HiN - Humboldt im Netz

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Renato G. Mazzolini (Trento, Italien)

Bildnisse mit Berg: Goethe und Alexander von Humboldt

übers. von Wolfgang Böker (Göttingen)

5. Goethe und Kolbe

Von Heinrich Christoph Kolbe[1] stammen zwei Originalportraits Goethes und zahlreiche Ausschnittdarstellungen seines Kopfes, wie er in dem hier als Abbildung 1 gezeigten Gemälde erscheint. Der in Düsseldorf geborene Kolbe war Zeichenlehrer an der Kunstakademie in Bonn, als er Anfang 1822 mit Empfehlungen von Eduard Joseph d’Alton (1772-1840) nach Weimar reiste, um eine Reihe von Portraits auszuführen.[2] Goethe kannte Kolbe damals schon seit langer Zeit, und zwar seit dieser 1799 – zusammen mit einem anderen Teilnehmer – den Preis eines vom Verein der Weimarer Kunstfreunde veranstalteten Wettbewerbs gewonnen hatte.[3] In der Folgezeit ermutigte er Kolbe wiederholt und blieb in brieflichem Kontakt mit ihm, als dieser sich zeitweilig in Paris niederließ, um seine künstlerische Ausbildung fortzusetzen. In Weimar malte Kolbe zwei große Portraits des Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar (1757-1828), von denen eines für Goethe selbst bestimmt war, und ein Portrait des Weimarer Kanzlers Friedrich von Müller (1779-1849), der zu Kolbes Bewunderern zählte.[4] Wir wissen, dass nach verschiedenen Verhandlungen und Treffen Kolbe am 2. Mai ein erstes Portrait Goethes begann, das er am 14. Juni vollendete, als er noch einige letzte Veränderungen vornahm.[5] Es handelt sich bei dieser Darstellung um ein Brustbild, das Goethe in Frontalansicht zeigt. Um den Hals trägt er das Kreuz des österreichisch-kaiserlichen Leopolds-Ordens und rechts auf der Brust den dazu gehörigen Ordensstern, auf dem linken Revers des Fracks das Kreuz der napoleonischen Ehrenlegion und links auf der Brust der Stern des Sachsen-Weimarischen Ordens vom weißen Falken – ein offizielles Portrait also, jedoch in dem realistischen Stil, den Kolbe in Frankreich erlernt hatte.[6] Goethe berichtete d’Alton, dass das Bildnis „den Beyfall der nächsten, immer schwer zu befriedigenden Freunde“ gefunden habe.[7]

In einer Notiz über ein Gespräch mit Goethe am 22. Mai 1822 erwähnt Kanzler von Müller bereits die Idee zu einem zweiten Goethe-Portrait von Kolbe für die Universitätsbibliothek Jena.[8] Am 16. Oktober 1822 notierte Goethe dann in seinem Tagebuch: „Überlegung wegen des zweyten Kolbischen Portraits.“[9] Die Forschung ist sich einig in der Annahme, dass der Tagebucheintrag Goethes in Zusammenhang mit der Absicht des Großherzogs Carl August zu sehen ist, der Universitätsbibliothek Jena ein Goethe-Bild zu schenken, und dass Kolbe den Auftrag dazu erhalten sollte.[10] Außerdem scheint aus einem Brief von d’Alton an Goethe vom 3. September 1822 hervorzugehen, dass Kolbe nicht völlig zufrieden mit seinem ersten Portrait war, während er sich „ganz entzückt“ von der Pose zeigte, die Christian Daniel Rauch (1777-1857) 1820 für seine Gipsbüste Goethes gefunden hatte.[11] Auf den Lehrstuhl für Malerei an der Kunstakademie seiner Heimatstadt Düsseldorf berufen[12], begann er im Februar 1824 mit einem Brustbild nach Rauchs Büste als Vorstudie zu einem ganzfigurigen Goethe-Bildnis[13], das er 1826 vollendete.

