HiN - Humboldt im Netz

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Eberhard Knobloch

Naturgenuss und Weltgemälde. Gedanken zu Humboldts Kosmos

 

2. Die Dinge der Natur: Plinius

 

Von Anbeginn an – davon legt das Titelblatt des ersten Bandes seines „Kosmos“ Zeugnis ab – hat Humboldt sein Werk in der Nachfolge eines antiken Autors gesehen, den er in kritischer, gleichwohl warmherziger Weise würdigte (II, 230-232). Er nennt ihn den „alles registrierenden“ (I, 401), den „vielsammelnden“ (II, 224), den „geistreichen Mann“ (II, 231) so wie er ungezählte Autoren und Gelehrte in homerisierender Art mit Epitheta ornantia versehen hat: Wir sprechen von Plinius dem Älteren und seiner umfassenden „Naturalis historia“, „Naturgeschichte“.

 

Humboldt hat diese Enzyklopädie, eine auf Plinius selbst zurückgehende Charakterisierung (Naturalis historia praefatio 14), schon als junger Mann in dem berühmten Brief an Schiller gern herangezogen (Leitner 2003, 127), in dem er sein Wissenschaftskonzept erläuterte (Böhme 2002, 499). Zeitgenossen wie Herder und Schopenhauer haben es – vor ihm – ihm gleichgetan: Darauf wird zurückzukommen sein.

 

Die Ähnlichkeiten beider Wissenschaftler sind nicht nur offensichtlich: Humboldt hat sie unmittelbar angesprochen. Das Ganze biete „den Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ (II, 230). Dies aber ist der Untertitel von Humboldts eigenem Werk. Danach hätte Plinius getan, was Humboldt nunmehr selbst in Angriff nahm. War also Humboldt der Plinius des 19. Jahrhunderts? Lag hier der Grund dafür, dass Julius Sillig seine Pliniusedition 1851 gerade Humboldt gewidmet hat (Plinius 1851)? Die Frage stellen heißt, sie verneinen. Und doch gilt:

Zwar sei das plinianische Werk in eine Enzyklopädie der Natur und Kunst ausgeartet, wie Humboldt schrieb (II, 230), der 1807 vergeblich versucht hatte, die Reorganisatoren der Berliner Akademie der Wissenschaften zu veranlassen, die Körperschaft zu einer „Akademie der Wissenschaften und Künste“ zu erweitern (Wuttke 2003, 46), Ästhetik und Wissenschaft zu vereinen, ein Grundanliegen des Kosmos.

 

Zwar teilten beide ein großes Interesse für den Vulkanismus, das freilich Plinius – anders als Humboldt – das Leben kostete. Zwar schwebte Plinius, wie Humboldt sagte, ein einziges großes Bild vor (II, 231), so wie Humboldt ein Weltgemälde schaffen wollte. Aber Plinius habe weder dieses Bild noch den Gesichtspunkt einer vergleichenden Naturkunde festzuhalten gewußt. Man fühle, dass der Verfasser seine Eindrücke nicht aus der freien Natur, sondern aus Büchern geschöpft habe.

 

Dass Plinius damit anhob, den mundus, die Welt, einer Gottheit gleichzusetzen (Naturalis historia II,1) und sein Werk mit einem Bittgebet an die Natur, die Mutter aller Dinge, beschloß (Naturalis historia XXXVII, 78), war Humboldts Sache nicht. Und doch stieg Plinius, wie Humboldt, aus den Himmelsräumen zum Irdischen herab. Und doch fand Humboldt sein eigenes Anliegen bei Plinius so zutreffend beschrieben, dass er den Abschnitt nicht nur zu seinem Motto auf der Titelseite erhob, sondern im Kosmos mehrfach darauf zurückkam (II, 23; 232):

 

Naturae vero rerum vis atque maiestas omnibus momentis fide caret si quis modo partes eius ac non totam conplectatur animo (Naturalis historia VII, 1).

 

In der neuen Kosmos-Ausgabe von Ette und Lubrich ist es auf Humboldts Titelbildnis gedruckt (Humboldt 2004). Der sprachgewandte Humboldt hat den Abschnitt ebensowenig übersetzt wie seine zahllosen anderen alt- oder neusprachlichen Zitate, wohl aber Hinweise zum Verständnis gegeben. Der heutige Leser könnte versucht sein, den Sinn über verfügbare Übersetzungen zu erschließen.

