HiN - Humboldt im Netz

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Renato G. Mazzolini (Trento, Italien)

Bildnisse mit Berg: Goethe und Alexander von Humboldt

übers. von Wolfgang Böker (Göttingen)

2. Goethe und der Vesuv

In seiner Italienischen Reise erzählt Goethe, wie er am 22. Februar 1787 in einer Kutsche aus Rom abreiste. Begleitet wurde er von seinem Freund, dem Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829), „der so einen herrlichen Blick in Natur als Kunst“ habe.[1] Der Vesuv ist sein Bezugspunkt am Horizont, und so notiert er am 24. Februar über die Fahrt nach Mola di Gaeta: „Dann erblickten wir den Vesuv, eine Rauchwolke auf seinem Scheitel.“ Am 25. Februar berichtet er: „Der Vesuv blieb uns immer zur linken Seite, gewaltsam dampfend, und ich war still für mich erfreut, daß ich diesen merkwürdigen Gegenstand endlich auch mit Augen sah.“[2] In Neapel angekommen, ist Goethe so überwältigt von der Schönheit des Stadtpanoramas, dass er Rom vergisst und sich mit Rührung an seinen Vater erinnert, „der einen unauslöschlichen Eindruck besonders von denen Gegenständen, die ich heut zum erstenmal sah, erhalten hatte“ und von dem man sagen durfte, „daß er nie ganz unglücklich werden konnte, weil er sich immer wieder nach Neapel dachte“.[3] Der Aufenthalt in Neapel bietet Goethe natürlich Gelegenheit zur Besichtigung antiker Kunstschätze und der archäologischen Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum. Vor allem aber ist es der Vesuv, der Goethe anzieht.[4] Am ersten März schreibt er „Ich dachte heute schon auf den Vesuv ...“, Tischbein nötige ihn aber zu einer anderen Exkursion.[5] Endlich kann er am folgenden Tag notieren:

„Den 2. März bestieg ich den Vesuv, obgleich bei trübem Wetter und umwölktem Gipfel. Fahrend gelangt‘ ich nach Resina, sodann auf einem Maulthiere den Berg zwischen Weingärten hinauf; nun zu Fuß über die Lava vom Jahre Ein und siebenzig, die schon feines aber festes Moos auf sich erzeugt hatte; dann an der Seite der Lava her. Die Hütte des Einsiedlers blieb mir links auf der Höhe. Ferner den Aschenberg hinauf, welches eine sauere Arbeit ist. Zwei Dritttheile dieses Gipfels waren mit Wolken bedeckt. Endlich erreichten wir den alten nun ausgefüllten Krater, fanden die neuen Laven von zwei Monaten vierzehn Tagen, ja, eine schwache von fünf Tagen schon erkaltet. Wir stiegen über sie an einem erst aufgeworfenen vulkanischen Hügel hinauf, er dampfte aus allen Enden. Der Rauch zog von uns weg, und ich wollte nach dem Krater gehn.“[6]

Aber Dämpfe, die ihm den Atem und die Sicht nahmen, verwehrten Goethe den weiteren Aufstieg. Dies hinderte ihn indessen nicht, Beobachtungen einer Erscheinung anzustellen, die ihm unbekannt war, nämlich der „tropfsteinförmige[n] Bekleidung einer vulkanischen Esse“.[7] Am 6. März unternahm er einen zweiten Aufstiegsversuch, diesmal in Begleitung Tischbeins, auch wenn dieser sich nicht recht dafür begeisterte:

„Am Fuße des steilen Hanges empfingen uns zwei Führer, ein älterer und ein jüngerer, beides tüchtige Leute. Der erste schleppte mich, der zweite Tischbein den Berg hinauf. Sie schleppten, sage ich: denn ein solcher Führer umgürtet sich mit einem ledernen Riemen, in welchen der Reisende greift und, hinaufwärts gezogen, sich an einem Stabe auf seinen eigenen Füßen, desto leichter empor hilft.

So erlangten wir die Fläche, über welcher sich der Kegelberg erhebt, gegen Norden die Trümmer der Somma [= der Monte Somma, ein Nebengipfel]. [...]

Zwischen der Somma und dem Kegelberge ward aber der Raum enge genug, schon fielen mehrere Steine um uns her und machten den Umgang unerfreulich. Tischbein fühlte sich nunmehr auf dem Berge noch verdrießlicher, da dieses Ungetüm, nicht zufrieden häßlich zu sein, auch noch gefährlich werden wollte.

