbe stirbt und daß der Sohn den Vater räche, und [1401b]dieses sei nun geschehen. Bringt man nun beides zusammen, dann ist es nämlich möglicherweise nicht gerecht. [Der Trugschluß] kann aber auch durch die Auslassung (Ellipse) eines Zwischengliedes bedingt sein; denn es fehlt von wem.]

Fragen and Anregungen ad II.24.3.


II.24.4.

Ein weiterer Topos [für Trugschlüsse besteht darin], durch entrüstende Übertreibung eine Behauptung aufzubauen oder zu zerstören. Dies geschieht dann, wenn man, ohne den Nachweis für die Tat erbracht zu haben, die Handlung amplifizierend darstellt; denn man bewerkstelligt dadurch, daß der Anschein aufkommt, der Angeschuldigte habe, sofern er selbst die Amplifikation vornimmt, die Tat nicht ausgeführt bzw. er habe sie ausgeführt, wenn der Ankläger erregt ist. Folglich ist es kein Enthymem; denn der Schluß, den der Zuhörer zieht, daß der Angeklagt die Tat begangen bzw. nicht begangen habe, ist wegen des nicht geleisteten Beweises ein Trugschluß.


II.24.5

Ein anderer [Topos basiert] auf dem Indiz. Auch dies besitzt nämlich nicht die Qualität eines Syllogismus. Wenn jemand z.B. sagte: "Liebhaber gereichen den Staaten zum Nutzen; denn die Liebe zwischen Harmodios und Aristogeiton hat den Tyrannen Hipparchos beseitigt", oder wenn jemand sagte: daß Dionysios ein Dieb sei; denn er sei ein Übeltäter. Dies ist nämlich nicht von der Art des Syllogismus; denn nicht jeder Übeltäter ist ein Dieb, wohl aber jeder Dieb ein Übeltäter.

Fragen and Anregungen ad II.24.5.


II.24.6.

Ein anderer [Topos funktioniert] durch die Verwendung des Akzidens: wie z.B. Polykratesin seinem Lob auf die Mäuse sagt, daß sie durch das Zerfressen der Bogensehnen [der Feinde] Hilfe geleistet hätten. Oder wenn jemand behauptet, es sei die größte Ehre, zu einem Mahl geladen zu werden; denn aufgrund der Tatsache, daß er nicht geladen war, zürnte Achilleus den Achäern auf Tenedos. Er zürnte jedoch, weil ihm keine Ehre wiederfuhr, und dies war zufällig mit dem Nicht-geladen-Werden akzidentell verbunden.

Fragen and Anregungen ad II.24.6.


II.24.7.

Ein weiterer [Topos basiert] auf der Gesetzmäßigkeit der Konsequenz: Z.B. im Alexandros die Behauptung, er sei von hoher Gesinnung; denn er lege keinen Wert mehr auf den Umgang mit der Menge, sondern verweile für sich allein auf dem Ida. Menschen von hoher Gesinnung nämlich seien von dieser Art und somit erscheine auch er als ein Mensch von hoher Gesinnung. Ferner wenn man sagt, er sei ein Mensch, der sich herausputze und nachts umherirre, folglich sei er ein Ehebrecher; denn diese sind von solcher Art. Ähnlich sind aber auch die Behauptungen, an Festen singen und tanzen die Bettler und Verbannten ist erlaubt zu wohnen, wo auch immer sie wollen; denn da dieses denen zukommt, die glücklich zu sein scheinen; so möchten auch die glücklich erscheinen, denen dies widerfährt. Der Unterschied besteht jedoch in dem Wie; daher fällt dies auch in den Bereich der Ellipse (= Auslassung eines für da Schlüßverfahren wichtigen Zwischengliedes).

Fragen and Anregungen ad II.24.7.


II.24.8.

