DER HASE UND DIE SCHILDKRÖTE

Rennen hat keinen Sinn, wenn man zu spät abmarschiert.

Die Schildkröte und der Hase haben das einst

demonstriert.

"Wetten wir, sagte jene, "du holst mich im Lauf nicht

ein!" -

Schallend lachte der Leichtfuß: "Das kann dein Ernst

nicht sein!

Gevatterin, du bist nicht recht gescheit,

ich glaube, es wäre schon längst an der Zeit,

dir den Verstand mit einigen

Nieswurzprisen zu reinigen!" -

Sei's drum! Der Hase und das Reptil

legten den Einsatz nieder am Ziel.

Es lohnt nicht zu wissen, wieviel,

auch nicht, wer der Schiedsrichter war bei dem Spiel.

Den Hasen trennten vom Ziel nur vier Sprünge.

Drum tat er einstweilen erst andere Dinge,

nasführte die Hunde zum Spaß und durchraste

die ganze Heide. Dann saß er und graste.

Zeit blieb ihm genug, in Ruhe dem Rauschen

des Windes mit lässigen Ohren zu lauschen.

Dann schlief er ein wenig und ließ das Reptil

sich ruhig nähern dem Wettlaufziel.

Die Schildkröte schritt die Rennbahn entlang

gemessen, im Senatorengang,

schob zäh und schwitzend sich weiter fort,

als gelt's einen Langsamkeitsrekord.

Der Hase tat, als sei's ihm gleich, wer siege,

als ob ihm an der Wette gar nichts liege.

Sein einz'ger Ehrgeiz war, zu diesem Sport

recht spät zu starten, keineswegs zu zeitig.

Drum amüsiert' er sich noch lange anderweitig.

Doch schließlich sieht er aus der Ferne das Reptil

schon recht bedenklich nah am Ziel.

Da saust er los, fliegt wie ein Pfeil - jedoch zu spät,

er schafft's nicht mehr, die andre schon am Markstein

steht!

"Nun", ruft sie ihm entgegen, "hatte ich nicht recht?

Geschwindigkeit ist keine Hexerei!

Doch ging' es dir noch mal so schlecht,

trügst du wie ich ein Haus dabei!"

DER HASE UND DIE FRÖSCHE

Ein Hase liegt im Wald in einer dunklen Nacht.

(Er sinnt und träumt, was soll er weiter tun?)

Er hat vor lauter Furcht kein Aug' noch zugemacht.

In tiefer Traurigkeit philosophiert er nun:

Unglücklich ist die Kreatur,

die stets geplagt von Ängsten nur!

Kein Bissen, der mir wirklich schmeckt,

vergällt ist mir sogar das Lieben!

Bei Tag und Nacht gehetzt und aufgeschreckt,

so leb' ich, nur von Furcht getrieben.

Mit offnen Augen schlaf' ich nur, ich armer Tropf!

"Du mußt dich ändern!" riet mir jüngst ein kluger Kopf.

Furcht könnt' sich ändern? Dumme Phrase!

Ich glaube fast, der Mensch sogar

hat Furcht wie ich vor der Gefahr. -

So räsonierte unser Hase.

Und während er dies alles denkt,

Unruhe weiter ihn bedrängt.

Ein Schatten nur, ein Nichts genügt, daß er schon zittert.

Von Traurigkeit und Angst ist selbst sein Traum

verbittert.

Jetzt hört er ein Geräusch! - Signal ist's ihm sogleich,

zu seiner Höhle schnell zu laufen.

Ganz atemlos stößt er auf einen kleinen Teich,

da plumpst ins Wasser wild wie blind ein wirrer Haufen

erschrockner Frösche mit Geschrei,

als ob der Teufel käm' herbei.

Und jeder saust in sein Versteck.

Oh, denkt der Hase, bin ich solch ein Höllenschreck?

Ich komm' nur so daher, und schon rennt alles weg!

Was man mit mir sonst macht, mach' ich mit denen heut!

Wie kommt mir solche Tapferkeit?

Ja, ja, ich mach' Alarm im Feld!

Ich glaube doch: Ich bin ein Held!

Kein Feigling, der nicht hofft in eitler Hinterlist,

daß er mal einen trifft, der noch viel feiger ist.

DIE OHREN DES HASEN

Ein Hornvieh ritzte einst des Löwen Fell ein wenig.

Wutschäumend rächte sich der König,

verwies aus seinem Machtbereich

durch allerhöchsten Bannfluch gleich -

um nicht noch einmal eins ins Hinterteil zu kriegen -

jedwedes Tier, das Hörner zierten.

Die Widder, Stiere, selbst die Ziegen,

Damwild und Hirsche emigrierten

sofort in eine andre Zone.

Da sah ein Hase just den Schatten seiner Ohren.

Er dachte: Schrecklich! Wenn Spione

in mir ein Hornvieh sehn, dann bin auch ich verloren!

"Frau Nachbarin, adieu! Es läßt sich nicht vermeiden",

rief er der Grille zu, "auch ich muß von hier scheiden!

Auch meine Ohren wird zu Hörnern man erklären,

und wenn sie selbst so klein wie Straußenohren wären!"

Die Grille rief: "Ach geh, du treibst mit mir nur Spott!

Das sollten Hörner sein? Die Löffel gab dir Gott.

Ein Hornvieh, du? Das wär' gelacht.

"Wirst sehn, daß man mich dazu macht!

Zum Einhorn mindestens! Wenn ich auch protestier'!"

wehklagte das furchtsame Tier.

"Ich geh', da hilft mir nichts. Denn red' ich mich heraus,

lacht man mich noch als Narren aus!"

DER HASE UND DAS REBHUHN

Verspotte keinen, der den Weg zum Glück verfehlt!

Wer weiß, wie lang es dir vergönnt, ohn' Leid zu

leben!

Manch eine Fabel hat Äsop davon erzählt.

Als Beispiel will ich eine geben,

die jener Weise klug erdacht.

In Reime hab' ich sie gebracht.

Ein Rebhuhn und ein Hase waren

in guter Nachbarschaft verbunden.

Die Gegend wußte nichts von Krieg und Jagdgefahren.

Doch plötzlich scholl Gekläff von Hunden.

Der Hase lief davon, erreichte sein Verlies,

nachdem er gut gefoppt durch weite Zickzackbogen

den schlimmsten Köter selbst, der Knochenbrecher hieß.

Doch Wundernase, angezogen

von seinem Schweißgeruch, fand seine Fährte doch.

Nachdenklich stand er vor dem Loch,

da nahte Bauernschlau, den man noch nie betrogen,

und kläffte: "Hol ihn 'raus, er steckt in dieser Höhle!"

Vor ihrem Loch verstarb die arme Hasenseele. -

Das Rebhuhn sieht's und höhnt und schreit:

"Wo blieb nun deine Schnelligkeit?

Mit deinen Beinen hast du's weiter nicht gebracht?"

Doch während es noch spöttisch lacht,

wird selbst ihm der Garaus gemacht.

Wie konnt' es auch so sehr nur seinen Flügeln trauen!

Schnell faßten zu zwei harte Klauen.

Des Habichts hatt' es nicht gedacht.

(Aus: La Fontaine: Fabeln)