Der dramaturgische Aufbau

Wie schon erwähnt, sind das Drama und der Film artverwandt. Das wird unter anderem daraus ersichtlich, dass beide Formen ähnliche Strukturen besitzen. So bestehen für das Theater geschriebene Stücke im Allgemeinen aus drei bis fünf Akten die für eine Zeitspanne von mindestens 60 Minuten bis zu Mammutproduktionen von bis zu fünf Stunden oder mehr reichen. Im Allgemeinen umfassen Theaterstücke jedoch so um die zwei Stunden reine Spielzeit, die nach dem zweiten (bei drei Akten) oder dritten Akt (bei fünf) für eine kurze Pause unterbrochen werden. Filme funktionieren in der Theorie ähnlich. Hier werden die Akte- wir sprechen hier von ‘normalen’ Durchschnittsfilmen des Hollywoodkinos-, meist sind es drei, jedoch nicht für den Zuschauer offensichtlich abgegrenzte Akte, sondern dienen dem Drehbuchautor als Arbeitsgrundlage zur Strukturierung des Films den er schreibt. Im ersten Akt geht es darum, den Zuschauer in die Geschichte einzuführen und ihn mit den Gegebenheiten des/ der Protagonisten vertraut zu machen. Im zweiten Akt kommt es zum Höhepunkt des Films und im dritten führt er unter verschiedenen Wendungen hin zum Ende. Das gleiche gilt für das Theater. Da aber der Film mit kleinteiligeren Elementen arbeitet als das Theaterstück (darauf wird noch zurückgegriffen), erschöpfen sich hier schon beinahe die Gemeinsamkeiten. Hat man beim Theater Szenen als kleinste Einheit der Einteilung, so sind es beim Film zwar auch Szenen die gedreht werden, aber man arbeitet minutiöser mit Sequenzen und der Zeiteinteilung in Minuten und Sekunden. Oft wird der Drehbuchautor sich neben dem Outline und dem Storyboard auch eines Koordinatensystems bedienen an dem er sich zeitlich orientiert. In das Koordinatensystem wird auf der x- Achse der Zeitverlauf dargestellt und auf der y- Achse der Verlauf des Spannungsbogens dokumentiert.

Da ein Film von ungefähr 90 Minuten Länge relativ wenig Platz für überflüssige Ideen bietet, muß man ziemlich genau arbeiten, was die Einteilung in Minuten und das exakte Timing betrifft. Beim Film kommt es drauf an, ein präzises Timing zu haben, um den Verlauf der Geschichte so anzulegen, dass der Zuschauer sich nicht langweilt. Die Balance zwischen schnellen und langsamen Szenen herzustellen, erweist sich oftmals als ein schwieriges Unterfangen. Daher haben sich Elemente der Filmerzählung herauskristallisiert, die sich als hilfreich für die Strukturierung des Handlungsverlaufs erweisen haben.

Inhaltliche Strukturmerkmale des Films

Ein erster Einstieg in die Geschichte wird mit dem sogenannten Point of First attack (p.o.f.a.) geliefert. Der Point of first attack beschreibt den Moment, in dem der Protagonist das erste Mal mit dem Problem, dem er gegenübersteht bzw. mit dem er sich auseinandersetzen muß, konfrontiert wird. Dies passiert im ersten Akt, so etwa nach fünfzehn bis zwanzig Minuten. Mit dem Point of first attack wird dem Zuschauer die Motivation des Protagonisten klargemacht und ein erster Höhepunkt im Verlauf der Geschichte angebracht. Der zweite Höhepunkt, oder besser, DER Höhepunkt der Geschichte ist meistens im zweiten Akt  zu finden. Der Drehbuchautor legt diesen meist so an, dass er kurz nach der Hälfte des Films passiert, um dann im dritten Teil, der im Allgemeinen kürzer ist als die anderen beiden Akte, die Geschichte nach einigen Twists und Turns zu ihrem Ende zu führen. Die Twist und Turns sind auch als Höhepunkte in der Geschichte anzusehen, erreichen aber von ihrem Spannungspotenzial nicht die Höhen, die der mittig angelegte Haupthöhepunkt erreicht, was auch gar nicht in der Absicht der Twists und Turns liegt. Twists und Turns haben zur Aufgabe, den Handlungsverlauf schnell zu verändern und immer wieder ausweglose Situationen zu schaffen. Man kann dieses Strukturelement am ehesten mit Wellen vergleichen, da sie ein auf und ab der Situationen in der sich der Hauptheld befindet, darstellen. Wir haben uns als Beispielfilm Fight Club von David Fincher ausgesucht, da wir denken, dass wir anhand dieses Filmes und im Rahmen der Thematik „Erinnern und Vergessen“ aus dem letzten Semester, hier einige gut herausgearbeitete Beispielszenen anbringen können. So ist Jack, als er zum Ende des Films hin feststellt, wer Tyler Dyrden ist, darum bemüht, die angefangene Zerstörung der den Kapitalismus symbolisierenden Gebäude aufzuhalten, was ihn in größere Schwierigkeiten bringt, als er glaubt, da er für den Fall, dass passieren würde was passiert, offensichtlich vorgesorgt hatte und alle Beteiligten eingeweiht sind. Dabei gerät er (wie z. B. in der Szene in der er sich selbst der Polizei stellt), immer wieder in scheinbar ausweglose Situationen aus denen er sich nur mit Mühe oder durch Zufall befreien kann. Die Tatsache aber, daß er sich befreit oder der Zufall ihm hilft, ist ein Hauptelement der Twists und Turns, das ganz bewußt eingesetzt wird. Da ein Film ein künstlerisches Projekt ist, ist auch alles darin durchdacht und es gibt keine Zufälle, jedenfalls nicht für den, der das Drehbuch schreibt.

