HiN - Humboldt im Netz

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Ottmar Ette

Die Ordnung der Weltkulturen.
Alexander von Humboldts Ansichten der Kultur

3. Poetik des Fragments und reiseliterarische Dimensionen

Alexander von Humboldt hat sich verschiedentlich in seinen Schriften, vor allem aber auch in seiner Korrespondenz über sein Schreiben und die von ihm entwickelten Schreibformen geäußert. Darin kommt nicht nur seine doppelte Ausrichtung an literarischen wie an wissenschaftlichen Schreibmodellen deutscher wie französischer Provenienz sowie die Betonung eines Schreibens zum Ausdruck, das durch eine Vielzahl von Reisen seiner Gegenstände selbst ansichtig werden muß. Immer wieder finden sich auch Hinweise auf das, was man als eine Poetik des Humboldtschen Fragments bezeichnen könnte. So schrieb der mit der Niederschrift des ersten Bandes seines Kosmos Beschäftigte am 28. April 1841 an Varnhagen von Ense, es gehe ihm um ein "Schweben über den Dingen, die wir 1841 wissen"[1]. Damit betonte er nicht nur die Vorläufigkeit allen Wissens (auf die im letzten Teil der vorliegenden Untersuchung zurückzukommen sein wird), sondern hob hervor, es sei ihm "sonnenklar"[2], daß ein solches Werk nicht zu vollenden sein würde. Die "einzelnen Fragmente" aber sollten so konstruiert sein, daß seine künftige Leserschaft "in jedem Fragmente etwas Abgeschlossenes" habe[3]. Das auf die Darstellung einer Totalität abzielende Schreiben Humboldts bedient sich mithin des Fragments im Sinne eines in sich abgeschlossenen modèle réduit, das separat gelesen werden kann und alle grundlegenden Elemente des gesamten Werkes enthält. Im Rückgriff auf naturwissenschaftlich-mathematische Erklärungsmodelle könnte man hier auch von einer auf Verfahren der Selbstähnlichkeit beruhenden fraktalen Schreibweise sprechen.

 

Was für Humboldts eher linear angeordnete écriture des Kosmos gilt, ist in noch wesentlich stärkerem Maße für seine Vues des Cordillères gültig, werden dort doch durch Wechselbeziehungen zwischen Bildtexten und Textbildern zusätzlich inter- und transmediale Beziehungsgeflechte zwischen den einzelnen »Stücken« erzeugt. Auch wenn sich - wie wir bereits sahen - die Anordnung dieses Buches weder nach durchgängigen geographischen, chronologischen, historischen oder thematischen Prinzipien richtet und ganz bewußt den Ablauf der Reise mißachtet, so handelt es sich bei den Ansichten der Kordilleren doch noch immer um einen Text, anhand dessen sich verschiedene reiseliterarische Dimensionen voneinander unterscheiden lassen[4].

 

Denn Humboldt hat diese verschiedenen Dimensionen seiner Vues des Cordillères äußerst sorgfältig gestaltet und auf sehr komplexe Weise miteinander verwoben. Bezüglich der beiden ersten Dimensionen des Raumes wurde bereits die nicht-itinerarische Struktur dieses Textes hervorgehoben, die eine offene Sequenz diskontinuierlicher Bewegungen suggeriert. Die Anlage des Bandes basiert folglich auf einem ständigen Hin- und Herspringen zwischen einzelnen Phasen, Orten und Phänomenen der Reise Humboldts und Bonplands, so daß sich anders als im traditionellen Reisebericht eine »unstete«, gleichsam nomadische Bewegung einstellt, der das Lesepublikum ganz bewußt ausgesetzt wird. Die nicht-chronologische Anordnung führt auf der Darstellungsebene zu einer Vergleichzeitigung der an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten beobachteten Gegenstände und erleichtert deren Vernetzung untereinander wie mit anderen Beobachtungen weltweit. Denn Humboldts Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas beschränken sich - wie schon das Eingangszitat zeigte - weder auf die Anden noch auf die Völker des amerikanischen Kontinents.

