HiN - Humboldt im Netz

______________________________________________________

  

Eberhard Knobloch

Naturgenuss und Weltgemälde. Gedanken zu Humboldts Kosmos

 

Einleitung

 

„Der Frühling war zu Ende, der Sommer begann, und alles stand in der Reife. An den Bäu-men reifte die Frucht, auf den Feldern das Korn. Lieblich zirpten die Grillen, süß dufteten die Früchte, reizend blökten die Lämmer. Die Flüsse glitten sanft dahin, und es war, als ob sie sängen; die Winde flöteten, wenn sie durch die Fichten gingen“ (Longus 1955, 26): Die Sommerschilderung aus dem spätantiken Hirtenroman „Daphnis und Chloe“, von Goethe zu-tiefst bewundert (Wolde in Longus 1955, 26), von Humboldt im Kosmos wegen solcher land-schaftlichen Schilderungen hervorgehoben. Wollte doch Humboldt durch sein Werk den alten Bund von Wissen und Poesie erneuern.

 

Im folgenden möchte ich einige Leitbegriffe und Vorbilder dieses Unternehmens näher in den Blick nehmen, nämlich die folgenden:

  1. Naturgenuss und Weltgemälde

  2. Die Dinge der Natur: Plinius

  3. Das große Vorbild: Laplace

  4. Der nicht Genannte: Herder

  5. Der große Geist: Kant

  6. Das letzte Ziel: Gesetze

  7. Die Wohltaten der Mathematik

  8. Epilog

  9. Literatur

 

1. Naturgenuss und Weltgemälde

 

Zu seiner Vorgehensweise wie zu seinen Zielen bei der Abfassung des Kosmos hat Humboldt ausführlich Stellung genommen. Er hat dazu seinen 1827 in der Singakademie gehaltenen Eröffnungsvortrag zu den Kosmosvorlesungen in überarbeiteter Form dem Alterswerk vorangestellt.

 

Besteht der „einige“ Kosmos, so Humboldts Ausdruck aus einer wahrnehmbaren und einer geistigen Welt (III, 8), so besteht die wahrnehmbare Welt ihrerseits aus einer himmlischen und einer irdischen Sphäre. Von vornherein bezieht Humboldts „physische Weltbeschreibung“ oder – metaphorisch gesprochen - sein Weltgemälde (I, 85) beide Welten, die äußere und die innere, ein, bietet Bestandsaufnahme und historische Reflexion, Natur- und Geistesgeschichte, verfolgt wissenschaftliche und ästhetische Absichten (III, 8), will Intellekt und Gefühl, Verstand und Gemüt ansprechen, will – horazisch gesprochen – nützen und erfreuen, will durch wissenschaftliche Aufklärung den Naturgenuss erhöhen und dadurch umgekehrt zum Naturstudium anregen. Letzter, edelster Gegenstand einer physischen Weltbeschreibung, einer vergleichenden Himmels- und Erdkunde (I, 31) ist danach der Mensch (I, 169).

 

Nach diesem Verständnis setzt Humboldt Kosmos nicht mit dem Weltganzen, sondern mit der Erkenntnis des Weltganzen und damit der physischen Weltanschauung gleich (II, 135f., 237). Kosmos ist immer schon als Gegenstand des menschlichen Denkens gemeint.

 

Lassen wir uns nicht beirren: Spricht Humboldt von Natur- oder Weltgemälde (I, 94), dann insofern, als ein Naturgemälde nach seiner Definition eine allgemeine Übersicht über die kosmischen Erscheinungen ist (III, 592). Erscheinungen aber gehören zur Außenwelt, zur Natur. In der Lehre vom Kosmos, im Buch von der Natur (IV, 3), darf das Einzelne nur in seinem Verhältnis zum Ganzen als Teil der Welterscheinungen betrachtet werden (I, 40).