Ein weiterer Aspekt ist der der überraschenden Wende der Gesamtsituation, das heißt, der Hauptheld wird plötzlich mit neuen Schwierigkeiten konfrontiert oder es kommt ihm unerwartet jemand zu Hilfe oder eine Nebenfigur betritt die Szene und derjenige, der heimlich einen Mord begehen wollte, kann das nun nicht mehr tun usw. Die Twists und Turns gehören in die gleiche Strukturierungskategorie wie das sogenannte planting und pay off. Bei Planting und pay off geht es hauptsächlich darum, daß eine in der Anfangsphase angelegte Situation, sei es zeitlich, materiell, eine Information über oder für den Protagonisten zu säen( bzw. pflanzen, wie man planting am besten übersetzen sollte) am Ende "geerntet" (pay off) wird. Im Fight Club haben wir ein Beispiel für planting und pay off in der Szene, in der Jack zum ersten Mal Tyler im Flugzeug trifft und feststellt, daß sie beide die gleiche Aktentasche hätten. Das ist ein planting für eine Menge anderer die zu dem Schluß führen, daß Jack und Tyler (wie bei Mr. Jekyll und Dr. Hyde) Aspekte ein und derselben Person sind. Weitere Beispiele sind die Szene in der Jack mit Tyler spricht, der in einem anderen Raum ist und Tyler ihm das Versprechen abnimmt, niemals mit Marla über ihn zu sprechen, dass Tyler und Jack nie in einem Raum sind, wenn Marla da ist und noch viele andere mehr. Wichtig beim planting und pay off ist, dass sich diese Szenen und Situationen nahtlos in das Gefüge einpassen und in sich auch Sinn machen, damit der Überraschungseffekt für den Zuschauer maximal ist und es ihm möglich wird, in seiner Erinnerung noch einmal zurück zu gehen und ein neues Bild aufzubauen. Da die Erzählstruktur von Filmen heute selten linear ist, sind die plantings und pay offs sehr vorsichtig einzusetzen, damit der Zuschauer nicht durcheinander gebracht wird und sich zu viele Fragen auf einmal stellen. Um dem entgegenzuwirken, werden oft Flashbacks oder Vorgriffe eingesetzt um die Vergangenheit zu erklären bzw. in die Zukunft zu sehen oder Einblicke in mögliche Situationen (z.B. "die Fabelhafte Welt der Amelie"- die Szene in der sie überlegt, was mit dem Paßfoto geschehen ist, das sie für ihn unter einem Fotoautomaten versteckt hat) zu geben. In Fight Club werden die Flashbacks erst gegen Ende des Films eingesetzt und der Zuschauer sieht dann, dass Jack sich am Anfang selbst verprügelt, was in einer Szene weiter vorn im Film gezeigten Szene eine Prügellei zwischen Jack und Tyler war.