 

Die dritte Dimension spielt in allen Schriften des gelernten Bergbaufachmanns Humboldt, der etwas von Steigerplänen und Grubenanlagen unter der Erdoberfläche verstand, eine herausragende Rolle. Eine Fülle von Bergbesteigungen rhythmisieren nicht nur die Humboldtsche Reise, sondern auch diesen Text, wenn sich auch zwischen Teide und Chimborazo, Vesuv, Cotopaxi und Rucupichincha nur eine vielfach gebrochene Reiseroute erkennen läßt[5]. Von der Pflanzengeographie mit ihren Höhenstufen bis zur Landschaftsmalerei mit ihren übersteilten Hangneigungen, von der Klimatologie mit den von Humboldt beobachteten Temperaturgradienten bis zur literarischen Ästhetisierung der amerikanischen Gebirgswelt bündeln sich unterschiedlichste Kraftlinien des Humboldtschen Denkens in der dritten Dimension. Dabei reflektiert Humboldt immer wieder die Tatsache, daß die indigenen Völker auf den unterschiedlichsten Höhenstufen - an den Küsten, im Tiefland wie im Gebirge - leben und verschiedenartigste kulturelle Formen hervorgebracht haben. So verknüpft die dritte Dimension natur- und kulturräumliche, natur- und kulturwissenschaftlich relevante Aspekte auf besonders plastische Weise. Die Präsenz des Teide - den Humboldt während seines kurzen, aber eindrucksvollen Aufenthalts auf Tenerife bestieg - in einem »eigentlich« Amerika gewidmeten Werk rechtfertigt sich gerade durch die Tatsache, daß der junge Gelehrte hier während seines Aufstiegs neben den vulkanologischen Erscheinungen und den ästhetischen Effekten einer »erhabenen« Position zum ersten Male die komplexe Verklammerung von Natur und Kultur in der dritten Dimension erfassen und untersuchen konnte.

 

Ein raum-zeitliches Überlagerungsverfahren charakterisiert auch die vierte Dimension: die Zeit. Die diskontinuierliche, der Chrono-Logik entzogene Zeitstruktur beinhaltet keineswegs eine Enthistorisierung aller beobachteten und dargestellten Phänomene, sondern zwingt paradoxerweise zu einer stärkeren histor(iograph)ischen Schärfung und Modellierung alles Dargestellten. Die weitgehende Entbindung von der - in der Reiseliteratur so beherrschenden - Eigen-Zeitlichkeit des Reiseverlaufs erlaubt es, die doppelte Zeitlichkeit von Menschheitsgeschichte und Erdgeschichte zum eigentlichen, Natur und Mensch stets aufeinander beziehenden Bezugsrahmen zu machen. Dabei ist Humboldt unentwegt bemüht, die zeitlichen Abläufe unterschiedlichster Kulturentwicklungen immer wieder zu klären und zugleich aufeinander zu beziehen, betrachtete er die in Amerika entfalteten indigenen Kulturen doch als ebenso in die Ordnung der Weltkulturen einzubeziehende Entwicklungen wie jene der Ägypter und Etrusker, der Inder und Chinesen, der Griechen und Römer. Die Einsicht in die Teilhabe Amerikas an derselben Erd- und Menschheitsgeschichte verleitete Humboldt gleichwohl nicht dazu, den Differenzcharakter Amerikas und seiner Bewohner gegenüber anderen Regionen der Welt zu vernachlässigen. Gewiß ist die in den Ansichten der Kordilleren beobachtbare Planetarisierung der Menschheitsgeschichte in ihrer Ambivalenz vom europäisch universalisierenden Blick des Reisenden geprägt. Dies schließt jedoch die Historisierung der eigenen Beobachterposition und zugleich den Hinweis auf die Eigen-Zeitlichkeit und Vorläufigkeit der vorgestellten Überlegungen mit ein. Humboldt begreift sich nicht als Fluchtpunkt, sondern als Vertreter einer Durchgangsphase innerhalb eines sich weiter beschleunigenden Geschichtsverlaufs, welcher seiner heilsgeschichtlich-christlichen Bedeutungen verlustig gegangen ist.