 

Es ist ein Entwurf: dies hat Humboldt immer wieder hervorgehoben. Nicht weil die Natur nach Umfang und Inhalt unendlich, das Problem, das Zusammenwirken aller Kräfte ursächlich zu erkennen, unauflösbar ist (I, 81), Humboldt sich nach manchen Vorläufern also eine grundsätzlich unlösbare Aufgabe gestellt hat. So redet er von den Mythen der pythagoreischen und platonischen Weltgemälde (II, 351), vom großen physischen Weltgemälde des Lukrez (II, 17), davon, dass die großartigsten Züge des Weltgemäldes Copernicus gehören (II, 346).

 

Entwurf heiße sein Werk, weil trotz aller von Humboldt freudig begrüßten Fortschritte der Naturwissenschaften der Wissensstand noch unzureichend sei, ein Buch von der Natur, seines erhabenen Titels würdig, erst erscheinen werde, wenn die Naturwissenschaften einen höheren Standpunkt und dadurch beide den Kosmos bildende Welten an lichtvoller Klarheit gewonnen haben würden (III, 8).

 

Und es ist eine Beschreibung. Humboldts bewußte und weise Beschränkung auf einen deskriptiv-historischen Zugang impliziert den Verzicht, den Zusammenhang der Erscheinungen theoretisch zu begründen, zu erklären (III, 627). Es ist der Standpunkt eines Betrachters, dem sich die Welt in ständiger Entwicklung begriffen darbietet. In glücklicher Weise spricht Humboldt von den Himmelsräumen als einem Weltgarten (I, 87), vom Weltenmeer, in das Wilhelm Herschel das Senkblei geworfen habe (I, 91) – eine Anspielung auf die von ihm an anderer Stelle genannte Theogonie Hesiods. Der Forscher als Seemann: eine nicht nur bei Francis Bacon beliebte Metapher.

 

Wie aber läßt sich die Natur, der Humboldts Gemälde gilt, charakterisieren? Durch zwei Begriffe, die deshalb immer wieder im Kosmos – aber nicht nur dort – auftreten: Kraft und Freiheit.

 

Natur ist das Reich bewegender (IV, 536), zusammenwirkender Kräfte. Und sie ist das „Reich der Freiheit“ (I, 4).

 

Der Eindruck des Waltens dieser Kräfte, Mächte , Gewalten ist das Naturgefühl (IV, 16). Ihrem Zusammenwirken gilt das menschliche Erkenntnisinteresse, ob es die vernichtende Kraft der Vulkanausbrüche (I, 217) oder Stürme sind, Magnetismus oder Gravitation. Doch Kräfte gibt es auch in der geistigen Welt. Der Begriff Geisteskraft zeigt: stets geht es um ein Vermögen im nichtterminologischen, an Aristoteles erinnernden Sinn. Dass Humboldts Konzept der Kraft genau definiert war, wird man danach nicht sagen können (Macpherson 1971, 10).

 

Und so wie Kräfte in der wahrnehmbaren und der geistigen Welt auftreten, so geht es in beiden Fällen um Freiheit.

 

Die freie Natur (II, 25, 233) erfordere eine freie Naturansicht, die nicht durch Motive der Nähe beengt sei (I, 85), eine freie, nicht einseitige Begründung der Erscheinungen (I, 316) ziele auf einen freien Naturgenuss (I, 21). Das freie, offene Meer (I, 331) kontrastiert mit dem freien Hirtenleben (II, 246). Dass sich entsprechende Stellen in den „Ansichten der Natur“, in der „Geographie der Pflanzen“ finden, sei nur erwähnt.

 

Der freien Natur steht die geistige und politische Freiheit gegenüber. Humboldt spricht von der Berechtigung zu intellektueller Freiheit, rühmt freie Selbstdenker wie Cusanus und Bruno (II, 282), Keplers Bemerkung über Copernicus vom „Mann des freien Geistes“ (II, 346). Wer denkt da nicht an das großartige Alkinooszitat, das Rheticus seinem Bericht über das copernicanische Weltsystem voranschickte:

„Frei muß in seiner Meinung sein, wer philosophieren will“.

 

So wie Fürstennähe Freiheit raubt – eine Bemerkung aus dem „Rhodischen Genius“, so habe Wissenserweiterung bei Teilen der Menschheit zu politischer Freiheit geführt (II, 267).

 

______________________________________________________

<< letzte Seite  |  Übersicht  |  nächste Seite >>