HiN - Humboldt im Netz

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Renato G. Mazzolini (Trento, Italien)

Bildnisse mit Berg: Goethe und Alexander von Humboldt

übers. von Wolfgang Böker (Göttingen)

6. Humboldt und Schrader

Dass Alexander von Humboldt und Julius Schrader das von Kolbe stammende Goethe-Portrait gesehen haben, ist nicht sicher, aber wahrscheinlich. Humboldt nämlich war im September 1826 in Berlin, um seine endgültige Rückkehr aus Paris vorzubereiten, die dann im Frühjahr 1827 erfolgte.[1] Bedenkt man Humboldts großes Interesse für die Kunst, scheint die Annahme berechtigt, dass er die Akademieausstellung besuchte. Er dürfte Kolbes Gemälde aufmerksam betrachtet haben, nicht nur, weil er den Portraitierten gut kannte, sondern auch, weil das Bild den Vesuv zeigt, den Humboldt am 12. August 1805 gemeinsam mit Leopold von Buch (1774-1853) und Gay-Lussac und noch mindestens drei weitere Male zwischen 22. November und 1. Dezember 1822 bestiegen hatte.[2] Es sei auch daran erinnert, dass Humboldt im Dezember 1826 Carl August und Goethe in Weimar besuchte[3], wohin das Portrait aus Berlin zurück gebracht worden war. Aber auch in Jena könnte Humboldt das Bild gesehen oder wiedergesehen haben, als er dort 1836 vor der XIV. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte einen Anfangsabschnitt aus dem entstehenden Kosmos vortrug.[4] Was andererseits Schrader betrifft, so ist darauf hinzuweisen, dass er mehrere Jahre lang an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte, allerdings erst ab 1838, also nach Kolbes Tod 1836. [5] Es ist möglich, wenn auch nicht nachweisbar, dass er während seiner Zeit in Düsseldorf die verkleinerte Kopie des Goethe-Bildnisses sah, die Kolbe selbst angefertigt hatte.[6]

Schrader, seit 1852 Professor an der Kunstakademie in Berlin, malte zwischen 1856 und 1859 insgesamt drei Originalportraits von Humboldt. Das erste ist ein Brustbild, auf dem Humboldt zwei Orden trägt: um den Hals den preußischen Orden Pour Le Mérite für Wissenschaften und Künste, dessen Kanzler er war, und links an seinem Frack den preußischen Orden vom Schwarzen Adler. Das zweiter Schrader-Portrait ist ein Großformat; es zeigt Humboldt in seinem Arbeitszimmer, stehend in Ganzfigur, leicht an einen Tisch voller Bücher und Landkarten gelehnt und wiederum mit den beiden erwähnten Orden um den Hals und auf der Brust.[7] Das letzte der drei Bilder ist das hier als Abbildung 2 wiedergegebene. Von diesem Portrait weiß man nur, dass Schrader es in den letzten Lebensmonaten Humboldts ausführte, dass es von einem Mitglied der Familie Havemeyer aus Berlin in Auftrag gegeben worden war und später im Erbweg an den New Yorker Industriellen Henry Osborne Havemeyer (1847-1907) gelangte, der es im April 1889 dem Metropolitan Museum of Art in New York schenkte.[8]

Hinter der altersgebeugten Figur Humboldts sind auf dem Bild zwei Berge zu sehen: vom Betrachter aus gesehen links der Chimborazo und rechts der Carguairazo – ein deutliches Zitat zweier 1810 veröffentlichter Abbildungstafeln aus Humboldts Voyage (Abb. 3, 4). Von wem stammte die Idee, als Hintergrund für das Portrait einen für Humboldts wissenschaftliche und persönliche Biographie so bedeutsamen Gebirgszug zu wählen? Wahrscheinlich von Humboldt selbst. Nicht nur zeigen ihn nämlich auch eine Reihe anderer Portraits als Forschungsreisenden vor einer Gebirgskulisse.[9] Ebenso legt eine von Otto von Bismarck (1815-1898) überlieferte, ziemlich respektlose Anekdote nahe, dass Humboldt im Alter von Bergen geradezu besessen war oder dass sie jedenfalls seinen bevorzugten Gesprächsstoff darstellten. Bismarck erzählt nämlich, dass Humboldt stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen wollte, wenn er bei Hofe war; er habe ununterbrochen geredet und sei sehr ärgerlich geworden, wenn man ihn nicht beachtete. Einmal war ein anderer Gast zugegen, dem alle interessiert zuhörten. Humboldt wollte die Aufmerksamkeit auf sich lenken, stand auf und begann mit den Worten „Auf dem Gipfel des Popokatepetl“. Als er sah, dass niemand ihm zuhörte, setzte er erneut an: „Auf dem Gipfel des Popokatepetl, 7000 Toisen über“ – wiederum erfolglos, weshalb er zum dritten Mal und mit lauter Stimme begann „Auf dem Gipfel des Popokatepetl, 7000 Toisen[10] über der Meeresfläche“. Immer noch wollte ihm niemand zuhören, und Humboldt habe sich wütend gesetzt, sei in Betrachtungen über die Undankbarkeit der Menschen auch bei Hofe versunken und bald darauf gegangen.[11]

