HiN - Humboldt im Netz

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Ottmar Ette

Die Ordnung der Weltkulturen.
Alexander von Humboldts Ansichten der Kultur

2. Eine neue Ordnung des Diskurses

 

Die Vues des Cordillères waren zunächst als der Atlas pittoresque des eigentlichen Reiseberichts der Humboldtschen Amerikareise geplant. Doch anders als die Relation historique, die eine trotz zahlreicher Digressionen, »Exkursionen« und Pendelbewegungen insgesamt dem Reiseverlauf folgende Struktur besitzt, verfügen die Vues über keine itinerarische Anordnung. Von der ersten bis zur letzten Bildtafel wird dies selbst bei flüchtiger Betrachtung offenkundig, setzen die Ansichten der Kordilleren doch geographisch mit der Betrachtung (alt-) mexikanischer Gegenstände (die Humboldt 1803 / 1804 in Mexico kennenlernte) und konkret mit einer Darstellung der Wassergöttin Chalchiuhtlicue ein und enden mit einer Darstellung des von ihm 1799 besuchten Drachenbaums von Orotava, den Humboldt zu Beginn seiner Reise vor der Überfahrt nach Amerika auf den Kanaren besichtigt und beschrieben hatte. Zweckmäßig wäre eine geographische Anordnung - wie Humboldt in seiner »Introduction« einräumte - sehr wohl gewesen, doch habe die über Italien, Frankreich und Deutschland verstreute aufwendige künstlerische Produktion der Planches eine solche Anordnungsweise unmöglich gemacht[1]. Im übrigen aber sei "der Mangel an Ordnung (défaut d'ordre), der in gewissem Maße durch den Vorzug der Abwechslung ausgeglichen wird, in den Beschreibungen eines Pittoresken Atlas weniger tadelnswert als in einer systematischen Abhandlung (discours soutenu)."[2] Humboldt entschied sich mithin weder für ein von ihm ursprünglich geplantes reines Illustrationswerk, einen Atlas pittoresque, noch für eine Darstellungsform, die einem »durchgängigen Diskurs« verpflichtet gewesen wäre, sondern knüpfte an seine Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer an, deren französischsprachige Erstausgabe im Jahre 1807 erschienen war. Dort aber hatte Humboldt bereits die intermediale (also unterschiedliche Medien unmittelbar aufeinander beziehende) wie die transmediale (verschiedene Medien querende, immer neu miteinander verschränkende) Dimension seiner Wissenschaft entwickelt und anhand der von ihm dargestellten Naturphänomene eindrucksvoll vor Augen geführt.

 

Dies galt es nun, auf den Bereich der Kultur zu übertragen. Dabei sticht zunächst die bedeutsame Tatsache ins Auge, daß die inter- und transmediale Anlage seiner reich mit 69 Bildtafeln bestückten Vues des Cordillères et Monumens des Peuples Indigènes de l'Amérique eine unverkennbare Ästhetisierung ebenso der Gebirgslandschaften der Kordilleren wie auch der von ihm dargestellten kulturellen Monumente mit sich brachte. Kunst und Wissenschaft durchdringen sich in diesem in formaler Hinsicht zweifellos gewagtesten Buchprojekt Alexander von Humboldts auf intensivste Weise. Damit aber treten Naturgemälde und Kulturgemälde in eine starke Wechselbeziehung ein, die gerade durch den défaut d'ordre, das Fehlen einer »eigentlichen« Ordnung des Diskurses, betont wird. Denn der Mangel an Ordnung ist keine Unordnung: Die An-Ordnung der Tafeln und Textteile ist nicht etwa »unordentlich«, sondern entfaltet eine grundsätzlich andere Ordnung.

 

In den Vues des Cordillères läßt sich weder eine geographische noch eine itinerarische, weder eine chronologische noch eine historische, weder eine thematische noch eine kulturspezifische Anordnung erkennen, die als durchgängiges Prinzip gedient hätte. Humboldt war sich dieser Tatsache sehr wohl bewußt und versuchte, einer an Ordnungssystemen orientierten Leserschaft zumindest ein - im übrigen mit Fehlern behaftetes - Verzeichnis nach dargestellten Gegenständen an die Hand zu geben. Eine eigentliche Ordnung war darin gewiß nicht zu erkennen, zumal Humboldt diesem von ihm gebotenen Verzeichnis ja gerade nicht gefolgt war.

