Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes

Mein Erasmus-Erlebnis begann mit den Ländertischen beim International Day der Uni Potsdam, an denen einem jeweils die Rückkehrer und momentan anwesenden Internationals von dem jeweiligen Land berichten und kleine Einblicke in das Leben dort geben. Der Tisch für Estland stand relativ abseits von den anderen und als ich dorthin ging, war ich bereits voll von Eindrücken aus Italien, Irland, Norwegen und vielen weiteren Ländern. Und dennoch hat mich sofort etwas erfasst und irgendwie nicht mehr losgelassen. Auf der anderen Tischseite stand ein Mädchen, das so voller Begeisterung von diesem kleinen Land erzählte, dass man sich bereits fühlte, als sei man vor Ort.


Studienfach: Rechtswissenschaften

Aufenthaltsdauer: 02/2021 - 07/2021

Gastuniversität: Tartu Ülikool

Gastland: Estland

Es sollte dann aber noch ein weiteres Jahr dauern, bis ich mich letztlich nach vielen Infoveranstaltungen des International Office und der juristischen Fakultät dazu entschlossen habe, mich auf das Stipendium zu bewerben. Die Informationen dazu habe ich mir auf der Seite des IO selbst zusammengesucht bzw. auch per Mail erhalten. Meine Arbeit bei ESN hat mir auch geholfen, den ein oder anderen Tipp zu bekommen. Z.B. ist es unter bestimmten Umständen wohl auch möglich, über eine andere Fakultät an die Wunschuni zu kommen, falls die eigene keine Plätze mehr hat oder keine Kooperation anbietet. Als es dann an die Wahl der Hochschulen ging, war ich hin und her gerissen, allerdings stand von vorherein fest, dass ich nicht nach Spanien oder Frankreich gehen kann, da ich beide Sprachen nicht genügend spreche. Zu den Sprachanforderungen findet man auch auf der jeweiligen Austauschseite der Fakultät noch einmal nähere Informationen. (Link für alle Fakultäten: https://www.uni-potsdam.de/de/international/outgoing/studium/erasmus/koordinatoren#c504761).  Als ich mich dann an diesen begeisterten Bericht erinnerte, war für mich klar, dass ich nach Tartu möchte. Und tatsächlich bekam ich Mitte Februar bereits die Zusage für den Stipendienplatz durch Herrn Prof. Zimmermann, der als Koordinator für viele verschiedene Partnerhochschulen zuständig ist. Daraufhin wird man durch das IO nominiert und dann heißt es für Studenten, die im Sommersemester gehen, erstmal abwarten. Man hat anfangs das Gefühl, man möchte am liebsten alles sofort regeln und bereits vorbereiten, aber bis man durch die Uni per Mail angeschrieben wird, dauert es tatsächlich ein paar Monate. Dann bekommt man einen Bogen, auf dem die wichtigsten Punkte detailliert erklärt werden, unter anderem, welche Unterlagen man einreichen muss. Wichtig für Jurastudenten ist, dass man das Transcript of Records rechtzeitig beim Büro für Studienangelegenheiten bei Frau Koernig beantragt, da es ein bisschen dauern kann, bis man einen Termin bekommt. Um für das Learning Agreement auf der sicheren Seite zu sein, ist es auch sinnvoll, mit Frau Padelt im Vorfeld die Kurswahl zu besprechen, da man sich zumindest für den Bachelor of Law einige Kurse anrechnen lassen kann. In Tartu hatte man einen Monat Zeit, um alle Unterlagen einzureichen und auf der Plattform hochzuladen. Die Bewerbung ist an sich echt einfach, man sollte nur möglichst frühzeitig anfangen, sobald man die genauen Vorgaben kennt, um noch Termine bei den jeweils zuständigen Stellen zu erhalten. Im Zweifel hat einem die Koordinatorin aus Tartu, die man jederzeit per Mail erreichen konnte, auch immer weitergeholfen.