Schnitte, Überblenden, teilweise Lichteinstellungen und Kamerafahrten sind auch Gegenstand des Drehbuchs, wie man auf verschiedenen Internetseiten nachlesen kann[1]. Sie sind zwar angezeigt durch in Klammern und über den jeweiligen Figurennamen stehende Anweisungen oder quer über das Blatt geschriebenen Szenenbeschreibungen, jedoch stellen sie nur dar, wie sich der Autor die Geschichte denkt. Die Umsetzung im Film stellt sich allerdings häufig anders dar, als der Drehbuchautor es sich vorher erdacht hat und so gibt es keine festen Regeln für die Regisseure. Für die Drehbuchautoren ist es wichtig, diese Dinge aufzuschreiben, da sie auch ein Stilmittel darstellen können. Licht zum Beispiel oder eine bestimmte Art von Hintergrundmusik, schnelle Kameraschwenks oder kurze Einblendungen die Geschichte charakterisieren und dem ganzen ein gewisses Flair verleihen können. Wie die Geschichte dann tatsächlich umgesetzt wird, hängt, wie schon oben erwähnt, vom Regisseur ab. Diese Elemente, die auch von denjenigen abhängen, die für sie verantwortlich sind (Kameramann, Tonmeister, Lichtmeister etc.) sind allenfalls als Richtlinien, nicht jedoch als Dogmen zu verstehen. An andere Strukturelemente des Drehbuchs sollten sich die Umsetzenden um dem Script gerecht zu werden jedoch halten- sie machen den Charakter des zukünftigen Films aus. Dazu gehören die vom Drehbuchautor angelegten Dialoge, die Dialogführung und Charakterisierung der einzelnen Figuren, sowie die Art und Weise wie die Figuren in die Handlung eingeführt werden bzw. wie sie was sagen. Der Zuschauer von Fight Club lernt Jack beispielsweise als erstes über seinen Stimme kennen. Im Drehbuch ist das mit V.O. (voice over) gekennzeichnet. Man hört eine männliche Stimme, die sich über ihr eigenes Leben Gedanken macht und einige Minuten später wird das Geheimnis gelüftet und wir lernen Jack kennen. Man nennt den Einsatz von dieser Art von Einführung in die Handlung über die Akustik auch Akkusmatik. Dabei gibt es verschiedene Formen der Akkusmatik, die vollständige und die unvollständige. Die unvollständige Akkusmatik findet man zum Beispiel in Filmen wie "Apokalyse Now" (1976 von Stanley Kubrick), in denen man die Figur für lange Zeit nicht sieht bzw. den Erzähler des Films nie zu sehen bekommt, hier ist es der General nach dem die Truppe sucht und dessen Gedanken man erfährt, ihn aber bis fast ganz zum Schluß nicht in Person zu Gesicht bekommt. Bis zu dem Zeitpunkt, an den die aus dem Off sprechende Figur in Erscheinung tritt, spricht man von einer unvollständigen Akkusmatik, ist der Vorgang vollendet, hat man es mit einer vollständigen Akkusmatik zu tun. In anderen Filmen wiederum tritt der Erzähler an keiner Stelle in Erscheinung sondern kommentiert lediglich das Geschehen. Er spielt auch für die Geschichte selbst keine Rolle, man kann ihn am ehesten mit dem in der dritten Person erzählenden Erzähler in Romanen und Novellen vergleichen. "Die fabelhafte Welt der Amelie" ist ein Beispiel für diese Art der Erzählhaltung.