 

Nach den vier Dimensionen von Raum und Zeit bildet die soziale Dimension in den Vues des Cordillères als fünfte Isotopie eine weitere wichtige Beschreibungsebene. Das gesellschaftliche Erfahrungsspektrum des Reisenden in den zwar miteinander vergleichbaren, aber doch unterschiedlichen kolonialspanischen Vizekönigreichen reicht von den einheimischen Führern und den Trägern (cargueros) auf dem Rücken der Anden und den verschiedenen indigenen Gruppen in den Gebirgen oder Tiefländern der heutigen Staaten Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Mexiko, die die großen Mehrheiten der Kolonialgesellschaften ausmachen, bis hinauf in die höchsten Spitzen von Klerus, Verwaltung und Regierung, Kontakte, die dem Reisenden zusammen mit der vom Spanischen Hof gewährten Unterstützung den Zugang zu Archiven, Bibliotheken und Dokumentensammlungen verschiedenster Art eröffneten. Eine Sonderstellung nehmen die jeweiligen geistigen und wissenschaftlichen Eliten ein, deren Werke und Aktivitäten er von Beginn an - wie der frühe Verweis auf Clavijero zeigte - immer wieder hervorhob. Humboldt darf dank der ungeheuren Ausdehnung seiner amerikanischen Reise als einer der wenigen gelten, die an der Wende zum 19. Jahrhundert die jeweiligen spätkolonialen Gesellschaften und ihre Eliten in den verschiedenen Hauptstädten aus eigener Kenntnis vergleichen und miteinander in Beziehung setzen konnte. Denn diese waren nicht untereinander, sondern in der Regel nur mit dem spanischen Mutterland verbunden, so daß ein wirklicher Austausch zwischen den Hauptstädten Amerikas kaum stattfand. Humboldt konnte den Wissenszuwachs, der sich im ausgehenden 18. Jahrhundert in den verschiedenen kolonialspanischen Hauptstädten wie in den Metropolen Europas entfaltet hatte, für sein Reisewerk und in besonderem Maße für seine Vues des Cordillères et Monumens des Peuples Indigènes de l'Amérique nutzen. Die ständige Reisetätigkeit Humboldts auch nach Abschluß seiner Amerikareise ermöglichte ihm durch den Besuch unterschiedlichster Archive, Museen und Sammlungen der Neuen wie der Alten Welt eine weitaus umfangreichere Kenntnis der Zeugnisse altamerikanischer Kunst und Kultur:

 

Meine Reisen in verschiedene Teile von Amerika und Europa haben mir den Vorzug verschafft, eine größere Zahl mexikanischer Handschriften zu untersuchen, als Zoëga, Clavijero, Gama, der Abbé Hervas, der scharfsinnige Verfasser der Lettere Americane, Graf Rinaldo Carli, und andere Gelehrte, die nach Boturini über diese Monumente der alten Zivilisation Amerikas geschrieben haben, dies konnten.[6]

 

Dem gesellschaftlichen Aufriß des damaligen spanischen Kolonialreichs konnte Humboldt nicht zuletzt auf Grund der Forschungen jener Wissenseliten, die wenige Jahre später zur wichtigen Trägerschicht für die Unabhängigkeitsbewegung werden sollten, eine historische Tiefenschärfe verleihen, indem er die von ihm in Amerika und Europa analysierten Bilderhandschriften auf Spuren und Zeugnisse sozialer Differenzierung in den indigenen Gesellschaften durchsuchte. Nicht nur den Herrschergenealogien und der Herrschergeschichte, sondern auch den Sozialstrukturen galt in den 62 sehr unterschiedlich langen Essays, Abhandlungen und Kommentaren seiner Vues des Cordillères immer wieder seine Aufmerksamkeit, wobei auch hier die Funktion von Wissenseliten - insbesondere des indianischen Klerus beziehungsweise der Priesterklasse - von besonderer Bedeutung für ihn war. In seinen Untersuchungen der Codices, der altamerikanischen Architektur oder anderer »Monumente« ist die Frage nach der sozialen Differenzierung in den indigenen Gesellschaften des süd-, mittel- und nordamerikanischen Raumes stets präsent. Auch auf diesem Gebiet war er darum bemüht, die Differenzen zwischen den so verschiedenartigen Gesellschaften und Kulturen in Amerika nicht zu überdecken, sondern basierend auf den Möglichkeiten und Beschränktheiten seiner Zeit sowohl mit Blick auf eine interne als auch externe Relationalität herauszuarbeiten. Auf diese Weise entstand gleichsam zwischen den Fragmenten ein differenziertes Bild mit großer historischer Plastizität.