Ein weiterer [Topos charakterisiert das Verfahren], etwas als Ursache hinzustellen, was nicht Ursache ist: z.B. daß etwas zugleich mit oder nach etwas stattgefunden hat. Man nimmt nämlich das mit diesem als durch dieses und ganz besonders bei den politischen Reden; wie z.B. Demades die Staatsführung des Demosthenes als Ursache aller Übel bezeichnete; denn nach ihr kam der Krieg.

Fragen and Anregungen ad II.24.8.


II.24.9.

Ein weiterer [Topos wird ermöglicht] durch die Ellipse des Wann und Wie, wie z.B.: Alexandros habe mit Recht die Helena geraubt; denn ihr sei von ihrem Vater die freie Wahl gelassen worden. Dies galt nämlich nicht für immer in gleicher Weise, sondern nur fürs erste Mal; denn nur bis zu diesem [Zeitpunkt] reicht die Gewalt des Vaters. Oder wenn jemand behauptet, das Schlagen von Freien sei eine übermütige Behandlung; denn dies gilt nicht allenthalben, sondern nur wenn man den Anfang mit der ungerechten Handlung gemacht hat.


II.24.10.

Ferner entsteht ein scheinbarer Syllogismus wie in den sophistischen Reden dadurch, daß man etwas als absolut und wiederum nicht absolut unterstellt, sondern als Einzelfall: wie z.B. der Satz in der Dialektik, daß das Nicht-Seiende [ein Seiendes] sei; denn das Nicht-Seiende ist ein Nicht-Seiendes. Ferner daß das Unerkennbare Gegenstand des Wissens sei; denn man wisse um das Unerkennbare als ein Unerkennbares. Ebenso gibt es in der Rhetorik scheinbare Enthymeme durch die Unterstellung, etwas sei etwas sei nicht ein absolut Wahrscheinliches sondern ein spezielles Wahrscheinliches. Dieses aber kann nicht den Anspruch des Allgemeingültigen erheben, wie ja auch Agathon sagt:

Wohl kann man sagen: wahrscheinlich sei gerade dies,

Daß Menschen vieles Unwahrscheinliche geschieht.


Es ereignet sich nämlich auch <etwas>, was dem Wahrscheinlichen zuwiderläuft. Verhält es sich aber so, denn ist auch das Nicht-Wahrscheinliche wahrscheinlich, jedoch nicht absolut, sondern wie in den sophistischen Reden das Weglassen des Worin, des Wozu und des Wo die falsche Aussage bewirkt, so auch hier, daß etwas nicht absolut dem Wahrscheinlichen zuwiderläuft, sondern einem speziellen Fall von Wahrscheinlichkeit.

Fragen and Anregungen ad II.24.10.


II.24.11.

Aus diesem Topos resultiert aber die rhetorische Theorie des Korax; denn entweder trägt jemand an dem Vergehen, [dessener angeklagt ist,] keine Schuld ­ z.B. ist er körperlich stark; so kehrt man nämlich die Unwahrscheinlichkeit heraus, weil es als wahrscheinlich erscheinen mußte. Ebenso in den anderen Fällen; denn notwendig muß jemand eines Vergehens schuldig oder unschuldig sein. Beides aber erscheint als wahrscheinlich. Das eine aber ist wahrscheinlich, das andere jedoch nicht im absoluten Sinne, sondern wie oben dargelegt. Dies ist auch der Sachverhalt, der vorliegt, wenn man die schlechtere Begründung die Oberhand über die bessere gewinnen läßt. Und hieraus resultiert, daß die Menschen mit Recht das Anerbieten des Protagoras unwillig zurückgewiesen, denn es ist Lüge und keine wirkliche sondern scheinbare Wahrscheinlichkeit und in keiner anderen Theorie als in der rhetorischen und sophistischen begründet. Soviel sei nun über die Enthymeme ­ und zwar über die wirklichen wie auch die scheinbaren ­ gesagt.

Fragen and Anregungen ad II.24.11.