Unauffällige Drehbuchelemente

Filmmusik spielt in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle, da sie im Ermessen des Komponisten liegt, wie er die Handlung musikalisch begleiten will. Wichtig wird es nur an dem Punkt, an dem es in dem Film um Musik geht. Dabei spielt der Symbolgehalt der Stücke, die sich die Protagonisten anhören oder die in Szenerien wie Restaurants im Hintergrund verwendet werden eine große Rolle, da sie zur Charakterisierung der Figuren so wie ihrer Lebensumstände beiträgt. So ist es wichtig, welche Art von Musik für die Figuren selbst als Hintergrundmusik verwendet wird um die Figur und ihren Geschmack darzustellen und daher wird es in manchen Situationen in das Drehbuch mit aufgenommen. Close ups, das heißt Nahaufnahmen von den Gesichtern der Hauptdarsteller gehören ebenso dazu, wie die Anweisung, ob eine Szene innen oder außen angelegt ist. Mit diesen Anweisungen dirigiert der Drehbuchautor, die Art und Weise, wie er sich die Geschichte in ihrem Verlauf denkt, welche Lichtverhältnisse wann folgen und welche Atmosphäre in der jeweiligen Szene hergestellt wird. Er gibt Anweisungen, was die Kameraführung betrifft mit den sogenannten Fade in's oder Fade out's was soviel heißt, wie das Ein- und Ausblenden in die Szenen, wie die Kamera geschwenkt wird, ob eine schnelle Aufnahme gemacht wird, langsame Überblendungen oder extreme Gegensätze was einzelne Szenen betrifft (von Ruhe zu Lautstärke, Dunkel zu Hell, Dürre zu Wassermassen, Stadt zu Provinz etc.) hergestellt werden. All diese unauffälligen Elemente des Drehbuchs sind für den Regisseur und die Produzenten des Films wichtig, da sie ihnen als Lesern des Drehbuchs helfen, sich die Szenerie vorzustellen und zu beurteilen, ob sie den Film für realisierbar halten oder nicht. All diese Elemente werden häufig im Verlauf der Realisierung des Drehbuchs verändert; Szenen werden umgestellt oder herausgelassen und manchmal werden die Details des Films wie zum Beispiel die Örtlichkeiten oder Requisiten, besonders bei Remakes verändert und modernisiert. "Ladykillers" beispielsweise hat zwei verschiedene Versionen. In der ersten aus den fünfziger Jahren ist es eine kleine ‚weiße’ Frau, die einen Papagei hat in deren Pension die Ladykillers einziehen, in der neueren Version mit Tom Hanks in der Hauptrolle spielt das ganze irgendwo in den Südstaaten, er ist bei einer schwarzen älteren Lady in Pension und sie hat eine Katze. Die Grundgeschichte bleibt gleich, es ändern sich im Drehbuch im Grunde genommen nur die äußeren Umstände der Protagonisten.

Lexikon

Akkusmatik:            

Fachausdruck der den Einsatz von Sprechakten aus dem Off beschreibt

Akt:                         

Strukturelement von Dramen und Filmen, meist in sich abgeschlossen. Der Akt im Film ist eher für den Drehbuchautoren relevant, als für den Zuschauer, da er die Einteilung der Akte zur Strukturierung der Geschichte benötigt.

Fade in:                   

Einblendung in ein Bild

Fade out.                 

Ausblendung

Filmmusik:              

Musik, die entweder handlungsbegleitend in den Film integriert ist (oft eigens für den Film komponiert) oder auch Musik, die in der Geschichte selbst Signifikanz hat, d. h. die eingesetzt wird, um die Hauptfigur der Geschichte zu charakterisieren.

Freeze:                     

Das "Einfrieren" eines Bildes ( Beispiel: "Elizabeth" Schlußszene)

Off:                            

Raum, den der Zuschauer nicht zu sehen bekommt, meist durch akustische Signale dargestellt

Outline:                    

Handlungsstrang; ähnlich dem Exposè; überblicksartige Zusammenfassung

Planting:                  

Planting bezeichnet das Anlegen einer Situation oder eines Umstandes, die/ der später im Film von Relevanz ist.

Pay off:                                 

Auflösung des Plantings

Point of first Attack:                       

Moment im ersten Teil des Filmes( ca. 15- 20 min) an dem der Protagonist mit dem zu lösenden Problem konfrontiert wird.

Protagonist/in:        

Hauptfigur der Geschichte

Script:                       

Fachausdruck für Drehbuch

Sequenz:                 

Teilabschnitt einer Szene

Spannungsbogen:

über die gesamte Geschichte gespannter Bogen, der die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit des Zuschauers zum Ziel hat

Storyboard:              

Hilfsmittel der Drehbuchautoren und Regisseure zur Visualisierung der Geschichte, die sie erzählen wollen

Szene:                      

Kleinste Einheit eines Aktes die Handlung trägt

Twists and Turns: 

schnelle Veränderungen und Wendungen zum Ende des Films hin in denen der Protagonist sich immer wieder bewähren muß, dient der Entwicklung des Spannungsbogens

Voice over:               

Stimme, die aus dem Hintergrund das Geschehen kommentiert, während des Erzählens aber nicht in Erscheinung tritt

 

Autorin: Maria Stolz
 

[1] z. B.: http://hackvan.com; www. scifiscripts.com; www.screenwriter.com u.a.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einleitung Dramaturgie Figurenkonzeption emotionale Bindung Quellen

 

Dramaturgie

Dramaturgie und Figurenkonstellation im modernen Hollywoodkino

 

 

Der dramaturgische Aufbau
Inhaltliche Strukturelemente
Unauffällige Drehbuchelemente
Lexikon