 

Der Beschäftigung mit den amerikanischen Völkern und ihren Eliten entnahm Humboldt auch sein eigenes Wissen über eine Vielzahl von Mythen, die er in seinen Texten gerne »nacherzählte«. Die sechste Dimension von Fiktion und Imagination spielt folglich auf der Ebene der behandelten Gegenstände - vom Gründungsmythos der Stadt Tenochtitlán, dem heutigen Mexiko-Stadt, bis zum Mythos von Bochica im heutigen Kolumbien - eine wichtige Rolle. Humboldt war sich nicht nur der Nachhaltigkeit des visuellen Eindrucks bewußt, er wußte auch um die verlebendigende Kraft des Erzählens. Sie erprobte er ebenso am Beispiel indigener Mythen wie an den narrativen Fragmenten eines Reiseberichts, der zum damaligen Zeitpunkt noch nicht vorlag, sondern unter dem Titel Relation historique erst zwischen November 1814 und April 1831 erscheinen sollte. Immer wieder rhythmisieren Fragmente reiseliterarischen Erzählens oder Entwürfe menschheitsgeschichtlicher Entwicklungen den wissenschaftlichen Duktus der Abhandlungen, so daß sich bei welcher Leserichtung auch immer zwischen den Fragmenten narrative Sequenzen herstellen. Auch in dieser Hinsicht ergänzten die über die Ansichten der Kordilleren verstreuten Erzählfragmente jene philosophischen Erörterungen und Berichte von einzelnen Etappen seiner Amerikareise, die er in den Ansichten der Natur (1808) kunstvoll ausgearbeitet hatte. Die Funktion von Welterklärungsmodellen erfüllen diese Fragmente einer »großen Erzählung« im Sinne Lyotards ohne jeden Zweifel. Dabei legen die der Feder Humboldts entspringenden Bruchstücke eines grand récit freilich größten Wert darauf, anders als die »Träumereien« (rêveries) der indigenen Priester und Weisen empirisch untermauert und faktengestützt zu sein. Dies gilt nicht zuletzt für Humboldts Re-Präsentationen indigener Mythen.

 

Mythos und Logos gehen auch in den Ansichten der Kordilleren Hand in Hand. Wie in den Mythen der Indianer spielt auch bei Humboldt die Metaphorik etwa der Verwandtschaftsbeziehungen eine gewichtige Rolle. So schloß er sich in seinen Ausführungen zum Codex Mendoza auch begeistert den von ihm ansonsten nicht unkritisch betrachteten Ausführungen Palins an, "daß es ein schöner und fruchtbarer Gedanke sei, alle Völker der Erde als einer einzigen Familie zugehörig zu betrachten, und in den chinesischen, ägyptischen, persischen und amerikanischen Symbolen den Typus einer Zeichensprache zu erkennen, die sozusagen der gesamten Gattung gemeinsam ist und das natürliche Produkt der geistigen Fähigkeiten des Menschen darstellt."[7] Wie sehr diese Rede von der »großen Familie der Menschen« ein uralter abendländischer Mythos ist, dessen Funktionalität darin besteht, unter der maximalen Verschiedenartigkeit ethischer, sozialer oder kultureller Ausprägungen stets die Einheit, ja die »Essenz« des Menschlichen schlechthin zu behaupten, hat Roland Barthes in einer seiner berühmtesten Mythologien (1957) gezeigt:

 

Dieser Mythos funktioniert in zwei Zeiten: zunächst bekräftigt man die Unterschiede der menschlichen Morphologien, man unterstreicht den Exotismus, hebt die Unendlichkeit der Variationen der Art hervor, die Verschiedenheit der Hautfarben, der Schädelformen und der Gebräuche, man »babelisiert« nach Belieben das Bild von der Welt. Dann gewinnt man auf magische Weise aus diesem Pluralismus eine Einheit: der Mensch wird geboren, arbeitet, lacht und stirbt überall auf die gleiche Weise [...].[8]

 

