Weder Henne noch Ei – Anmerkungen zur Lösung eines uralten Problems[1]

 

Hans-Joachim Petsche (02.04.2007)

 

Am 26. Mai des zurückliegenden Jahres verkündete CNN, gestützt auf mehrere „Eggsperts“ die endgültige Lösung des so genannten Henne-Ei-Problems. Die Lösung lautete: Am Anfang war das Ei.[2]

John Brookfield,  Evolutionsgenetiker an der University of Nottingham stellte fest: Da sich das Erbgut eines Tieres im Laufe des Lebens nicht ändere, könne sich kein anderes Tier in ein Huhn verwandelt haben. Folglich müsse am Anfang das Ei gewesen sein. Und David Papineau, Wissenschaftsphilosoph am renommierten Londoner King's College, führte aus, dass am Anfang das Ei gewesen sein müsse, das ein Huhn in sich getragen hätte und von einem Nicht-Huhn gelegt worden wäre: Aus einem Nicht-Hühnerei hätte kein Huhn schlüpfen können.

Zu diesen Befunden kann nun folgendes bemerkt werden.

Bei der Diskussion der Frage, ob Huhn oder Ei zuerst da waren, wird übersehen, dass, obgleich Änderungen des Erbgutes nur über das Ei zum Tragen kommen, also der Sprung vom Nichthuhn zum Huhn nur über das Ei erfolgen konnte, doch in dem Ei kein Huhn stecken musste!

Ein großer Teil der erzeugten Verwirrung liegt mithin wohl darin, dass Gallus gallus domesticus – das gemeine Haushuhn –– durch die weibliche Form "Huhn" bezeichnet wird[3], die suggeriert, dass jedes Huhn Eier legen würde, selbst wenn es ein Hahn wäre. Löst man sich von dieser – auch im Englischen anzutreffenden – Einschränkung des Problemhorizonts, so drängt sich ganz unerwartet ein völlig neuer Gender-Ansatz auf: Am Anfang war ein Hahn!

Ergibt sich dies zunächst nur als eine theoretische Möglichkeit, so verdichtet sich diese sofort zu einer an Gewissheit grenzenden Wahrscheinlichkeit: Nur ein Hahn konnte sowohl das X- als auch das Y-Chromosom des gemeinen Haushuhns weitergeben. Wäre am Anfang kein Hahn, wäre auch am Ende keiner!

Da das erste Huhn sich ebenso wie der erste Hahn des Zutuns der mit ihm lebenden Nichthühner hätte versichern müssen, um sich fortzupflanzen, liegt es nahe, hier ebenfalls von einem Hahn auszugehen, da dieser mit vielen Nichthühnern mehr Nachkommen zeugen konnte als ein Huhn mit vielen Nichthähnen, also die Ausbreitungs- und Durchsetzungsgeschwindigkeit von Gallus gallus domesticus im Falle eines Urhahnes um ein Vielfaches höher gewesen wäre, als im Falle eines Urhuhnes.

Gleichwohl müssen wir, eingedenk der Argumentation von John Brookfield, unsere These nochmals präzisieren:

„Am Anfang war ein Hahnenei (gelegt von einem Nichthuhn).“

Eine solche Lösung des Henne-Ei-Problems würde auch den Ratschlag Hegels aus der „Wissenschaft der Logik“ beherzigen, dass wenn zwei Entgegengesetzte gleich gültig seien, „die notwendige erste Frage ist, weil sie entgegengesetzt sind, welcher von beiden der wahre sei; und die höhere eigentliche Frage ist, ob nicht ein Drittes ihre Wahrheit oder ob einer die Wahrheit des anderen ist.“

 

Zu guter Letzt lässt uns unser Befund erahnen, dass das erste Huhn, unser Urhahn, wohl sehr einsam gewesen sein muss, denn, nach Mendel, waren nicht seine Kinder, sondern erst einige seiner Enkelinnen und Enkel ein Huhn wie er …




[1] Zur abschließenden Lösung weiterer Grundprobleme der Philosophie siehe ferner: Fühmann, F.: Der Haufen. In: Fühmann, F.: Saiänsfiktschen. Erzählungen. Leipzig, Reclam 1983, S. 32-57

[2] Siehe: www.cnn.com/2006/TECH/science/05/26/chicken.egg/

[3] Dass die (weibliche) Henne landläufig als (sächliches) Huhn bezeichnet wird, dafür steht nicht zuletzt der über alle Zweifel erhabene Kenner Wilhelm Busch, der im ersten Streich von „Max und Moritz“ sinnreich notiert:

 

"Ihrer Hühner waren drei

Und ein stolzer Hahn dabei"





ZURUECK