So findet man (Beck 1993 I, 5):

„Das Wesen und die Hoheit der Natur offenbaren sich, wenn alle ihre Teile auch als Ganzes begriffen werden“.

bzw. (Rackham 1961, 511):

„Indeed the power and majesty of the nature of the universe at every turn lacks credence if one’s mind embraces parts of it only and not the whole”.

 

Doch Humboldt hatte zu Recht gefürchtet: “und ich in Beziehung auf die Sorgfalt der Übersetzer von großem Mißtrauen erfüllt bin“ (I, 13f.).

Nein, es geht weder um das Wesen der Natur noch die Natur des Universums, weder um Offenbarung noch darum, dass Teile als Ganzes begriffen werden (wie denn das?). Es geht um die zentralen Aspekte eines dynamischen Naturbegriffs, einer ganzheitlichen Naturdarstellung, die bei Kant wiederauftreten und von Humboldt entsprechend rezipiert und vertreten werden. Es geht um die „naturae res“, die „Dinge der Natur“, insofern Natur der Inbegriff der Naturdinge und der Naturkräfte ist (I,5f.), wie Humboldt in der Tradition seiner Kosmosvorträge (1993, 136) in den einleitenden Betrachtungen sagt. Es geht um deren „Kraft und Großartigkeit“, insofern die Natur das Resultat des Zusammenwirkens eines Systems treibender Kräfte ist, wie Humboldt  im tellurischen, vierten Band sagt (IV, 15), eines „großartigen“ Zusammenwirkens im wohlgeordneten Kosmos, so Humboldt (II, 23). Wollte er doch den Titel Kosmos ausdrücklich im Sinn der pythagoreischen Schule für Weltordnung genommen wissen (V, 14).

 

Es geht um die, mehr noch um „omnia momenta“, „alle Wechsel“ einer beständigen Entwicklung und Änderung. Humboldt sprach vom „ewigen Spiel des Wechsels“ (I, 331), von den „unablässig wirksamen, entmischend schaffenden Naturkräften“ (I, 367), vom Menschen, der „jedem Wechsel der Erscheinungen“ nachspürt (II, 48).

 

Es geht um das Verfahren einer glaubwürdigen geistigen Erfassung dieses Geschehens, wofür Plinius „complecti animo“ sagt, Humboldt „reflectirtes Naturbild“ (III, 7a): Dieses Erfassen darf nicht der Natur in ihren Teilen, sondern muß der Natur als ganzer, in ihrer Gesamtheit gelten. Nur so kann der Zusammenhang zwischen den Teilen erfaßt werden. Zieht man Humboldts Begrifflichkeit heran, so ergibt sich folgende humboldtnahe, deutsche Formulierung (Knobloch in Werner 2004, 161):

„Aber die Kraft und die Großartigkeit der Dinge der Natur entbehren in all ihren Wechseln der Glaubwürdigkeit, wenn jemand im Geiste nur deren Teile und sie nicht als ganze erfaßt“.

Aber damit noch nicht genug! Der humboldtsche Entwicklungsgedanke findet auch und gerade auf den Erkenntnisprozeß selbst Anwendung. Wendet man seine Forderung nach Denken in Zusammenhängen auf die Pliniusstelle an, macht man eine interessante Entdeckung. Unmittelbar danach steht die Bemerkung, die der Kantverehrer und –kritiker Schopenhauer 1818 in der ersten Auflage seiner „Welt als Wille und Vorstellung“ zitiert (Schopenhauer 1818 II, S. VII), - mit Sicherheit kein zufälliger Befund -, die als Motto über Humboldts Erkenntnisoptimismus stehen könnte:

„quam multa fieri non posse priusquam sunt facta iudicantur?“

“Von wie vielem wird behauptet, es könne nicht geschehen bevor es geschehen ist?“

Mahnt doch Humboldt an Hand der bis 1847 aufgefundenen Uranus-Monde zur Vorsicht, sogenannten negativen Beweisen nicht zuviel zu trauen (III, 532). Forderte er doch im letzten Band, nicht alles zu verneinen, was man noch nicht zu erklären vermag (V, 13).

 

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