Dem Vorwurf des französischen Mythenkritikers, es gehe in diesem Mythos letztlich immer darum, eine komplexe Geschichte in Natur umzuwandeln und damit zu enthistorisieren, entgeht Alexander von Humboldt zum Teil zumindest dadurch, daß es ihm gerade um die Geschichtsgebundenheit kultureller Differenz und deren faktengestützte Analyse zu tun ist. Er zielt gerade nicht darauf ab, totalisierend und totalitär zugleich "das herzustellen, was es nicht gibt, nämlich so etwas wie eine Spezies Mensch"[9]. Gleichwohl lassen sich auch in Humboldts (amerikanistischem) Diskurs die Spuren und die Funktionsweisen eines abendländischen Denkens in Stammbäumen immer wieder erkennen: Denn jenseits aller emanzipatorischen Zielsetzung Humboldts werden die einzelnen Mitglieder dieser Familie(ngeschichte) doch unterschiedlich in ein Entwicklungsspektrum eingeordnet, das von der Barbarei bis zur Zivilisation reicht. Humboldts Position ist bezüglich dieser von ihm selbst angewandten Klassifikationen jedoch ambivalent. Denn im »Disput um die Neue Welt« hatte er gelernt, welch verheerende Wirkung derartige Ausgrenzungsmechanismen abendländischer Provenienz zeitigen und wie sehr sie den Blick auf die kulturellen Leistungen der amerikanischen Völker verstellen:

 

Ein Volk, das seine Feste nach der Bewegung der Gestirne richtete und seinen Kalender in ein öffentliches Monument gravierte, hatte wahrscheinlich eine höhere Zivilisationsstufe erreicht als die, welche Pauw, Raynal und selbst Robertson, der klügste der Geschichtsschreiber Amerikas, ihm zuwiesen. Diese Autoren sahen jeden Zustand des Menschen als barbarisch an, der sich von dem Typus von Kultur entfernt, den sie sich nach ihren systematischen Ideen gebildet haben. Diese scharfen Unterscheidungen zwischen barbarischen und zivilisierten Nationen können wir nicht gelten lassen.[10]

 

Humboldts Verdienst mag überdies darin gesehen werden, nicht in der Tradition der leyenda negra bei einer sterilen Verdammung der im Verlauf der spanischen Conquista verübten Greueltaten stehengeblieben zu sein[11]. Denn jenseits dieser längst topisch gewordenen Klage wies er immer auch auf die Barbarei der Zivilisation selbst, auf das Barbarische in der abendländischen civilisation hin. Denn das so sanft erscheinende, auf einen langen zivilisatorischen Prozeß zurückblickende Christentum - so wußte Humboldt - vertrug sich zu seiner Zeit sehr gut mit der Kolonialisierung, ja mit der Versklavung eines beträchtlichen Teiles der Menschheit. Von diesen Implikationen des zivilisatorischen Prozesses aber distanzierte sich Humboldt und versuchte stets, den Mythos der abendländischen Zivilisation kritisch zu reflektieren. Diese Einsicht bildet eine wichtige Grundlage für die von ihm perspektivierte Ordnung der Weltkulturen.

 