Wie aber durchaus eine gegenwärtige Gefahr etwas Reizendes hat und den Widerspruchsgeist im Menschen auffordert ihr zu trotzen, so bedachte ich, daß es möglich sein müsse, in der Zwischenzeit von zwei Eruptionen, den Kegelberg hinauf an den Schlund zu gelangen und auch in diesem Zeitraum den Rückweg zu gewinnen. Ich rathschlagte hierüber mit den Führern, unter einem überhängenden Felsen der Somma, wo wir, in Sicherheit gelagert, uns an den mitgebrachten Vorräthen erquickten. Der jüngere getraute sich, das Wagestück mit mir zu bestehen, unsere Hutköpfe fütterten wir mit leinenen und seidenen Tüchern, wir stellten uns bereit, die Stäbe in der Hand, ich seinen Gürtel fassend.“[8]

Goethe und sein Führer erreichten im Stein- und Ascheregen den Gipfel. Unerwartet stand er

„auf einem scharfen Rande vor dem ungeheuern Abgrund. Auf einmal erscholl der Donner, die furchtbare Ladung flog an uns vorbei, wir duckten uns unwillkürlich, als wenn uns das vor den niederstürzenden Massen gerettet hätte; die kleineren Steine klapperten schon, und wir, ohne zu bedenken, daß wir abermals eine Pause vor uns hatten, froh, die Gefahr überstanden zu haben, kamen mit der noch rieselnden Asche am Fuße des Kegels an, Hüte und Schultern genugsam eingeäschert.“[9]

Am 20. März beschloss er eine dritte Exkursion auf den Vesuv, um einen frischen Lavastrom zu besichtigen, der in Richtung der Ortschaft Ottaviano floss.

„Man habe auch tausendmal von einem Gegenstande gehört, das Eigenthümliche desselben spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren Anschauen. Die Lava war schmal, vielleicht nicht breiter als zehn Fuß, allein die Art, wie sie eine sanfte, ziemlich ebene Fläche hinabfloß, war auffallend genug: denn indem sie während des Fortfließens an den Seiten und an der Oberfläche verkühlt, so bildet sich ein Canal, der sich immer erhöht, weil das geschmolzene Material auch unterhalb des Feuerstroms erstarrt, welcher die auf der Oberfläche schwimmenden Schlacken rechts und links gleichförmig hinunter wirft, wodurch sich denn nach und nach ein Damm erhöht, auf welchem der Gluthstrom ruhig fortfließt wie ein Mühlbach. Wir gingen neben dem ansehnlich erhöhten Damme her, die Schlacken rollten regelmäßig an den Seiten herunter bis zu unsern Füßen. Durch einige Lücken des Canals konnten wir den Glutstrom von unten sehen und, wie er weiter hinabfloß, ihn von oben beobachten.

Durch die hellste Sonne erschien die Gluth verdüstert, nur ein mäßiger Rauch stieg in die reine Luft. Ich hatte Verlangen, mich dem Puncte zu nähern, wo sie aus dem Berge bricht; dort sollte sie, wie mein Führer versicherte, sogleich Gewölb‘ und Dach über sich her bilden, auf welchem er öfters gestanden habe. Auch dieses zu sehen und zu erfahren stiegen wir den Berg wieder hinauf, um jenem Puncte von hinten her beizukommen. Glücklicherweise fanden wir die Stelle durch einen lebhaften Windzug entblößt, freilich nicht ganz, denn ringsum qualmte der Dampf aus tausend Ritzen, und nun standen wir wirklich auf der breiartig-gewundenen, erstarrten Decke, die sich aber so weit vorwärts erstreckte, daß wir die Lava nicht konnten herausquellen sehen.

