HiN - Humboldt im Netz

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Eberhard Knobloch

Naturgenuss und Weltgemälde. Gedanken zu Humboldts Kosmos

 

3. Das große Vorbild: Laplace

 

Wenn Plinius trotz aller programmatischen Affinitäten zu Humboldt dessen „großes Vorbild“ nicht war, wer dann? Humboldt hat daran keinen Zweifel gelassen: der unsterbliche (I, 475), der große Geometer Laplace (I, 325) mit seiner „Exposition du système du monde“, seiner „Darlegung des Weltsystems“ (V, 8; Laplace 1835).

 

Wir werden daher gut beraten sein, diese Schrift genauer in den Blick zu nehmen. Sie beginnt nicht mit dem Enzyklopädisten Plinius, sondern mit dem Dichter Vergil, mit einem Musenanruf (Georgica II, 475-477):

Me vero primum dulces ante omnia Musae

Quarum sacra fero, ingenti perculsus amore,

Accipiant, coelique vices et sidera monstrent”.

Mich aber mögen vor allem zu Beginn die süßen Musen, deren Heiligtümer ich trage, ergriffen von gewaltiger Liebe, aufnehmen und die Bahnen und Sterne des Himmels zeigen.

Laplace will – dies darf man aus dem Musenanruf heraushören – seine Aufgabe con amore angehen, so wie es Enzensberger Humboldt nachgerühmt hat: „ Nur wer, wie Humboldt, seine Projekte con amore angeht, wird in Zukunft eine Chance haben“ (www.humboldt-portal.de). Seine methodologischen, wissenschaftstheoretischen Bekenntnisse lesen sich wie Humboldts eigene Direktiven:

 

1. Empirische Grundlage

„Um den Mechanismus der Natur aufzudecken, muß man sie unter verschiedenen Blickwinkeln betrachten und die Entwicklung ihrer Gesetze beobachten, in den Wechseln (changemens) des Schauspiels, das sie uns gewährt“ (Laplace 1835, 19).

 

Da sind sie wieder, „die Wechsel“ des Plinius, das „Spiel des Wechsels“ Humboldts.

 

2. Induktion

„Durch eine Folge von Induktionen können wir uns zu allgemeinen Phänomenen erheben, aus denen sich alle speziellen Tatsachen ableiten.“

 

3. Reduktion

Die Anzahl der großen Phänomene muß auf eine kleinstmögliche Zahl zurückgeführt werden. Denn die ersten Ursachen und die innere Natur der Wesen werden uns auf ewig unbekannt sein. Die Ökonomie der Natur besteht nach Laplace gerade darin, viele, oft sehr komplizierte Phänomene, mehr noch: die unendliche Mannigfaltigkeit der Phänomene (Laplace 1835, 183), mit Hilfe einer kleinen Zahl allgemeiner Gesetze hervorzubringen (Laplace 1835, 89). So ist die Gestalt der Erde ein Ergebnis dieser Gesetze.

 

4. Gesetze

Wie aber findet man diese? Hätte sich der Mensch darauf beschränkt, Tatsachen zu sammeln, so Laplace (1835, 73), wäre die Wissenschaft nur ein unfruchtbares Wörterverzeichnis geblieben, er hätte nie die großen Gesetze der Natur erkannt. Erst indem er die Tatsachen miteinander verglich, ihre Beziehungen ergriff und so zu den immer ausgedehnteren Phänomenen aufstieg, gelangte er schließlich zur Entdeckung dieser Gesetze, die stets in ihre verschiedensten Wirkungen eingeprägt sind. Daher macht jedes Phänomen die Gesetze der Natur klar und bestätigt sie (1835, 249).

 

5. Zusammenhang

Es sind nun gerade diese allgemeinen Naturgesetze, die auch die ungleichsten Phänomene miteinander verknüpfen: alles in der Natur ist miteinander verbunden:

„Tout est lié dans la nature, et ses lois générales enchaînent les uns aux autres, les phénomènes qui semblent les plus disparates » (1835, 377). Laplace erweist sich als Anhänger der „great chain of being“-Theorie. Sein alles überragendes Gesetz, das entsprechend von Humboldt im Kosmos herausgestellt wird, ist das universelle Gravitationsgesetz:

Die elliptische Form der Planetenbahnen, die Gesetze, denen Planeten und Kometen um die Sonne folgen, ihre säkularen und periodischen Ungleichheiten, die Ungleichheiten des Mondes und der Jupitermonde, die Präzession der Äquinoktien, die Nutation der Erdachse, die Bewegungen der Mondachse, die Gezeiten: all diese scheinbar disparaten Phänomene ergeben sich aus diesem einen Gesetz. Und es ist nicht zu befürchten, fügt Laplace hinzu, dass ein noch nicht entdecktes Phänomen dieses Gesetz widerlegt (1835, 397). Oder positiv gewendet: die Wahrscheinlichkeit der Theorie erhöht sich mit der Zahl der Phänomene, die sie erklärt. Das universelle Gravitationsgesetz wird zum Symbol des Humboldtschen Einheitsgedankens.

 

6. Mathematik

Die wechselseitigen Beziehungen werden nicht durch vermutungsweise Betrachtungen, sondern durch strenge Rechnungen, rigoureux calculs, bestimmt. Mit anderen Worten: Die Mathematik verbindet die Phänomene und sorgt dadurch für die Sicherheit, certitude, der mathematischen Theorien (1835, 432). Was nicht Ergebnis von Beobachtung oder Berechnung ist, dem ist mit Mißtrauen zu begegnen (1835, 542). Kein Zweifel, die Hochschätzung, mehr noch: die überragende Rolle, die Humboldt der Mathematik im Rahmen der Naturforschung zuschreibt, hat hier eine, wenn nicht gar die entscheidende Wurzel.

 

Macht doch die Mathematik mit ihrem Vermögen, die Dinge der Natur zu verbinden, recht eigentlich deutlich, wie richtig Humboldts naturwissenschaftliches Grundanliegen war, die Natur in ihrer Gesamtheit in den Blick zu nehmen.

 

Sie verbindet jedoch nicht nur, sie macht empirisch Unzugängliches geistig zugänglich. Es sei sehr bemerkenswert, heißt es bei Laplace (1835, 294), dass ein Astronom, ohne seine Sternwarte zu verlassen, allein durch den Vergleich seiner Beobachtungen mit der Analysis, Größe und Abplattung der Erde, ihre Entfernung von Sonne und Mond genau bestimmen konnte. Der Wahlberliner Lambert hatte deshalb scherzhaft die Mathematik eine Wissenschaft der Trägheit, der Bequemlichkeit genannt (Knobloch 1990, 318).

 

Dass Humboldt am Reisen so großen Gefallen fand, war kein Widerspruch. Das Studium jeglicher neuen Wissenschaft gleiche einer Reise in ferne Länder, zumal einer solchen, die den ganzen Weltraum umfasse; heißt es in seinen „Einleitenden Betrachtungen“ zum Kosmos (I, 32). Hatte doch schon der von ihm verehrte Kepler geraten, wer zu schwach sei, um die astronomische Wissenschaft zu verstehen, der sehe von dieser Weltreise, dieser „peregrinatio mundana“, ab (Kepler 1609, 33). Die mathematische Reise stand, dessen war sich Humboldt wohl bewußt, einer Reise im üblichen Sinn an Reiz, aber auch an Beschwerlichkeit in nichts nach.

 

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