 

Diese scheinbare »Unordnung« wirkte zweifellos abschreckend. Als Beleg hierfür kann die Rezeptionsgeschichte der Vues des Cordillères im deutschsprachigen Raum gelten, wo Humboldts Werke freilich bis in die Gegenwart hinein nicht selten erheblich gekürzt und in mit zahlreichen Übersetzungsfehlern behafteten Ausgaben erschienen. Innerhalb dieser eher unrühmlichen, wenn auch seit einigen Jahren vermehrt ins Bewußtsein getretenen Editionsgeschichte nehmen die Vues eine eher traurige Spitzenstellung ein. Sie erschienen zwar bereits seit 1810 in Tübingen bei Cotta unter dem Titel Pittoreske Ansichten der Cordilleren und Monumente amerikanischer Völker, doch beschränkte sich diese nicht als Übersetzung gekennzeichnete und mit dem Namen des Übersetzers nicht versehene Ausgabe auf das kurze Vorwort und die Texte zu den ersten 22 Bildtafeln. Diese Ausgabe blieb ein Torso, das der deutschsprachigen Leserschaft keinen wirklichen Eindruck von diesem so wichtigen Werk vermitteln konnte. Neben Teilauszügen aus dieser Ausgabe wurde lediglich noch eine leicht redigierte Fassung in die bei J.G. Cotta erschienene Stuttgarter Werkausgabe von 1889 aufgenommen. Dort heißt es im »Vorwort des Herausgebers« zwar, daß dieses "dem großen Publikum am wenigsten bekannt[e]" Werk "das höchste Interesse" verdiene, da es "das Hauptgewicht auf den damals, wie selbst heute in Deutschland wenig gepflegten Wissenszweig der amerikanischen Altertumskunde" lege.[3] Gleichwohl wird der Leserschaft vorgegaukelt, es handle sich lediglich um insgesamt 22 Kupfertafeln, deren Abdruck freilich verzichtbar sei, da man "auch ohne Atlasbeigabe" den "epochemachenden Wert" dieser ursprünglich in französischer Sprache verfaßten Schrift erkennen könne[4]. Aus gutem Grunde wurde betont, "jeder kritische Kommentar des Textes" sei unterlassen[5] und nur "in diskretester Weise leise Veränderungen angebracht" worden[6]. Damit aber war Alexander von Humboldts komplexestes Werk nachhaltig zerstört: Eine eigentliche Wirkungsgeschichte konnte von dieser deutschsprachigen Ausgabe nicht ausgehen. Man bediente sich in der Folge allenfalls des französischen Originals als eines Steinbruchs, aus dem die unterschiedlichsten Bildtafeln herausgebrochen und außerhalb jeglichen Kontexts verwendet werden konnten. So geriet die Geschichte der Vues des Cordillères im deutschsprachigen Raum zum pittoresken Monument eines fundamentalen Unverständnisses gegenüber Humboldts Ansichten.

 