Wir versuchten noch ein paar Dutzend Schritte, aber der Boden ward immer glühender; sonneverfinsternd und erstickend wirbelte ein unüberwindlicher Qualm. Der vorausgegangene Führer kehrte bald um, ergriff mich, und wir entwanden uns diesem Höllenbrudel.“[10]

Die Vesuvbesteigungen ermöglichten Goethe, eine Reihe von Beobachtungen anzustellen und einige ästhetische und moralische Überlegungen zu formulieren. So bemerkte er beispielsweise bei seiner dritten Besteigung erneut das „tropfsteinartige Material“ und entdeckte, „daß es vulkanischer Ruß sei, abgesetzt aus den heißen Schwaden, die darin enthaltenen verflüchtigten mineralischen Theile offenbarend“.[11] Hingegen löste der Anblick eines herrlichen Sonnenunterganges an einem „himmlischen Abend“ während des Abstiegs bei ihm eine Betrachtung über die Wirkungen der Nachbarschaft von Schönen und Schrecklichem aus:

„ [...]; doch konnte ich empfinden, wie sinneverwirrend ein ungeheurer Gegensatz sich erweise. Das Schreckliche zum Schönen, das Schöne zum Schrecklichen, beides hebt einander auf und bringt eine gleichgültige Empfindung hervor. Gewiß wäre der Neapolitaner ein anderer Mensch, wenn er sich nicht zwischen Gott und Satan eingeklemmt fühlte.“[12]

Während seines zweiten Neapelaufenthaltes, nach der Sizilienreise, bestieg Goethe den Vesuv nicht wieder. Aber er beobachtete gemeinsam mit der Baronesse Juliane von Mudersbach (1766-1805), verheiratet mit dem Herzog von Giovane di Girasole, von dem Palaste aus, in dem sie wohnte, einen Vesuvausbruch, dessen Beschreibung unter dem Datum des 2. Juni 1787 zu den eindrucksvollsten Abschnitten der Italienischen Reise gehört:

„Wir standen an einem Fenster des oberen Geschosses, der Vesuv gerade vor uns; die herabfließende Lava, deren Flamme bei längst niedergegangener Sonne schon deutlich glühte und ihren begleitenden Rauch schon zu vergolden anfing; der Berg gewaltsam tobend, über ihm eine ungeheure feststehende Dampfwolke, ihre verschiedenen Massen bei jedem Auswurf blitzartig gesondert und körperhaft erleuchtet. Von da herab bis gegen das Meer ein Streif von Gluthen und glühenden Dünsten; übrigens Meer und Erde, Fels und Wachstum deutlich in der Abenddämmerung, klar friedlich, in einer zauberhaften Ruhe. Dies alles mit einem Blick zu übersehen und den hinter dem Bergrücken hervortretenden Vollmond als die Erfüllung des wunderbarsten Bildes zu schauen, mußte wohl Erstaunen erregen. [...]

Wir hatten nun einen Text vor uns, welchen Jahrtausende zu commentieren nicht hinreichen. Je mehr die Nacht wuchs, desto mehr schien die Gegend an Klarheit zu gewinnen; der Mond leuchtete wie eine zweite Sonne; die Säulen des Rauchs, dessen Streifen und Massen durchleuchtet bis in‘s Einzelne deutlich, ja, man glaubte mit halbweg bewaffnetem Auge die glühend ausgeworfenen Felsklumpen auf der Nacht des Kegelberges zu unterscheiden.“[13]



[1] WA I, 30: 278.

[2] WA I, 31: 12, 14.

[3] WA I, 31: 18.

[4] Ein Aquarell im Besitz des Museo di San Martino in Neapel zeigt eine stehende männliche Gestalt, die ihren Ellbogen auf eine antike Ruine stützt, vor dem Hintergrund des Golfs von Neapel und des Vesuvs. Das Aquarell ist wiedergegeben in Porzio, Annalisa und Causa Picone, Marina: Goethe e i suoi interlocutori. Neapel: Gaetano Macchiaroli editore, 1983, S. 179, 298, die eine mögliche Zuschreibung an Tischbein und die Identifikation des Dargestellten als Goethe diskutieren. Obwohl mir nicht bekannt ist, dass diese mögliche Zuschreibung von der Tischbein-Forschung aufgegriffen worden wäre, scheint sie mir nicht nur aus historischen Gründen plausibel, sondern auch aus stilistischen. Auffällig ist auch die Ähnlichkeit der dargestellten Person mit den Goethe zeigenden Skizzen in den Vorstudien für das berühmte Tischbein-Bild, das Goethe in der römischen Campagna zeigt.

[5] WA I, 31: 19.

[6] WA I, 31: 21-22.

[7] WA I, 31: 22.

[8] WA I, 31: 29-30.

[9] WA I, 31: 31.

[10] WA I, 31: 64-66

[11] WA I, 31: 66.

[12] WA I, 31: 66-67.

[13] WA I, 31: 274-275.

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