Fragen zum ganzen Abschnitt II.24.

a. Wie unterscheiden sich die scheinbaren von den wirklichen Enthymemen?

b. Was haben die Ausführungen in diesem Abschnitt für Konsequenzen hinsichtlich des Witzes, Scharfsinns und des Concetto? Ist dieser Abschnitt witzig? Und die (sehr zahlreichen) Beispiele?

c. Wie könnte man die hier angegebenen "Topoi" im allgemeinen charakterisieren? Sind sie sich auf derselben (logischen, pragmatischen, rhetorischen) Ebene angesiedelt?

d. Gegen was bzw. wen will sich Aristoteles hier absetzten?


Begriffliche Erläuterungen und Zitate zu II.24


1. Allgemeine Bestimmungen


A. Die Theorie der Beredsamkeit ist das korrespondierende Gegenstück zur Dialektik; denn beide beschäftigen sich mit Gegenständen solcher Art, deren Erkenntnis auf eine gewisse Weise allen und nicht mit einer speziellen Wissenschaft gemeinsam ist. Daher haben auch alle auf irgendeine Weise Anteil an beiden [Disziplinen]; denn alle bemühen sich bis zu einem bewissen Grade, ein Argument zu prüfen bzw. zu stützen sowie sich zu verteidigen oder anzuklagen. Nun tut die Mehrheit dies entweder planlos oder mit einer auf der geistigen Konstitution beruhenden Gewohnheit. Da es aber auf beide Weisen möglich ist, so ist klar, daß es auch möglich sein muß, dies zu methodisieren; denn man kann die Ursache untersuchen, weshalb die einen Erfolg erzielen aufgrund der Gewohnheit, die anderen durch Zufall; alle möchten aber wohl zugeben, daß etwas derartiges bereits Aufgabe einer Theorie ist. [I:1-2; 1354a]


2. Erläuterungen zu Personen und Begriffen


Aristoteles

Das Ansehen des Aristoteles (384-322 v.Chr.) bleibt ungebrochen zumindest ab dem frühen Mittelalter, aber jede Epoche hat seinen eigenen Aristoteles. Auch der italienische Concettist Tesauro verfaßte ein Werk mit dem Titel "Das aristotelische Fernrohr", in dem Aristoteles für concettistische Zwecke eingesetzt wurde. B. Russell hat wiederum Recht, wenn er konstatiert, daß "in der ganzen Neuzeit...praktisch jeder wissenschaftliche, logische der philosophische Fortschritt eine Kampfansage an die Anhänger des Aristoteles bedeuten" mußte, denn seine zweitausendjährige Herrschaft über alle Wissenschaften blockierte (v.a. in den Naturwissenschaften, z.B. im Bereich des Geozentrismus) den Durchbruch der empirischen Beobachtung. In der rhetorischen und poetischen Theorie bleibt Aristoteles unumgänglicher und unangefochtener "Gründungsvater".

Für Fakten und Daten, sowie zu den Werken von Aristotles vgl. die Aristotle-Links weitern unten.

Rhetorik

Die Lehre vom richtigen bzw. guten Reden, d.h. die Theorie der Beredsamkeit, die Aristoteles am Anfang seiner Rhetorik auch "das korrespondierende Gegenstück zur Dialektik" nennt, wurde im Laufe ihrer jahrhundertelangen Geschichte von ihrer Erfindung im antiken Sizilien bis heute verschieden definiert. Der große römische Rhetoriker Quintilian (30-96 n.Chr.) verweist in seiner Institutio oratoria darauf, daß die wichtigsten Differenzen zwischen Auffassungen der Rhetorik erst einmal in ihrer Einstufung als Fähigkeit (vis), Gabe (faculatas), Wissenschaft (scientia) oder Kunst (ars), dann auch in der ethischen Bewertung der "Überredung" (persuasio) als ihres Hauptziels. Während erstere Frage die zentrale Frage der Lernbarkeit der Rhetorik bzw. der Redebegabung betrifft, hängt das zweite Problem mit der Einschätzung der Rhetorik insgesamt, die zwischen der wertfreien Überwältigung des Zuhörers (so das den Sophisten unterstellte Ziel) und der Ablehnung der Rhetorik als unmoralisch (so Platon). Die Rhetorik ist als Prinzip für die Gestaltung von Rede und Schrift Ende des 18. Jahrhunderts in Verruf geraten, erlebt aber seit 20 Jahren in der Literaturtheorie und anderen Geisteswissenschaften eine beispiellose Renaissance.

