HiN - Humboldt im Netz

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Renato G. Mazzolini (Trento, Italien)

Bildnisse mit Berg: Goethe und Alexander von Humboldt

übers. von Wolfgang Böker (Göttingen)

7. Abschließende Überlegungen

Während nichts dafür spricht, dass die Idee des Neapel-Panoramas mit Vesuv in Kolbes Gemälde von Goethe selbst stammt, ist es wahrscheinlich, dass es Humboldt war, der Schrader den Chimborazo als Hintergrund für sein Portrait vorschlug. Ebenso ist anzunehmen, dass Schrader – möglicherweise auch auf Anregung und mit Zustimmung Humboldts – Aufbau und Komposition des Kolbe-Bildes imitiert hat, denn die kompositorischen Ähnlichkeiten zwischen beiden Gemälden sind zu zahlreich, um auf bloßem Zufall zu beruhen. So sind etwa, wie bereits bemerkt wurde, beide Bildnisse in Bezug auf den Hintergrund bewusst anachronistisch und verweisen auf weit zurückliegende Abschnitte im Leben der Portraitierten. Auch steht ihre Kleidung in beabsichtigtem Widerspruch zu den Hintergrundmotiven: Goethe und Humboldt tragen keine Reisekleidung, sondern einen schwarzen Frack und einen schwarzen Mantel, der bei Goethes um seine Gestalt drapiert ist und bei Humboldt auf dem Fels hinter ihm liegt. Und es gibt weitere Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen, die Erwähnung verdienen.

Sowohl Schrader als auch Kolbe haben offizielle Portraits von Goethe und Humboldt gemalt, auf denen sie zum Frack ihre Orden tragen. In den beiden hier besprochenen Bildnissen fehlen diese Orden, ja, sie sind sogar mit Absicht weggelassen worden. Denn in ihnen werden die beiden Männer nicht mehr durch die gesellschaftlichen Ehrungen gekennzeichnet, die ihnen verliehen worden sind, sondern durch ihre Werke – in den Bildern symbolisiert von Stift und Notizheft in ihren Händen und vom Hintergrund. Außerdem tragen beide Personen, obwohl unter freiem Himmel, keine Kopfbedeckung: Goethes Hut liegt neben einem antiken Säulenstumpf, Humboldts auf dem Fels hinter ihm.

Goethe wird in einem Augenblick poetischer Inspiration gezeigt, inmitten einer Landschaft, die mit Meer und rauchendem Vesuv, mediterraner Vegetation, bewölktem Himmel und Ruinen aus der von ihm so geliebten Antike auf die Italienische Reise verweist; er hat sich für einen Moment abgewendet, sein Haar weht aufgelöst im Wind, und er notiert die Worte „Nicht vorbey – Es muss erst frommen.“ Humboldt dagegen erscheint in erhabener Höhe, auf der Hochebene von Tapia, unter blauem Himmel, vor dem sein weißes Haar einen Kontrapunkt bildet zum schneebedeckten Gipfel des Chimborazo: eine Ikone seiner Persönlichkeit als Mensch und als Forscher, eine Versinnbildlichung seines wissenschaftlichen Programms, die den Verfasser von Kosmos nicht besser und unmittelbarer kennzeichnen könnte.

Ihrem Bild in der Öffentlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts entsprechend werden somit Goethe und Humboldt gleichermaßen und durch dieselbe analoge und verklärende Kompositionsformel, die sie in eine Natur hineinstellt und zugleich aus ihr entrückt, deren Günstlinge und deren Interpreten sie waren, zu Repräsentanten der deutschen Literatur und Wissenschaft erhoben.

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