Am Abend des 5. August 1826, einem Samstag, besuchte der Kanzler von Müller gemeinsam mit seinem Vater und seiner Tochter Kolbe in Pempelfort, damals einem ländlichen Vorort Düsseldorfs, in dem Intellektuelle und Künstler wohnten. Er vermerkte in seinem Tagebuch: „Goethes lebensgroses [sic] Bild [...] entzückte uns.“[14] Einige Tage später sah er das Bild erneut, diesmal in Begleitung anderer Personen, bei denen es ebenfalls „Entzücken“ auslöste.[15] Am 16. August schrieb er Goethe darüber in überschwänglichem Ton und sang ein Loblied auf Kolbe.[16] Einem anderen Briefpartner berichtete er Anfang Oktober, dass das Bild Goethe im Moment seines Abschieds aus Italien darstelle. Es sei „trefflich gemahlt und sehr gut getroffen. Goethe zeichnet, dichterisch schaffend, eben die Worte ‚Nicht vorbey, es muß erst frommen‘[17] in seine offne Schreibtafel ein.“ [18](Abb. 7).

   

Abb. 7 - Johann Wolfgang von Goethe (Ausschnitt)

Abb. 7    

Heinrich Christoph Kolbe, Johann Wolfgang von Goethe, 1826, Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, Jena; Ausschnitt mit dem Vers „Nicht vorbey – Es muss erst frommen“.

   

Nicht alle mögen jedoch so begeistert gewesen sein wie Kanzler von Müller. Vielmehr scheinen einige Betrachter eine gewisse Bestürzung über ein so ungewöhnliches Portrait empfunden haben. Einstweilen organisierte von Müller den Transport des Gemäldes nach Weimar, wo es einige Tage gezeigt werden sollte, bevor man es zur jährlichen Ausstellung der dortigen Kunstakademie nach Berlin weiterschickte. Die Kiste mit dem Bild traf am 14. September 1826 in Weimar ein, wurde in die Bibliothek gebracht und in Goethes Anwesenheit geöffnet.[19] Die Reaktion der Anwesenden hat dieser selbst überliefert: Am folgenden Tag, dem 15. September, schrieb er an Johann Heinrich Meyer (1759-1832):

Ich weiß nicht, ob Ihnen schon gesagt worden, daß Herr Kolbe von Düsseldorf mein Porträt in Lebensgröße hierher schicken würde; der Herr Kanzler war entzückt davon, mir aber konnte die Beschreibung kein rechtes Zutrauen einflössen. Nun ist es da, und ich für meine Person finde es nicht erfreulich; andere sehen es wenigstens zweifelnd an und mögen sich nicht gern darüber äußern.“[20]

Es mag sein, dass Kolbes Bild nicht dem klassizistischen Kanon entsprach, den Goethe bei seiner Selbststilisierung bevorzugt zu haben scheint. Es verdient aber festgehalten werden, dass dies sein persönliches Verhältnis zu Kolbe nicht beeinträchtigte, das auch in der Folgezeit sehr herzlich blieb.[21]

Aus Weimar wurde das Portrait zur Akademieausstellung nach Berlin gebracht, die am 24. September begann.[22] Es scheint dort nicht viel Zustimmung gefunden zu haben. Insbesondere dürfte Kolbe dafür kritisiert worden sein, dass er Goethes Züge nicht nach dem Leben, sondern nach Rauchs Gipsbüste gemalt habe. Betrachter des als Vorstudie entstandenen Brustbildes, das sich später im Besitz des Kanzlers von Müller befand, waren allerdings so begeistert, dass sie schrieben: „Göthe ist hier ganz getroffen, wie er leibt und lebt, was bei allen übrigen Abbildungen, die ich bisher gesehen, nicht der Fall ist.“[23] Aus Berlin kehrte das Bild nach Weimar zurück und wurde 1831 an seinen endgültigen Bestimmungsort nach Jena in die dortige Universitätsbibliothek gebracht, an deren Reorganisation Goethe so großen Anteil gehabt hatte.[24]