WEITERFÜHRENDE LEKTÜRE

Torra, Elias: "Rhetorik", in: M. Pechlivanos, S. Rieger u.a.: Einführung in die Literaturwissenschaft, Stuttgart/Weimar 1995, S. 97-111.

Enthymem

Das Enthymem ist neben dem Ethos und dem Pathos einer der Grundsteine der Rhetorik, und wird an einigen Stellen als deren Kernstück bezeichnet. Als "rhetorische Argumentation" definiert, unterscheidet sich das Enthymem vom Syllogismus und insgesamt von der logischen Argumentation durch seine Unvollständigkeit; daher führt es lediglich zur Wahrscheinlichkeit (das Enthymem wird auch als "Wahrscheinlichkeitsschluß" bezeichnet), nicht aber zur logisch einwandfrei belegten Wahrheit. "Das Enthymem geht aus von dem, was die Regel ist ..., oder von Indizien, bzw. es wird aus allgemeinen Sentenzen oder Maximen ... mit begründendem Nachsatz gebildet." (Kommentar zu unserer Ausgabe der Rhetorik, S. 229; vgl. dort für weitere Einzenheiten des Unterschiedes zwischen Syllogismus und Enthymem). Es ist deshalb im höchsten Maße von der Topik bzw. den Topoi abhängig, denn der bereits vorhandene, dem Redner und dem Rezipienten gemeinsame sensus communis ist für die Abkürzung der Argumentation und die Erlangung der Wahrscheinlichkeit unabdingbar. Aristoteles betont nicht besonders stark die Differenz zwischen dem rhetorischen und dem logischen Schluß, was in gewisser Weise als Skandalon seiner Rhetorik bezeichnet werden könnte.

Syllogismus

Ein Argumentationstypus, der aus drei Propositionen besteht, wovon zwei die Prämissen und die dritte den Schluß darstellen, und zwar nach dem Muster:

Prämisse 1: Menschen sind sterblich.

Prämisse 2: Sokrates ist ein Mensch.

Schluß: Sokrates ist sterblich.

Aristotle war der erste Denker, der die einzelnen Argumente durch Zeichen (Buchstaben) ersetzte; damit war die formale Logik entstanden. Vgl. einen (englischsprachigen) Internet-Text zum Syllogismus

Trugschluß

Ein Trugschluß ist ein Syllogismus, in dem der Schluß auf inkorrekte oder unvollständige Weise aus den Prämissen abgeleitet wird.

Dialektik

Die Dialektik ist diejenige aristotelische Bezeichnung für das, was wir heute Logik nennen. Dieser Begriff wurde zum Bestandteil des Triviums (Grammatik-Rhetorik-Dialektik), d.h. des Grundsteins der höheren Bildung im ganzen Mittelalter und noch über weite Teile der Neuzeit.

Sophist, sophistisch

Die Sophisten waren die Meister der rhetorischen Überzeugung in der Antike. Die bekanntesten Figuren der "ersten Sophistik" (es gab auch eine "zweite Sophistik" im römischen Kaiserreich um das Jahr ***, deren prominentester Vertreter Philostraus war) waren Protagoras (ca. 485-ca. 415 v. Chr.) Gorgias (ca. 485-376 v. Chr.), Prodikos von Keos (ca. 465-399 v. Chr.) Hippias von Elis (geb. nach 470 v. Chr.). Sie bildeten eine Ausrichtung der Philosophie, aus der Sokrates hervorging, von der er sich aber auch absetzte. Aufgrund der Sophistenschelten des Platon (v.a. im Dialog Sophistes), die von der philosophischen Nachwelt lange Zeit für bare Münze genommen wurde erhielten die Sophisten einen äußerst negativen Ruf. Auch Aristoteles ŠŠ Sophistische WiederlegungenŠ wobei man konstatieren muß, daß er mit seiner "Methodisierung" (I:2) der Rhetorik zur Platonschen Verdammung deutlich Abstand nimmt. Man könnte Aristoteles' Rhetorik in gewisser Weise als Gratwanderung zwischen Platonismus und Sophistik lesen. Erst in der Forschung dieses Jahrhunderts, und insbesondere in den letzten 20 Jahren, sind die Sophisten als ebenbürtige Philosophen, ja sogar als die Gründer der westlichen Philosophie, gewürdigt worden.