Studium an der Gastuniversität

Durch Covid waren die Vorlesungen an der Uni selbst alle noch online organisiert, aber, anders als ich es von Jura in den letzten Semestern gewohnt war, synchron über Zoom oder BigBlueBotton. Das hat den Vorteil, dass man keine Vorlesung vor sich herschieben kann. Die Dozenten waren alle sehr freundlich und haben sich auch online redlich bemüht, die Studierenden mit einzubeziehen. Ich musste mich allerdings an ein sehr schulisches System mit Mitarbeitsbewertung und Hausaufgaben erst wieder gewöhnen. Allerdings hatte dies auch den Vorteil, dass man sich sehr schnell in die Studienorganisation eingefunden hat und sich mehr auf die Inhalte konzentrieren konnte. In Tartu gibt es entweder differenzierte (A-F) oder undifferenzierte (pass/non-pass) Bewertung und die Dozenten sind fair bei der Einschätzung der einzelnen Leistungen. Man hat das Gefühl, seine Noten wirklich nachvollziehen zu können. Leider hat die online Uni dazu beigetragen, dass man nur wenige Menschen aus den jeweiligen Kursen wirklich kennengelernt hat. Allerdings ist das in Tartu auch nur ein kleines Problem, da es sich zumeist eh um die Nachbarn aus dem Wohnheim handelt, in dem alle internationalen Studierenden gemeinsam untergebracht werden. Und man bekommt auch einen Buddy zugeteilt, der als Langzeitaustausch-Studierender ähnliche Erfahrungen bereits gemacht hat und einem dadurch bei vielen kleinen und großen Problemen weiterhelfen kann. Insgesamt ist einfach jeder an und neben der Uni super hilfsbereit und freundlich, sodass man sich wirklich gut aufgehoben fühlt. Leider habe ich meine Fakultät selbst nicht von innen sehen können, dafür war ich aber häufig in der Hauptbibliothek. Diese hat ein breites Spektrum an juristischen Büchern auf Englisch und sehr viele Onlinelizenzen, sodass wissenschaftliches Arbeiten gut funktioniert. Auch geholfen haben mir meine Kommilitonen, die durch ihre verschiedenen Heimuniversitäten auch noch variierendere Quellen hatten und man so auf ein breites Netzwerk an Wissen zugreifen konnte. Die Öffnungszeiten wurden im Laufe meines Aufenthalts immer weiter angepasst, sodass man zum Schluss wieder ganz normal arbeiten konnte. In der Prüfungsphase wurde sogar extra eine Nacht-Bibliothek eingeführt, die bis 24 Uhr geöffnet hatte, sodass man länger arbeiten konnte. Es kam sogar ein Therapiehund in diese wirklich grüne Bibliothek (überall stehen Pflanzen und die Arbeitsräume sind lichtdurchflutet) und hat die Studierenden aufgeheitert. Das Lehrangebot war mindestens genauso abwechslungsreich, mit ganz verschiedenen Konzepten der Lehre. Selbst der Sprachkurs hat so auch online richtig Spaß gemacht.

Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt

Da die Kurse alle auf Englisch sind, liest man viele Texte auf Englisch. Auch im Alltag spricht man eigentlich nur Englisch, da man sich damit fast überall sehr gut verständigen kann. Diese beiden Felder verbessern sich somit durchaus. Allerdings muss man auch gestehen, dass sich mehr Grammatikfehlerchen einschleichen, die man von anderen Freunden übernimmt. Sollte man nicht das Glück haben, einen Muttersprachler als Freund zu haben, so kann es einem passieren, dass die Grammatik leidet. Das ist aber ausgleichbar mit ein paar Übungen zwischendurch. Die Uni selbst fordert B2 als Sprachniveau, was ich durchaus als gerechtfertigt empfinde. Letztlich hängt es immer von einem selbst ab, wie viel Aufwand man sich macht, um die Sprache zu verbessern und der Uni folgen zu können.