[1] Eine ausführliche Studie über Kolbe und seine beachtenswerten Leistungen als Portraitist existiert nicht. Biographische Informationen bieten Gaedertz, Karl Theodor: Goethe und Maler Kolbe. Ein deutsches Künstlerleben. Zweite, sehr vermehrte Auflage. Leipzig: Georg Wigand, 1900; Sitt, Martina: Auch ein Bild braucht einen Anwalt: Walter CohenLeben zwischen Kunst und Recht. München: Deutscher Kunstverlag, 1994, S. 91-93; Nardmann, Daniela: „Kolbe, Heinrich Christoph“, in: Lexikon der Düsseldorfer Malerschule: 1819-1918, hg. v. Kunstmuseum Düsseldorf im Ehrenhof und von der Galerie Paffrath, Düsseldorf. München: Bruckmann, 1998, Bd. 2, S. 265-268 (mit weiteren Literaturhinweisen).

[2] WA IV, 36: 55, 345.

[3] WA I, 36: 220.

[4] Zu den beiden Portraits von Carl August vgl. Wahl, Hans: Die Bildnisse Carl Augustus von Weimar. Weimar: Verlag der Goethe-Gesellschaft, 1925, S. 30, 53, 54, sowie Abb. 39 und 40; das Portrait von Friedrich von Müller bei Gajek, Bernhard und Götting, Franz (Hg.): Goethes Leben und Werk in Daten und Bildern. Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 1966, Abb. 475.

[5] WA III, 8: 171, 191-192; Grumach, Ernst (Hg.): Kanzler von Müller. Unterhaltungen mit Goethe. Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger, 1956, S. 297.

[6] Zu diesem ersten Goethe-Portrait, von dem Kolbe selbst vermutlich vier Kopien hergestellt hat, vgl. Brasch, Moritz: „Zu Goethe’s 50jährigem Todestag“ in: Illustrirte Zeitung, Leipzig, 25. März 1882, Bd. 78, nr. 2021, S. 225-226; Rollett, Hermann: Goethe-Bildnisse biographisch-kunstgeschichtlich dargestellt. Wien: Wilhelm Braumüller, 1883, S. 171, 172; Zarncke, Friedrich: Kurzgefasstes Verzeichnis der Originalaufnahmen von Goethe’s Bildnis. (Abhandlungen der philologisch-historischen Classe der Königl. Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, XI/1) Leipzig: S. Hirzel, 1888, S. 41-42; Zarncke, Friedrich: Kleine Schriften, Bd. 1: Goetheschriften. Leipzig: Eduard Avenarius, 1897, S. 64, 139, 142-143; Gaedertz [wie Anm. 32], S. 36-43; Schulte-Strathaus, Ernst: Die Bildnisse Goethes. München: Georg Müller Verlag, 1910, S. 64-65; Michaelis, Sabine: Freies Deutsches Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum, Katalog der Gemälde. Tübingen: Max Niemeyer Verlag. 1982, S. 70-71.

[7] WA IV, 36: 77.

[8] Grumach; E. [wie Anm. 36], S. 55; vgl. Zarncke 1888 [wie Anm. 37], S. 43.

[9] WA III, 8: 251; vgl. Zarncke 1888 [wie Anm. 37], S. 43.

[10] Zu Kolbes zweitem Goethe-Portrait, um das es in dieser Studie geht, vgl. Brasch [wie Anm. 37], S. 225-226; Rollett [wie Anm. 37], S. 218-220; Zarncke 1888 [wie Anm. 37], S. 43-44; Gaedertz [wie Anm. 32], S. 44-51; Schulte-Strathaus [wie Anm. 37], S. 65-66; Zeitler, Julius (Hg.): Goethe-Handbuch. 3 Bde. Stuttgart: J.B. Metzlersche Buchhandlung, 1916-18, Bd. 2, S. 369-370; Wahl, Hans: Goethe im Bildnis. Leipzig: Insel-Verlag, 1930, S. 42, 65; Porzio u. Causa Picone [wie Anm. 5], S. 148, 157; Göres, Jörn: „Goethes Beziehungen zu Düsseldorfer Künstlern“ in: Kurz, Gerhard (Hg.): Düsseldorf in der deutschen Geistesgeschichte (1750-1850). Düsseldorf: Schwann, 1984, S. 289-297, hier S. 292; und den Bild-Kommentar von Gudrun Körner im Ausstellungskatalog Goethe und die Kunst [wie Anm. 26], S. 172. In Weimar befindet sich als Bleistiftzeichnung von Kolbes Hand ein Kniestück Goethes, der einen Frack trägt und in seiner rechten Hand einen Stift, in der linken ein Notizheft hält (Zarncke 1888 [wie Anm. 37], Tafel 5, Abb. III). Nach Zarncke 1888 [wie Anm. 37], S. 42-43 und Schulte-Strathaus [wie Anm. 37], S. 65-66 müsse diese Zeichnung als Entwurf zu Kolbes zweitem Goethe-Portrait gesehen werden. Meiner Ansicht nach weisen die Elemente ihrer Komposition allerdings eher auf eine Verbindung zum ersten Portrait. Außerdem wäre nicht zu erklären, wie eine Vorstudie für das zweite, von Kolbe vollständig in Düsseldorf angefertigte Bild nach Weimar gelangt sein sollte.