WEITERFÜHRENDE LEKTÜRE

Tauereck, Bernhard H.F., Die Sophisten, Hamburg 1995

Topos, Topik

Die Topik, der Aristoteles eine ganze Abhandlung gewidmet hat, von ihm als die "Methode" definiert, "mit deren Hilfe wir fähig sein werden, auf der Grundlage der herrschenden Meinungen über jedes aufgestellte Problem zu einem schlüssigen Urteil zu kommen und, wenn wir selbst einer Argumentation standhalten sollen, nicht in Wiedersprüche zu geraten (Übers. folgt U. Hebekus, "Topik/Inventio" in M. Pechlivanos, S. Rieger u.a.: Einführung in die Literaturwissenschaft, Stuttgart/Weimar 1995, S. 83; vgl. ff. für eine exzellente kurze Darstellung der Hauptprobleme und der Aktualität der Topik). Der Topos kann mit dem locus communis (z.B. der 'alte Knabe', lat. puer senex) einerseits und mit den Kategorien und Fragen, die man zuallerst bei einem Sachverhalt in Anschlag zu bringen hat (z.B. quis, quid, ubi, quibus auxiliis, usw.) andererseits in Verbindung bringen. In der Rhetorik wird der Begriff Topos eher in der zweiteren Bedeutung verwendet.

Wahrscheinlichkeit

Diese Kategorie verbindet die Rhetorik und die Poetik, denn sie bildet eines der wichtigsten Ziele sowohl der Rede als auch der Dichtung. Zur Wahrscheinlichkeit soll die rhetorische Rede v.a. durch wohlkonstruierte Enthymeme führen, was wiederum zur Überzeugungskraft entschieden beiträgt.

Affekt bzw. Pathos

Aristoteles schreibt am Anfang des 2. Buches der Rhetorik, man müsse "notwendigerweise nicht nur auf die Argumentation sein Augenmerk richten, auf daß sie Beweis- und Überzeugungskraft besitze, sondern auch sich selbst und den Urteilenden in eine bestimmte Verfassung versetzen." Die Lehre von der Affektation bzw. Gefühlserzeugung als Begleiterscheinung zu der Argumentation nimmt die ersten 11 Kapitel des 2. Buches für sich in Anspruch. Hier werden einzelne Affekte wie Zorn, Sanftmut, Furcht usw. beschrieben. Die Affektlehre kann man als die antike (und wohl insgesamt vorneuzeitliche) Version der Psychologie bezeichnen. Wie die Wahrscheinlichkeit und der Charakter ist auch das Pathos ein Element, das sowohl in der Poetik als auch in der Rhetorik eine zentrale Rolle spielen.

Charakter bzw. Ethos

Die Lehre vom Charakter, deren Darlegung direkt auf die Affektlehre in der Rhetorik folgt, nämlich in den Kapiteln 12-17 des zweiten Buches, teilt die Menschen in diverse Typen ein, die der Redner in Rechnung zu ziehen hat, wenn er die passend Wirkung auf sie erzielen möchte. Beispiele der Charaktertypen sind der Jugendliche, der Glückliche, der Reiche, der Geburtsadel u.a.


Weiterführende Lektüre



Links


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Univ. of Alabama

Betrand Russel zur Logik>

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