Wohn- und Lebenssituation

Das Wohnheim „Raatuse 22“ wird einem durch die Uni vorgeschlagen. Dort wird man in WGs untergebracht und lebt mit den anderen Kurzzeitstudierenden auf zwei Etagen mit jeweils langen Fluren, von denen die Wohneinheiten abgingen. Das Wohnheim hat eine Rezeption, die 24/7 besetzt ist und es kommt jede Woche ein Putzteam, das die Bettwäsche austauscht und die Gemeinschaftsräume (Küche, Bad, Flur) putzt und wischt. Auf das Zimmer (durch Covid gab es nur Einzelzimmer) konnte man sich Anfang Januar bewerben und frühestens Anfang Februar einziehen. Es ist vollständig ausgestattet, sodass man weder Küchenutensilien noch Bettwäsche oder ähnliches kaufen muss. Das ist wirklich praktisch, da es keinen IKEA in Tartu gibt und man sich so alles in den örtlichen Supermärkten zusammensuchen müsste. Direkt vor dem Wohnheim gibt es mehrere Bushaltestellen, außerdem ist es nur 15min vom zentralen Busbahnhof entfernt, von wo aus man mit der Tartu Buscard in viele Ecken Estlands kostenlos mit den GoBussen fahren kann. Auf die Karte selbst kann man sich Geld laden und damit auch in der Stadt fahren. Nachdem man sich als Bürger*in Tartus beim Welcome Center direkt gegenüber dem Hauptgebäude der Uni registriert und einen ID Code zugeteilt bekommen hat, lohnt es sich, diesen Code zur Uni zu schicken, sodass man offiziell als Student auch Vergünstigungen bekommt, z.B. mit der personalisierten Buscard. Der Bahnhof ist etwas weiter entfernt, allerdings mit den Bussen auch gut erreichbar. Generell lässt sich in Tartu fast alles zu Fuß gut erledigen und es besteht die Möglichkeit, sich ein Fahrrad auszuleihen. Für größere Ausflüge lohnt es sich auch, bei „Autolevi“ zu schauen, ob man sich sehr günstig Autos ausleiht (der deutsche Führerschein gilt uneingeschränkt). Wenn man kann, sollte man sich definitiv eine Kreditkarte vor dem Aufenthalt zulegen, da es in Estland durchaus üblich ist, alles bargeldlos zu bezahlen. In Tallinn funktionieren manche Toiletten sogar nur mit kontaktlosem Bezahlen. Ansonsten funktionieren aber auch die ganz normalen EC Karten in der Regel ohne größere Probleme. Am besten man holt sich vor dem Aufenthalt mal einen Termin beim jeweiligen Bankinstitut und fragt konkret nach, welche Möglichkeiten bestehen. Für die Versicherungen gilt gleiches – einfach mal nachfragen. Allerdings empfehle ich dringend, noch eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung abzuschließen, da sonst nicht alle Behandlungen übernommen werden. In Estland sind Lebensmittel etwas teuer als in Deutschland, dafür ist insbesondere der öffentliche Verkehr günstiger. Um von allen Freizeitangeboten detailliert zu berichten, bräuchte ich wahrscheinlich noch weitere 5 Seiten, sodass ich mich hier kurzhalte. Es gibt so viele unterschiedliche Dinge zu erleben, dass es einem nie langweilig wird. Reist unbedingt viel durchs Land, es ist wahnsinnig abwechslungsreich und ich habe jeden Ausflug genossen.

Studienfach: Rechtswissenschaften

Aufenthaltsdauer: 02/2021 - 07/2021

Gastuniversität: Tartu Ülikool

Gastland: Estland


Rückblick

Rückblickend ist vor allem zu betonen, wie wichtig es ist, aus der eigenen Komfortzonen auch mal herauszukommen und etwas Neues zu wagen. Meistens endet es großartig! Wenn man sich schon getraut hat, so weit von Zuhause wegzufahren, dann sollte man sich nicht von seiner Angst in diesem wunderbaren Land aufhalten lassen.

Estland

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