Die siebte Dimension betrifft den literarischen Raum, den ein Text durch den Einbau von Zitaten und direkter und versteckter Verweise auf Schriften anderer Autoren herstellt. Alle Beschränkung auf das Nationale, aber auch auf das Europäische war Humboldt in seinem Bemühen um eine Entprovinzialisierung gerade auch des Denkens im deutschsprachigen Raum fremd. Dabei konstruierte Alexander von Humboldt in seinen Vues des Cordillères einen vielgestaltigen und hochdifferenzierten Raum, der sich nicht nur als Bibliothek des Anderen und über das Andere, sondern auch als eine »Andere Bibliothek« im vollen Wortsinne begreifen läßt. Humboldt konzipierte seine Schrift im Dialog mit anderen Gelehrten und verstand sich selbst als einen Teil der damaligen internationalen »Gelehrtenrepublik«, der europäischen République des lettres, mit ihren so leidenschaftlich geführten Debatten. So fehlen Verweise auf die großen Protagonisten des »Disputs um die Neue Welt« ebensowenig wie Hinweise auf zeitgenössische Forschungsarbeiten über außereuropäische Kulturen und Sprachen, wie sie von Adelung, Amiot, Blumenbach, Denon, Krusenstern, La Condamine, Lafitau, Palin, Friedrich Schlegel, de Sacy, Thévenot, Vater, Visconti oder Warburton vorgelegt wurden. Die gelehrten und nur auf den ersten Blick überraschend zahlreichen Verweise auf Autoren der Antike wie Apollonius, Aristophanes, Aristoteles, Cicero, Eratosthenes, Herodot, Hesiod, Homer, Origenes, Platon, Plinius, Plutarch, Polybios, Ptolemaios, Seneca, Strabo, Sueton, Vergil oder Vitruv dürfen dabei ebenso wenig fehlen wie zahlreiche Hinweise auf wissenschaftliche Untersuchungen in den Bereichen von Anatomie, Arithmetik, Astronomie, Botanik, Geologie, Geomorphologie, Geschichtswissenschaft, Mineralogie, Mathematik, Philosophie, Sprachgeschichte oder Zoologie. Zur Geschichte Amerikas und seiner Eroberung durch die Spanier greift er ebenso auf die Berichte von Konquistadoren wie Cortés, Bernal Díaz del Castillo oder Ximénez de Quesada zurück wie auf Schriften spanischer und kolonialspanischer Geschichtsschreiber, Missionare und Reisender wie Acosta, Alzate, Benavente, Clavijero, Duquesne, León y Gama, López de Gómara, Olmos, Piedrahita, Sahagún, Sigüenza y Góngora, Torquemada oder Ulloa. Von großer Wichtigkeit für Humboldts eigene Forschungen waren im übrigen die Veröffentlichungen und die Überreste der langjährigen Sammeltätigkeit von Lorenzo Boturini Benaduci, eines italienischen Reisenden, dessen Sammlung altamerikanischer Zeugnisse von den spanischen Kolonialbehörden Jahrzehnte vor Humboldts Ankunft in Neu-Spanien absichtsvoll aufgelöst, verstreut und teilweise vernichtet worden war.

 

Humboldt versuchte aber nicht nur, den Stand der europäischen wie auch der in den Kolonien selbst vorangetriebenen Forschungen in seinen Ansichten der Kordilleren zu reflektieren, sondern bezog bewußt auch Autoren mit ein, die in Europa zuvor entweder kein Gehör gefunden oder als weithin unglaubwürdig verunglimpft und aus dem Wahrnehmungsbereich der europäischen Debatten über Amerika ausgeschieden worden waren. Hierzu zählen ebenso der heute längst berühmte Mestize Garcilaso de la Vega el Inca wie die indigenen Autoren Alva Ixtlilxochitl, Chimalpain oder Nezahualcoyotl, jener Dichter auf dem Königsthron, von dem es in dem von Humboldt noch im Mexiko verfaßten »Tableau chronologique de l'histoire du Mexique« (das er in die Endnoten seiner Ansichten der Kordilleren einmontierte) bewundernd heißt:

 

Unter der Herrschaft des Axayacatl starb Nezahualcóyotl, König von Acolhuacán oder Texcoco, der durch seine Bildung und durch die Weisheit seiner Gesetzgebung gleichermaßen denkwürdig ist. Dieser König von Texcoco hatte in aztekischer Sprache sechzig Hymnen zu Ehren des Höchsten Wesens verfaßt, des weiteren eine Elegie über die Zerstörung der Stadt Azcapotzalco und eine andere über die Unbeständigkeit menschlicher Größe, wie sie das Schicksal des Tyrannen Tezozomoc bewies. Der Großneffe des Nezahualcóyotl, getauft auf den Namen Fernando de Alva Ixtlilxochitl, hat einen Teil dieser Verse ins Spanische übersetzt, und der Ritter Boturini besaß das Original zweier seiner Hymnen, die fünfzig Jahre vor der Eroberung verfaßt und zur Zeit von Cortés in römischen Buchstaben auf metl-Papier geschrieben wurden. Ich habe diese Hymnen unter den Überresten der Sammlung von Boturini im Palast des Vizekönigs zu México vergeblich gesucht. Recht bemerkenswert ist noch, daß der berühmte Botaniker Hernández von vielen der Pflanzen- und Tierzeichnungen Gebrauch gemacht hat, mit denen der König Nezahualcóyotl sein Haus in Texcoco von aztekischen Malern hatte verzieren lassen.[12]

 