Die ungeheure materielle, thematische, geographische, historische und vor allem kulturelle Heterogenität der von Humboldts Ansichten der Kordilleren ins Feld geführten Zeugnisse und Dokumente, Analysen und Reflexionen zwingt dazu, Unterschiedlichstes und auf den ersten Blick weit Auseinanderliegendes zusammenzudenken. In seinem knappen Vorwort betonte Humboldt, die von ihm ins Auge gefaßte "Annäherung (rapprochement) zwischen den Kunstwerken (ouvrages de l'art) Mexicos sowie Perus und jenen der Alten Welt (Ancien Monde)"[7] sei für seine Forschungen in vielerlei Hinsicht von Interesse. Aufschlußreich ist in dieser Passage zum einen, daß Humboldt hier von Kunstwerken und nicht - wie wenige Zeilen zuvor mit Blick auf unterschiedlichste Regionen der Welt - von monumens historiques spricht, die ein bloß geschichtliches Interesse besäßen[8]. Die Vieldeutigkeit des Titelbegriffs monumen als Zeugnis, Dokument, Denkmal und Kunstwerk mag bereits verdeutlichen, daß sich Humboldt sehr bewußt dieser Polysemie bediente, zumal er zugleich hervorhob, wie fremd ihm jegliches Systemdenken (tout esprit de système) sei[9]. Zum anderen wird deutlich, wie sehr die Untersuchung der (alt-) amerikanischen Kulturen eingebettet ist in ein transregionales Studium der Weltkulturen, das sich immer wieder einer keineswegs als linear gedachten Geschichte der Menschheit versichert. Dabei beschränkte sich Humboldt in den Textteilen seiner Vues keineswegs - wie er behauptete - "auf eine knappe Beschreibung der auf den Stichen dargestellten Gegenstände"[10], sondern fügte den meisten Textteilen ausführliche Überlegungen bei, die den Beziehungen und Bewegungen zwischen den verschiedenen Kulturen und ihren kulturellen Phänomenen einen hohen, ja entscheidenden Stellenwert beimaßen.  Humboldts neue Ordnung des Diskurses beruht auf der Bewegung, auf einer sich zwischen unterschiedlichsten Phänomenen einstellenden Mobilität, die zwingend auch sein Lesepublikum erfaßt.

 

Damit sind wir auf das fundamentale Charakteristikum der neuen und andersartigen Ordnung des Diskurses bei Alexander von Humboldt gestoßen. Es handelt sich um einen Diskurs, der - ungeachtet aller Ausrichtung seines kulturellen mapping am Vorbild der abendländischen Antike - genügend Offenheit besitzt, die Ordnung der Weltkulturen nicht als ein festgefügtes System, sondern als eine in Bewegung befindliche Relationalität aufzufassen. Man könnte folglich mit guten Gründen behaupten, daß der Humboldtsche Kosmos nicht nur eine festgefügte, von Ordnung und Schönheit durchdrungene Konstellation ist, sondern das Element der Unruhe und Bewegung - und damit die Dimension des Chaos - in seine lebendige Strukturierung miteinbezieht. Fassen wir Leben im Sinne von Friedrich Cramer als eine Dynamik auf der Grenze des Kosmos zum Chaos - gleichsam zwischen Ordnung und Zerfall - auf, dann können wir begreifen, daß die für viele Zeitgenossen Humboldts, aber auch für lange Phasen der sich anschließenden Rezeptionsgeschichte so befremdliche da »chaotisch« wirkende Anlage der Vues des Cordillères als ein "Netzwerksystem" gedacht werden darf, "für das der Charakter der fundamentalen Komplexität gilt"[11], in welcher die Struktur des Lebendigen zu ihrem Ausdruck kommt. Diese neue, lebendige Ordnung des Humboldtschen Diskurses läßt sich leicht mit der Tatsache verbinden, daß der Verfasser der erstmals 1795 in Friedrich Schillers Horen abgedruckten Erzählung »Die Lebenskraft oder der rhodische Genius« auch nach der Aufgabe seiner Vorstellung von der Lebenskraft verbissener und kreativer denn je dem Leben auf der Spur[12] blieb.

 


[1] Ebda., S. III.

 

[2] Ebda.

 

[3] Humboldt, Alexander von: Pittoreske Ansichten der Kordilleren und Monumente amerikanischer Völker. In: Gesammelte Werke von Alexander von Humboldt. Bd. 10. Stuttgart: J.G. Cotta 1889, S. 133.

 

[4] Ebda.

 

[5] Ebda., S. 133 f.

 

[6] Ebda., S. 134.

 

[7] Humboldt, Alexander von: Vues des Cordillères, a.a.O., S. 2.

 

[8] Ebda., S. 1.

 

[9] Ebda., S. 2.

 

[10] Ebda.

 

[11] Cramer, Friedrich: Chaos und Ordnung. Die komplexe Struktur des Lebendigen. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1993, S. 223.

 

[12] Vgl. hierzu die lesenswerte Darstellung der aus heutiger Sicht als biowissenschaftlich zu bezeichnenden Untersuchungen Humboldts in Jahn, Ilse: Dem Leben auf der Spur. Die biologischen Forschungen Alexander von Humboldts. Leipzig - Jena - Berlin: Urania-Verlag 1969.

 

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