Bismarck benutzt diese ebenso glaubwürdige wie demütigende Anekdote, um Humboldt zu diskreditieren, der in liberalen Kreisen hohes Ansehen genoss und von ihnen als einer ihrer Parteigänger reklamiert wurde. In Wahrheit, so Bismarck, sei er „ein nach Fürstengunst haschender Mensch“ gewesen, „der sich nur wohl fühlte, wenn ihn die Sonne des Hofes beschien“. In unserem Zusammenhang allerdings bestätigt diese Episode – ebenso wie viele andere Hinweise, die hier angeführt werden könnten –, welchen Wert Humboldt auf die Verknüpfung seines Rufes als Wissenschaftler mit dem Thema „Berge“ gelegt hat. Tatsächlich hat er nicht nur viele von ihnen bestiegen, sondern mit dem Aufstieg auf den Chimborazo einen für Jahrzehnte gültigen Rekord aufgestellt, worauf er sehr stolz war: „Ich habe mir mein Leben lang etwas darauf eingebildet, unter den Sterblichen derjenige zu sein, der am höchsten in der Welt gestiegen ist – ich meine am Abhang eines Berges, am Abhang des Chimborazo!“[12]



[1] Beck [wie Anm. 15], Bd. 2, S. 78.

[2] Bruhns [wie Anm. 15], Bd. 2, S. 76.

[3] Beck [wie Anm. 15], Bd. 2, S. 340.

[4] Bruhns [wie Anm. 15], Bd. 2, S. 233; er sprach dort übrigens auch über "zwei Versuche, den Gipfel des Chimborazo zu erreichen", vgl. die in Anm. 17 genannte Druckfassung dieses Vortrages.

[5] Zu Schrader vgl. Holzwig, Peter: „Schrader, Julius“ in: Lexikon der Düsseldorfer Malerschule: 1819-1918, hg. v. Kunstmuseum Düsseldorf im Ehrenhof und von der Galerie Paffrath, Düsseldorf. München: Bruckmann, 1998, Bd. 3, S. 232-234; zu den drei von ihm ausgeführten Humboldt-Portraits vgl. dagegen v.a. Nelken, Halina: Alexander von Humboldt: his portraits and their artists; a documentary iconography. Berlin: Dietrich Reimer Verlag, 1980, S. 163-169; und Schleucher [wie Anm. 15], S. 681-686; zu dem hier behandelten dritten Portrait s.a. Weitzenhoffer, Frances (1986), The Havemeyers: Impressionism Comes to America. New York: Harry N. Abrams, 1986, S. 55; Cooney Frelinghuysen, Alice [et al.] (Hgg.): Splendid Legacy: The Havemeyer Collection. New York: The Metropolitan Museum of Art, 1993, S. 208, 377.

[6] Vgl. Anm. 44.

[7] Heute in einen Lesesaal des historischen Gebäudes der Staatsbibliothek-Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Am 28. Januar 1859 schrieb Schrader an das Unterrichtsministerium betreffend seine Weigerung, die Kopie dieses Bildes durch einen anderen Maler zu gestatten (Staatsbibliothek zu Berlin-Preußischer Kulturbesitz, Slg. Darmst. 2n 1847 (4): Schrader, Julius). Allerdings fertigte 1930, also nach Schraders Tod, Louis Focke eine Kopie für das damalige Ibero-Amerikanische Institut (heute Ibero-Amerikanisches Institut-Preußischer Kulturbesitz) in Berlin an.

[8] Vgl. Nelken [wie Anm. 60], S. 163; Weitzenhoffer [wie Anm. 60]; Cooney Frelinghuysen [wie Anm. 60], S. 208, 377. Das Schiller-Nationalmusum in Marbach besitzt eine Schrader zugeschriebene Kopie.

[9] Zu Humboldts Lebzeiten entstanden mindestens vier weitere derartige Portraits: von Rafael Ximeno [auch: Jimeno] y Planes (1759 [Nelken [wie Anm. 60] fälschlich: 1761]-1825) im Jahr 1803; von Eduard Ender (1822-1883) um 1850; von Friedrich Georg Weitsch (1758-1828) im Jahr 1810 und von Karl von Steuben (1788-1856) im Jahr 1812, vgl. Nelken [wie Anm. 60], S. 54, 70, 72, 82. Das Portrait von Steuben, das Ende des 2. Weltkriegs zerstört wurde, war Schrader fast mit Sicherheit bekannt, denn es befand sich im Besitz von Humboldt selbst. Es zeigt Humboldt als jungen Mann in einer Andenlandschaft auf einem Fels sitzend, in der Hand Papier und Stift und zu seiner Linken hinter ihm auf halber Höhe Säulenbasaltblöcke.

[10] Eine Toise (dt. Klafter) entspricht rund 1,949 Metern, die unsinnige Angabe 7000 Toisen (=13646 Meter) ist wohl eine absichtliche Übertreibung durch Bismarck.

[11] Busch, Moritz (1899), Tagebuchblätter. 3 Bde. Leipzig: Fr. Wilh. Grunow, 1899, Bd. 3, S. 485; auch in: Beck, Hanno (Hg.): Gespräche mit Alexander von Humboldt. Berlin: Akademie-Verlag, 1959, S. 238-240.

[12] Biermann, Kurt-R. u. Schwarz, Ingo: „Warum bezeichnete sich Alexander von Humboldt als ‚der Alte vom Berge‘“?, in: Mitteilungen der Alexander von Humboldt Stiftung. AvH Magazin Nr. 60 (1992), S. 71-73, S. 71.

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