Diese Ausführungen mögen belegen, wie sehr sich Alexander von Humboldt bereits während seines Aufenthalts in Neu-Spanien darum bemühte, in den Archiven des Vizekönigreichs Spuren der amerikanischen Kulturen zu sichern und zumindest teilweise zugänglich zu machen. Folglich kommen in seinen Vues des Cordillères die unterschiedlichsten indigenen Quellen und Dokumente, darunter insbesondere die verschiedenen Codices, immer wieder selbst zu Wort (und Bild). An dieser Stelle werden Humboldts Ansichten zu einer kommentierten Anthologie von Bilderhandschriften und anderer nicht-alphabetischer Schriftdokumente, die - wie der preußische Gelehrte absichtsvoll festhielt - von so einflußreichen und gebildeten europäischen Philosophen und Gelehrten wie Fontenelle, Bailly oder Dupuis teilweise für Zeugnisse der ägyptischen Kunst gehalten worden waren[13].

 

Humboldts neuer Diskurs über die Neue Welt verzichtete nicht auf jene Autoren, die traditionell den europäischen Diskurs über außereuropäische Gegenstände zu legitimieren pflegten. Zugleich aber machte er eine neue, eine andere Bibliothek zugänglich, in der die bisherigen Objekte der kolonialen Expansion Europas zu Subjekten werden konnten, durch deren Zeugnisse bis heute eine andere Sichtweise der conquista und damit der ersten Phase einer von Europa ausgehenden beschleunigten Globalisierung lesbar wird. Humboldt trug wesentlich dazu bei, daß die »Sichtweise der Besiegten« begann, Gestalt anzunehmen. Die Öffnung der in den Vues des Cordillères aufgestellten Bibliothek auf außereuropäische Autoren und nicht-okzidentale Schriftsysteme jenseits der Alphabetschrift war Programm.



[1] Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense aus den Jahren 1827 bis 1858. Nebst Auszügen aus Varnhagen's Tagebüchern und Briefen von Varnhagen und Andern an Humboldt. [Hg. von Ludmilla Assing.] Leipzig: F.A. Brockhaus 1860, S. 92.

 

[2] Ebda.

 

[3] Ebda.

 

[4] Vgl. zu diesem Begriff Ette, Ottmar: Literatur in Bewegung. Raum und Dynamik grenzüberschreitenden Schreibens in Europa und Amerika. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2001, S. 25-36.

 

[5] Charakteristisch für Humboldts Denk- und Schreibweise ist das »Aufeinanderstapeln« verschiedner von ihm bestiegener Vulkane, um die Höhe des gefürchteten Cotopaxi hervorzuheben, übersteige dessen Gipfel doch "die Höhe, die der Vesuv hätte, wenn er auf dem Gipfel des Pics von Teneriffa stünde, um achthundert Meter" (Humboldt, Alexander von: Vues des Cordillères, a.a.O., S. 43).

 

[6] Ebda., S. 67.

 

[7] Ebda., S. 284.

 

[8] Barthes, Roland: Die große Familie der Menschen. In (ders.): Mythen des Alltags. Deutsch von Helmut Scheffel. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001, S. 16.

 

[9] Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. München - Zürich: Piper 82001, S. 907.

 

[10] Humboldt, Alexander von: Vues des Cordillères, a.a.O., S. 194.

 

[11] Gleichwohl beschäftigt sich Humboldt wiederholt mit den Grausamkeiten, die von den Spaniern an der indigenen Bevölkerung verübt wurden. So heißt es etwa am Ende von Humboldts Beschäftigung mit den »Epochen der Natur gemäß der aztekischen Mythologie« (Tafel XXVI): "Von Blatt 68 bis 93 enthält das Manuskript Kopien von Hieroglyphen-Gemälden, die nach der Eroberung angefertigt wurden; darauf sieht man an Bäumen aufgehängte Eingeborene, die Kreuze in der Hand halten; Cortés’ Soldaten zu Pferde, die ein Dorf in Brand setzen; Mönche, die unglückliche Indianer taufen, während man sie gerade ins Wasser wirft, um sie zu töten. An diesen Stücken erkennt man die Ankunft der Europäer in der neuen Welt (nouveau monde)." (Ebda., S. 211) Die Schärfe dieser knappen Äußerungen ist für Humboldts Position charakteristisch.

 

[12] Ebda., S. 319 f.

 

[13] Ebda., S. 170.

 

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