[11] Gaedertz [wie Anm. 32], S. 44; Abbildungen der Büste Rauchs u.a. bei Wahl 1930 [wie Anm. 41], Abb. 58; Gajek u. Götting [wie Anm. 35], Abb. 469 und im Ausstellungskatalog von Goethe und die Kunst [wie Anm. 26], S. 184.

[12] Nach seiner Berufung schrieb Kolbe am 9. Juli 1822 an das Ministerium und bat um einen Vorschuss auf sein Professorengehalt, um die Kosten für seine Übersiedelung nach Düsseldorf bezahlen zu können, vgl. Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Slg. Darmst. 2n 1825 (2): Kolbe, Heinrich.

[13] Gaedertz [wie Anm. 32], S. 44f.; Zarncke 1888 [wie Anm. 37], S. 43-44 listet außer dem großen Gemälde, das hier als Abbildung 1 wiedergegeben ist, noch dessen verkleinerte Wiederholung durch Kolbe und fünf bis sechs Kolbe-Kopien des Brustbildes auf.

[14] Grumach, E. [wie Anm. 36], S. 149.

[15] Grumach, E. [wie Anm. 36], 150, 331.

[16] WA IV, 41: 343.

[17] Es handelt sich um einen Vers aus dem Festgedicht Bei Allerhöchster Anwesenheit Ihro Majestät der Kaiserin Mutter Maria Feodorowna in Weimar. Maskenzug, WA I, 16: 307. Das Gedicht wurde am 18. Dezember 1818 zu Ehren von Maria Feodorowna (1759-1828), der Witwe des Zaren Paul I. (1754-1801), vorgetragen. Goethe gebraucht das altertümliche Verb „frommen“ (= nutzen) öfter im Sinne von „Nutzen, Segen, Gewinn bringen; (geistig) förderlich sein“ (vgl. Goethe-Wörterbuch. Dritter Band. Hg. v.d. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften u.a. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer, 1998, Sp. 972), was durch die an diese Zeile anschließenden Verse deutlich wird:  „... / Großes in dem Lebensring/ Wird nur zur Entwicklung kommen,/ Wenn es uns vorüber ging.“

[18] Grumach, E. [wie Anm. 36], 332.

[19] WA IV, 41: 152; vgl. auch WA III, 10: 243.

[20] WA IV, 41: 155.

[21] Gaedertz [wie Anm. 32], S. 56.

[22] Verzeichnis derjenigen Kunstwerke, welche von der Königlichen Akademie der Künste in den Sälen des Akademie-Gebäudes auf der Neustadt den 24. September und folgende Tage öffentlich ausgestellt sind. Berlin: Louis Quien, 1826, S. 42.

[23] Deinhardstein, Johann Ludwig: Skizzen einer Reise ... in Briefen an einem Freund. Wien: Carl Gerold, 1831, S. 93

[24] Bulling, Karl: Goethe als Erneuerer und Benutzer der jenaischen Bibliotheken. (Claves Jenenses, Heft 2) Jena: Frommannsche Buchhandlung Jena, 1932.

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